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3. IFLA-Presidential Meeting 2009

Zugang zum Wissen: Bibliotheken im Netzwerk
Vom 19. – 20. Februar 2009

von Katharina Droese, Dierk Eichel, Anastasia Schadt und Evelyn Weiser

Abb. 1: FH-Studierende, Vertreter von ADACH und Frau Lux
Abb. 1: FH-Studierende, Vertreter von ADACH und Frau Lux

Mitte Februar 2009 bot sich einigen Studierenden der Informationswissenschaften die Möglichkeit, ein wenig über den deutschen Tellerrand hinaus zu schauen und internationale Bibliotheksluft zu schnuppern. Im Rahmen der deutschen IFLA-Präsidentschaft unter Frau Prof. Dr. Claudia Lux wurde zum 3. IFLA-Presidential Meeting geladen. Dank der Stiftung ADACH (Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage) und des Deutschen Bibliotheksverbandes konnte je fünf Studierenden der „KIBA-Hochschulen“ die Teilnahme an dieser Tagung ermöglicht werden. Wir hatten daher die Chance, kostenfrei am 3. IFLA-Presidential Meeting teilzunehmen.

Veranstaltungsort des Meetings, welches unter dem Thema „Zugang zum Wissen: Bibliotheken im Netzwerk“ stand, war der Europasaal des Auswärtigen Amtes in Berlin. Nachdem die Metalldetektoren passiert, der obligatorische Sicherheitscheck überstanden und Taschen sowie Personalausweise kontrolliert worden waren, erwartete uns zunächst ein netter Frühstückssnack. Bei Kaffee, Tee, Brötchen, süßen Backwaren und einem riesigen Obstkorb ergaben sich erste Gespräche mit einigen bekannten Gesichtern, die uns über den Weg liefen.

Auch wenn die weltweite Grippewelle einen Teil der internationalen ReferentInnen erfasst hatte (s. Abb. 2), konnte mit kurzer Verzögerung das Meeting mit den Grußworten von Herrn Thomas Götz vom Auswärtigen Amt, Herrn Khaled Al Dhaheri von der Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage, Frau Lisa Heemann von der Robert Bosch Stiftung, Herrn Dr. Christoph Bartmann vom Goethe-Institut und Frau Barbara Lison von Bibliothek und Information-Deutschland offiziell eröffnet werden. Der fachliche Teil der Veranstaltung startete mit den darauf folgenden Keynote Speeches von Frau Ellen Tise und Frau Prof. Dr. Claudia Lux.

Abb. 2: Internationale Grippewelle
Abb. 2: Internationale Grippewelle

Ellen Tise, Bibliotheksdirektorin der University of Stellenbosch in Südafrika, ist designierte IFLA-Präsidentin für den Zeitraum 2009-2011 und somit direkte Nachfolgerin von Claudia Lux. In ihrem Vortrag "Bibliotheken aktivieren Wissen: Informationsdienstleistungen und Informationsvermittlung heute" konzentrierte sie sich vor allem auf Afrika. Nachdem sie sich kurz mit den Fragen beschäftigte "Was ist Wissen?" und "Was bedeutet Wissen heute?" verwies sie darauf, dass Bibliotheken und die Bereitstellung von ganz grundlegendem Wissen, wie Zugang zu Wasser, Verhütung oder Schutz vor Krankheiten, in Entwicklungsländern wichtig ist. Die Auseinandersetzung mit der semantischen Seite könne deshalb in Afrika nicht so starke Gewichtung finden. In diesem Zusammenhang verwies sie auf die großen Unterschiede zwischen Entwicklungs- und Industrieländern, die sich auch in der Bibliotheksarbeit wiederfänden. In der so genannten Dritten Welt herrsche eine Armut an Informationen und es gehe, wie bereits erwähnt, vor allem darum, überlebensnotwendige Informationen für alle zur Verfügung zu stellen. In Industrieländern hingegen herrsche ein Informationsüberfluss und BibliothekarInnen stünden eher vor der Herausforderung, die Unmengen übersichtlich zu strukturieren, zu verwalten und somit nutzbar zu machen. Es stelle sich also die Frage, wie die beiden zusammenkommen und was sie gemeinsam erreichen könnten? Ellen Tise verwies auf die Millenniumsentwicklungsziele und appellierte daran, dass Bibliotheken ihr Potenzial nutzen sollten, um Information und Wissen - über Landesgrenzen hinweg - auszutauschen. Sie versuchte, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie wichtig der freie Zugang zu Informationen und das problemlose Aneignen von Wissen für ein Land und seine demokratische sowie wirtschaftliche Entwicklung seien. Die Teilnahme des Einzelnen an sozialen und politischen Prozessen stünde in unmittelbarem Zusammenhang mit freiem und gleichberechtigtem Zugang zu Information und Wissen. Bibliotheken hätten in diesem Kontext eine machtvolle Position, denn sie könnten den barrierefreien Zugang zu Wissen ermöglichen und somit die Entwicklung eines Landes vorantreiben. Um gegenseitig vom Wissen der anderen profitieren zu können, sei die Vernetzung der Bibliotheken weltweit so wichtig.

Auch Claudia Lux, deren zweijährige IFLA-Präsidentschaft in diesem Jahr enden wird, verwies in ihrer Keynote „Die digitale Bibliothek als gesellschaftliche Herausforderung“ auf die Bedeutung von freiem Zugang zu Information als Grundlage demokratischen Handelns und wichtige Stimulanz für die Wirtschaft. Im Gegensatz zu Frau Tise konzentrierte sie sich dabei allerdings weniger auf die grundlegende Bedeutung des Zugangs an sich. Vielmehr befasste sie sich mit der Frage, wie Information am effektivsten zugänglich gemacht und dadurch die Wissensproduktion angeregt werden könne. Da digitale Inhalte offenbar eine höhere Akzeptanz genießen würden als traditionell durch Bibliotheken angebotene Informationsdienstleistungen, sei das Ermöglichen eines schnellen und unkomplizierten Zugriffs auf Volltexte, Daten und Bilder ein anzustrebendes Ziel. Kataloganreicherung und Verknüpfung mit den jeweiligen Volltexten, vor allem im wissenschaftlichen Bereich, aber auch Öffnung hin zur Nutzerbeteiligung (Stichworte: Web2.0, User-Generated-Content usw.) sei eine der großen Herausforderungen im Bereich der Nachweis- und Rechercheinstrumente, mit der sich BibliothekarInnen konfrontiert sehen würden.

Wenn auch von sehr unterschiedlichen Ansätzen ausgehend, betonten beide Referentinnen gleichermaßen die wichtige Rolle von Bibliotheken und BibliothekarInnen im Netzwerk von Wissenschaft, Bildung, Gesellschaft und Staat. Verfügbarkeit von Information ist eine bedeutsame Voraussetzung für Weiterentwicklung in allen Bereichen. Die in den Keynotes genannten Wünsche und Anregungen wurden in den darauf folgenden Vorträgen unter verschiedenen Aspekten immer wieder aufgegriffen. Freier Zugang zu Wissen als Menschenrecht und wichtige Grundlage für die Demokratieentwicklung und -stabilisierung wurde von mehreren RednerInnen immer wieder erwähnt. Globale Vernetzung sei vor allem für Entwicklungsländer wichtig, um dort gemeinsam und mit Unterstützung der Industrieländer an Projekten arbeiten zu können, die zur Zeit auf Grund von Barrieren, wie beispielsweise Analphabetismus, aber vor allem auch in Bezug auf technologische Ausstattung, noch nicht oder nur unzureichend umgesetzt werden könnten. Die Referentin Sohair F. Wastawy aus der Bibliotheca Alexandrina, nach eigener Aussage dem "Mutterschiff aller Bibliotheken", berichtete beispielsweise von einigen nationalen Projekten Ägyptens zur Sicherung, Digitalisierung und Bereitstellung arabischer Literatur. Sie betrachtet "Technologie als Schlüssel zu neuen Möglichkeiten", sieht sich aber in ihrem Land vielfach mit fehlender Ausstattung, fehlenden Bandbreiten und mit der Schwierigkeit, arabische Schriftzeichen zu digitalisieren, konfrontiert. Auch Zainal H. Hasibuan, Universitas Indonesia, nennt die fehlende informationstechnologische Infrastruktur auf den mehr als 17.000 Inseln Indonesiens als eines der größten Probleme im Hinblick auf die Zugänglichkeit von Informationen. Frau Shukriah Haji Yon, die letzte Rednerin des Tages, sprach über Informationskompetenz in multikulturellem Umfeld und berichtete über die Herausforderungen für den bibliothekarischen Nachwuchs in der Penang Public Library Corporation in Malaysia.

Abb. 3: Interessiertes Fachpublikum
Abb. 3: Interessiertes Fachpublikum

Zum Abschluss des ersten Konferenztages hatte Frau Prof. Dr. Claudia Lux in ihrer Funktion als Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin zum Empfang in das Haus Berliner Stadtbibliothek geladen. Da es sich gleichsam um den traditionellen Neujahrsempfang der ZLB handelte, gingen dem lockeren und kulinarischen Teil des Abends die offiziellen Neujahrsreden der Generaldirektorin und des Vorsitzenden des Stiftungsrates der ZLB voran. Für musikalische Auflockerung sorgten Tina Tandler am Saxophon und Christoph Reuter am Piano mit ihren angenehmen selbstkomponierten Jazzklängen. Darauf folgend bot sich bei einem netten, orientalischen Buffet und gutem Wein die Gelegenheit, interessante Gespräche mit den verschiedenen Teilnehmern des Presidential Meetings zu führen, sich über die Eindrücke der Vorträge auszutauschen sowie neue Kontakte zu knüpfen oder bereits bestehende zu vertiefen.

Der Vormittag des zweiten Tages stand ganz unter dem Motto „Digitales Wissen und Kulturelles Erbe“. Besonders interessant war der Vortrag von Frau Dr. Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, die das Projekt der Europeana präsentierte. Es ginge hierbei nicht nur darum, eine Möglichkeit zu haben, die zahlreichen digitalen Daten und Quellen Europas zu bündeln und über einen einzigen Zugriffspunkt für die Nutzer erreichbar zu machen, sondern auch das Denken und die Kultur Europas nach außen zu repräsentieren. Neben verschiedenen Bibliotheken sind europaweit auch zahlreiche Archive, Museen und Forschungsinstitutionen beteiligt. Im Internet erreichbar ist derzeit leider vorerst nur der Prototyp. Der Startschuss für das richtige System ist für 2010 geplant.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion, die durch Frau Prof. Dr. Lux moderiert wurde, kamen kultur- und bildungspolitische Vertreter verschiedener Länder (Syrien, Jemen, Libanon, Palästinensische Autonomiegebiete, Deutschland) zu Wort. Sie erläuterten unter anderem die jeweiligen Möglichkeiten, Einfluss auf die Politik zu nehmen, um so positive Effekte für die Bibliotheks- und Informationslandschaft und damit für die Bevölkerung zu erreichen. Es wurde dabei auch sehr deutlich, dass sich die Voraussetzungen in den verschiedenen Ländern stark unterscheiden und man jeweils auf unterschiedliche Bedingungen trifft. Von der IFLA-Präsidentin danach gefragt, was man von der IFLA in Zukunft erwarte, war man sich einig, dass es vor allem darum gehen müsse, das bibliothekarische Fachwissen vor Ort zu stärken und zu erweitern. Der Austausch von Studenten solle dabei eine wesentliche Rolle spielen. Zweifel aus dem Publikum, inwieweit ein Austausch zwischen Ländern, deren kulturelle Situation zum Teil doch sehr unterschiedlich ist, wirklich gewinnbringend sein könne, wurden vom Podium nicht geteilt. Vielmehr erhofft man sich dadurch eine für beide Seiten fruchtbare Zusammenarbeit.

Im Anschluss wurden am Freitagnachmittag Führungen durch die Bibliothek und das politische Archiv des Auswärtigen Amtes angeboten. Die Bibliotheksleiterin Dr. Gundula Felten berichtete anschaulich über Funktion und Benutzer der Bibliothek. Versorgt werden neben den rund 2.000 Beschäftigten in Berlin auch die rund 8.000 im Ausland tätigen MitarbeiterInnen. Ein überwältigender Anteil der Anfragen findet per Telefon, Fax oder E-Mail statt. Nur verhältnismäßig wenige Benutzer finden den Weg in die Räume der Bibliothek. Durch Veranstaltungen unterschiedlicher Art oder die zeitlich begrenzte Einrichtung von zusätzlichen Büroarbeitsplätzen des Auswärtigen Amtes werden die auch architektonisch interessanten Räumlichkeiten sinnvoll genutzt. Die Bibliothek ist grundsätzlich nur für MitarbeiterInnen des Auswärtigen Amtes und anderer Ministerien zugänglich. Eine zunehmende Vernetzung findet zwischen den Bibliotheken der einzelnen Ministerien und anderer staatlicher Stellen statt. Hier existiert ein gemeinsames Portal zur Recherche, das allerdings ebenfalls nur für MitarbeiterInnen zur Verfügung steht.

Auch die Führung durch das politische Archiv des Auswärtigen Amtes führte in eine architektonisch nicht alltägliche Umgebung. Tief im Keller verborgen sichert eine meterdicke Stahltür die wertvollen Akten vor neugierigen Blicken. Allerdings wurde für uns an diesem Tag eine Ausnahme gemacht und bei fachkundiger Erläuterung besonders wertvolle Stücke gezeigt. Die Tresorräume der ehemaligen Reichsbank erinnerten zunächst an das Lager eines Schuhgroßhändlers. Fein säuberlich in graue Archivkartons verpackt, lagern hier 25 Regalkilometer Archivalien. Ein Highlight der Archivbesichtigung war der Original-Einheitsvertrag, welcher den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik besiegelte – natürlich in zwei Exemplaren, denn nach der Wiedervereinigung wurden die Archive der beiden deutschen Außenministerien zusammengelegt.

Zwischen den zahlreichen interessanten Vorträgen nutzten wir immer wieder die Chance, uns mit den anderen Teilnehmern der Veranstaltung auszutauschen. Besonders die Mitglieder der Zukunftswerkstatt konnten uns mit ihren spannenden Plänen für die nächsten Monate begeistern. An dieser Stelle zeigte sich mal wieder, dass neben dem fachlichen Austausch, das so genannte Networking bei Veranstaltungen dieser Art das eigentlich Wichtige ist. Man lernt viele interessante Leute kennen, trifft alte Bekannte wieder, tauscht sich über aktuelle Projekte aus und knüpft vielleicht ganz nebenbei manchen fruchtbaren Kontakt für die Zukunft.

Wir danken den VeranstalterInnen, der ADACH, der FH Potsdam und der HTWK Leipzig für diese einmalige Gelegenheit, am 3. IFLA Presidential Meeting teilnehmen und spannende, internationale Vorträge hören sowie zahlreich interessante Gespräche führen zu können.

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 17.06.2009