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Wir brauchen Informationswissenschaftler als Ökokrieger

Bericht zur „Berufsfeldtagung“ des Fachbereichs Informationswissenschaften am 24. April 2009 im neuen Hauptgebäude auf dem Campus

von Hans-Christoph Hobohm

Potsdamer Tradition

Am Freitag, den 24. April 2009 veranstaltete der Fachbereich Informationswissenschaften seine erste Tagung im neuen Hauptgebäude. Die ca. 100 Teilnehmer (Praxis- und Verbandsvertreter, Fachkollegen aus der Ausbildung und Studierende) waren beeindruckt vom Gebäude und dem „Aula Magna“ genannten großen Hörsaal. Sie waren gekommen, um gemeinsam mit Experten aus den verschiedenen Fachgebieten (Archivwesen, Bibliotheken, Informationsmanagement der Unternehmen) über die sich dramatisch ändernden Anforderungen an zukünftige Absolventen der Studiengänge des Fachbereichs zu diskutieren.

Die Tagung bezog sich auf eine Vorläuferveranstaltung vor 18 Jahren, bei der es sich schlicht um die Neuordnung der deutschen Dokumentations- und Archivlandschaft in der Nachwendezeit drehte. Auch jetzt empfanden alle Teilnehmer - nach der Internetexplosion - einen großen Orientierungsbedarf in allen drei Berufsfeldern. Damals war kurz zuvor der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (jetzt DGI) die relativ hohe Zuwendungsförderung durch das Bonner Forschungsministerium (BMFT) gestrichen worden und die postgraduale Ausbildung der Dokumentare war in Gefahr. Gleichzeitig ging es um die Nachfolge der Archivschule Franz Mehring in Potsdam und um die Zukunft der Archivwissenschaft als universitärem Lehrfach, als im November 1991 in Werder bei Potsdam dazu ein „Berufsbild-Kolloquium“ stattfand, zu dem die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation, der Verein deutscher Archivare und der „Studienkreis ‚Rundfunk und Geschichte‘“ eingeladen hatten. Initiator war Wolfgang Hempel, SWF Baden-Baden (jetzt Ehrensenator der FH Potsdam), in Abstimmung mit dem damaligen Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Hinrich Enderlein. Inhaltlich ging es aber vorwiegend um die Erneuerung des Berufsbildes der Archivare und Dokumentare („Medienarchivare“). Eines der Ergebnisse des damaligen Kolloquiums war schließlich die Gründung des Fachbereichs „Archiv-Bibliothek-Dokumentation“ jetzt „Informationswissenschaften“ der Fachhochschule Potsdam, der im Wintersemester 1992/93 den Studienbetrieb aufnahm.

Ein solcher historischer Moment lässt sich nicht wiederholen, aber die Erinnerung daran zeigt die Potsdamer Tradition auf und weist auf die Verantwortung, die sich darauf gründet: Potsdam als Standort der ersten und bisher einzigen nicht verwaltungsinternen Archivausbildung und einzigen akademischen Archivwissenschaft, als Standort von IID (der Ausbildung zum wissenschaftlichen Dokumentar) und IZ (der zentralen informationswissenschaftlichen Informationsquelle mit der Datenbank INFODATA), als erstem spartenübergreifendem Bibliotheksstudiengang, als integrativem Konzept der Informationswissenschaften...

Wissenschaftsinfrastruktur

Auf der diesjährigen Tagung ging es um vergleichbare Fragen der Neuorientierung der Fächer. Die Veranstaltung begann mit drei Impulsreferaten, die meist mehr Fragen aufwarfen als sie Antworten zu geben bereit waren. Prof. Dr. Marc Rittberger, geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF, in Frankfurt am Main) und längjähriger Präsident des Hochschulverbands Informationswissenschaft (HI), bezog deutliche Position im Hinblick auf die langjährige Tradition und die aktuell äußerst guten Aussichten der Fachinformationslandschaft. In einer wachsenden Wissen(schaft)sgesellschaft wie Deutschland sie darstellt, ist es selbstverständlich, dass auch die Wissenschaftsinfrastruktur an Bedeutung gewinnt. An seiner eigenen Einrichtung, dem Informationszentrum Bildung, konnte er anschaulich zeigen, dass sich das Berufsfeld ändert und entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklung neue Arbeitsgebiete und Herangehensweisen an die Informationsarbeit entstehen: so ist jetzt nicht mehr nur klassische intellektuelle Inhaltserschließung der Forschungsliteratur und ihre Bereitstellung in Datenbanken gefragt, sondern naturgemäß auch ergänzende Strategien wie die Nutzerpartizipation durch Web 2.0, die Einführung komplexer Suchmaschinentechnologien, die Erschließung und Aufbereitung von Datenbeständen und multimedialen Informationsträgern. Die Forschungsinfrastruktur wird aber auch zunehmend mit Instrumenten der empirischen Forschung zur Beratungsinstanz für „Evidence Based Policy“ der Politik und Administration. So spielen die Informationsspezialisten seines Instituts sicher eine führende Rolle bei den nächsten Erhebungen zu den PISA Folgestudien und zu Hochschul- und Wissenschaftsevaluationen mit szientometrischen Methoden.

Der nächste Referent, PD Dr. Matthias Ballod (Uni Koblenz/Uni Halle), machte darauf aufmerksam, dass es in unserer informationsüberfluteten Welt immer dringlicher wird, allen Verantwortlichen und Mediatoren klar vor Augen zu führen, dass das Finden von Antworten im lebenslangen Lernprozess kein einfacher Prozess ist, sondern der begleitenden und vermittelnden Betreuung von Informations- und Medienspezialisten bedarf. Als Germanist liegt ihm die Lehrerausbildung und der gesamte Bildungszyklus am Herzen, und er forderte die interdisziplinäre Erforschung dessen, was Bibliothekare schon seit einigen Jahren als ihr wichtigstes Aufgabengebiet deklariert haben, nämlich die Frage, wie Informationskompetenz in die Gesellschaft kommt. Anschaulich und mit starken informationswissenschaftlichen Bezügen zeichnete er das Modell einer Informationsdidaktik, wie sie auch Einzug in die informationswissenschaftliche Ausbildung halten sollte. Bei diesem neuen Forschungs- und Lehrgebiet handelt es sich darum, „Wissenskommunikation“, „Informationsgestaltung“ und „Lernen mit neuen Medien“ mit der klassischen Informationswissenschaft - er nennt sie „Informationsökonomie“ - zu verknüpfen. Sein Vortragstitel machte das Ziel deutlich: „Von der Digitalisierung zur Didaktisierung“.

Wer braucht noch Archivare?

Dr. Ulrich Kampffmeyer von der Unternehmensberatung Project Consult in Hamburg ist in der Fachwelt bekannt für seine provokanten, visionären Thesen. So fragte er unverblümt „Wer braucht noch Archivare und Records Manager“, um sogleich die Frage selber zu beantworten: Informationsspezialisten werden mehr denn je gebraucht! Allerdings nicht erst am Schluss des Workflows (am Ende des Information Life Cycles: im Kellergewölbe des Archivs), sondern am Anfang des Geschäftsprozesses und mitten drin im Geschehen. Vor allem machte er darauf aufmerksam, dass er als „digital immigrant“ den „born digitals“ der kommenden Web 2.0 Generation mit ganz anderen Ansätzen begegnen muss, als dies bis jetzt in Berufsfeld und Ausbildung als State of the Art angenommen wird. Seine Position wird in der Formulierung seines Schlussstatements besonders deutlich: „Wir brauchen engagierte Öko-Krieger um die zunehmende Umweltverschmutzung der Welt mit Informationsmüll in den Griff zu bekommen!“. So provozierend sein Vortrag auch war, die anwesenden Verbandsvertreter und Praktiker aller Sparten schienen ihm einhellig zuzustimmen.

Der Nachmittag war mehreren Arbeitsgruppen unterschiedlicher Themen gewidmet, die von den Kollegen des Fachbereichs moderiert und von den drei Referenten begleitet wurden. Hier ging es um die Frage der Konsequenzen aus dem aktuellen Umbau des Wissenschaftssystems in Richtung auf E-Science und Open Access oder um die neue Bedeutung der Bildungsarbeit durch Archive und Bibliotheken bzw. um Fragen des Information Engineering im Unternehmen. Die Workshops hatten das Ziel, im kleineren Kreis gemeinsam mit den Praxisvertretern (z.B. aus den Ausbildungskommissionen der Verbände) die zukünftigen Anforderungen an Studium und Beruf zu diskutieren und neue Impulse in die kontinuierliche Studienreform einfließen zu lassen. Hier zeigte sich allerdings sehr schnell, dass auch in der Praxis die Verunsicherung über zukünftig wichtige Kompetenzen noch sehr groß ist, bzw. dass jedes eigene Berufsfeld auch sehr spezifische Anforderungen hat. Die von den Referenten des Vormittags aufgeworfenen Fragen wurden damit (noch) nicht beantwortet.

Dennoch gab die Tagung wichtige Impulse für die Diskussion in den drei Berufsfeldern, machte sie vor allem deutlich, welche Verantwortung gerade zukünftige Generationen von Informationswissenschaftlern haben werden.

Über die Tagung berichtete die Märkische Allgemeine Zeitung und die Hauptvorträge sowie die Abschlussrunde sind als Videomitschnitt auf ecampus.fh-potsdam.de abrufbar.

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 17.06.2009