Logo der OA Zeitschrift BRaIn

Wir | Editionsrichtlinien | Impressum | Disclaimer
Inhaltsverzeichnis
Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link
subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link
subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link
subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link

Besondere Bibliotheken — Stichwort Virtuelle Bibliotheken

Geschäftsmodell einer Digitalen Virtuellen Bibliothek

von Max Mälzer

Hintergrund — Warum braucht es die DiViBib?

Die These, dass sich Medienkonsumgewohnheiten mit dem Aufkommen neuer Medien verändern, dürfte von niemandem bezweifelt werden. Ein genaueres Licht auf die Frage wie sie das im Zeitalter des Computers und des Internets tun, wirft die Stiftung Lesen mit ihrer Schriftenreihe „Lesewelten”. So stellte sie zuletzt in ihrer Studie „Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend” fest, dass für unterschiedliche Lesesituationen unterschiedliche Medien verwendet werden. Lektüre zur Information findet demnach zunehmend am Monitor statt, während das sinnliche Leseerlebnis sich für die meisten befragten Personen nach wie vor erst mit einem Buch in der Hand einfindet. Diese Verschiebung zugunsten der elektronischen Medien wird durch die Feststellung unterstrichen, dass nur noch sechs Prozent der Deutschen täglich in einem Buch lesen. Bei der Vorgängerstudie 1992 waren es noch 16 Prozent.

Es ist ein eindeutiger Trend zu den digitalen Medien zu verzeichnen. Die Tatsache, dass vor allem jüngere Menschen sowohl häufiger am PC lesen als auch öfter in die Bibliothek gehen als ältere Menschen, veranschaulicht, dass Bibliotheken im Bereich der digitalen Medien aktiv bleiben bzw. werden müssen, wenn sie weiterhin ein wichtiger Akteur im Bereich der Lese-, Bildungs- und Kulturförderung bleiben und den Anschluss an die neuen Generationen nicht verlieren wollen.

Ein weiterer Trend ist der zunehmende Wandel des Internets vom „Kostenlos–” zum „Bezahl–” Medium. Immer mehr Angebote werden kostenpflichtig und die Preise gehen in manchen Bereichen ins Astronomische. Wenngleich technisch gesehen im World Wide Web ein „Informationsparadies” herrschen könnte, gewinnt realistisch gesehen gerade hier die „gute alte Bibliothek” zunehmend an Bedeutung, wenn auch zukünftig alle Inhalte für die Allgemeinheit zugänglich bleiben sollen.

Um Informationsanbieter zu überzeugen, im Bereich digitaler Medien mit Bibliotheken zusammenzuarbeiten und ein Angebot dieser Medien nicht durch bibliotheksuntaugliche Regelungen im Bereich des Digital Rights Management (DRM) zu verhindern, mag das Argument hilfreich sein, dass das Fehlen attraktiver, legaler Angebote zur (kostenlosen) Nutzung in Bibliotheken, ein kriminelles Mediennutzungsverhalten befördern kann. Als Beispiel sei hier auf die Geschichte der Tauschbörsen im Musikbereich verwiesen. Dass die Bereitstellung entsprechender digitaler Inhalte für Bibliotheken die ureigensten Interessen der Informationsanbieter, nämlich ihre kommerziellen, positiv beeinflusst, wird in Kapitel 5.3 noch einmal näher aufgegriffen.

Gründung — Wer betreibt die DiViBib?

Die DiViBib GmbH ist eine Tochterfirma der Einkaufszentrale für Bibliotheken (ekz) und hat ihren Sitz in Wiesbaden. Im April 2006 fand ein Workshop in Reutlingen statt, in dessen Verlauf vier Pilot– und zwei Gastbibliotheken die Funktionsweise einer digitalen, virtuellen Bibliothek gründlich diskutierten und definierten. Im Ergebnis entstand ein Pflichtenheft, an dem die Entwicklung der ersten Pilot–DiViBibs gemessen werden sollte.

Es wird also schon deutlich, dass es sich bei der DiViBib nicht um eine zentrale Bibliothek, sondern um ein Geschäftskonzept für öffentliche Bibliotheken handelt, die ihrem bisherigen Angebot eine digitale Komponente hinzufügen wollen. Seit dem ersten Juni 2007 sind die ersten digitalen, virtuellen Pilotbibliotheken der Bücherhallen Hamburg, der Stadtbibliothek Köln und der Stadtbücherei Würzburg ebenso frei geschaltet, wie das allgemeine Informationsportal zur „Onleihe”. Demnächst sollen weitere folgen. Geplant sind sie zunächst für die Stadtbibliotheken München, Oldenburg, Bremen und Frankfurt (Oder) sowie die Stadtbüchereien Düsseldorf und Hamm. Auch der Verbund der öffentlichen Bibliotheken Berlins will sich dem Projekt anschließen.

Kernkonzept — Was macht die DiViBib?

Wie bereits erwähnt ist die DiViBib ein Konzept, dass das Geschäftsmodell der öffentlichen Bibliothek ins Zeitalter des Internets und der Onlinedienste transformieren will. Sie ist also keine Alternative, sondern eine Ergänzung der physischen Bibliothek. Im Wesentlichen erbringt die DiViBib zwei Dienstleistungen:

Auf der einen Seite erwirbt sie Medien bzw. Lizenzen bei den Informationsanbietern (Verlagen) und verkauft diese dann an interessierte öffentliche Bibliotheken weiter. Dadurch müssen die einzelnen öffentlichen Bibliotheken nicht in schwierige Lizenzverhandlungen mit den Verlagen treten, sondern können hier auf die Ergebnisse des professionellen Teams der DiViBib zurückgreifen.

Auf der Website seiner örtlichen Bibliothek kann der registrierte Nutzer dann über ein Login mit seiner Nutzer-ID und seinem Passwort auf die von dieser bei der DiViBib erworbenen digitalen Medien zugreifen. Die Metadaten der entsprechenden Medien sind in den Webauftritt der öffentlichen Bibliothek eingebunden. Die Medien selbst liegen jedoch auf einem zentralen Server der DiViBib GmbH. Hierbei handelt es sich um den zweiten Dienstleistungsaspekt. Der komplette technische Betrieb und seine Administration erfolgt über die DiViBib. Insbesondere für kleinere Bibliotheken dürfte dieser Umstand den Betrieb einer eigenen digitalen Komponente attraktiv machen, da hier kaum technisches Know–how erforderlich ist. Die Bibliothek muss nur die entsprechenden Lizenzen erwerben. Auch um das DRM muss sie sich nicht selber kümmern, sondern kann sich dabei auf die Dienste der DiViBib verlassen. Das DRM ist die zentrale Schlüsselkomponente, die einen rechtmäßigen, dem Urheberrecht entsprechenden Betrieb einer digitalen, virtuellen Bibliothek erst ermöglicht. Es sorgt dafür, dass jedes „Medienexemplar” zu jedem Zeitpunkt nur einmal ausgeliehen werden kann. Gibt es gleichzeitig mehrere interessierte Nutzer, so müssen diese sich wie bisher auf eine Warteliste eintragen, sich also auf das Medium vormerken lassen. Es sei denn, die Bibliothek hätte mehrere Lizenzen des Mediums erworben.

Bestand — Was bietet die DiViBib an?

Die Inhalte einer DiViBib sind natürlich abhängig von den Angeboten der Verlage. Denkbar sind:

Ebooks (Schulbücher & Lernhilfen, Unterhaltungsliteratur, Zeitschriften & Zeitungen, Reiseführer (PDA), Lexika, etc.)

Audios (Hörbücher, Zeitschriften, Sprachkurse, Musik, etc.)

Videos (Reisevideos, Dokumentationsfilme, Lernvideos, etc.)

Software

Zurzeit umfasst das Angebot der DiViBib etwa 20.000 Medien.

Vorteile der DiViBib für den Nutzer

Für den Nutzer hält eine digitale, virtuelle Bibliothek mehrere Vorteile bereit. Zunächst die Öffnungszeiten. 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Nicht zuletzt für Berufstätige bedeutet dies, endlich nie wieder vor verschlossene Bibliothekspforten zu stehen. Außerdem birgt die Ausleihe über das Internet den Vorteil einer verbesserten Zugänglichkeit. Gerade für ländliche Regionen, in denen Wege zur Bibliothek schnell den Charakter eines Tagesausfluges annehmen können, ist dies eine große Erleichterung. Kranke, gebrechliche oder behinderte Menschen haben es plötzlich um ein Vielfaches leichter auf Teile des Bibliotheksangebots zuzugreifen. Wenn gewünscht direkt vom Bett aus.

Auch der sofortige Zugriff auf die Inhalte (bei Verfügbarkeit der „Medienexemplare”) stellt eine wesentliche Verbesserung dar. Weder muss der Nutzer erst in die Bibliothek fahren, noch sich dort mit dem örtlichen Leit– und Orientierungssystem auseinander setzen, um auf das gewünschte Medium zugreifen zu können. Der populärste Vorteil aber dürfte der Wegfall von Strafgebühren sein. Das DRM stellt sicher, dass jedes ausgeliehene, vom Nutzer per Download erworbene Medium automatisch nach einer bestimmten Frist an die Bibliothek „zurückgegeben” wird. Nach dieser Frist kann die entsprechende Datei nicht mehr verwendet werden. Der Nutzer kann sie nur noch von seinem PC löschen. Strafgebühren durch ein Überziehen der Leihfrist, ein erhebliches Konfliktpotential in der Beziehung zwischen Bibliothek und Nutzer, sind somit faktisch unmöglich geworden.

Vorteile für Bibliotheken

Abgesehen davon, dass jeder Vorteil für den Nutzer automatisch auch ein Vorteil für die Bibliothek ist (oder sein sollte), ergeben sich noch weitere positive Aspekte für die Bibliotheken. So stellt eine digitale, virtuelle Bibliothek eine Erweiterung des Serviceangebots dar, die hilfreich bei der Erschließung neuer Nutzergruppen sein kann. Nicht nur durch eine Erweiterung der Öffnungszeiten und eine bessere Zugänglichkeit, wie bereits oben erwähnt, sondern insbesondere durch die Chance über eine neuartige Dienstleistung Aufmerksamkeit und Neugierde für das gesamte Servicespektrum zu erzeugen, das die Bibliothek bereit hält.

Ein wesentliches Argument ist sicherlich auch die Kostenersparnis, die eine digitale Bibliothek bedeutet. Gespart werden kann bei Platz–, Instandhaltungs– sowie bei Personalkosten. Digitale Medien brauchen keine sperrigen Regale, nutzen sich nicht im Laufe der Zeit ab und müssen nicht manuell verbucht werden. Laut Dr. Meyer, Geschäftsführer der ekz.bibliotheksservice GmbH, liegt der Charme dieser digitalen Bibliotheken unter anderem darin, dass mit ihnen „eine Art neue Zweigstelle betrieben werden kann, mit einer Umkehr der Verhältnisse zwischen administrativen Kosten und Medienetats.” So habe heute der Betreiber einer Bibliothek 85 Prozent fixe Kosten, in Form von Gebäuden, Personal und Unterhalt, während nur 10-15 Prozent für Medien zur Verfügung stünden. Mit digitalen Medien ließe sich dieses Verhältnis umkehren.

Vorteile für Verlage

Verlage haben nach Meinung der DiViBib oft ein ganz falsches Bild über die Rolle von Bibliotheken. So würden diese zu unrecht oft als Gegenspieler verstanden, die dazu beitrügen den Umsatz der Verlage zu schwächen. Dabei seien die Bibliotheken nicht nur selber gute und zahlungskräftige Kunden der Verlage. Darüber hinaus habe die bereits erwähnte Studie der Stiftung Lesen belegt, dass Bibliothekskunden um ein vielfaches mehr an Medien kaufen, als Nicht-Bibliotheksbenutzer. Die öffentlichen Bibliotheken haben mit ihren laut der deutschen Bibliotheksstatistik knapp 10 Mio. Benutzern und 350 Mio. Ausleihen im Jahr einen wesentlichen Einfluss auf den Medienbetrieb in Deutschland. Ihr Klientel sind nicht nur die aktivsten Medienkäufer. Sie hat in Bibliotheken außerdem die Möglichkeit neue Medien durch eine niedrigere Zugangsbarriere kennen zu lernen und sich bei Wohlgefallen zu einer Kaufentscheidung motivieren zu lassen. So argumentiert die DiViBib, dass beispielsweise erst nach der Aufnahme von Hörbüchern und DVDs in das Angebotsspektrum der öffentlichen Bibliotheken auch die Verkaufszahlen für diese Medien exponentiell in die Höhe schnellten. Bibliotheken im Allgemeinen und digitale, virtuelle Bibliotheken im Besonderen sind folglich wichtige Multiplikatoren, die Verlagen dabei helfen können, den Kontakt zu Vielkäufern und Trendsettern zu bewahren.

Fragen an die Bibliothek

Der im Seminar entwickelte Fragenkatalog bezüglich der Kernaktivitäten und gesellschaftlichen Funktionen der „besonderen Bibliotheken” soll hier nicht durchgegangen werden, da es sich bei der DiViBib, wie erläutert, nicht um eine besondere Bibliothek handelt, sondern lediglich um ein Konzept, dass das Geschäftsmodell öffentlicher Bibliotheken in das Zeitalter des Internets und der Onlinedienste transformieren soll. Die DiViBib ist also keine „neue” Bibliothek, sondern bietet lediglich neue Dienstleistungen für „alte” Bibliotheken an. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass digitale, virtuelle Bibliotheken sicherlich Einfluss auf die Funktion der Bibliothek als Ort haben werden. Sie sind auf eine bibliotheksexterne Nutzung angelegt. Dadurch wird die Bibliothek in ihrer, heute oft als zunehmend wichtig betonten Funktion, einen sozialen Ort der Begegnung und Kommunikation bereitzustellen, eindeutig geschwächt. Es ist aber durchaus denkbar, dass im Rahmen des Web 2.0 und der damit verbunden Interaktivität die Websites digitaler Bibliotheken, wenn sie denn um die entsprechenden Werkzeuge ergänzt werden (Wikis, Blogs, Foren, Mailinglisten), im virtuellen Bereich auf andere, aber nicht mindere Art und Weise, einen sozialen Raum konstruieren können.

Literaturangaben:

Stiftung Lesen: Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend. Eine Studie der Stiftung Lesen. — Mainz : Stiftung Lesen ; Hamburg : Hoffmann & Campe, 2001

DiViBib: Pilotphase der ersten „Digitalen Virtuellen Bibliotheken”. In: BuB : Forum Bibliothek und Information. — Bad Honnef : Bock + Herchen, (58) 2006

Bibliothek Digital. URL www.bibliothek-digital.net (letzter Zugriff am 4.06.2007)

DiViBib. Virtuelle Bibliotheken URL www.divibib.com (letzter Zugriff am 4.06.2007)

Meinhardt, Haike: Nutzungsrechte für geschützten digitalen Content. Erfahrungen mit DRM in Bibliotheken aus USA, Dänemark und Deutschland. In: BuB : Forum Bibliothek und Information. - Bad Honnef : Bock + Herchen, (59) 2007

„Wir betreiben Existenzsicherung für Bibliotheken in einer digitalisierten Welt.” Die ekz setzt auf virtuelle Dienste, ohne traditionelle Angebote zu vernachlässigen / Ein Gespräch mit Geschäftsführer Jörg Meyer und dem Bibliothekarischen Direktor Henner Grube. In: BuB : Forum Bibliothek und Information. — Bad Honnef : Bock + Herchen, (59) 2007

Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein–Westfalen: DBS — Deutsche Bibliotheksstatistik. URL www.hbz-nrw.de/angebote/dbs (letzter Zugriff am 4.06.2007)

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008