Logo der OA Zeitschrift BRaIn

Wir | Editionsrichtlinien | Impressum | Disclaimer
Inhaltsverzeichnis
Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link
subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link
subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link
subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link

Besondere Bibliotheken — Stichwort Virtuelle Bibliotheken

Bibliotheken in Second Life

von Jenny Kurth

Was ist Second Life?

Second Life ist eine 3D-Internetplatform, eine virtuelle Welt. Im Jahr 2003 programmierte die 1999 von Philip Rosedale gegründete Firma Linden Lab Second Life (im folgenden mit SL abgekürzt). Es handelt sich weder, wie oft dargestellt, um ein Internet– noch um ein Rollenspiel. Ohne eigenes Engagement passiert recht wenig in SL. Es gibt weder vorgegebene Wege, noch ein Ziel oder verschiedene Level oder Stufen. Man kann auch keine Punkte sammeln. Folglich kann auch niemand verlieren oder sterben.
„Second Life gibt jedem Einzelnen die Möglichkeit, seine eigene Schöpfungsgeschichte zu schreiben und sich selbst neu zu erschafften, mächtiger, potenter als in der realen Welt.” Beinahe alles, was zu sehen ist, wurde von Bewohnern geschaffen. Linden Lab gibt auch hier nichts vor.

Second Life wurde am 23. Juni 2003 eröffnet und umfasst zur Zeit 650 km² (im Januar 2007 waren es nur 300 km²), was der doppelten Größe von Malta entspricht. Angemeldete Nutzer gibt es derzeit ca. 7 Mio. (im September 2006 waren es nur 800.000), wovon jedoch nur 1,5 Mio. als aktive Nutzer angesehen werden können. Dabei stammen ca. 26% der Nutzer aus den USA, 11% aus Deutschland und 8% aus Frankreich. Das durchschnittliche Alter beträgt 30 Jahre. 1/3 dieser Nutzer verbringt durchschnittlich 20 Stunde pro Woche in SL.
Der Nutzer kann zwischen zwei Zugängen wählen. Es gibt einen kostenlosen Basic Account, der jedoch nicht erlaubt zu bauen, oder einen Premium Account für 7,65 Euro pro Monat. Mit diesem Premium Account kann gebaut werden, man erhält 512 m² Land, ein Startgeld von 1000L$ (ca. 4 Euro) sowie ein Taschengeld von 300 L$ pro Monat. L$ (Linden Dollar) sind die Währung in SL. Damit kann man Dinge kaufen und das besondere ist, dass man L$ in reales Geld eintauschen kann und umgekehrt. Linden Lab macht daher auch keinen Hehl daraus, dass der Faktor der Ökonomie von Anfang an ein fixer Bestandteil der Konzeption war. Daher gibt es auch einige Möglichkeiten, um in SL Geld zu verdienen. Man kann virtuelle Güter und Ländereien vermieten, als 3D-Designer virtuelle Dependancen großer Firmen bauen oder Eventveranstalter für virtuelle Parties in SL sein. Aber auch Prostitution, Drogenhandel und Glücksspiel florieren in Second Life. Alles in allem soll es bereits Menschen geben, die mit ihren Einkünften in SL ihr „erstes Leben” finanzieren können.

Es gibt jedoch noch einige Probleme, die hauptsächlich technischer Natur sind. Die Anforderungen an die Hard– und Softwareausstattung des Rechners sind sehr hoch. Die genauen Voraussetzungen kann man auf den Internetseiten von SL nachlesen. Außerdem wird die gesamte Performance von SL mit jedem Besucher mehr immer langsamer und es dürfen sich nicht viele Menschen gleichzeitig an einem „Ort” befinden, da sonst einzelne Server abzustürzen drohen.
Aber auch andere Entwicklungen werden von „älteren” Nutzern von SL bemängelt. So beklagen sich viele über „zerstörte Landschaften voller Werbeplakate” und die „zunehmende Infiltrierung der Gemeinschaft durch Marketing–Fachleute” sowie über die „ausufernde Bodenspekulation”.

Bibliotheken in Second Life

In den meisten Fällen handelt es sich um real existierende Bibliotheken, die in Second Life ihre Dienste anbieten. Es gibt jedoch noch keine deutsche Bibliothek in SL.
Die meisten Bibliotheken haben sich zusammengeschlossen, um in SL aktiv werden zu können. Der erste Anlaufpunkt für Bibliothekare sollte „Info Island” sein. Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt des „Alliance Library System” und dem „Online Programing for All Libraries” (OPAL), das mittlerweile so etwas wie eine „bibliothekarische Zentraleinrichtung in Second Life” darstellt. Auf mehreren Inseln wurden verschiedene Bibliotheken gebaut. Diese werden nun von unterschiedlichen Bibliotheken betrieben. Auf diese Weise können Nutzer von Second Life sehr konzentriert bibliothekarische Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Die einzelnen Dienstleistungen, die angeboten werden, sind recht umfangreich und entsprechen zum Großteil den Angeboten, die auch in realen Bibliotheken angeboten werden. So gibt es auf „Info Island” eine zentrale Stelle, an denen der Nutzer auf Auskunfts–Avatare trifft, denen er Fragen stellen kann. In den Bibliotheken selbst findet man zum einen virtuelle Bücher, deren Volltext man nach dem Anklicken direkt am Bildschirm lesen kann. Die meisten Angebote, wie auch immer sie dargestellt werden, ob als Buch oder als virtueller Computer, verweisen jedoch auf eine Internetseite, die nach dem Anklicken im Browser angezeigt wird. Weitere Angebote sind virtuelle Ausstellungen, Podcasts und Hörbücher.
Auf „HealthInfo Island” gibt es gleich mehrere Bibliotheksgebäude für unterschiedliche Nutzer. Es gibt ein Gebäude für professionelle Nutzer, also Menschen, die Fachinformationen zum Thema Medizin suchen. Sie können z.B. in PubMed recherchieren. Dann gibt es noch eine Bibliothek, die über allgemeine Themen zum Bereich Gesundheit informiert. Hier wird über bestimmte Krankheiten aufgeklärt oder es werden Selbsthilfegruppen vorgestellt. Das dritte Gebäude stellt Informationen zu Wellness und Gesundheit bereit. Hier wird also in der Form erschlossen, dass bestimmte Themen eigene Bibliotheksgebäude erhalten.

Großen Raum in SL nehmen Veranstaltungen und Seminare ein. So bieten verschiedene Bibliotheken Weiterbildungsveranstaltungen für Bibliothekare oder Lesungen für Bibliotheksnutzer an. So können Menschen in SL zusammenfinden und sich treffen, die auf völlig anderen Kontinenten leben oder arbeiten. Es kann ein Austausch stattfinden. Natürlich geht so etwas auch über Videokonferenzen oder Wikis, aber hier in SL scheint es leichter zu sein, auf Menschen mit den gleichen Interessen zu treffen. Für Videokonferenzen muss man sich schon kennen, in SL trifft man sich zufällig und kommt in Kontakt. Hier finden Menschen zusammen, die vielleicht sonst nichts miteinander zu tun hätten. Bibliotheken können und sollten in SL als „Werkstätten menschlicher Erkenntnis” aktiv werden. Hier liegt ein großes Potential. So könnte für Bibliotheken die Chance bestehen, sich über Veranstaltungen und andere Angebote einer Nutzerschaft zu nähern, die nicht in die örtliche Bibliothek gehen würde.

Die Bibliotheken sind oftmals sehr sorgfältig eingerichtet und stellen Bibliotheken dar, wie man sie sich vorstellt: Regale voller Bücher, gemütliche Sitzmöglichkeiten und Leseecken, oft flackert ein Kamin im Hintergrund. All die Dinge, die Nutzer mit Bibliotheken verbinden! Erstaunlich ist, wie viel Wert auf Sitzmöglichkeiten gelegt wird. (Dem Menschen vor dem Computer ist doch eigentlich egal, ob der Avatar steht oder nicht.) Der Gemütlichkeitsfaktor scheint bei vielen Einrichtungen eine große Rolle zu spielen. Die Bibliothek als Ort gewinnt in SL eine völlig neue Bedeutung. Denn wenn man es sich genau anschaut, dann bieten die Bibliotheken in SL kaum Angebote, die man nicht auch im Internet erhalten würde. Aber in SL bekommt die Bibliothek wieder einen Raum, in dem man sich treffen kann, in dem man verweilen kann und in dem man Informationen findet. Gerade der Aspekt der Kommunikation spielt in SL eine besondere Rolle. Man trifft auf Menschen, die die gleichen Interessen haben und man kann direkt mit ihnen in Kontakt treten. Die Rolle der Bibliothek als Ort der Kommunikation, aber auch der sozialen Integration wird wieder in den Vordergrund gehoben. Daher muss also auch wieder viel Wert auf die Gestaltung dieses Ortes gelegt werden, gerade in einer virtuellen Welt, wo wenig äußere Bedingungen einschränken und der Phantasie kaum Grenzen gesetzt sind. Interessant ist, dass hier Bibliotheken gebaut werden, die nicht der Realität entsprechen, sondern sehr romantisch verklärte Bibliotheken, wie man sie in Privatwohnungen anfinden könnte.

Es gibt auch Probleme für Bibliotheken in SL. Eine effiziente Suche nach Informationen ist kaum möglich. Die meisten Informationen sind eher spielerisch verpackt und man hat das Gefühl, dass alles an Formen und Gestalten ausprobiert wurde. Man weiß vorher nie, welche Informationen hinter welchem Gegenstand stecken. Die Autorin möchte bezweifeln, dass jemand, der ein konkretes Informationsbedürfnis hat, es in SL effizient befriedigen kann. Die Bibliotheken sammeln also Informationen und teilweise sind sie auch erschlossen, z.B. indem es einen Bereich für Hörbücher gibt, die alphabetisch geordnet sind. Aber oft ist das zu grob und man erhält nirgends einen Überblick, wo sich welche Informationen befinden und welche Informationen man erhalten kann. Man kann sich hier die Frage stellen, ob Bibliotheken in SL eine Machtfunktion besitzen. Wer bestimmt, welche Informationen angeboten werden? Im Prinzip kann Jeder Informationen anbieten und das ganze dann Bibliothek nennen.

In dem Zusammenhang fällt auf, dass in einer der ersten Bibliothek in SL, der Bell–Library, hauptsächlich Regierungen der unterschiedlichsten Länder Informationen anbieten. Man könnte zum einen sagen, dass auch in Second Life jeder die Möglichkeit haben sollte, sich über politische Dinge zu informieren und es als Förderung der Demokratie ansehen. Oder aber, wenn man Second Life als Gegenentwurf zu unserer Welt und unserer Gesellschaft ansieht, dass Bibliotheken ein Mittel sind um mitzuteilen, dass auch in Second Life die gleichen Machtverhältnisse gelten und dort die gleichen Instanzen präsent sind. Vielleicht auch um zu bestätigen, dass Informationsbesitz und nicht Kapitalbesitz über Macht entscheiden.
Ein weiteres Problem stellt für die Autorin die Tatsache dar, dass es für den Besucher von Bibliotheken in SL oft nicht klar ist, wer die Informationen zur Verfügung stellt und ob es sich um einen kommerziellen Anbieter handelt oder nicht. Man erkennt zwar, welcher Avatar ein Objekt erstellt hat, aber das hilft nicht weiter.

Weiterhin ist die Kurzlebigkeit in SL ein Problem. Wo heute noch PCs mit Informationen zu finden waren, steht morgen nur noch ein Tisch. Diese Bibliotheken bewahren also keine Informationen. Das macht sie unzuverlässig und damit für jemanden, der ein konkretes Problem hat, zu dem er Informationen sucht, nicht brauchbar. Bibliotheken in SL sind also als „Apparate für das kulturelle Erbe” nicht geeignet. Die großen Chancen liegen also im Bereich der Informationsvermittlung und im Bereitstellen eines Ortes, an dem man kommunizieren kann.

Literaturangaben:

Stillich (2007): Second Life

Buzinkay (2007): Im Reich der Auskunfts–Avatare

Tan (2007): Bibliotheken in Second Life

Daniel Bell und Helmuth Willke nach Plassmann (2006): Bibliotheken und Informationsgesellschaft in Deutschland

http://secondlife.com/corporate/sysreqs.php

http://infoisland.org

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008