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Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
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Besondere Bibliotheken — Stichwort Europäische Konzepte

Idea Stores in London Tower Hamlets - Ein anderes Konzept für öffentliche Bibliotheken

von Julia Brunner

Hintergrund

Als einer der ärmsten Bezirke Londons mit einem hohen Anteil an Immigranten, vor allem aus Bangladesh, weist Tower Hamlets dennoch oder gerade deswegen die meisten Bibliotheken in ganz London auf. Im Widerspruch zu der Armut stehen die ständig neu wachsenden Unternehmen in Canary Wharf, einem Teil von Tower Hamlets, in denen jedoch kaum ein Anwohner des Bezirkes angestellt ist. Der Grund dafür sind meist fehlende Schulabschlüsse und in vielen Fällen fehlende Grundlagenkenntnisse. Dennoch werden die Angebote des Bezirks in Hinsicht auf Bildung kaum oder gar nicht benutzt: weniger als 20 % der Anwohner sind aktive Bibliotheksbenutzer und sogar weniger als 5 % nehmen die Angebote der Stadt für Erwachsenenbildung in Anspruch.

Im Auftrag des Stadtrates wurde eine Umfrage durchgeführt, um herauszufinden, warum der Anwohnerteil der aktiven Bibliotheksbenutzer ihre Bibliothek nutzt und aus welchen Gründen die Nicht-Nutzer die Bibliothek meiden. Im Mittelpunkt der Befragungen stand damit die Erforschung der Bedürfnisse der Anwohner von Tower Hamlets. Im gleichen Zuge sollte mit Hilfe dieser Studie in Erfahrung gebracht werden, wie man die Anwohner dazu ermutigt, in die Bibliothek zu kommen und vor allem auch zu bleiben. 10 % aller Haushalte in Tower Hamlets beantwortete die Fragen und gab Rückschlüsse auf die Bedürfnisse der Benutzer und potentiellen Nutzer.

Als Ergebnis der Studie - mit geringem Fokus auf die Unterscheidung von Nicht-Bibliotheksnutzern und aktiven Bibliotheksnutzern - stellte sich heraus, dass Bedürfnisse nach einer höheren Anzahl an und einer besseren Qualität von Büchern, nach der Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten, nach Bürgerinformationen, nach Möglichkeiten für die Videoausleihe, nach Ausstellungen, nach offenen Sonntagen sowie generell nach längeren Öffnungszeiten bestehen. Nicht nur die Qualität der Dienstleistungen im Hinblick auf eine gezielte Förderung des „lebenslangen Lernens” musste verbessert werden, ebenso war erkenntlich, dass völlig neue Gebäude entstehen sollen, die nicht in schlecht erreichbaren Wohngebieten, sondern direkt neben Einkaufszentren aufgebaut werden sollen bzw. in Einkaufszentren entstehen sollen. Auf diese Weise erhofft man sich, dass der regelmäßige Bibliotheksgang so alltäglich wie das Einkaufen von Lebensmitteln wird.

Die Studie beinhaltete nicht nur Fragen rund um die öffentlichen Bibliotheken in Tower Hamlets, sondern sollte auch die Problematik „adult learning centres”, vergleichbar mit den Volkshochschulen in Deutschland, ansprechen. Im Mai 2002 wurde das erste Idea Store in Bow als Prototyp eröffnet, von dem man Erfahrungen für die weiteren Idea Stores sammeln konnte; darauf folgte im Juli 2004 das zweite in Poplar (Chrisp Street). Für das Idea Store Whitechapel, das im September 2005 eingeweiht wurde, schuf man ein neues Gebäude auf der Grundlage eines Entwurfes des Architekten David Adjaye, der schon verantwortlich für die Innenausstattung des Idea Stores Poplar war. Nicht nur ein Architekt war an der Entstehung der Idea Stores als Außenstehender beteiligt, sondern auch die Firma Bisset Adams.
Noch weitere vier Idea Stores, zu denen seit kurzem das Idea Store Canary Wharf gehört, sollen in den nächsten Jahren in Tower Hamlets eröffnet werden.

Die Marke Idea Stores

Bibliothek und Markenname? Um einen Schlussstrich unter die bestehenden negativen Vorurteile gegen Bibliotheken zu ziehen, entschieden sich die Verantwortlichen des Projekts für das Engagement der Firma Bisset Adams, die sich vordergründig mit dem Image der neuen Einrichtungen, Bibliothek und Erwachsenenbildung vereinend, befassen sollen. Bis dahin beschäftigte sich Bisset Adams eher weniger mit Bibliotheken, sondern ist hauptsächlich als Grafikdesigner und Marken-Strategieentwickler im Einzelhandel tätig.

Nachdem die schwierige Aufgabe, einen passenden Namen und Slogan zu finden, abgeschlossen war, galt es diese in allen Bereichen umzusetzen. Das gesamte Design der Einrichtungen, von der Innen- und Außenarchitektur bis zum Briefpapier, sollte nach dem neu entwickelten Logo der Idea Stores und dem Slogan „Library Learning Information” ausgerichtet sein.
Die Herausgabe einer Zeitschrift hat die Aufgabe, das Konzept der Idea Stores im gesamten Bezirk zu verbreiten und die Menschen anzuregen, dass sie in diese Einrichtungen kommen und sich schnell damit identifizieren.

Ausstattung

Die schwierigste Aufgabe besteht allerdings darin, die Menschen in den Idea Stores zu halten. In dem Konzept, Bibliothek und Erwachsenenbildung an einem Ort anzubieten, sind Elemente enthalten, die zur Ausstattung jedes Idea Stores gehören und gehören sollen. Neben einer Bibliothek inklusive einer Kinderbibliothek, Schulungsräumen sowie speziell für IT-Schulungen ausgestatteten Räumen soll Platz für Ausstellungen vorhanden sein. Für die Mitarbeiter stehen selbstverständlich Arbeitsräume und Pausenräume zur Verfügung. Zusätzlich soll in jedem Idea Store ein Café im Eingangsfoyer integriert sein oder es soll sich zumindest ein Café in unmittelbarer Umgebung befinden.

In den Idea Stores dürfen PC–Arbeitsplätze mit Internetzugang nicht fehlen. Auf Grundlage einer Initiative der britischen Regierung, die das lebenslange Lernen und den Zugang zu Informationstechnologien fördert, soll erreicht werden, in allen öffentlichen Bibliotheken Großbritanniens kostenlosen Zugang für jedermann anbieten zu können. Hintergrund ist ein gesetztes Ziel der Regierung, die Wirtschaft anzukurbeln, indem sie der britischen Bevölkerung ermöglicht, notwendige IT–Fähigkeiten zu erlangen und kostenlosen Zugang zu den Technologien inklusive Internet in den Bibliotheken zu erhalten, z. B. für den Ausbau des E–Governments. Aus diesem Grund bieten auch die Idea Stores den für eine festgesetzte Stundenanzahl begrenzten Internetzugang kostenfrei an.

Der Bibliotheksteil weist das klassische Angebot, Literatur in allen Medienformen, Nachschlagewerke, Online–Ressourcen, auf. Zusätzliche Dienstleistungen sind Bücherclubs, Filmclubs, Unterstützung bei den Hausaufgaben, „Heimlieferservice” für mobil eingeschränkte Personen, der sogenannte Mobile Library Service, und viele Veranstaltungen für Kinder. Beispielsweise nennt sich eine landesweite Initiative Bookstart, bei der vor allem in Arztpraxen und Bibliotheken Taschen, gefüllt mit Bilderbüchern, Malstiften, Werbung usw., an Mütter von Kleinstkindern verteilt werden. Local Studies, eine Abteilung, in der man u. a. Nachforschungen über die nahe Umgebung oder Ahnenforschung betreiben kann, wird ebenso in den meisten öffentlichen Bibliotheken Großbritanniens angeboten.

Im Rahmen der Erwachsenenbildung werden Kurse für die verschiedensten Interessen und Fähigkeiten angeboten, von Fotografier- und Fitnesskursen über Sprach– und PC–Kurse sowie Kurse zur Erlangung verschiedener Schulabschlüsse oder anderer Abschlüsse. Denn für diejenigen, die an der Schulausbildung gescheitert sind, soll es in einer freundlichen und ungezwungenen Atmosphäre möglich sein, ihren Abschluss nachzuholen. Ebenso für Immigranten, die Englisch usf. erlernen wollen, sollen die Idea Stores diese Möglichkeit bieten. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Beratungsmöglichkeiten in Form von Bürgerinformationen, die jeder Benutzer in Anspruch nehmen kann, ohne in die Stadtverwaltung gehen zu müssen.

Diese Dienstleistungen sind jedoch nicht typisch für Idea Stores, da sie in anderen britischen öffentlichen Bibliotheken wie beispielsweise in der Zentralbibliothek Birmingham gleichfalls zur Verfügung stehen. Der Unterschied ist das einheitliche Design rund um die Marke Idea Store.

Finanzierung und andere Unterstützung

Der Bezirk Tower Hamlets investierte 20 Mio. GBP in Bibliotheks- und Bildungsdienstleistungen und damit in das Idea Stores-Projekt. Des Weiteren beteiligen sich, von Idea Store zu Idea Store unterschiedlich, nationale und internationale Organisationen und Stiftungen wie The Big Lottery Fund, der European Regional Development Fund und UK Online, ein britisches Telekommunikationsunternehmen. Partner dieses großen Projektes sind ebenso lokale Unternehmen und Organisationen wie u. a. Bow People Trust, Lloyds of London Charities Trust, London Development Agency, Cityside Regeneration, Sainsbury Families Charitable Trusts, Barclays und Canary Wharf Group.
Im Besonderen ist die Zusammenarbeit mit den Hochschulen der Umgebung im Hinblick auf die angebotenen Kurse zu erwähnen — es handelt sich hier um das Tower Hamlets College und die London Metropolitan University.

Ausblick

Ob sich die Investitionen lohnen werden, kann man erst in einigen Jahren sagen, doch in den vergangenen Jahren, seit der erste Idea Store 2002 eröffnet wurde, sind Fortschritte im Bibliothekswesen und der Bildungslandschaft von Tower Hamlets erreicht worden. Anhand einer Studie, die im Rahmen einer Masterarbeit stattfand, wurde mit Hilfe von Benutzer–Fragebögen und Mitarbeiter-Interviews festgestellt, dass die Mehrheit der Befragten (75%) die Veränderung der traditionellen Bibliothek als positiv erachtet. Es konnte definitiv eine Erhöhung der Benutzerzahlen und Ausleihzahlen verzeichnet werden, da die Modernität und Offenheit der Idea Stores Menschen anlockt und das Angebot zum Bleiben motiviert. Jedoch scheinen sich die Änderungen nachteilig auf die Nutzer, die traditionelle Bibliotheken gewohnt sind, auszuwirken. Lärm wird als das größte Problem dargestellt, da die Räume offener sind und die Bibliothek sich vom stillen Arbeitsplatz zum Kommunikationsort entwickeln soll, an dem Menschen zusammenfinden und sich unterhalten, die soziale Integration fördernd.

Eine weitere Erkenntnis zieht Hartley aus den Fragebögen im Hinblick auf die genutzten Medien. Obwohl die Nutzung des kostenfreien Internet — über 30 % der Befragten geben dies als Grund für ihren Bibliotheksbesuch an — eine immer größere Rolle spielt, gehen die meisten Benutzer (etwa 40 % der Befragten) immer noch in die Idea Stores, um Bücher zu lesen und auszuleihen. Auf Grund der neuen Vielfältigkeit des Idea Store-Personals, das oftmals vorher nicht in Bibliotheken gearbeitet hat, verlagern sich die Schwerpunkte. Mitarbeiter z. B. bemängeln die fehlende Zeit für das Zurückstellen der Bücher, da andere Dienste wie die Anmeldung für Kurse sie stärker in Anspruch nehmen. Dennoch sollte immer noch großer Wert auf die Bestandspolitik gelegt werden, um den Bibliotheksanteil nicht zu vernachlässigen, weil die „Kunden” eine große Bandbreite, bessere Qualität und eine höhere Anzahl an Büchern fordern.

Aus Sicht der Regierung liegt die größere Betonung der Idea Stores auf dem lebenslangen Lernen und somit auf dem Angebot von Kursen in einer informelleren Arbeitsatmosphäre als der Schule. Für die Benutzer ist es sehr effizient und bequemer, Bibliothek und Kurse an einem Standort zu kombinieren, auch wenn die Nutzung der Kurse langsam anlief, aber dennoch ist großes Interesse vorhanden und die Anzahl der Teilnehmer wird definitiv steigen.

Ob sich die Idea Stores zu „street corner universities” entwickeln, wird sich noch herausstellen. Fakt ist aber, dass das Projekt sicherlich erfolgreich ist, da die Bibliothekare über den Tellerrand hinausschauen, z. B. im Hinblick auf das Engagement der bibliotheksfremden Firma Bisset Adams, und nicht durch finanzielle Etat-Engpässe gebremst werden.

Literaturangaben:

Wills (2004): Innovative approach

Petretti (2006): Lents Community

St. John (2002): Library and Lifelong Learning Development Strategy

Schofield, McMenemy, Henderson (2004): People´s network libraries

http://www.ideastore.co.uk/

http://www.birmingham.gov.uk/centrallibrary.bcc

Hartley (2005): Tower Hamlets´ Idea Stores

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008