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Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
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Besondere Bibliotheken — Stichwort Europäische Konzepte

Der Wissensturm in Linz - Synergie von Volkshochschule und Stadtbibliothek

von Dörte Klempert

Vorgeschichte

Öffentliche Bibliotheken und Volkshochschulen sind Institutionen, deren Arbeitsfelder sich gelegentlich überschneiden. Aus diesem Grund sollte darüber nachgedacht werden, ob eine Zusammenarbeit der beiden Einrichtungen sinnvoll wäre und wie diese aussehen könnte. Denn vieles haben Bibliotheken und Volkshochschulen gemeinsam: sie haben ein weitgehend identisches Klientel, ihre Wurzeln liegen in einer Volksbildungsideologie und sie haben ein gemeinsames Verständnis vom offenen Zugang zu Bildung. Schon früher gab es Projekte, bei denen Bibliotheken und Volkshochschulen zusammengeführt wurden. Erwin Ackerknecht vereinigte Anfang des 20. Jahrhunderts unter seiner Leitung in Stettin die Stadtbibliothek und die Volkshochschule. In der Stadt Marl in Nordrhein–Westfalen gibt es seit 1955 die „insel”, ein Haus der Erwachsenenbildung mit Volkshochschule, Bibliothek und gemeinsamem Lesesaal. In den 1960er Jahren entstanden in Wolfsburg und Ludwigsburg gemeinschaftliche Neubauten.

Entstehung des Wissensturms

Nun entsteht auch in der oberösterreichischen Stadt Linz eine solche Synergie aus Stadtbibliothek und Volkshochschule. In der 203.000-Einwohner Stadt soll im September 2007 der Wissensturm eröffnet werden. Dieser gilt als kommunale Verantwortung für lebensbegleitendes Lernen und ist „ein Symbol für eine barrierefrei zugängliche Informations– und Lernkultur”. Linz als strahlende und traditionsreiche Kulturstadt scheint für ein solches Projekt wie geschaffen: sie ist die Stadt der Industrie, der Kunst, der Kultur und der Technologie. Erst in den vergangenen Jahren wurden die „ars electronica” und das Kunstmuseum „Lentos” eröffnet. Ein neues Musiktheater befindet sich im Bau und auch das Innenstadtviertel ist im Umbruch. Als Höhepunkt wird Linz im Jahr 2009 Kulturhauptstadt Europas sein.
Zu diesem Zeitpunkt wird der Wissensturm bereits eineinhalb Jahre bestehen und es wird sich zeigen, ob das Zusammenspiel zwischen Volkshochschule und Stadtbibliothek funktioniert. Die Stadtbibliothek wurde 1939 als Bücherei Linz gegründet und beschäftigt derzeit 65 hauptberufliche Mitarbeiter. Sie hat mit ihren zwölf Zweigbibliotheken einen Bestand von 220.000 Medien und jährlich 110.000 Besucher [Stand: 2003]. Diese leihen im Jahr über eine Million Medien aus. Jedoch ist die Hauptbibliothek in einem engen Gebäude der ehemals oberösterreichischen Zweigstelle der Österreichischen Nationalbank untergebracht. Dieses Gebäude ist weder mit einem Personen- noch mit einem Lasten- oder Bücherlift ausgestattet. Ein Umzug in einen neuen Gebäudekomplex ist somit unumgänglich.

Eine Besonderheit der Zweigstellenbibliotheken in Linz ist deren Funktion als „Stadtinformationsbüros”, als welche die Zweigstellen fungieren. Dort können Bürger Serviceleistungen in Anspruch nehmen und sie können Eingaben an die Stadtverwaltung geben. So lernen auch Bibliotheksferne die Bibliothek und ihre Angebote kennen. Die Bibliothek ist dadurch zweifach in der städtischen Verwaltung verankert, wodurch ihr Ansehen gesteigert wird. Davon kann auch später die Volkshochschule profitieren.

Diese ist in einer ähnlichen Situation wie die Stadtbibliothek: sie ist in einem abgewohnten ehemaligen Nobelhotel untergebracht, welches sich als Gebäude für eine Volkshochschule nicht anbietet. So ist auch für die Volkshochschule ein Umzug dringend erforderlich. Sie wurde 1947 als erste kommunale Volkshochschule Österreichs gegründet und derzeit arbeiten 30 hauptberufliche Mitarbeiter dort und circa 500 Kursleiter. Diese bieten 2.081 Kurse an, die von 24.296 Personen [Stand: 2003/2004] belegt werden. Zusätzlich betreibt die Volkshochschule ein Selbstlernzentrum für Sprachen und EDV, eine Medienwerkstatt mit Fernseh- und Radiostudios, und sie arbeitet, ähnlich wie die Stadtbibliothek, mit einer Zweigstellenstruktur in ganz Linz.

Letztendlich wurde im Juni 2004 der Bau des Wissensturms beschlossen. Kurz danach wurden beide Einrichtungen unter der Leitung des Volkshochschulleiters Hubert Hummer zusammengeführt. In den neuen Wissensturm sollen schließlich die Volkshochschule, die Hauptbibliothek und zwei ihrer Zweigstellen übersiedeln. Der neue Standort ist für ein solches Bildungszentrum strategisch sehr günstig. Der Wissensturm entsteht direkt am Eingang zur Linzer Innenstadt in unmittelbarer Nähe zum neu gestalteten Hauptbahnhof, welcher Drehscheibe des öffentlichen Nahverkehrs ist. Zusätzlich gibt es eine direkte Anbindung an die Stadtautobahn. Der Wissensturm wird einen architektonischen Akzent im Stadtbild setzen und dadurch den Wert von Bildung und Wissen symbolisieren.

Infrastruktur

Die Stadt Linz investiert für den Bau des Wissensturms circa 30 Millionen Euro. Der Turm wird nach seiner Fertigstellung 63 Meter hoch sein und eine Nettonutzfläche von 15.000 m2 haben. Der Baukörper besteht aus einem zweigeschossigen Flachbau, einem dreigeschossigen Längsriegel und einem ellipsenförmigen Turm mit 15 Geschossen. Parkplätze wird es im Untergeschoss und im benachbarten Hotel Ibis geben.

Durch den Haupteingang wird man in die zentrale zweigeschossige Eingangshalle gelangen, dem Herzstück des Wissensturms. Dort befindet sich ein I–Point (Informations–Point) als Anlaufstelle für Erstauskünfte, außerdem ein S–Point (Service–Point) als anspruchsvolleres Servicecenter, welches enorme Flexibilität der Mitarbeiter verlangt. Neben dem S–Point wird es eine automatische Medienrückgabe und Medienverbuchung geben. Es ist ein Veranstaltungssaal für 180 Personen vorgesehen, dazwischen liegt der einsehbare Eingang zur Bibliothek. Das Foyer führt zusätzlich zu einem Bistro und zu den Aufzügen, die den gesamten Turm erschließen. Im Foyer und im ersten Obergeschoss soll es später Ausstellungen und Installationen geben. Wichtig ist, dass alle Funktionen getrennt voneinander nutzbar sind aufgrund der unterschiedlichen Öffnungszeiten der Bibliothek und der Volkshochschule.

Das erste Obergeschoss beherbergt einen multifunktionalen Seminarraum, das Selbstlernzentrum und die Medienwerkstatt. Im zweiten Obergeschoss findet man die Bibliothek mit unterschiedlichen Arten von Arbeitsplätzen und Medienabspielstationen. Mit dem zweiten Obergeschoss ragt die Bibliothek in den Turm hinein. Dort wird die Kinderbibliothek untergebracht sein mit einem Kinderbetreuungsbereich, der auch von der Volkshochschule aus zugänglich ist. Als Besonderheit gibt es einen Lesegarten, der im Sommer nutzbar sein wird. In den Geschossen drei und vier ist die Verwaltung untergebracht. Der fünfte bis 15. Stock ist den Seminar– und Fachräumen der Volkshochschule vorbehalten. Dort gibt es unter anderem ein Bewegungszentrum, ein Kreativzentrum, eine Küche und diverse EDV–Räume. Ein Teil der Räume soll auch vermarktet werden, denn besonders vom 15. Geschoss hat man einen guten Blick über die Stadt Linz. Allerdings erfordern die zahlreichen Stockwerke die Installation eines Leitsystems, das gerade den Volkshochschulbesuchern bei der Orientierung helfen soll.

Die Stadtbibliothek wird auf drei Geschosse aufgeteilt. Auf einer Fläche von 2.300 m2 wird der Bibliotheksbesucher 120.000 Medien nutzen können. Die themenzentrierte Aufstellung soll sich an sechs zentralen Sachbereichen orientieren. In allen Stockwerken werden PCs für unterschiedliche Einsatzbereiche zur Verfügung stehen und der gesamte Turm wird als „Hot–Spot” ausgerüstet werden. Da die Bibliothek auch noch in 20 Jahren funktionell sein soll, wird modernste RFID–Technologie eingesetzt um eine automatische Selbstverbuchung und –rücknahme sicher zu stellen. So sind die Nutzer unabhängig von den Öffnungszeiten. Diese sollen nach Möglichkeit sehr nutzerfreundlich gestaltet werden: einmal in der Woche wird die Bibliothek für 24 Stunden öffnen und einmal im Monat sogar das gesamte Wochenende.

Das bestehende Selbstlernzentrum der Volkshochschule soll erweitert werden, so dass eine allgemeine und persönliche Weiterbildung möglich sein wird. Das Selbstlernzentrum soll ein „Lernlabor” werden, in welchem die Nutzer ihre Zeit des Lernens selbst einteilen können. Sie sollen dort neue Medien ausprobieren können und auch das Personal soll sowohl Bibliotheks- als auch Volkshochschulkompetenzen vereinigen, so dass es dem Lernenden beratend zur Seite stehen und ihm bei der Auswahl geeigneter Lernmedien unterstützen kann. Der Fokus liegt im Selbstlernzentrum auf dem Zweit– und Fremdsprachenerwerb.

Ziele

Für den gesamten Wissensturm sind hohe Ziele gesteckt, denn er steht für lebensbegleitendes Lernen. Es sollen unterschiedliche Lernformen und Lernarrangements Platz haben, es soll Formen des geplanten und des organisierten Lernens geben, genauso aber selbstorganisiertes Lernen, formelles sowie informelles Lernen und auch Lernen im Netz. Die Lernumwelt im Turm soll Anregungen schaffen, auch wenn der Besucher nur das Bistro oder eine Ausstellung im Wissensturm besuchen will, so soll er auch dazu angeregt werden, die anderen Möglichkeiten im Wissensturm zu nutzen. Für diese Ziele müssen die Volkshochschule und die Bibliothek inhaltliche, organisatorische und räumliche Synergien erzielen, so dass sich an sechs gemeinsamen Produkten ausgerichtet werden kann. Diese sollen inhaltliche Bereiche wie Sprachen, Lesen, Literatur oder Gesundheit abdecken. Jeder dieser Bereiche bietet Medien, Informationen und Beratung als bibliothekarische Kompetenzen und auf der anderen Seite Kurse und Veranstaltungen als Volkshochschulkompetenzen.

Synergieeffekte

Die Synergieeffekte im Wissensturm sollen durch den Aufbau gemeinsamer inhaltlicher Schwerpunkte erzielt werden. Synergieeffekte sind außerdem in dem gemeinschaftlichen Bistro, der Kinderbetreuung, dem Selbstlernzentrum und dem Service-Point zu erkennen. Der Veranstaltungssaal bietet die Möglichkeit, Schulungen und Veranstaltungen im eigenen Haus durchzuführen. Sowohl die Bibliotheks– als auch die Volkshochschulkunden sollen auf die jeweiligen Angebote sowohl der Volkshochschule, als auch der Bibliothek aufmerksam gemacht werden. Für die Organisationsentwicklung wird es eine Gesamtleitung und die Organisationsabteilungen Rechnungswesen und Controlling geben. Aber vor allem liegt es an den Mitarbeitern der Volkshochschule und der Bibliothek, zusammenzuarbeiten. Dies soll anfangs in gemischt besetzten Teams beginnen.

Funktionen

Letztendlich soll der Wissensturm fünf Funktionen erfüllen. Er soll Zentrum für Sprachen und interkultureller Begegnung sein, welches dem Kulturentwicklungsplan der Stadt Linz aus dem Jahr 2000 entspricht. Er soll ein Ort für Lesekompetenz und Literatur sein, welches schon bei Alphabetisierungskursen anfängt. Der Wissensturm soll ein Haus der Medien und der Vermittlung von Medienkompetenz sein, in welchem Medien allgegenwärtig sind. Zusätzlich soll er ein Beratungszentrum sein mit einer Bildungs- und Rechtsberatung, aber auch mit einer akzentuierten Lernberatung. Als letzte Funktion soll der Wissensturm ein digitaler Ort mir eigenem Lernportal sein, das man auch von der eigenen Wohnung aus nutzen kann.
An dieser Stelle kann man sich wie Konrad Umlauf die Frage stellen, inwieweit Bibliothek und Volkshochschule noch voneinander unterscheidbar sind. Die Öffentliche Bibliothek der Zukunft als ein Ort des Lebenslangen, selbstgesteuerten Lernens wird sowohl virtueller als auch realer Ort sein. Als realer Ort liegt eine raumorganisatorische Zusammenfassung mit Einrichtungen der Erwachsenenbildung nahe. Das Personal vereinigt in sich traditionelle bibliothekarische Kompetenzen mit Kompetenzen der Erwachsenenbildung.
Virtueller Ort oder virtuelle Welt des Wissensturms wird die Webseite www.wissensturm.at sein. Im Moment sind dort zwar nur die Baufortschritte des Turmes zu sehen, jedoch sollen Fachinformationsportale, aktuelle Kurs- und Medienangebote, Terminankündigungen, kommentierte Linksammlungen, elektronische Informationsressourcen wie Datenbanken und elektronische Zeitschriften hinzukommen. Fokussiert werden beide Kompetenzen auf die Lernberatung. Die Frage, ob diese Einrichtung eine Bibliothek oder Volkshochschule ist, interessiert weder das Personal noch die Kunden.

Die Zukunft

Jedoch kann es auch zu Schwierigkeiten bei der Zusammenführung der Bibliothek und der Volkshochschule kommen. Es müssen unterschiedliche Unternehmenskulturen überbrückt werden, wobei man aufpassen muss, dass kein beziehungsloses Nebeneinander entsteht. Unter einem Dach muss nicht unbedingt ein Profil bedeuten. Es kann passieren, dass Volkshochschule und Bibliothek in vorhandener Form und mit eigenem Netzwerk bestehen bleiben. „Ein eigenes Profil und spannende Experimente mit Partnern — was können sich mutige Bibliothekare mehr wünschen”, so Prof. Wolfram Henning. Es wird sich zeigen, ob die Stadtbibliothek und die Volkshochschule zusammenarbeiten und eine Einheit bilden können. Ist dieses erfolgreich, so wird der Wissensturm nicht nur in Linz ein Symbol barrierefrei zugänglicher Informations– und Lernkultur sein.

Literaturverzeichnis:

Gamsjäger (2005): Der Wissensturm in Linz, ein Ort des Lesens und Lernens

Henning (2007): Kräfte bündeln, Bildung schaffen

Hummer (2005): Ein Wissensturm als Zeichen kommunaler Bibliotheksarbeit

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008