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Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
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Besondere Bibliotheken — Stichwort Europäische Konzepte

‚Bienenkörbe’ — Bibliotheken der Nachbarschaft

von Anja Beddies

Das tägliche Brot

„Je voudrais que chaque habitant aille chercher son livre comme il irait chercher une baguette de pain” — so der Bürgermeister von Corbeille-Essonnes. So wie jeder Einwohner sein Brot, soll er sich auch sein Buch holen können. Dieser Ausspruch erlaubt zweierlei (einander durchaus ergänzende) Interpretationen. Zum einen ist sicher der geringe zeitliche Aufwand gemeint, den man für den Gang zur Bäckerei um die Ecke braucht. Er kann aber auch in dem Sinn gelesen werden, dass man sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man sich seine leibliche Nahrung holt, auch seine geistige Nahrung holen können sollte.
Beide Lesarten setzen freilich eine räumliche Nähe voraus, d.h. die Bibliothek muss genauso „um die Ecke” sein wie der Bäcker. Der Bibliothekstyp, der hier vorgestellt werden soll, macht dies schon im Namen deutlich: „Médiathèques de proximité” ist der offizielle Name, also „Mediatheken der Nähe” oder „Bibliotheken der Nachbarschaft”.

Das Konzept

Das ‚Programme de développement des médiathèques de proximité en milieu rural et dans les quartiers urbains périphériques’ ist die Fortsetzung einer Dezentralisierungsinitiative, die 1992 mit dem Ausbau von 12 Zentralbibliotheken von regionaler Bedeutung (u.a. Marseille, Limoges, Montpellier) ihren Anfang nahm. Ergänzend zu diesen Schwerpunkteinrichtungen sollten nun Bibliotheken für ländliche Regionen sowie für die Außenbezirke der Großstädte entwickelt werden, d.h. für Gebiete, in denen zwischen 3 000 und 10 000 Einwohner leben.
Konzipiert waren die neuen Bibliotheken sowohl als Orte der Kultur und des Zugangs zu Information, als auch als Orte des Austauschs und des Miteinanders. Sie haben demnach eine kulturelle und soziale Funktion. Um ein Ort des Austauschs, ein Ort des sozialen Miteinanders sein zu können, sollen, diese Bibliotheken auch architektonisch einladend sein, es sollen schöne Bibliotheken sein: „Pour être acceuillantes, ces médiatheques doivent être belles.”
Um eine dem inhaltlichen Konzept dieser neuen Generation von Informationseinrichtungen entsprechende Architektur zu erhalten, wurde innerhalb des Absolventenjahrgangs 2002 ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Von den sechzehn eingegangenen Bewerbungen wurden fünf Architekten/Teams ausgewählt, die anhand eines Rahmenprogramms und ausgewählter Standorte prototypische Ansätze für Mediatheken (bis ca. 500 qm Fläche) in Dörfern, Kleinstädten und Vororten entwickeln sollten.

Umsetzung und Finanzierung

Seit Beginn des Programms 2003 sind ca. 400 sehr unterschiedliche Projekte realisiert worden; darunter finden sich sowohl Neubauten als auch Umbauten (z.B. eines ehemaligen Pfarrhauses). Achtzig Prozent der Einrichtungen entstanden dabei in nicht-urbanen Regionen. Die Anschubfinanzierung wurde durch staatliche Förderung garantiert; sowohl in Form von finanzieller Unterstützung für Bau und Betrieb als auch durch personelle Hilfe, etwa bei Neueinstellungen oder Weiterbildungsmaßnahmen. Die staatliche Anschubfinanzierung bildet den Grundstock für eine anschließende Mischfinanzierung durch Kommunen und Regionen und teilweise auch durch EU-Förderung.
Zur räumlichen Aufteilung der Bibliotheken wurden im Rahmenprogramm bereits konkrete Aussagen gemacht, in denen sich die konzipierte Gleichwertigkeit von kultureller und sozialer Funktion der Einrichtungen widerspiegelt. 42 Prozent der Gesamtfläche wurden veranschlagt für Empfangsbereich, Dienstleistungsbereich und den ‚Bereich des Miteinanders’ (pôle de convivialité). Hier finden sich neben der Ausleihe ein Raum für Veranstaltungen, Lese-, Arbeits- und Musikraum, die Vorleseecke sowie der ‚Kiosk des Bürgers’ (kiosque du citoyen), bei dem es sich um eine Art Bürgerbüro handelt, wie es auch in deutschen Gemeinden häufig in enger Nachbarschaft zur Bibliothek existiert. Weitere 46 Prozent der Fläche waren vorgesehen für Freihandbereich, Beratung und Recherche, die verbleibenden zwölf Prozent für Büro und Magazin.

Als Richtlinien für die mediale Ausstattung wurden vorgegeben:

  • 16 700 Bücher
  • 2 550 CDs
  • 530 CD-ROMs
  • 1 000 DVDs
  • 55 laufende Zeitschriften

An technischer Ausstattung waren 2 Internet-, 10 Multimedia- sowie 2 Videoterminals vorgesehen.

Wie unterschiedlich die Umsetzung (besonders die architektonische) in den einzelnen Projekten erfolgte, wird an zwei ausgewählten Einrichtungen deutlich, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.

Espace des médias et des arts — Languidic (Bretagne)

Das L–förmige Gebäude liegt an der Schnittstelle zwischen dem Zentrum und neuen Wohngebieten und ist mit seinen 1 200 qm recht stattlich für eine Kommune von 7 000 Einwohnern, was daran liegt, dass sich Mediathek und Musikschule die Fläche teilen. Auf die Mediathek im einen Flügel entfallen davon 600 qm, auf die Musikschule im anderen Flügel 460 qm, der von beiden Einrichtungen genutzte Veranstaltungsraum mit 120 Plätzen sowie sonstige Gemeinschaftsflächen belaufen sich auf 140 qm. Die tragenden Strukturen des Gebäudes wurden auf das Nötigste beschränkt, um eine möglichst flexible Nutzung zu gewährleisten. Das auf einem Hang errichtete Gebäude bietet im Untergeschoss Platz für Erweiterung; derzeit sind dort Kunstateliers untergebracht.
Neben der Bibliotheksleiterin arbeiten dort zwei Bibliotheksassistentinnen sowie zwei Beamte der Kulturstiftung (agents du patrimoine). Der Bestand setzt sich wie folgt zusammen: 16 000 Bücher, 76 laufende Zeitschriften, 1 540 CDs, 590 DVDs und CD-ROMs; es gibt drei Internetarbeitsplätze sowie zwei Hörstationen.

La médiathèque intercommunale du Père Castor — Meuzac (Limousin)

Initiiert wurde dieses Projekt vom Freundeskreis ‚Les Amis du Père Castor’ und dem Sivu (syndicat intercommunal à vocation unique), dem Zusammenschluss der acht Gemeinden des Landkreises mit insgesamt 5 800 Einwohnern. Der Name bezieht sich auf die Kinderbuchreihe ‚Les Albums du Père Castor’ des Reformpädagogen Paul Faucher, der sich im Zweiten Weltkrieg nach Meuzac zurückgezogen hatte und dessen Archiv im Gebäudekomplex untergebracht ist. Das in ökologischer Bauweise errichtete und barrierefreie Gebäude beherbergt auf 710 qm Nutzfläche neben dem Archiv ein Dokumentations- und Forschungszentrum sowie die interkommunale Bibliothek. Durch die räumliche Zusammenlegung dieser drei Funktionalitäten wird die Mediathek in besonderer Weise ihrer Aufgabe als Apparat für kulturelles Erbe (memory) gerecht. Auf dem umgebenden Gelände wurde ein naturpädagogischer Parcours angelegt. Dieser Parcours, sowie das ‚centre d'animation’, bilden die Grundlage für eine intensive Zusammenarbeit mit den Schulen des Landkreises.

Der Überblick über die Finanzierung spiegelt sehr gut die im Rahmenprogramm vorgesehene Mischfinanzierung wieder:

  • Kosten: 1 903 800 € (Gebäude: 1 074 000 €)
  • Finanzierung:
  • EU: 476 000 €
  • Staat:
    • Gebäude: 389 700 €
    • Einrichtung und IT: 48 990 €
    • Conseil régional du Limousin: 285 500 €
    • Conseil général de la Haute–Vienne: 285 500 €
    • Sivu du canton de Saint-Germain–les–Belles: 418 100 €
  • Betriebskosten (2006): 116 520 €

Bibliothek als Ort

In Deutschland erfolgt eine zunehmende Konzentration auf Zentralbibliotheken und damit die Zusammenlegung bzw. Schließung von kleineren Stadtteilbibliotheken. Frankreich geht den entgegengesetzten Weg — und zwar politisch, und begreift damit eine flächendeckende Bibliotheksinfrastruktur durchaus als Instrument der hegemonialen Instanz (power).
Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass durch den Zusammenschluss mit anderen kommunalen Einrichtungen die Vorgaben des Rahmenprogramms eingehalten werden und dennoch recht großzügige Gebäude verwirklicht werden konnten. Denn das Gebäude selbst — der Ort — ist wichtig in diesem Konzept. Diese Bibliotheken sind, trotz der vorgesehenen guten technischen Ausstattung mit Internetarbeitsplätzen etc., nicht lediglich als Suchmaschinen (information) gedacht. Mindestens ebenso wichtig wie der Austausch von Medien und Informationen ist hier der zwischenmenschliche Austausch. Bibliotheken als Ort des sozialen Miteinanders, als Ort der sozialen Integration (space), das ist im Zeitalter der ‚Virtualisierung’ von Bibliotheken durchaus ein besonderes, ein innovatives Konzept.
Diese deutliche Akzentuierung der sozialen Komponente und des Ortes mag auch erklären, warum die ‚médiathèques de proximité’ den Beinamen „Ruches” (Bienenkörbe) tragen. Wie genau dieser Name entstanden ist, hat die Autorin nicht ermitteln können, passend erscheint er auf jeden Fall. Geselliges Treiben an einem Ort, der köstlichen Nektar bereithält — welch hoffnungsvolles Bild für die in letzter Zeit so häufig totgesagte Bibliothek.

Literaturangaben

Aillagon, Jean-Jaques (2003): Programme de développement des médiathèques de proximité en milieu rural et dans les quartiers urbains périphériques. Les ruches. Conférence de presse vendredi 21 mars 2003. http://www.culture.gouv.fr/culture/actualites/communiq/aillagon/mediathequeproxi.pdf

Bedel, Marine (2007): La ruche de Languidic. Une nouvelle médiathéque bretonne primée pour son architecture. In: BBF. Bulletin des Bibliothèques de France, (52)2007, H. 1, S. 86-87. http://bbf.enssib.fr/sdx/BBF/frontoffice/2007/01/document.xsp?id=bbf-2007-01-0086-019/2007/01/fam-dossier/dossier&idMaitre=bbf-2007-01-0064-010&statutMaitre=non&statutFils=oui

Bertrand, Anne–Marie (2004): Editorial. In: BBF. Bulletin des Bibliothèques de France, (49)2004, H. 2, S. 1. http://bbf.enssib.fr/sdx/BBF/frontoffice/2004/02/document.xsp?id=bbf-2004-02-0001-001/2004/02/fam-dossier/editorial&statutMaitre=non&statutFils=non

DRAC Champagne–Ardenne (2005): Les „ruches”. Médiathèques de proximité. La lettre de la DRAC Champagne–Ardenne, Janvier 2005, S. 4-5. http://www.culture.gouv.fr/champagne-ardenne/documents%20pdf/ruches.pdf

Hobohm, Hans-Christoph (2007): Rechnen sich Bibliotheken? Vom Nutzen und Wert ihrer Leistungen. In: BuB. Forum Bibliothek und Information 59 (2007), H. 9, S. 633-639.

Klauser, Hella (2007): „Mediatheken der Nähe” für Frankreichs Problemviertel. Nationales Bibliotheksprogramm setzt auch sozialpolitisch Akzente. In: BuB. Forum Bibliothek und Information 59 (2007), H. 6, S. 441-442.

Rouyer–Gayette, François (2004): Les „Ruches”. In: BBF. Bulletin des Bibliothèques de France, (49)2004, H. 2, S. 24-29. http://bbf.enssib.fr/sdx/BBF/frontoffice/2004/02/document.xsp?id=bbf-2004-02-0024-004/2004/02/fam-dossier/dossier&nDoc=3&statutMaitre=non&statutFils=non&tri=

Séné, Christophe (2007): Le programme national des médiathèques de proximité, les „Ruches”. In: BBF. Bulletin des Bibliothèques de France, (52)2007, H. 1, S. 88. http://bbf.enssib.fr/sdx/BBF/frontoffice/2007/01/document.xsp?id=bbf-2007-01-0088-020/2007/01/fam-dossier/dossier&idMaitre=bbf-2007-01-0064-010&statutMaitre=non&statutFils=oui

Valero, Lydie (2007):La médiathèque intercommunale du Père Castor. In: BBF. Bulletin des Bibliothèques de France, (52)2007, H. 1, S. 89-90. http://bbf.enssib.fr/sdx/BBF/frontoffice/2007/01/document.xsp?id=bbf-2007-01-0089-021/2007/01/fam-dossier/dossier&idMaitre=bbf-2007-01-0064-010&statutMaitre=non&statutFils=oui

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008