Logo der OA Zeitschrift BRaIn

Wir | Editionsrichtlinien | Impressum | Disclaimer
Inhaltsverzeichnis
Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link | subglobal5 link
subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link | subglobal6 link
subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link | subglobal7 link
subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link | subglobal8 link

Besondere Bibliotheken — Stichwort Aufbrüche

„Living library” — Lebende Bücher in der Bibliothek

von Janine Brüggen

Woher kommt die Idee der „Lebenden Bücher”?

Das Konzept „Living Library” stammt aus Dänemark und wurde erstmals 2000 auf dem Roskilde Musikfestival in die Praxis umgesetzt. Seitdem sind die „Lebenden Bücher” auf zahlreichen Festivals, in Bibliotheken in Skandinavien, den Niederlanden und nun auch in Deutschland anzutreffen. Es haben sich verschiedene Vorstellungen zum »Lebenden Buch« entwickelt. Diese Idee ist in Deutschland in der Stadtbibliothek Gütersloh, der Stadtbibliothek Bielefeld und in der Bezirkszentralbibliothek Berlin Marzahn-Hellersdorf umgesetzt worden.

Was ist die Bibliothek der „Lebenden Bücher”?

„Living Library” bedeutet soviel wie lebende bzw. lebendige Bibliothek. Sie funktioniert wie jede andere Bibliothek. Die Besonderheit ist, dass die Bücher in der „Living Library” leben und etwas erzählen können - denn diese Bücher sind Menschen. Es sind Menschen verschiedenster Kulturen, die in die Bibliothek eingeladen werden. Man kann sich diese Personen für eine bestimmte Zeit „ausleihen” und mit ihnen über ihre Besonderheiten reden, Fragen stellen und diskutieren. Je nach Bibliothek wird das Konzept unterschiedlich umgesetzt. Die grundlegende Idee, Menschen zusammenzubringen, wurde bei allen beibehalten.
„Manche Themen lassen sich besser im Gespräch vertiefen und erkunden als in Büchern: einiges Wissen beruht auf Erfahrung, manches benötigt Hilfe und Unterstützung und einiges, was erstmal fremd ist, wird im Dialog verständlicher.”

„Lebende Bücher” in Deutschland

Zum Projekt „Lebende Bücher in Ihrer Bibliothek” in der Bezirkszentralbibliothek Berlin Marzahn-Hellersdorf gibt es eine Diplomarbeit an der Fachhochschule Potsdam mit dem Titel „Lebende Bücher in der Bibliothek: Umsetzung eines „Living Library”-Projektes und die Bedeutung des Konzeptes für die bibliothekarische Arbeit” (2007) von Niko Schachner, der die Idee für die Durchführung der Veranstaltung in dieser Bibliothek hatte. „Living Library” ist ein Teil des Programms „Youth Promoting human rights and social cohesion” des Europäischen Rats und wird somit unterstützt.
Die Veranstaltung „Lebende Bücher in Ihrer Bibliothek” fand im April 2007 in der Bezirkszentralbibliothek Berlin Marzahn-Hellersdorf statt. Sie möchte Menschen näher zusammen bringen und zwischenmenschliche Toleranz sowie Respekt für verschiedene Lebensarten fördern. Dazu wurden 14 verschiedene Menschen bzw. „Lebende Bücher” eingeladen, darunter:

Tierschutzlehrerin im Tierheim Berlin (Ulrike Pollack) - Titel: „Meine Arbeit im Tierschutzverein”

Mitglied von Greenpeace in Berlin (Claudia Maiwald) - Titel: „Greenpeace-Aktivistin”,

Behindertenbeauftragter des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf (Uwe Hoppe) - Titel: „Es ist gut, verschieden zu sein”

Performance-Künsterlin (Pegula) - Titel: „Bodymodifikation - Das unvollendete Kunstwerk”

Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf (Dagmar Pohle) - Titel: „Sozial & Engagiert”

Kinderschutz-Zentrum Berlin e.V. vertreten durch Cornelia Ludovici - Titel: „Kindeswohlgefährdung und Kinderschutz”

Leiter des „Afrika-Hauses” in Berlin (Oumar Diallo) -Titel: „Ein Stück Afrika in Berlin”

Diese Menschen können, wie ein normales Buch, „ausgeliehen” werden. Um möglichst vielen Besuchern die Gelegenheit bieten zu können, mit den „Lebenden Büchern” Gespräche zu führen, wurde pro Unterhaltung ein Zeitlimit von 30 Minuten gesetzt.

„Lebende Bücher” in den Niederlanden

Die Stadtbücherei der niederländischen Grenzstadt Almelo verleiht seit März 2006 nicht nur Bücher an ihre Nutzer, sondern auch Vertreter von Minderheiten, wie z. B. Drogenabhängige, Homosexuelle und Behinderte, die mitunter gegen Vorurteile zu kämpfen haben. Der Bibliotheksdirektor Jan Krol der Stadtbücherei Almelo ist selbst homosexuell und befürwortet die Idee: „Sie erzählen unseren Lesern von ihrem Leben in der Minderheit. Wir wollen, dass die Menschen sich kennen lernen. Vorurteile entstehen doch vor allem durch Unwissenheit.”
Die Bibliothek bietet derzeit 25 Randgruppen-Vertreter für ein Gespräch an. Diese stehen mit Lebenslauf und Foto im Internet. Interessenten können sich bei der Ausleihe melden und für eine Stunde ein „Lebendes Buch” ausleihen. „Rent a Randgruppe” ist somit ein fester Bestandteil des Bibliotheksangebotes. Vorbild hierfür war die Bibliothek Malmö in Schweden mit der Aktion „Leih dir ein lebendes Buch”. In Almelo sollen vor allem Jugendliche angesprochen werden, um Vorurteile abzubauen und Toleranz zu fördern. In Berlin hingegen hatte man den Eindruck, dass sich das Angebot an möglichst alle Bevölkerungsgruppen richtete.

„Lebende Bücher” in Schweden

Auch die Stadtbibliothek Malmö hat das Konzept der „Living Library” im August 2005 aufgegriffen. Die Bibliothek von Schwedens drittgrößter Stadt zeigt, dass nicht nur Bücher nach ihrem Cover beurteilt werden. Sie bietet ihren Nutzern 45-minütige Gespräche mit ihren „Lebenden Büchern” an, um Vorurteile über verschiedene Religionen, Nationalitäten und Berufe zu widerlegen. Dies geschah in Verbindung mit einem Stadtfest in Malmö. Dabei konnten an zwei Tagen „Lebende Bücher” ausgeliehen werden, um den Menschen einen neuen Blick auf das Leben zu geben („a new perspective on life” ). Der Stadtbibliothek Malmö ging es darum Vorurteile zu bekämpfen und das allgemeine Zusammenleben zu fördern. Die „Lebenden Bücher” beantworteten Fragen über ihr Leben, ihren Glauben oder ihre Berufe. Das öffentliche Interesse an dieser Veranstaltung sei groß gewesen, so die Bibliothek.

Was ist das Ziel dieser Idee?

Es geht bei der Idee der „Lebenden Bücher” vorrangig um das Abbauen von Kommunikationsbarrieren. Des Weiteren strebt das Konzept an, Vorurteile zu widerlegen und Menschenrechte zu fördern. Rassismus und soziale Ausgrenzung sollen bekämpft und die Menschen zu persönlichem und politischem Engagement motiviert werden. Mit dem Projekt wird eine breite Zielgruppe angesprochen.

„Living Library” — eine besondere Bibliothek?

Das Konzept der „Living Library” ermöglicht Zusammentreffen und Gespräche zwischen Menschen, die sich sonst nie ergeben würden. Die Bibliothek fungiert dabei als neutraler Ort sowie als Kommunikations- und Diskussionsplattform. Hier können die „Lebenden Bücher” eigene Erfahrungen und Wissen vermitteln. Die Besucher können sich in einem „Katalog”, in dem die „Lebenden Bücher” mit Lebenslauf und Foto erschlossen sind, das sie interessierende Buch auswählen und in einem persönlichem Gespräch alle Fragen stellen, die ihnen zu der Thematik in den Sinn kommen.
Die „Living Library” sammelt und bewahrt keine „Lebenden Bücher”. Sie werden zwar ausgewählt und eingeladen, sind aber nicht auf Dauer in der Bibliothek, sondern nur für den einen Tag (Beispiel Berlin Marzahn-Hellersdorf). In der Stadtbücherei Almelo und in der Stadtbibliothek Bielefeld hingegen sind sie fest in das Bibliotheksangebot integriert.
Bei der Veranstaltung geht es unter anderem auch darum, auf sich als Bibliothek aufmerksam zu machen und neue innovative Konzepte zu verwirklichen. Auch der Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit leistete einen Beitrag zu diesem besonderen Tag, in dem er die Eröffnungsrede für das Event „Lebende Bücher in Ihrer Bibliothek” (Beispiel Berlin Marzahn-Hellersdorf) schrieb.
Die Besucher kommen aus Neugier in die Bibliothek und sollen den Veranstaltungstag in Erinnerung behalten. Sie entdecken, was die Bibliothek zu bieten hat. Den „Lebenden Bücher” wird somit ebenso ein unvergesslicher Tag geboten, an dem sie im Mittelpunkt stehen und ihren Standpunkt vertreten können.
Die Bibliothek dient hier also als Ort der sozialen Integration und als Treffpunkt.

Literaturangaben:

Detlefs, Beate (2006): Lebende Bücher: eine neue Dimension der Ausleihe, S. 19

Lebende Bücher, URL: http://www.lebende-buecher.de/projekt.html

Wortel, Silke (2006): Rent a Randgruppe

Zitat der Stadtbibliothek Malmö, At one Swedish library, you can borrow books — and a lesbian (2005), URL: http://www.advocate.com/news_detail_ektid19850.asp

At one Swedish library, you can borrow books — and a lesbian (2005), URL: http://www.advocate.com/news_detail_ektid19850.asp

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008