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Ausgabe I/2008 Ausgabe II/2008
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Besondere Bibliotheken — Stichwort Aufbrüche

Bookcrossing – die besondere Bibliothek?

von Sandra Reiling

Was ist Bookcrossing?

Bookcrossing wurde von dem Programmierer Ron Hornbaker aus Kansas City in den USA ins Leben gerufen. Der Liebhaber von Internetseiten wie PhotoTag (verteilt Einwegkameras in der freien Wildbahn und sammelt die entstandenen Schnappschüsse) und Geochaching (GPS unterstützte Schnitzeljagd) kam auf die Idee etwas ähnliches mit Büchern zu machen. Sein Ziel war es, um eine Datenbank ein Softwaretool zu bauen, das Menschen erlaubt, nicht mehr gebrauchte Bücher absichtsvoll und kontrolliert zu „verlieren“ und gleichzeitig Interessenten die Möglichkeit bietet, diese Bücher wieder aufzufinden.
Über diese Werke sollten Ideen und Geschichten an Orten zirkulieren, wo sie sonst nicht hinkämen und vielleicht auch Kontakte geknüpft werden, wo sie sonst nicht entstünden. Im März 2001 begann Hornbaker dann eine Internetseite zu basteln, die bereits einen Monat später online ging.

Wer nimmt am Bookcrossing teil?

Mittlerweile, 6 Jahre später, haben sich rund 545.000 Bookcrosser registriert, die mehr als 3,8 Millionen Bücher freigelassen haben. Und jeden Tag kommen etwa 300 neue Mitglieder hinzu. Hornbakers Idee ging also auf. Besser noch, durch das große Echo in den Medien und vor allem durch Mundpropaganda, hat sich Bokkcrossing zu einem globalen Ereignis entwickelt. Derzeit zählt man Mitglieder aus über 130 Ländern der Welt. Von der „Antarktis“ bis nach „Zimbabwe“ gibt es begeisterte Bookcrosser, die übrigens allen Altersschichten und demographischen Gruppen angehören. Noch immer kommt der Großteil der Mitglieder aus den USA, aber die Gemeinschaft in Europa und vor allem in Deutschland wächst stetig.

Wie funktioniert die Teilnahme?

Die Teilnahme am Bookcrossing ist denkbar einfach: Interessierte melden sich kostenlos auf der Seite „bookcrossing.com“ an. Dann registriert man die Bücher, die man gerne auf die Reise schicken möchte und erhält im Gegenzug für jedes Buch eine eigene BCID (BookCrossing-IDentifikationsnummer), auf die sich die nachfolgende Kommunikation stützt. Mit dieser Nummer wird dann das Buch gekennzeichnet. Entweder tut man das handschriftlich oder druckt sich ein Etikett aus und lässt dann das Buch frei. Nach Zufallsprinzip wird es so von einem anderen gefunden, der anhand der BCID, die er auf der Internetseite eingibt, ausfindig machen kann, wer dieses Buch freiließ und wo es schon überall war. Zum anderen kann sich der neugierige Vorbesitzer über das Wohlergehen seines Schmökers informieren. Der Finder selbst kann nun auch einen Eintrag zum Buch hinterlassen, liest es und setzt es dann wieder aus.

Wo setzt man die Bücher aus?

Den Möglichkeiten an Orten, an denen man die Bücher aussetzen kann, sind nur wenige Grenzen gesetzt: man kann sie überall dort liegen lassen, wo sie keine Sicherheitsprobleme verursachen. Aus diesem Grund ist es den Bookcrossern auch verboten, Bücher an Flughäfen oder in Flugzeugen zu deponieren, da sie dort fälschlicherweise für Bomben gehalten werden könnten. In New York haben die Bookcrosser bereits aufgehört, die Bücher in U-Bahnen freizulassen, da dies immer wieder zu Schwierigkeiten geführt hat. Grundsätzlich sollte man beim Aussetzen der Bücher immer den gesunden Menschenverstand einschalten. Das heißt z. B. keine Erwachsenenbücher an Spielplätzen freizulassen, wo Kinder sie finden könnten.Sinnvolle Plätze sind Kneipen, Telefonzellen, Restaurants, Busse, Krankenhäuser, Parkbänke usw., eigentlich überall wo Menschen warten müssen oder sich länger aufhalten. Auf der Internetseite von Bookcrossing gibt es auch eine Anleitung, wie Bücher wasserfest verpackt werden können, damit auch zu Wasser gelassene Werke keinen Schaden nehmen.

Wie kann ich die Bücher in Umlauf bringen?

Es gibt verschiedene Arten, Bücher in Umlauf zu bringen. Eine besonders humoristische Art, dies zu tun, ist das Themen-Release. Hierbei lässt man die Schmöker nicht einfach wahllos frei, sondern gibt dem Ganzen einen gewissen Hintergrund. Bspw. lässt man ein Buch über Hunde in einer Tierarztpraxis liegen, versenkt „20.000 Meilen unter dem Meer“ im nächstbesten Brunnen oder entlässt das Buch seines Lieblingsautors an dessen Geburtstag in Freiheit.
Weiterhin ist es möglich, Bücher kontrolliert freizulassen. Hierzu ist es notwendig, dass die Bookcrosser über die Webseite in Verbindung miteinander treten und dann eine der folgenden Möglichkeiten zum Büchertausch nutzen:

Bookring: Initiator bietet ein Buch im Internet an und schickt es an den ersten Interessenten; dieser liest es, erfragt beim Zweiten dessen Adresse und schickt es weiter. Der Letzte schickt es dann wieder an seinen Ausgangspunkt zurück.

Bookray: funktioniert genauso, doch kann der Letzte in der Reihe nach Belieben über das Buch verfügen, d. h. es behalten oder selbst wieder freilassen.

Bookbox: funktioniert ebenfalls wie ein Bookring, doch wird hier ein ganzes Paket mit Büchern (meist zu einem bestimmten Thema) auf die Reise geschickt. Der Empfänger nimmt die Bücher, die ihn interessieren heraus, füllt die Kiste mit anderen Büchern zum Thema und schickt sie weiter.

Bookspiral: (Buchspirale) funktioniert ähnlich wie ein Bookring oder Bookray, doch wird hier eine Buchreihe verschickt. Zunächst wird das erste Buch versandt. Wenn der erste Empfänger es ausgelesen hat und weiterschickt, wird das zweite Buch zu ihm auf die Reise gebracht und so weiter.

Immer mehr öffentlich zugängliche Räume bieten den Bookcrossern zudem an, Plätze zum Büchertausch bereitzustellen. Cafébesitzer z. B. stellen hierzu eine Kiste oder etwa einen kleinen Schrank zur Verfügung, in welchem die Buchliebhaber nach Belieben eigene Bücher deponieren und selbst Bücher herausnehmen können.

Was bietet Bookcrossing noch?

Neben dem Freilassen von Büchern bietet Bookcrossing.com zusätzlich noch eine Auswahl an Foren, in denen sich die Mitglieder an Gesprächen beteiligen können. Wer dies allerdings lieber analog tut, kann an den stattfindenden Bookcrosser-Treffen teilnehmen. Städten, wo die Bookcrossing-Gemeinde noch nicht sehr groß ist und deshalb nur selten ausgesetzte Bücher aufgefunden werden, können die Bookcrosser auch „Bücher-Jagen“. Dafür muss man die Go-Hunting-Funktion auf der Webseite nutzen: Gewünschtes Land und die dazugehörige Stadt eingeben und als Ergebnis erhält man eine Liste, die anzeigt, welche Bücher noch in Freiheit sind sowie wann und wo sie ausgesetzt wurden. Und die Schnitzeljagd kann beginnen.
Weiterhin wird über die Webseite eine Reihe von Leader-Boards erstellt. Diese geben interessante Auskünfte, wie z.B. welches Buch die meisten Stationen bereist oder welches Mitglied die meisten Werke ausgesetzt hat.Regelmäßig aktualisiert wird eine „Catch and Release-Map“, die anzeigt, welche Bücher wo auf der Erde gerade freigelassen und wo im Gegenzug welche gefangen wurden. Dies erst macht einem die globale Verbreitung des Bookcrossing wirklich klar. Zudem gibt es über Bookcrossing.com die Möglichkeit, nach bestimmten Büchern zu suchen oder auch in ausgewählten Kategorien zu browsen. Besteht dann unter den Bookcrossern Einigkeit, können diese die Bücher tauschen oder auch untereinander verkaufen.

Warum hat Bookcrossing so viele Liebhaber

Bookcrossing verbindet Abenteuer, Uneigennützigkeit und Literatur auf eine ganz besondere Weise. Es entsteht ein Nervenkitzel, den viele aus Kinderzeiten noch kennen. Dieses Gefühl, wenn man voller Hoffnung eine Flaschenpost ins Wasser lässt und gespannt ist, ob sie jemals gefunden wird. Oder einen Zettel an einem Ballon befestigt und ihn in den Himmel steigen lässt. Ähnlich ist es beim Bookcrossing, denn wer weiß schon, wohin es das Buch verschlägt? Die Bookcrosser wollen ihre Bücher mit der Welt teilen, stellen den Anspruch, die ganze Welt zu einer großen, offenen Bibliothek zu machen. Durch die Tauschbörse soll es einfacher werden, an Literatur zu kommen und Menschen dazu zu animieren, mehr zu lesen und Spaß an Büchern zu bekommen.

Bookcrossing – eine Bibliothek?

Zuerst einmal ist Bookcrossing sicherlich eine Entwicklung, die aufgrund des weltweiten Trends zur Globalisierung entstanden ist. Bookcrossing ist als Prozess in der Gesellschaft zu sehen, in dem Menschen ein großes Netzwerk bilden und ihre Medienbestände zugänglich machen. Doch erfüllt Bookcrossing auch die Funktionen einer Bibliothek? Welchen Zweck erfüllt Bookcrossing in der Gesellschaft?

Power – Hegemoniale Instanz: Durch die Verschiebung des Machtfaktors in der Gesellschaft kann man Bookcrossing, einer von der Gesellschaft betriebenen Entwicklung, einen gewisse Macht zusprechen.

Memory – Kulturelles Erbe bewahren: Im Hinblick auf die Verlustquote von rund 75 % kann Bookcrossing nicht als Bewahrer kulturellen Erbes bezeichnet werden.

Workshop – Werkstatt menschlicher Erkenntnis: Durch die Kommunikation über Foren entstehen sicherlich Gespräche, die zur Erweiterung der menschlichen Erkenntnis beitragen.

Information – Suchmaschine für gezielte Informationen: Es besteht zwar die Möglichkeit gezielt nach Büchern zu suchen, trotzdem ist es durch die oft weite Distanz zwischen den Bookcrossern nicht immer einfach, schnell an die gewünschte Literatur zu kommen.

Space – Ort für soziale Integration: Die Welt als Raum zu sehen, fällt zwar nicht schwer und auch Städte können im Fall von Bookcrossing als Ort bezeichnet werden. Doch den räumlichen Aspekt, den eine gewöhnliche Bibliothek erfüllt, kann Bookcrossing nicht bieten. Zum anderen erfüllt eine herkömmliche Bibliothek auch bestimmte Kernaktivitäten. Tut Bookcrossing das auch?

Sammeln – In gewisser Hinsicht kann Bookcrossing diesem Anspruch standhalten. Es ist zwar nicht nur ein Sammeln, sondern auch ein stetiges Weitergeben, doch im Grunde tut dies eine gewöhnliche Bibliothek auch. 

Erschließen – Zwar können die Werke verschiedenen Kategorien zugeordnet werden, doch von formaler und inhaltlicher Erschließung kann hier nicht die Rede sein.

Bewahren – Wie bereits erwähnt, ist die Verlustquote der Bücher sehr hoch. Ob die Werke nun von der Stadtreinigung eingesammelt oder von Spielverderbern vernichtet werden, spielt keine Rolle, aber eine langfristige Archivierung ist mit Bookcrossing nicht möglich.

Vermitteln – Im Hinblick auf die Workshop-Funktion kann dem Bookcrossing auch eine Informationsvermittlungsfunktion zugesprochen werden.

Ort bereitstellen – Ein Ort im klassischen Sinne kann Bookcrossing zwar nicht bereitstellen, doch wer die Welt als Raum sieht, ist auch beim Bookcrossing bedient.

Fazit zum Bookcrossing

Bookcrossing ist eher als weltweiter Buchclub zu sehen, denn als Bibliothek. Noch kann das Bücheraussetzen nicht den Anforderungen an eine Bibliothek standhalten. Trotzdem verbindet Bookcrossing Literaturliebhaber auf einzigartige Weise, denn das Teilen von Büchern wird hierbei aufregender und unverhoffter, als es in einer Bibliothek jemals sein könnte.
Durch Bookcrossing wird die Welt zwar nicht zur Bibliothek, aber immerhin zum Schauplatz der wohl weltgrößten Schnitzeljagd für Erwachsene.

| ©2008 FH-Potsdam, FB Informationswissenschaften | Stand: 19.12.2008