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Die hybride Rolle der Staatsbibliothek Bamberg

von Johannes Braun

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Im vorliegenden Essay wird die Staatsbibliothek Bamberg vorgestellt. Nach einem einleitenden Teil wird etwas über die Geschichte der Bibliothek gesagt, gefolgt von einer Beschreibung der zum Teil sehr wertvollen und historischen Bestände. Im Weiteren wird auf die Aufgaben, den Charakter und die Bedeutung der Institution eingegangen und die Einordnung in das 4-Stufen-Bibliotheksmodell versucht. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der aufgeführten Punkte.

Im Rahmen des mit größeren – vor allem öffentlichen – Bibliotheken recht dünn ausgestatteten nordbayrischen Regierungsbezirks Oberfranken stellt die Staatsbibliothek Bamberg einen wichtigen Eckpfeiler in der Literaturversorgung von Wissenschaft und Bevölkerung dar. Zu diesem Zweck arbeitet sie eng mit der Universitätsbibliothek der Otto-Friedrich-Universität Bamberg zusammen. Als besonderer Schwerpunkt ist die regionale Literatur anzusehen.

Neben der Staatsbibliothek Bamberg sind als weitere wichtige Bibliotheken der Region vor allem die Hochschulbibliotheken der Universitäten Bamberg und Bayreuth sowie der Fachhochschulen Coburg und Hof zu nennen, darüber hinaus noch die Stadtbibliotheken der größeren oberfränkischen Städte. Besonderes Augenmerk gilt der Landesbibliothek Coburg, die knapp 400.000 Bände aktueller und historischer Literatur sowie 400 Handschriften, 151 Inkunabeln und ca. 6.500 Autographen in ihrem Bestand hat und für etwa 3700 angemeldete Nutzer des nordwestlichen Oberfrankens zuständig ist.

Bamberg liegt am Main, gute 60 km nördlich der mittelfränkischen Metropole Nürnberg und knapp 70 km westlich von Oberfrankens nur unwesentlich größerer Regierungshauptstadt Bayreuth. Stadt bzw. Erzbistum haben eine lange, traditionsreiche Geschichte, die bis heute nicht nur das Antlitz des rund 70.000 Einwohner zählenden Ortes prägt, sondern auch in hohem Maße seine kulturelle Landschaft bis zum heutigen Tage gestaltet. Die Staatsbibliothek ist in diesem Zusammenhang nicht nur in einem historischen Gebäude untergebracht, sie weist auch wichtige historische Bestände auf.

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Am auffälligsten – oder befremdlichsten – mag an dieser Einrichtung auf den ersten Blick der Name „Staatsbibliothek” erscheinen, der in Unbedarften sofort Assoziationen mit der Staatsbibliothek zu Berlin oder der Bayrischen Staatsbibliothek in München hervorruft. Dass die Staatsbibliothek Bamberg weder an Größe und Bedeutung noch vom Aufgabenbereich her an diese heranreicht, sollte nach kurzer Überlegung jedoch jedem klar werden. Der Grund für den irreführenden Namen liegt, wie fast immer in solchen Fällen, hauptsächlich in der Geschichte begründet: Als Folge der Säkularisation 1803 wurden die Buchbestände des ehemaligen Hochstifts Bamberg, also der nun aufgelösten Klöster und geistlichen Stifte, mit der Bibliothek der alten, aufgehobenen Universität zusammengeführt (in diesem Zusammenhang ging allerdings ein Teil der wertvollen Bestände an die heutige Bayerische Staatsbibliothek). (Siehe Abbildung1) Die somit neu geschaffene öffentliche Bibliothek erhielt zunächst den Namen „Kurfürstliche Bibliothek” und kam in das „Kollegienhaus der Jesuiten”, seit 1648 akademischer Bibliothekssitz. Aufgrund politischer Umwälzungen änderte sich der Name in den folgenden Jahren noch mehrfach, erst 1806 in „Königliche Bibliothek”, dann 1918 in „Staatliche Bibliothek”, bis 1966 offiziell der Name „Staatsbibliothek” eingeführt wurde, was 1967 mit dem Umzug in die Neue Residenz einherging. In Anbetracht des Zeitpunkts der Umbenennung und der bis dahin längst absehbaren Irritationen ist der Name sehr ungünstig gewählt. „Staatliche Bibliothek” mag zwar ebenfalls leicht zu Verwirrungen geführt haben, jedoch nicht in demselben Ausmaß. Der Name konnte außerdem 1966 schon als historisch gewachsen gelten. Nachdem man aber schon beschlossen hatte, eine Namensänderung durchzuführen, hätte es nicht viel Weitsicht erfordert, aus Einfachheitsgründen eine andere Bezeichnung zu wählen. (Siehe Abbildung 2)

Die Staatsbibliothek Bamberg hat auf Grund ihrer Geschichte besonders viele historische Schriftstücke in ihrem Bestand, darunter eine Handschriftensammlung von 4.500 Bänden einschließlich 1.000 mittelalterlichen Codices, deren wertvollste bis auf Kaiser Heinrich II. zurückgehen. Zu nennen sind hier auch die 3.400 Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts, viele große Legate des 19. Jahrhunderts, die Sammlung des Kunstliebhabers Joseph Heller (1798-1849) mit einem Umfang von etwa 70.000 Blättern, die den Grundstock zur heute noch weitergeführten Graphischen Sammlung bilden, der Nachlass Emil Marschalks von Ostheim (1841-1903) mit einer Spezialsammlung auch entlegener Kleinschriften zur Revolution von 1848, und die Bambergensien-Sammlung (Res Bambergenses), die die in Bamberg erschienene Literatur umfasst. Als Sondersammlungen bietet die Staatsbibliothek Handschriften über Antike und Christentum, biblische und liturgische Handschriften des 9. bis 11. Jahrhunderts, Reichenauer Handschriften der Jahrtausendwende, Seeoner Handschriften, Bamberger Handschriften (u.a. aus dem Skriptorium des Klosters Michaelsberg), eine Sammlung zum Buchdruck des 15. Jahrhunderts, die große E.T.A. Hoffmann-Sammlung, sowie Stammbücher. Außerdem gibt es eine Regionalbibliographie. Alles in allem umfasst der Bestand etwa 475.000 Bände, 80.000 Graphik- und Fotoblätter, 3.400 Inkunabeln und 6.000 Handschriften und handschriftliche Materialien (davon ca. 1.000 mittelalterliche).

Um sich über die Aufgaben der 21 Mitarbeiter beschäftigenden Bibliothek ein Bild zu machen, bietet es sich an, sich den von der Staatsbibliothek formulierten Text zu Gemüte zu führen. Da heißt es: „Die Staatsbibliothek Bamberg dient als geisteswissenschaftliche Allgemeinbibliothek der Literaturversorgung von Stadt und Region für wissenschaftliche Zwecke, berufliche Arbeit und persönliche Fortbildung.” Sie hat also wissenschaftlichen Charakter, jedoch nicht ausschließlich. Dass sie jedem Bürger kostenlos (bis auf einige Sonderdienste) zur Verfügung steht, unterstreicht dies. Weiter heißt es: „Als Regionalbibliothek sammelt sie das Schrifttum aus und über Oberfranken möglichst vollständig. Pflichtstücke sind seit 1987 die Publikationen der oberfränkischen Verlage (bereits seit 1919 die Amtlichen Druckschriften oberfränkischer Behörden).” Die Aufgabe der vollständigen Sammlung von Literatur aus der Region tritt also in neuerer Zeit verstärkt in den Vordergrund. Demnach sieht sich die Bibliothek vor allem als Hüter und Vermittler historischer und regionaler Werke für die Allgemeinheit. Dass eine derartige Bestandszusammensetzung besonders Wissenschaftler – vor allem Heimatkundler und Historiker – auf den Plan ruft, ist nur als natürlich anzusehen.

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Die Staatsbibliothek Bamberg erfüllt viele Voraussetzungen und Aufgaben vieler unterschiedlicher Bibliothekstypen. Zum einen bleibt festzuhalten, dass sie trotz ihres regionalen Bezuges wegen ihrer außergewöhnlichen und wertvollen Bestände von überregionaler, ja deutschlandweiter Bedeutung ist, besonders für die Wissenschaft. Ihr zugegeben unglücklich gewählter Name deutet dies bereits an, haben doch auch ihre Namensvettern unter den großen deutschen Bibliotheken derlei Bestände zu bieten. Zum anderen gliedert sie ihr Anspruch als Regionalbibliothek in die dritte Stufe des 4-Stufen-Modells von "Bibliotheken 93" ein. Ihre Sammlung regionaler Literatur (mit Pflichtexemplarabgabe) deutet darauf hin, ebenso die Regionalbibliographie, die Sammlung und Erschließung von Nachlässen wichtiger regionaler Persönlichkeiten sowie regionsbezogene Ausstellungen. Jedoch ist der Bestand hinsichtlich des Spektrums arg begrenzt, z. B. kann die Bereitstellung fremdsprachiger wissenschaftlicher Literatur kaum selbst geleistet werden. Insgesamt steht der hohe Grad der Spezialisierung einer Darstellung als Bibliothek des „spezialisierten Bedarfs” eher im Wege, da eine Breitenbetreuung nicht geleistet werden kann. Zudem dürfte der Einzugsbereich - besonders, was die gesammelte Literatur betrifft - bei den meisten Landes- und Regionalbibliotheken erheblich größer sein.

Da die Staatsbibliothek Bamberg mit der örtlichen Stadtbücherei, besonders aber der Universitätsbibliothek eng zusammenarbeitet, befindet sie sich gar nicht in der Zwangslage, alle Bedürfnisse selbst befriedigen zu müssen, zumal sie fester Bestandteil des Fernleihsystems des Bayerische Bibliotheksverbandes ist. Sie ist eine fruchtbare Symbiose mit der Bibliothek der Universität im Bereich Zuständigkeiten (sowohl Erwerbung als auch Nutzerbefriedigung) eingegangen, von der beide Seiten nur profitieren können: Die Staatsbibliothek kann sich mit einem recht überschaubaren Bereich an Sammelgebieten begnügen, die Universität hingegen hat Zugriff auf besonders wertvolle Stücke und kann sich sogar etwas im Glanz der historischen Prunkstücke sonnen.

So gesehen vermittelt die Staatsbibliothek beinahe den Eindruck einer Spezialbibliothek, denn der starke Bezug zu Region (mit auch sehr viel grauer Literatur) und Geschichte lässt kaum Platz für anderes. Allein die Größe, das Einzugsgebiet und das allgemeine Interesse sprechen dem entgegen. Dass ihr Charakter weder Fisch noch Fleisch ist, zeigt auch schon ihre Selbstdarstellung: „Sie ist eine wissenschaftliche Bibliothek, die der Literaturversorgung für Stadt und Region dient.” Was denn nun, wissenschaftlich oder für Stadt und Region? Wohl ist damit gemeint, dass ihre Bestände zwar jedermann unentgeltlich zugänglich, auch ihre illustren Ausstellungen wertvoller Schätze (was ihr übrigens auch noch stark musealen Charakter verleiht) ein großer Besuchermagnet sind, jedoch ein Großteil des (außer bei genannten Ausstellungen) nicht gerade in Massen einströmenden Klientels aus Wissenschaftlern – oft auch zum Freizeitvergnügen – besteht, die der Geschichte und Heimatkunde frönen. Man könnte sie also eine öffentliche Bibliothek mit wissenschaftlichem Anspruch nennen.

Die Staatsbibliothek Bamberg bleibt als eine der großen historischen Bibliotheken unserer Zeit eine typologische Chimäre, da sie, wie wohl viele ihrer Art, etliche Teilbereiche der modernen Informationslandschaft mit übernommen hat. Als öffentlich-wissenschaftliche Spezialbibliothek irgendwo zwischen der zweiten und dritten Stufe ist sie jedoch besonders aus kultureller Sicht aus Oberfranken nicht mehr wegzudenken. Es sei jedem empfohlen, durch die muffigen Säle und düsteren Gänge der Neuen Residenz in etwas ehrwürdiger Atmosphäre zwischen wirklich alten Büchern zu wandeln, um wieder einmal zu fühlen, was es heißt - heißen kann - Bibliothekar zu sein.

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Literaturverzeichnis

Staatsbibliothek Bamberg: http://www.staatsbibliothek-bamberg.de/bibliothek/index.php
(letzter Zugriff 01.07.2008)

Abbildungsverzeichnis

Lizenz: Abb.1: GNU Free Documentation License
http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html
Abb.2: Gemeinfrei

Abb.1: Die Neue Residenz am Domplatz
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:Bamberg_Neue_Residenz.jpg&filetimestamp=20060728170934

Abb.2: Miniatur aus der Bamberger Apokalypse
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:BambergerApokalypse.jpg&filetimestamp=20070409140541

[letzter Zugriff auf alle Internetquellen am 07.07.2008]

Entwurf des Programms
Abb.1: Die Neue Residenz am Domplatz

Diskursion in der Pause
Abb.2: Miniatur aus der Bamberger Apokalypse

letzte Aktualisierung: 7. Juli 2008