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Einordnung der Stiftsbibliothek St. Gallen in den Typus einer Spezialbibliothek

von Katrin Egger

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Als Vertreterin der Bibliotheksart „Stifts- und Klosterbibliothek” wird im folgenden Essay die Stiftsbibliothek St. Gallen in das 4-Stufen-Modell des Planungspapiers „Bibliotheken ’93” eingeordnet. Hierzu wird nach einer einführenden und methodischen Bemerkung die Stiftsbibliothek St. Gallen vorgestellt. Anschließend wird ihre Definition als Spezialbibliothek dargelegt und gegen andere Einordnungsversuche abgegrenzt, was zum Schluss noch einmal zusammenfassend dargestellt wird.

Im Rahmen meiner Semesterarbeit im Kurs „Bibliothekstypologie I” befasse ich mich im Folgenden mit der typologischen Eingliederung der Stiftsbibliothek St. Gallen zum Typ der Spezialbibliotheken. Stifts- bzw. Klosterbibliotheken nehmen aus gegebenem Anlass – der Weltabgewandtheit ihrer Trägerinstitutionen – in der Bibliothekswelt eine Sonderstellung ein und finden dadurch leider nur sehr wenig Beachtung in der Typologielehre während einer bibliothekarischen Ausbildung. Um diese kleine Wissenslücke zu füllen, wählte ich eine Vertreterin dieser Bibliotheksart zum Hauptgegenstand vorliegender Arbeit: Die Stiftsbibliothek St. Gallen. Für diese Bibliothek entschied ich mich, da sie eine der größten und ältesten Bibliotheken ihrer Gattung ist und sich meiner Meinung nach zum Zwecke einer genaueren Betrachtung, stellvertretend für alle Klosterbibliotheken, gut eignet. Im Folgenden möchte ich nun anhand verschiedener Argumente, betreffend die unterschiedlichen Merkmale, die eine Spezialbibliothek laut dem 4-Stufenmodell des Planungspapiers „Bibliotheken ’93” aufweisen soll, darlegen, dass die Stiftsbibliothek St. Gallen, und mit ihr andere Bibliotheken der Kategorie Kloster- bzw. Stiftsbibliothek, nicht etwa eine separate Stellung in der Bibliothekslandschaft einnehmen, sondern zweifellos zu den Spezialbibliotheken zählen.

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Die Spezialbibliothek definiert sich durch die Zugehörigkeit zu ihrem Träger, aus dem sich spezielle Sammelaufträge und/oder fachliche Schwerpunkte ergeben können. Dies liegt bei der St. Gallener Stiftsbibliothek eindeutig vor: Obwohl das Kloster, zu dem die Bibliothek einst gehörte, bereits 1805 aufgelöst wurde, beeinflusste es den Bestand der Bibliothek seit deren Gründung, die ca. im Jahre 820 n. Chr. liegt, und so findet man in den Katalogen alle für ein Stift wichtigen Bücher, genauso wie die von den Mönchen verfassten, kopierten oder ausgeschmückten Werke. Und auch seit der Schließung des Klosters bis zum heutigen Tag werden nach den gleichen Gesichtspunkten weiterhin Handschriften, Inkunabeln und Alte Drucke gesammelt, sowie eine Forschungsbibliothek mit Schwerpunkt Mediävistik ständig erweitert. Die Autographen- und Handschriftensammlungen, welche eigentlich für eine Bibliothek der vierten Stufe mit hochspezialisiertem Bedarf typisch sind, ergeben sich aus dem historisch gewachsenen Bestand und dem Themenschwerpunkt der Stiftsbibliothek und entsprechen somit keinem Merkmal, welches annehmen ließe, die behandelte Bibliothek gehöre zu Ebene vier des Stufenmodells von „Bibliotheken ’93”. Dies lässt sich auch anhand anderer, fehlender Kennzeichen, wie z.B. der Erstellung einer Nationalbibliographie, der nationalen Dienstleistung der Erschließung oder der nationalen Datenstandardisierung, widerlegen. Die Zugehörigkeit zu Stufe zwei des zu Grunde liegenden Modells lässt sich ausschließen, da es sich bei Bibliotheken dieser Ebene um Großstadtbibliothekssysteme handelt, welche öffentlich sind und vorrangig die Bedürfnisse der Bevölkerung ihres Einzuggebietes stillen, was bei der Stiftbibliothek St. Gallen nicht der Fall ist. Die Funktionen, die eine Bibliothek der Stufe drei, wie eine Spezialbibliothek sie ist, aufweist, sind bei der Stiftsbibliothek St. Gallen hingegen deutlich zu erkennen. So ist es eines der Grundprinzipien der dort beschäftigten Bibliothekare, die kulturellen und wissenschaftlichen Überlieferungen zu archivieren und – soweit möglich – heutigen und zukünftigen Forschern zugänglich zu machen. Außerdem nimmt die Stiftsbibliothek für den Kanton St. Gallen und für die gesamte Schweiz kulturelle Aufgaben wahr, indem sie Museumsfunktionen übernommen hat. Auf Grund dieser bietet sie Führungen an und organisiert Ausstellungen. Durch die Forschungsbibliothek, die für Studenten und Interessierte frei zugänglich ist, werden auch noch Aufgaben in der Fort- und Weiterbildung übernommen. Anhand dieser Funktionen – Bereitstellung von Informationen für Fort- und Weiterbildung, besonders im Arbeitsbereich Mediävistik, Sicherung kultureller und wissenschaftlicher Überlieferung und Wahrnehmung kultureller Aufgaben auf regionaler Ebene – ist die Stiftsbibliothek, wie bereits erwähnt, eindeutig als eine Bibliothek der dritten Stufe zu erkennen. Um aber die Zuordnung zum Typ Spezialbibliothek darzustellen, sei nun noch auf die augenfälligen Unterschiede zu anderen Bibliotheken der dritten Stufe hingewiesen: Von einer Hochschulbibliothek ist die St. Gallener Stiftsbibliothek ganz klar abzugrenzen, da sie Studenten zwar explizit zu ihrem Nutzerkreis zählt, aber keine Zugehörigkeit zu einer Hochschule vorzuweisen hat. Auch die Bezeichnung einer Landes- oder Regionalbibliothek wäre unzutreffend, da die Stiftsbibliothek keine explizit für das Land erstellten Dienste, wie die Anfertigung einer Landesbibliographie oder Sammlung der gesamten im und über das Land erschienenen Literatur, anbietet.

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Der Nutzerkreis ist – wenn man von Touristen und „Museumsbesuchern” absieht – wie bei den meisten Spezialbibliotheken, sehr eng, d.h. da die eigentlichen Nutzer, die Angehörigen des Stifts, nicht mehr vorhanden sind, werden nun Wissenschaftler, Studenten und historisch interessierte Personen als Klientel angesehen. Die für eine Spezialbibliothek ungewöhnlich starke öffentliche Präsenz, in Form von einem Internetauftritt und Werbung für verschiedene Ausstellungen sowie Vertrieb zugehöriger Ausstellungskataloge, kann auf die Sonderfunktion als Museum zurückgeführt werden. Diese Funktion, die durch die Stellung der Bibliothek als UNESCO-Welterbe entstanden ist, macht diese Klosterbibliothek nur noch „spezieller” hinsichtlich ihrer damit verbundenen kulturellen Aufgaben in Kanton und Land und trägt somit dazu bei, dass die Stiftbibliothek St. Gallen umso besser ins Profil einer Spezialbibliothek passt. Die Museumsfunktion hat aber keinerlei Effekte auf den Bestand oder die Leistungsmerkmale der Bibliothek an sich, sondern bringt – abgesehen von der verstärkten Öffentlichkeitsarbeit – lediglich erhöhte Besucherzahlen und Führungen in den Prunksälen mit sich.

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Anhand der oben genannten Argumente, welche sich auf die von „Bibliotheken ’93” als maßgebend bestätigten Merkmale (Bestand, Trägerschaft, Nutzerkreis, Öffentlichkeitsarbeit, Funktion) für die typologische Eingliederung einer Bibliothek stützen, ist die Zugehörigkeit der Stiftsbibliothek St. Gallen zur Gattung der Spezialbibliotheken dargestellt worden. Auch wenn diese einzelne Bibliothek über gewisse Alleinstellungsmerkmale wie z.B. ihre Museumsfunktion verfügt, so kann sie doch stellvertretend für andere Kloster- oder Stiftsbibliotheken stehen, da diese sehr ähnliche Ausprägungen obengenannter abgrenzender Merkmale aufweisen. So hoffe ich nun, die Stiftsbibliothek St. Gallen und mit ihr die restlichen Vertreterinnen ihrer Gattung durch meine Argumentation eindeutig dem Typ der Spezialbibliotheken zugeordnet zu haben.

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Literaturverzeichnis

Hobohm, Hans-Christoph: Vorlesungsmaterialien zum Kurs M7a „Das Bibliothekswesen in Deutschland“ WS 2006/2007

Stiftsbibliothek St. Gallen: http://www.stiftsbibliothek.ch/index.asp
(letzter Zugriff 02.07.2008)

letzte Aktualisierung: 5. Juli 2008