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Die Berliner Comicbibliothek „bei Renate“

von Melanie Topphoff

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Der Artikel beschreibt die Struktur und Organisation der Comicbibliothek „bei Renate“ im Hinblick auf die Erfüllung der bibliothekarischen Kennaktivitäten und ihrer gesellschaftlichen Funktion.

Allgemeines

Die Comicbibliothek "bei Renate" wurde 1992 als ABM-Projekt von drei Comicfreunden gegründet und befindet sich seit 2002 in der Tucholskystraße 32 in Berlin-Mitte. Sie ist die einzige Comicbibliothek in Deutschland, aus der man die Comics auch ausleihen kann. Zurzeit arbeiten 12 ehrenamtliche Mitarbeiter, von denen 4 eine bibliotheksnahe Ausbildung abgeschlossen haben, in der Bibliothek. Die Bibliothek besitzt ca. 15.000 hauptsächlich deutschsprachige Comics. Es existiert zurzeit kein offizieller Träger der Bibliothek mehr, da sich der frühere Trägerverein “Mackroh Gallerie” aufgelöst hat. Die anfallenden Kosten, bspw. die Miete, werden durch den Verkauf von Comics und durch die Nutzergebühren der Bibliothek erbracht. Laut dem Leiter, Herrn Peter Lorenz, ist geplant, dies durch die Gründung eines eigenen gemeinnützigen Vereins zu ändern.

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Entwicklung / Trends

Es ist angedacht, die Comics nach deren Erschließung in einer Datenbank mit integriertem Bibliothekssystem nachzuweisen, um den Nutzern den Zugriff auf die Comics auch von zu Hause zu ermöglichen. Eine Klassifikation ist bereits vorhanden. Eine Einbindung einer social Software ist nicht vorgesehen bzw. es sind nicht genügend Mittel, sowohl personeller als auch finanzieller Art, vorhanden. Die bevorzugte Zielgruppe der Bibliothek sind Kinder und Jugendliche, sowie junge Erwachsene, da überwiegend diese Gruppe sich mit dem Medium Comic beschäftigt.

Informationsfilterung, Bewertung

In der Bibliothek “bei Renate” werden Comics aller Art gesammelt. Es wird jedoch die Meinung vertreten, dass den Nutzern qualitativ hochwertige Lektüre geboten werden sollte. Dies wird bei der Bewertung der Comics berücksichtigt. Die Comicbibliothek beobachtet den internationalen Markt und seine Entwicklungen und erwirbt auf dieser Grundlage neue Medien. Ebenfalls wird versucht, nach Möglichkeit die Leserwünsche der Nutzer einzuholen und diese bei der Erwerbung zu berücksichtigen.

Identifikation der Nutzer mit der Bibliothek

Die Bibliothek besitzt einen relativ kleinen Raum, den die Mitarbeiter versuchen, so gut es geht zu nutzen. Es ist bspw. eine "Leseecke" vorhanden: Ein Tisch und drei Stühle laden zum Schmökern in den Comics ein. Außerdem werden, wie bereits erwähnt, Leserwünsche bei dem Bestandsaufbau beachtet und auch so gut es geht umgesetzt.

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Kernaktivitäten

Sammeln

Die Sammelschwerpunkte der Comicbibliothek liegen auf den Gebieten:

Grenzfälle beim Sammelschwerpunkt sind:

Bei den "Grenzfällen" entscheiden die Mitarbeiter der Bibliothek von Fall zu Fall über die Aufnahme der Comics in die Sammlung. Durch Verlagsspenden, signierte Buchspenden von Autoren, Sammlern, Haushaltsauflösungen und Käufen wächst der Bestand um ca. 700 Bände pro Jahr.

Erschließen

Die Medien in der Comicbibliothek sind in einer Freihandaufstellung organisiert. Die verschiedenen Comics sind alphabetisch nach Autor bzw. Zeichner sortiert und in verschiedene Abteilungen aufgeteilt. Ausnahmefälle bilden dabei Autoren, die gemeinsam an einer Serie arbeiten. Es ist ein Nachweiskatalog angedacht, der auf einer selbst entwickelten MySQL-Datenbank basieren und nur lokal zugänglich sein soll. Geplant sind auch der Aufbau eines OPAC und die Integration des Bestandes in einen Verbundkatalog. Außerdem soll eine inhaltliche Erschließung des Bestandes erfolgen. Ein Erfassungsbogen ist als Vorlage vorhanden.

Bewahren

Es werden alle vorhandenen Comics bewahrt. Oft sind auch mehrere Exemplare eines Comics vorhanden.

Vermitteln

Eine zentrale Aufgabe sehen die Mitarbeiter der Bibliothek darin, den Comic, seine Spezialitäten und seinen Reichtum bekannter zu machen und allen interessierten Lesern den Zugang zu ihm zu ermöglichen.

Ort bereitstellen

Die Comicbibliothek verfügt aufgrund ihrer Mitarbeiter über relativ eingeschränkte Öffnungszeiten. Jedoch sind diese der Meinung der Autorin zufolge relativ nutzerfreundlich. Es werden von der Bibliothek außerdem noch verschiedene Veranstaltungen, Projekte und Ausstellungen, wie zum Beispiel die Veranstaltung "der 24 Stunden Comic", angeboten.

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Gesellschaftliche Funktionen

Der Meinung der Autorin zufolge besitzt die Bibliothek nicht im allgemeinen Sinne gesellschaftliche Macht, wobei sie aber durch die Themenfreiheit bzw. -vielfältigkeit der Autoren eine Beeinflussung der Sichtweise der Menschen, die Politik und Gesellschaft betreffend, sieht.

Die Comicbibliothek stellt insofern einen Apparat für kulturelles Erbe dar, weil sie Comics sammelt, sie versucht zu erhalten und jedermann zugänglich zu machen.

Es werden von den Mitarbeitern der Bibliothek mehrere Workshops angeboten, unter anderem: "Mein eigener Comic", bei dem die Schritte bei der Herstellung eines Comics aufgezeigt werden. Darauf aufbauend wird mit Hilfe eines Mitarbeiters der Bibliothek ein eigener Comic gezeichnet. Eine Suchmaschine für gezielte Informationen über die Comics ist noch nicht vorhanden, aber der Aufbau eines OPACs ist, wie bereits erwähnt, angedacht und auch ein Nachweiskatalog soll entwickelt werden. Der Bestand soll zusätzlich in einen Verbundkatalog integriert werden.

Als Ort der sozialen Integration kann die Bibliothek bezeichnet werden, da sie Zeichenkurse, Veranstaltungen usw. für jedermann anbietet und den Nutzern die Möglichkeit bietet, in dem Bestand der Bibliothek zu stöbern und sich in ihr aufzuhalten.

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Mediale Komponenten

Bis zum heutigen Tag sind in Deutschland nur wenige Comics digitalisiert. Wenn digitalisierte Comics vorhanden sind, dann sind es die digitalen Versionen der Printversionen der Comics. In der Comicbibliothek sind keine digitalen Objekte vorhanden. Eine Beratung in der Bibliothek über den vorhandenen Bestand ist vorhanden, je nachdem, wie viele Mitarbeiter gerade verfügbar sind. In der Bibliothek soll das Medium Comic vermittelt werden.

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Literaturverzeichnis

Gespräch mit dem Leiter der Comicbibliothek, Herrn Peter Lorenz, am 29.05.2007 in der Comicbibliothek “bei Renate”

Internetseite der Bibliothek: Die Berliner Comicbibliothek Renate: http://www.renatecomics.de [letzter Zugriff: 01.07.2008]

Lorenz, Peter: Maßnahmen zur Schaffung einer zukunftsfähigen Organisationsstruktur der Comicspezialbibliothek "Bei Renate". 2005 (Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft ; 158) Humboldt- Universität zu Berlin

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letzte Aktualisierung: 8. Juli 2008