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Bibliotheken in der Bildenden Kunst

von Andrea Minster

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Wie setzen sich bildende Künstler mit dem Thema „Bibliothek“ auseinander? An Hand von Beispielen wird dies im Folgenden gezeigt: Sechs Künstler und Kunstwerke werden vor- und dargestellt, mitsamt Bezügen und Hintergrund der Arbeiten. Abschließend erfolgt eine Untersuchung der Werke mit der Frage, ob und inwieweit sie die Kernfunktionen von Bibliotheken erfüllen.

Das Thema „Bibliothek“ in der Bildenden Kunst

Künstler, die sich in ihrer Arbeit mit dem Thema Bibliothek befassen, sehen in ihr häufig den zentralen Ort des Zugangs zu Kultur, zu schöpferischen und geistigen Leistungen und der Bewahrung dieses kulturellen Erbes.

Als Beispiele für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Bibliothek werden in dieser Ausarbeitung Werke der Künstler Lutz Fritsch, Wolfgang Nieblich, Sigrid Sigurdsson, Anselm Kiefer, Micha Ullman und Rachel Whiteread vorgestellt.

Die „Bibliothek im Eis“ von Lutz Fritsch

Die „Bibliothek im Eis“ ist ein Kunstprojekt, das am 19.01.2005 nach zehnjähriger Vorbereitungszeit in der Antarktis eingeweiht wurde.1 Der deutsche Bildhauer Lutz Fritsch ließ im nördlichen Weddelmeer, auf dem Ekström-Schelfeis (70° 39’ Süd, 08° 15’ West), bei der deutschen Forschungsstation Neumayer einen Container aufstellen, der real als Bibliothek genutzt werden kann.2

Der Künstler Lutz Fritsch ließ den Container mit 1000 Büchern ausstatten. Er bat ausgewählte Künstler und Wissenschaftler, im Sinne des Dialogs von Kunst und Wissenschaft ein Buch zu stiften, von dem sie glauben, dass es die neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in der Neumayer-Station überwintern, gelesen haben sollten. Die Bücher wurden mit dem Namen des jeweiligen Stifters versehen und jeder Spender hat seine Buchwahl mit einem Statement im Buch begründet.3 Buchgeber des Projekts waren unter anderem Günter Grass, der seinen Roman „Hundejahre“ auswählte, der Regisseur Tom Tykwer mit dem Buch „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ und der Bielefelder Professor Wilhelm Heitmeyer mit seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“5.

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Entstanden ist die Idee, als Lutz Fritsch im Winter 1994/95 zusammen mit Naturwissenschaftlern an der Expedition ANT-XII-2 des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, in die Antarktis teilnahm. In der deutschen Forschungsstation Neumayer erforschte er diesen extremen Naturraum und die Enge und Funktionalität der unter dem Eis erbauten Station6:

“Mich faszinierte die Weite, die Maßstabslosigkeit des Naturraums, die Ästhetik der dem Eis innewohnenden Kräfte sowie der Kontrast zwischen der Zivilisations-Geschwindigkeit und der Langsamkeit und scheinbaren Raum-Zeitlosigkeit dieses Naturraums am Ende der Welt.“5, so Fritsch.

Im Hinblick auf diesen Kontrast entstand die Idee für einen speziellen Raum auf dem Eis, abseits der Station. Dieses Gebäude sollte ein Rückzugsort sein, ein Raum der Kontemplation und des Nachdenkens über Natur und Zivilisation, des Umgangs mit Raum und Umwelt.8

Die Bibliothek bildet das einzige oberirdische Gebäude der im Eis gebetteten Station. Die Außenwände des Bibliothekscontainers, der speziell isoliert ist, sind jeweils in einem anderen Grünton lackiert: maigrün, smaragdgrün, gelbgrün und laubgrün. Die Farbe Grün fehlt in der Antarktis völlig und stellt für die dort lebenden Wissenschaftler, die nur Schnee und Eis vor Augen haben, eine Sehnsuchtsfarbe dar. Das Dach der Bibliothek ist rot lackiert. Die Bibliothek bildet damit eine weit sichtbare Landmarke.

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Die Bibliothek besteht aus zwei Räumen, einem kleinen Vorraum und dem Leseraum mit einem Fenster. Der Raum ist beheizt, ausgelegt mit Teppichboden, eingerichtet mit Kirschholzregalen und einem Ledersofa mit Kissen.

Die Wände sind mit Stoff bespannt, vor dem Fenster steht ein Schreibtisch mit einem Sessel. Verschiedene Lichtquellen und Leselampen schaffen ein warmes Raumlicht.9

Die Bibliothek soll auf diese Weise einen emotionalen Gegenpol zu den unterirdischen Röhren der Forschungsstation bilden, die durch steriles Neonlicht erhellt wird.10

„Die Imaginäre Bibliothek“ von Wolfgang Nieblich

Der Maler, Graphiker, Objektkünstler und Bühnenbildner Wolfgang Nieblich gestaltete in der Staatsbibliothek zu Berlin 1998 die Ausstellung „Die Imaginäre Bibliothek“. Er verarbeitete übriggebliebene Materialien alter Bücher, wie z.B. alte Bucheinbände und arrangierte diese in seiner „Imaginären Bibliothek“ neu.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Buch als Symbol für die Schriftkultur und als Metapher für die Erinnerung daran.11 Der Künstler stellte hier Installationen aus Buchobjekten her und thematisiert damit das Buch in einer Zeit, in der ein immer schneller wachsender Müllberg virtueller Medien erzeugt wird. Es wird vom Künstler auf diese Weise das Gedächtnis des Materials reaktiviert.12

Das Buch mit seinen Assoziationen und Erinnerungen bildet für den Künstler also den zentralen Bestandteil der Bibliothek.

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„Vor der Stille“ von Sigrid Sigurdsson

Ähnlich wie bei Wolfgang Nieblich steht auch bei der Installation der Künstlerin Sigrid Sigurdsson das Gedächtnis des Materials im Vordergrund.

Die Künstlerin hat einen Raum im „Karl Ernst Osthaus Museum“ in Hagen ringsherum mit Regalen ausgestattet, in denen sie Bücher, Briefe, Fotos, Zeichnungen u. ä. zu der deutschen Geschichte sammelt und ausstellt. Die Materialien können von den Besuchern wie ein Archiv genutzt werden.

„Vor der Stille“ ist wie ein Gedächtnis angelegt: Es gibt keine Hierarchie, keine feste Ordnung, kein Zentrum. Ob ein Buch geöffnet wird oder verschlossen im Regal liegen bleibt, darüber entscheidet der Besucher des Raumes. Durch die ganz verschiedenen Quellen, die zur Verfügung gestellt werden, können ganz unterschiedliche Interessen und Erfahrungen bei den Besuchern angestoßen werden. Der Raum ist auf diese Weise ein künstlich geschaffener Gedächtnisort, in dem Erinnerungsprozesse aktiviert werden.13

Bei dieser Kunstinstallation gestaltet die Künstlerin also einen bibliotheksähnlichen Ort, der durch die Bewahrung von Büchern und Dokumenten, ähnlich wie bei Wolfgang Nieblich in seiner „Imaginären Bibliothek“, Raum für Assoziationen und Erinnerungen schafft.

Anselm Kiefers Bibliotheken im „Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin“

Auch in Anselm Kiefers Kunstwerken wird die Bibliothek als Ort der Erinnerung konzipiert, indem sie als Ort des kollektiven Gedächtnisses gezeigt wird. Anselm Kiefers Bibliotheksskulptur „Volkszählung“ (1991) erscheint dem Be¬trachter beim ersten Hinschauen wie eine Ansammlung von Büchern. Die Bücher sind jedoch Nachbildungen in Blei: Die Umschläge und Seiten sind aus Blei und auf den Blättern der Bücher befinden sich in die Bleiblätter eingeschlossene Erbsen. Am Eingang der gewaltigen Bibliothek (4,15 m Höhe, 5,70 m Breite und 8 m Länge) steht die Inschrift „Volkszählung“. Die Bleibibliothek erinnert damit an die 1988 in der Bundesrepublik durchgeführte Volkszählung. Da hierbei umfassend der Status der Bürger befragt werden sollte, entstand ein breiter Widerstand in der Bevölkerung. Die Bibliothek von Anselm Kiefer symbolisiert durch die gigantischen Bleibücher mit den abgezählten Erbsen darin eine Staatsmacht, die ihre Bürger entmündigt und gleichmachend als Erbsen abzählt. Sämtliche Daten werden in den Bleibüchern auf ewig archiviert. Die Menschen werden so überwacht und die Herrschaft des Staates auf diese Weise durchgesetzt.14

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Weitere Werke des Künstlers Anselm Kiefer zeigen, dass Bibliotheken von ihm nicht allein als Archive des Staatsterrors gesehen werden, sondern als Möglichkeit der Widersetzung gegen einen totalitären Staat. Als kollektives Gedächtnis können Bücher überleben und haben weiter eine Wirkungsmöglichkeit.15 So zeigt das Kunstwerk „Leviathan“ von Anselm Kiefer ein monumentales Bücherregal, angefüllt mit Folianten, in einer Landschaft von Eisenbahngleisen. Dies soll die Registrierung verfolgter Bürger im Nationalsozialismus symbolisieren und deren anschließende Vernichtung.16

Die Wirkungsmöglichkeit des kollektiven Gedächtnisses über die Katastrophe hinaus zeigt schließlich Anselm Kiefers Werk „Mohn und Gedächtnis“ von 1989. Es handelt sich bei dem Kunstwerk um ein Flugzeug aus Blei mit Bleifolianten auf den Tragflächen, mit Mohnblumen zwischen den Bleiblättern. Das Kunstwerk „Mohn und Gedächtnis“ zeigt also Bücher, die als Archive des Gedächtnisses ständig gefährdet sind. Gleichzeitig wird damit die beflügelnde Macht der Kunst symbolisiert.17

Der Künstler Anselm Kiefer symbolisiert mit seinen Bibliotheken also das kollektive Gedächtnis der Menschen. Die Bibliothek ist in seinen Werken einerseits das Sinnbild für eine maschinenhafte Registrierung und Archivierung des Einzelnen zur Untermauerung der Staatsmacht, andererseits erscheinen das Buch und die Bibliothek als das kulturelle Gedächtnis, das überdauert und seine beflügelnde Wirkungsmacht entfalten kann.

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Fußnoten

1 Vgl. Clement: Minus 90 Grad und Pinguine: Literatur im Eis

2 Vgl. Bibliothek im Eis

3 Vgl. Eine Bibliothek in der Antarktis

4 Vgl. Bibliothek im Archiv der Erde

5 Vgl. Bielefelder Professoren bestücken "Bibliothek im Eis"

6 Vgl. Bibliothek im Eis

7 Ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. “Südlichstes Lesesälchen“ der Welt

11 Vgl. Reissner (2002): Installation der Erinnerung – Bibliothek und Archiv in der zeitgenössischen Kunst. Eine Skizze, S. 243

12 Vgl. ebd., S. 243

13 Vgl. Fehr: Das Antlitz der Geschichte

14 Vgl. Schuster (2002): Mnemosyne, S. 309 ff.

15 Vgl. ebd., S. 315

16 Vgl. ebd., S. 315 f.

17 Vgl. ebd., S.315 – 318

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Nationalbibliothek Wien
Abb.1: Die „Bibliothek im Eis“ von Lutz Fritsch

Herzog August Bibliothek Innen
Abb. 2: Im Inneren der „Bibliothek im Eis“

Illustration der Bibliothek von Babel
Abb. 3: Installation der „Imaginären Bibliothek“ von Wolfgang Nieblich

Illustration der Bibliothek von Babel
Abb.4: „Vor der Stille“ von Sigrid Sigurdsson

letzte Aktualisierung: 8. Juli 2008