ISSN: 1867-6189

Zwischen Schutt und Kölnflocken – Aufbauarbeit für das Kölner Stadtarchiv

Auch Studierende der FH Potsdam sind dabei, beim Aufbau des Kölner Stadtarchivs. Am 03.03.2009 war das Kölner Stadtarchiv wohl im Zusammenhang mit U-Bahn-Bauarbeiten eingestürzt. Zwei Menschen starben in den Trümmern des Gebäudes, über 26 km Akten, Urkunden, Fotos und Karten sowie Pläne lagen unter Bergen von Schutt und Steinen. Das Unbegreifliche war passiert: ein Ort, der Kulturerbe schützen und dauerhaft bewahren soll, existiert von einer Sekunde auf die andere nicht mehr. Die Bilder vom Unglück lassen erahnen, dass nur wenig zu retten ist. Das bedeutendste Stadtarchiv nördlich der Alpen ist­ untergegangen.

In den kommenden Monaten bricht eine unvorstellbare Welle der Hilfsbereitschaft los. Die Fachwelt und die Bürgerinnen und Bürger Kölns machen sich an den Aufbau »ihres« Archivs. Bis heute sind 85 % des Archivs aus dem Schutt geborgen. Weitere 15 % liegen noch im Grundwasser an der Unglücksstelle und werden derzeit in einem speziellen Verfahren aus dem Wasser geholt. Ohne den Einsatz der vielen Freiwilligen aus Deutschland, Europa und Übersee wäre eine Zukunft des Archivs kaum möglich gewesen.

Der Fachbereich Informationswissenschaften ist von Anfang an unter den helfenden Fachleuten. Kein Wunder, befindet sich doch in Potsdam die einzige Hochschule mit einem Archiv-Studiengang. Trotz der Entfernung zwischen Potsdam und Köln ist eine kontinuierliche Hilfsbereitschaft – nun auch auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages – entstanden, die wohl auch noch in den nächsten Jahrzehnten Bestand haben wird.

Die ersten Studierenden fahren bereits drei Wochen nach dem Unglück nach Köln. Für Susann Gutsch, Danielle Rosendahl, Michael Panitz, Katja Niedballa, Anja Heber, Torben Lindemann, Helen Buchholz, Claudia Busse, Jörn Kischlat, Philipp Gorki und Stephanie Kortylla, aus den Studiengängen Archiv, Bibliothek und Dokumentation, ist noch bei Abfahrt völlig unklar, was genau sie tun werden. Die Bilder der vorangegangenen Tage zeigten Helfer in Schutzanzügen in einer großen Halle zwischen dem abgeräumten Schutt nach Archivalien wühlen. Eine Tätigkeit, die – entgegen der üblichen archivarischen Berufspraxis – mit sehr viel Staub zu tun hat. Doch 20 Tage nach dem Unglück haben sich Arbeitsabläufe in Köln stabilisiert, der Arbeitsschutz war vor Ort und ein Erstversorgungszentrum ist eingerichtet, in welchem die Studierenden eine Woche lang arbeiten werden.

Was ist zu tun? Nachdem Archivalien aus der Grube oder aus dem abtransportierten Schutt geborgen sind werden sie in Kisten verpackt und in eine von einem Kölner Möbelhaus bereitgestellten Halle gebracht. Dort sind notdürftig Tische und Arbeitsplatten aufgebockt. Sämtliche Archivalien werden Blatt für Blatt, Foto für Foto, Schnipsel für Schnipsel durch Abbürsten von Steinkrümeln und Staub befreit. Alles, was man in Händen hält, erfassen die Helfer zudem handschriftlich. Letzteres ist angesichts der Arbeitsmontur (Schutzanzug, Atemmaske und Handschuhe) nicht ganz einfach.

Jede Kiste, die man öffnet, ist eine Überraschung: darin können ein Haufen Schnipsel liegen oder – erstaunlicherweise – völlig unversehrte Akten, nur etwas dreckig. Die Studierenden machen Erfahrungen mit aufgequollenen Büchern, verkratzten Dias sowie mit deformierten Filmrollen. Bei manchen Fotos ist gar nicht klar, ob sie aus den Beständen des Archivs stammen oder vielleicht doch zum Privatbesitz der Bewohner aus den ebenfalls eingestürzten Nachbarhäusern des Archivs stammen. Wer hier arbeitet weiß: es wird ein langer Weg, in dieses Chaos Ordnung zu bringen.

Und nicht nur das: Inzwischen hat Regen in Köln eingesetzt. Immer mehr Archivalien werden durchnässt. Schimmel droht und muss soweit wie möglich verhindert werden, nicht nur zum Schutz der Archivalien, sondern auch der Helfer selbst. Durchnässte, aber auch nur wenig feuchte Dokumente werden daher direkt von den trockenen getrennt. Ganz nasse wickelt man sofort in Folie ein, damit sie später durch Gefriertrocknung behandelt und restauriert werden können.

Fünf Tage in der Woche sind die 11 Studierenden in der Nachmittagsschicht damit beschäftigt, von Anfang an kommt auch noch der Umgang mit den Medien hinzu. Seit dem Einsturz berichten diese massiv über die Kölner Rettungsmaßnahmen. Auch die Potsdamer Studierenden stehen im Fokus des öffentlichen Interesses. Verschiedene Fernsehanstalten drehen Beiträge, Rundfunkanstalten machen Interviews und die Presse Bilder. Vormittags ist also stets Öffentlichkeitsarbeit angesagt. An Ausruhen ist kaum zu denken.

Im Mai 2009 fährt eine zweite Gruppe Studierender nach Köln. Wiederum freiwillig, getrieben von dem Motiv, kulturelles Erbe zu retten. Auch diesmal ist das Erstversorgungszentrum die Arbeitsstätte. Juliane Birkigt, Sebastian Drost, Sylvia Glawe, Philip Gorki, Sophia Grunert, Oksana Kosenko, Markus Künzel, Beatrice Kutschke, Stefan Michaelis, Julia Moldenhawer, Sven Petke, Marina Fee Rabe, Susan Rohrschneider, Daniel Schneider, Anne Stöhr, Franziska Sylvester und Norman Warnemünde sind an der Rettung des letzten Drittels der geborgenen Archivalien beteiligt. Mittlerweile besteht eine Trocknungsstrecke, in welche leicht feuchte Archivalien gebracht werden. Aus den verschiedensten Archiven sind Helfer gekommen – die weißen Schutzanzüge und die gleichen Arbeiten verdecken jegliche berufliche Hierarchien. Große Achtung wird einer australischen Archivarin entgegengebracht, die ihren Jahresurlaub geopfert hat. Man trifft auch ehemalige Potsdamer Studierende, die sich frei genommen haben oder frei gestellt worden sind. Trotz der Anstrengung und des erschreckenden Zustands der Archivalien macht sich eine fröhliche Stimmung breit. Die Kölner Archivare verstehen es stets, die Helfer zu motivieren. Außerdem ist ein erstes Ende in Sicht.

Im Juni 2009 sind alle geborgenen Archivalien »erstversorgt« und lagern in 19 Asylarchiven. Asylarchive befinden sich zwischen Schleswig und Freiburg i. Br. Sie haben Kölner Archivalien aufgenommen, denn für diese findet sich kein adäquater Platz in Köln. Die Kölner Bestände sind auf ganz Deutschland aufgeteilt, alles verstreut, alles aus seinen Zusammenhängen gerissen.

Der zweite Teil der Aufbauarbeit ist gekennzeichnet durch die Zusammenführung von Beständen, Akten und Schnipseln. Mitte Mai 2010 sind es dann 30 Studierende, die in Detmold und Düsseldorf Archivalien sichten, ordnen und mit einer speziellen Software aufnehmen. In Detmold sind Sabrina Amling, Ina Bedranowsky, Maria Bischoff, Stefan Bondzio, Christin Freiin von Hünefeld, Jana Giesau, Nora Kinbrenner, Raphael Lübbers, Carolin Möbis, Artem Nazarov, Erman Ohanogullari, Christoph Remmele, Sabrina Rübisch, Philip Schilf, Lea Schmidt und Katharina Wilhelm damit beschäftigt Akten, Fotos und frühneuzeitliche Rentquittungen zu bearbeiten. Zwischen Mai 2009 und 2010 hat sich eine Menge getan: kaum noch Schutt und die Archivalien liegen schon in Archivkartons. Jede »Bergungseinheit« bekommt einen Barcode, wird in der Software kurz beschrieben und wenn man Glück hat, findet man eine Signatur, über die sich nachweisen lässt, aus welchem Bestand das Stück kommt. In Düsseldorf sind die Studierenden mit ähnlichen Aufgaben befasst. Hier sind es Pläne und Plakate, die von Julia Beckert, Christin Eisermann, Erhard Friese, Iva Georgieva, Stefan Heerdegen, Christoph Jobs, Sebastian Laurich, Corinna Mayer, Leif Erik Pöppel, Markus Rath, Sonja Schmidt, Patrick Schneider, Lennart Schuett und Sebastian Selleng gesichert werden. Völlig intakte, saubere Pläne liegen direkt neben stark deformierten, schmutzigen Plakaten – Filmplakate von »Star Wars« neben Bauzeichnungen vom Kölner Dom.

Diese Tätigkeit wird sich noch die nächsten 5 Jahre hinziehen. Dann soll auch ein neuer Archivbau in Köln errichtet sein. Jedoch wird erst in 30 Jahren mit einer vollständigen Zusammenführung und Restaurierung der Bestände zu rechnen sein. Dabei wird die Restaurierung einen enormen Anteil ausmachen. Eine ebenso große Aufgabe ist das Zusammenfügen einzelner Schnipsel, der sogenannten Kölnflocken, wofür ein entsprechendes Softwareprogramm erstellt wird.

Es wird genug zu tun sein – auch für die Studierenden im Fachbereich Informationswissenschaften. Gemeinsam mit den Kölner Stadtarchivaren werden wir Exkursionen, Lehrveranstaltungen, Workshops und Praktika durchführen und auf diesem Weg maßgeblich an der Rettung der Kölner Archivalien beteiligt sein. Am 23. Juni findet ein Workshop zu Archivneubau und Bestandsbildung in der FH Potsdam statt. Die nächste größere Aktion ist für September 2010 geplant.