ISSN: 1867-6189

Als Smartphone und Laptop sich in der Kalkscheune trafen

Bild: re:publica 2010 by solskinn Flickr-Fotostream

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Langsam füllten sich die Sitzreihen des Friedrich-stadtpalastes. Die technischen Errungenschaften wurden hervorgeholt und gestartet. Das WLAN-Netz, Schwachpunkt der vorherigen drei Konferenzen, wurde ausgiebig getestet und die letzten Nachrichten per Smartphone abgerufen.
Die wichtigste deutsche Veranstaltung zur digitalen Gesellschaft konnte beginnen.
Die Initiatoren betraten die größte Bühne Europas. Markus Beckedahl, Andreas Gebhard (newthinking communications / netzpolitik.org), Johnny und Tanja Haeusler (Spreeblick) richteten einige Eröffnungsworte an die versammelte Bloggergemeinde und kündigten den ersten Gastredner des Tages an, Peter Glaser.

Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger begann seinen Vortrag: Die digitale Faszination – Vom Leben auf dem achten Kontinent, mit Gedanken zur Frage, woher die Begeisterung rund um das Netz kommt. Er benannte  historische Meilensteine der Beherrschung des Feuers[1] bzw. des technischen Fortschritts, aber andere als man erwarten würde. Im hier und jetzt angekommen, rief der Kolumnist dazu auf, sich nicht durch das offensives Vorgehen von Google Inc. (Digitalisierung Google Books) verängstigen zu lassen, sondern das Internet-Unternehmen als Anstoß für eigene Projekte (Digitalisierungsinitiative EUROPEANA) zu begreifen. Permanenz und Echtzeit, Schlagworte der aktuellen RE:PUBLICA, beurteilte Glaser kritisch. Man sollte beispielsweise auf das Recht des Ausschaltens, des Nicht-Erreichbarseins, nicht verzichten. Zum Ende des Beitrages appellierte der österreichische Journalist an die Anwesenden, allen Menschen einen Besuch im virtuellen Teil der Welt zu ermöglichen.
Schon dieser Vortag streifte die wichtigsten Themen in den Informationswissenschaften, die Wersig’sche Triade (Wissen, Mensch, Informationstechnik). Und die diesjährige RE:PUBLICA hielt weitere relevante Workshops, Diskussionsrunden und Vorträge bereit. Auf die 2500 Teilnehmer warteten 150 Stunden Programm, von unterhaltsam bis ernsthaft, verteilt auf drei Tage und acht Bühnen. Das Programm der Bloggerkonferenz war in elf Kategorien untergliedert: Digital Culture, Society, Media, Business, Technology & Makers, Law, re:learn, re: campaign, Partner, Fun und Net Neutrality.

Die Subkonferenz der Veranstaltung hatte das Hauptthema Netzneutralität und hiellt neun Beiträge bereit. Der renommierteste Redner auf der Tagung war Tim Wu, Vorsitzender der Media Forum Gruppe Free Press. In seiner Präsentation ging er auf die Geschichte der privaten Zensur ein und die Frage der Netzneutralität als Doktrin im 21. Jahrhundert.

Bild: re:publica 2010 - Felix Schwenzel by just a hero Flickr-Fotostream

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Besonders interessant für Informationswissenschaftler waren die Beiträge der Kategorien re:learn sowie re:campaign, bei denen es vor allem um den Einsatz von Web 2.0- Anwendungen ging, die auch für Informationseinrichtungen denkbar sind. Leider waren diese Workshops und Berichte (bspw. Die Blog-Schule oder  Web 2.0-Strategien) so gefragt, dass man schwer an ihnen teilnehmen konnte. Aber auch andere Themengebiete waren spannend.

Dr. Marcus M. Dapp hielt einen Vortrag zum Thema: Digitale Nachhaltigkeit in der Wissensgesellschaft. Er beschäftigte sich mit der Frage, was heißt “nachhaltig” bei digitalen Gütern, wenn sie doch verlustfrei vervielfältigt und somit nicht endlich und deshalb auch nicht knapp werden können.

Ein unterhaltsamer und inspirierender Beitrag stammte von Miriam Meckel (Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen), “This object can not be liked” – Über die Grenzen menschlichen Ermessens und das Ermessen menschlicher Grenzen. Die Publizistin regte in ihrer Präsentation an, die Gegebenheiten des Netzes zu hinterfragen und den Moment des Zufalls nicht durch Technik zu eliminieren.

Ein besonderer Höhepunkt der RE:PUBLICA war der Auftritt von Jeff Jarvis (Journalist / BuzzMachine) und sein Vortrag: The German Paradox. Privacy, Publicness and Penises. Der Amerikaner analysierte die Begriffe Privatsphäre und Öffentlichkeit ironisch, indem er das Saunaverhalten von Deutschen und Amerikanern darstellte. Er tritt dafür ein, dass das Internet der Gemeinschaft gehört [vgl. Bill of Rights in Cyberspace] und ein virtueller Raum ist und kein Medium mehr.

Diese einschneidende Erkenntnis fand man schon im Motto der diesjährigen RE:PUBLICA, nowhere. Die digitale Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, im virtuellen Raum, der nirgends physisch verzeichnet ist und doch so viele Möglichkeiten eröffnet. Die momentane Aufgabe besteht darin, dieses digitale Gebiet zu kultivieren, Zugänge zu schaffen und technische Errungenschaften zu pflegen.

Zum Schluss noch der Gesamteindruck der RE:PUBLICA 2010, ein sehenswertes Mashup und eine kleine Anekdote, durch die Aschewolke des isländischen Gletschervulkans Eyjafjallajökull sind einige Referenten unfreiwillig in Berlin festgesetzt worden, unter anderem Jeff Jarvis.


[[1]]vgl. Peter Glaser: Die digitale Faszination - Vom Leben auf dem achten Kontinent. In: Glaserei. Bemerkenswertes aus der digitalen Welt (Blog für die Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung)

http://blog.stuttgarter-zeitung.de/netzkolumne/2010/04/14/die-digitale-faszination-vom-leben-auf-dem-achten-kontinent/

[letzter Zugriff: 04.07.2010][[1]]