ISSN: 1867-6189

„Offen & vernetzt“ – Das Motto des 107. Bibliothekartags

Im Juni 2018 fand in Berlin der 107. Bibliothekartag unter dem Motto „offen und vernetzt“ statt. Dieses Motto sollte, wenn es nach den Vorstellungen der Veranstalter ging, nicht nur für Bibliotheken, sondern auch für die Kongressteilnehmenden gelten.1

Das Wort „offen“ bedeutet so viel wie  „nicht verschlossen“, „durch keine speziellen Vorbehalte […] eingeschränkt“ und „durch kein Hindernis versperrt“.2 Vernetzen kann mit den Wörtern „verbinden“ und „verknüpfen“ beschrieben werden.3

Somit hat der Leitsatz des Bibliothekartags zum einen die aktuellen Entwicklungen in Bibliotheken, zum anderen die verschiedenen Themenkreise und Veranstaltungen sehr aussagekräftig wiedergespiegelt.

Die Themenkreise des Kongresses waren breit gefächert. Von „mitarbeiten & führen“ über „erwerben & lizensieren“ bis „erschließen & erhalten“ waren alle grundlegenden Themen der bibliothekarischen Arbeit enthalten. Weitere Themenkreise, die eine Rolle in Bibliotheken spielen, waren „kommunizieren & handeln“, „organisieren & optimieren“, „informieren & vernetzen“, sowie „lehren & unterstützen“. Zugeordnet hierzu gab es verschiedene interessante Veranstaltungen.

Einige Vorträge, die bezüglich des Mottos „offen und vernetzt“ bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen haben, werde ich im Folgenden näher vorstellen.

Einer der ersten Veranstaltungsblöcke war „Community Engagement und Zielgruppenarbeit“. Vorträge verschiedener Bibliotheksmitarbeiter zeigten, wie sie in ihren Institutionen mit Hilfe verschiedener Projekte versuchen, verschiedene Zielgruppen anzusprechen und diese miteinander in Kontakt zu bringen.

Sarah Dudek aus der Stadtbibliothek Köln hat vorgestellt, wie die Mitarbeitenden der Bibliothek als Vermittler zwischen Geflüchteten und der Bevölkerung agieren. Hierfür hat die Bibliothek ihre Angebote der interkulturellen Bibliotheksarbeit verstärkt. Zum einen bietet sie die Infrastruktur für den sogenannten „Sprachraum“. Dieser von Ehrenamtlichen betriebene Raum ist unter anderem mit Möbeln, Computern und WLAN, die von der Bibliothek finanziert werden, eingerichtet. Des Weiteren organisieren die Mitarbeiter der Bibliothek die Programm- und Öffentlichkeitsarbeit und die Fortbildungen für die Ehrenamtlichen. Der Sprachraum wurde im Oktober 2015 neben der Zentralbibliothek eröffnet. Er soll ein Lern- und Begegnungsraum sein, in dem alle Menschen verschiedene Möglichkeiten haben. Neben der technischen Infrastruktur beinhaltet das Angebot Arbeitsplätze, kostenlose Veranstaltungen, vor allem zum Deutschlernen, aber auch Führungen in einfacher Sprache sowohl durch den Sprachraum, als auch durch die Zentralbibliothek.

Ein weiteres Projekt der Stadtbibliothek Köln ist die Teilnahme an dem von der Europäischen Union geförderten Projekt „A million stories“. Im Rahmen dessen werden in verschiedenen europäischen Ländern Geschichten von Geflüchteten und deren Leben gesammelt und veröffentlicht.4

Sarah Dudek sagte, dass mit den verschiedenen Angeboten, die die Bibliothek geschaffen hat, viele Erfolge erzielt werden konnten und die Bibliothek es schaffte, Geflüchtete und die Bevölkerung einander anzunähern und einen Austausch zu bewirken.

Ein weiteres interessantes Projekt wurde von Yilmaz Holtz-Ersahin aus der Stadtbibliothek Duisburg vorgestellt. Dort wurde nach Anregungen durch Dozenten der Volkshochschule angemerkt, dass es vor allem in Integrationskursen zu Problemen mit der kulturellen Vielfalt kommt und eine Möglichkeit gesucht wird, diese zu lösen. Aus diesem Grund haben Mitarbeiter der Bibliothek „Demokratieführungen“ entwickelt, die sich an verschiedene Zielgruppen richten. Zum einen gibt es Angebote für Erwachsene, in denen rechtliche Aspekte und das Wertesystem angesprochen werden. Für Schüler gibt es das Projekt „Globus spricht über Menschenrechte“, bei dem über einen längeren Zeitraum unter enger Betreuung durch die Bibliothek ein Projekt bearbeitet wird. Ein Beispielthema war „Extremismus – eine Gefahr für unsere Schule“. Hierbei lernen die Schüler über verschiedene Wege sowohl die Literaturrecherche, als auch die Bearbeitung eines Themas. Das Ziel dessen ist die Durchführung einer Podiumsdiskussion.

Yilmaz Holtz-Ersahin erklärte, dass hierdurch viele Menschen angesprochen werden konnten. Ein Nebenergebnis dieses Projektes, neben der Demokratiebildung ist, dass von den Menschen, die an den Projekten teilgenommen haben, viele zu Bibliotheksnutzern wurden. 5

Hierdurch wird sehr deutlich, dass durch spezielle Projekte, die unter Umständen auch nur kleinere Gruppen ansprechen, auch Nichtnutzer gewonnen werden. Zudem zeigt die Bibliothek, dass sie nicht nur selbst offen ist, sondern auch der Offenheit einen großen Stellenwert beimisst und diese vermittelt.

Die Bibliothek der Wiener Neustadt hat ein besonderes Projekt initiiert, das die Teilhabe von Menschen mit Demenz und deren Angehörige fördern soll.

Rebecca Ullmer stellte vor, welche Überlegungen im Rahmen der Kooperation mit Studierenden der Ergotherapie der örtlichen Fachhochschule getroffen wurden. Zum einen wurde der bauliche Aspekt betrachtet, der es Menschen mit Demenz ermöglichen soll, die Bibliothek nach dem Neubau möglichst barrierefrei nutzen zu können. Hierzu zählen Aspekte wie die richtige Schriftgröße, Schriftart und ein angemessener Kontrast auf Hinweisschildern, der es Betroffenen möglich machen soll, diese einfach lesen zu können. Ein weiterer Punkt war unter anderem das Design von Möbeln und Fußböden. Hierbei können beispielsweise Muster zu Problemen bei der Wahrnehmung und zu einer erhöhten Sturzgefahr führen. Um dies zu vermeiden, sollte dementsprechend auf Muster verzichtet werden. Des Weiteren wurde der Bau einer Unisex-Toilette empfohlen, so dass Pflegende die Möglichkeit haben, gemeinsam mit den Dementen die Toilette aufzusuchen, ohne dass es zu Problemen kommen könnte. Im Rahmen des Vortrages wurden weitere bauliche Maßnahmen vorgestellt, die die Nutzung für an Demenz Erkrankte erleichtern sollen.

Zusätzlich zu den baulichen Maßnahmen soll ein Maßnahmenkatalog für die Mitarbeiter entwickelt werden. Diese sollen im Bezug auf den Umgang mit Dementen in Workshops und durch Handreichungen geschult werden, damit auch dieser Gruppe der Gesellschaft eine problemfreie Teilhabe an den Angeboten der Bibliothek möglich ist.6

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass durch eine Planung und Kooperation viele verschiedene Möglichkeiten bestehen, um Nutzergruppen anzusprechen und ihnen die Nutzung der Angebote zu erleichtern und sich ihnen zu öffnen.

Die Umsetzung des von Ullmer vorgestellten Projektes wird im Rahmen des Neubaus der Bibliothek der Wiener Neustadt stattfinden.

Ein weiterer interessanter Vortrag in dem Veranstaltungsblock „Offenheit gestalten“ betrachtete die Offenheit von einer anderen Seite als die bisher genannten Veranstaltungen.

Jan Frederik Mass und Jens Wonke-Stehl von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg stellten in „Sammeln und Finden. Über das Sichtbarmachen von Open Science in Hamburg“ vor, wie dort frei zugängliche Quellen einfach auffindbar und sichtbar gemacht werden und welches Ziel dahinter steht.

Das Ziel des Projektes ist es, Open Science landesweit zu fördern und nachhaltige technische und organisatorische Strukturen für dessen Umsetzung zu schaffen. Das sogenannte „Schaufenster“ soll den freizugänglichen wissenschaftlichen Output Hamburgs darstellen. Hierfür werden mithilfe einer eigens dafür entwickelten Open Source Software Open Science Dokumente, Meta- und Forschungsdaten und verschiedene weitere digitale Objekte gesammelt und konzentriert durchsuch- und auffindbar gemacht.

Dadurch sollen nicht nur Wissenschaftler angesprochen werden, sondern auch interessierten Bürgern die Möglichkeit gegeben werden, sich über eine intuitive Suche einen schnellen Überblick über frei verfügbare Quellen zu verschaffen und diese ohne spezielle Bedingungen nutzen zu können.

Zudem wird der Transparenz und Interoperabilität ein hoher Stellenwert beigemessen. Es wird eine ausführliche Dokumentation geführt, es werden ausschließlich offene Metadatenstandards verwendet und es wird eine Open Source Software genutzt. Im Bezug auf die Software ist das Ziel, diese communitybasiert zu entwickeln, dieser Schritt steht aber noch aus.7

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass Offenheit und Vernetzung nicht nur durch Veranstaltungen und direkter Interaktion mit dem Nutzer gelebt werden können, sondern auch durch die Erarbeitung eines Portals. Hierbei wird auch beispielsweise durch die Verwendung der Open Source Software und dem Wunsch nach einer communitybasierten Entwicklung schnell deutlich, dass auch bei technischen Entwicklungen das Motto „offen und vernetzt“ von Bedeutung ist.

Dies war ein kleiner Rückblick auf einige wenige Projekte, die im Rahmen des 107. Bibliothekartag vorgestellt wurden. Doch nicht nur diese zeigen deutlich, dass das diesjährige Motto bereits eindrucksvoll in der Praxis umgesetzt wird. Viele weitere waren schöne Beispiele dafür.

Abschließend sollten aber auch nicht die vielen Bibliotheksmitarbeiter, die an diesem Kongress teilgenommen haben, vergessen werden: auch sie waren „offen“ dem Neuen gegenüber und „vernetzt“ über Twitter und Co. und im persönlichen Gespräch.