ISSN: 1867-6189

Anregungen zur Zukunft von Bibliothekssystemen.

Auf dem 107. Bibliothekartag in Berlin gab es viele interessante und inspirierende Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen. Besonders interessant und ansprechend fand ich die Auseinandersetzung mit Bibliothekssystemen vor allem mit dem Blick nach vorne. Welche Herausforderungen werden Bibliothekssysteme in Zukunft bewältigen müssen? Sind die aktuellen Bibliothekssysteme den neuen Aufgaben gewachsen oder muss es in den nächsten Jahren wieder einen Systemwandel geben?

Wenn man Bibliothekssysteme betrachtet, kann man auch immer die Gesamtheit der bibliothekarischen Tätigkeit betrachten, denn das System dient dazu, diese Tätigkeiten zu unterstützen und die daraus resultierenden Ergebnisse verfügbar zu machen. Die Entwicklungen im Bereich der Bibliothekssysteme sind stark davon abhängig, wie sich die Aufgaben in Bibliotheken verändern und entwickeln.

Gegenwärtig liegt der Fokus von Bibliotheken noch stark auf der Verwaltung und der Verfügbarmachung von einem Bestand. Die Medien stehen also im Zentrum. Diesbezüglich gibt es momentan und wahrscheinlich auch zukünftig viele Wandlungen. Elektronische Medien geraten immer mehr in den Vordergrund. Dies ist vor allem durch die Digitalisierung der Gesellschaft begründet. Man kann fast immer und überall auf digitale Inhalte zugreifen, weshalb Medien in digitaler Form bevorzugt genutzt werden. Auch die Open Access Bewegung, die mit dieser Wandlung an Bedeutung gewinnt, trägt maßgeblich zu einer Veränderung des Bestandes bei, indem verstärkt zwischen Verfügbarkeit und Qualität entschieden werden muss. Hinzu kommt noch, dass die Anzahl der zu verwaltenden Informationen und Medien stetig steigt, in der Zeit der Informationsflut müssen die System eine immer größer werdende Menge an Daten verwalten. Ein zukunftsfähiges Bibliothekssystem muss also nicht nur unterschiedliche Arten von Ressourcen abbilden und verwalten können, sondern auch eine sehr große Menge an Daten.

In einer Podiumsdiskussion ist in dieser Hinsicht angeklungen, dass zukünftig der Fokus nicht mehr auf dem Bestand, sondern dem Nutzer liegt. Es geht also darum, wie der Nutzer an seine benötigten Informationen und Ressourcen kommt und nicht mehr darum, wie man die vorhandenen Ressourcen an den Nutzer bringen kann. Die Aufgaben entwickeln sich also weiter, indem nicht nur aus der Menge an Informationen ausgewählt werden muss, damit passende Ressourcen dauerhaft im eigenen Bestand zur Verfügung stehen, sondern man muss flexibel und aktiv neue Ressourcen erkennen und zugänglich machen. In diesem Zusammenhang wird auch demand driven acquisition immer mehr an Bedeutung gewinnen. Der Nutzer entscheidet, was für ihn relevant ist und die Einrichtung unterstützt den Nutzer, indem sie den Zugang ermöglicht.

Wenn der Fokus sich auf den Nutzer verschiebt wird es dementsprechend wichtiger, das Verhalten der Nutzer zu untersuchen und zu analysieren, um die eigenen Angebote besser anpassen zu können. Solche Funktionen müssten dann in einem Bibliotheksmanagementsystem zur Verfügung stehen. Hier können die Einrichtungen in ein Dilemma geraten. Werden die persönlichen Nutzerdaten dazu genutzt, um die eigenen Angebote zu optimieren oder bleibt man den eigenen Werten treu und schützt die Privatsphäre der Nutzer?

Bei einem verstärktem Fokus auf den Nutzer muss man sich auch Gedanken über die Zugänglichkeit der eigenen Angebote und Informationen machen. Beispielsweise können im Bereich SEO (Suchmaschinenoptimierung) mehr Anstrengungen unternommen werden, damit die Angebote über Suchmaschinen gut auffindbar sind. Discovery-Systeme sind den Gewohnheiten von Nutzern im Bezug auf die Recherche besser angepasst als ursprüngliche Online-Kataloge und daher empfehlenswert.

Mit der Digitalisierung einher geht auch die Globalisierung. Durch das Internet kann man auf alle möglichen Inhalte von überallher zugreifen. Für Bibliothekssysteme könnte künftig also eine weitere Herausforderung sein, den Zugang zu Informationen und Ressourcen zu ermöglichen, die in anderen Sprachen oder anderen technischen Umgebungen vorhanden sind.

Daraus ergab sich für mich, dass Bibliothekssysteme in Zukunft vor allem digital werden müssen. Der digitale Wandel ist weit vorangeschritten und wird auch weiterhin voranschreiten. Bibliothekssysteme müssen in dieser Umgebung also bestehen können. Damit einhergeht, dass Bibliothekssysteme flexibel sein müssen. Neue Funktionen können schnell entstehen und alte ebenso schnell obsolet werden. Das System muss also erweiterbar und erneuerbar sein und auch der Übergang in neue Umgebungen oder in eine andere technische Infrastruktur sollte möglich gemacht werden. Der Nutzer wird immer mehr im Vordergrund stehen, mit dem Bibliothekssystem muss es also möglich sein, die Bedürfnisse der Benutzer abzudecken und befriedigen zu können. Eine Einbindung von Customer-Relationship-Management Funktionen könnte also wichtig sein. Die Webseiten müssen aktuell, auffindbar und intuitiv gestaltet sein, um Erwartungen gerecht zu werden. Wenn Bibliothekssysteme also weiterhin so aufgebaut werden wie bisher bedeutet das entweder, dass Bibliotheken immer den neuen technischen und sozialen Entwicklungen einen Schritt hinterher sind, oder dass stetig neue Bibliothekssysteme implementiert werden müssen. Beide Optionen sind nicht zukunftsfähig geschweige denn optimal. Es muss also einen Wandel im Aufbau und in der Funktionalität der Bibliothekssysteme geben, damit die Bibliotheken mithalten können.

Ein Bibliothekssystem, das auf dem Bibliothekartag vorgestellt wurde und hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit vielversprechend klingt, ist FOLIO. Das System ist momentan noch in der Entwicklung und wird nur vereinzelt angewandt, weshalb nicht abzusehen ist, ob das System tatsächlich so umgesetzt werden kann wie es momentan geplant ist. Ich werde hier nun einige ausgewählte Merkmale nennen, weshalb das System für mich als zukunftsweisend angesehen werden kann.
Zunächst einmal handelt es sich bei FOLIO nicht nur um ein Bibliothekssystem, sondern um eine sogenannte Library Service Platform. Es werden also mehrere Angebote für Bibliotheken auf dieser Plattform zusammengefasst und nicht ein reines abgeschlossenes Bibliothekssystem entwickelt. Für die Entwicklung der Plattform hat sich die FOLIO-Community einige Leitfäden gesetzt, nach denen sie vorgehen will. Folio soll  ein offenes, nachhaltiges, innovatives, flexibles und erweiterbares System werden, das auf den Erfahrungen von heute beruht, aber sich auf zukünftige Bedürfnisse ausrichtet. Die Plattform soll basierend auf Nutzererfahrungen (UX) und in Kooperation mit Bibliotheken entwickelt und gestaltet werden, so dass die tatsächlichen Anforderungen an das System ermittelt und erfüllt werden können. Es ist vorgesehen, dass die Plattform eine Sammlung von Apps zur Verfügung stellt. Vergleichbar mit den Modulen der heutigen Bibliothekssysteme, nur dass es kein Grundsystem gibt, das die Apps erweitern, sondern dass sich das System komplett aus den Apps aufbaut und an die unterschiedlichen Bedürfnisse der Institution angepasst werden kann. Die zugrundeliegende Software ist Open Source, also für alle frei zugänglich, sodass auch andere Entwickler die Software erweitern oder verbessern können, wenn Bedarf besteht. Hinzu kommt, dass die Apps in jeder Programmiersprache entwickelt und vorhanden sind, was eine Einbindung in die unterschiedlichsten Infrastrukturen ermöglichn kann. Das System soll über unterschiedliche Geschäftsmodelle verfügbar gemacht werden, so dass die Bibliotheken entsprechend ihren Ressourcen entscheiden können, in welcher Form das System integriert werden soll.
Es dreht sich bei dieser Plattform also alles darum, flexibel auf die Bedürfnisse der Bibliotheken reagieren zu können, was ich für eine der wichtigsten Eigenschaften für ein Bibliothekssystem der Zukunft halte. Die Zielsetzungen und Leitfäden der FOLIO-Community klingen vielversprechend und es bleibt nur noch abzuwarten, ob diese erfolgreich umgesetzt werden können.


Inspiration lieferten der Beitrag “Das Bibliotheksmanagementsystem FOLIO – Aktueller Stand von Plattform und Funktionalität” von Maike Osters und Julian Ladisch aus dem Block “Bibliotheksmanagement- und Discovery-Systeme in der Praxis”, welcher von Reinhard Altenhöhner moderiert wurde und die Podiumsdiskussion “Anforderungen an Bibliotheksmanagementsysteme der Zukunft”.