ISSN: 1867-6189

Religion in Lettland

In diesem Artikel wird die historische Entwicklung der Religion in Lettland beleuchtet werden. Beginnend mit dem lettischen Heidentum über die Christianisierung bis in die heutige religiöse Situation.

Das Gebiet des heutigen Lettland ist eine der am spätesten christianisierten Regionen in Europa. Die religiösen Vorstellungen der Menschen aus vorchristlicher Zeit sind allerdings nur unvollständig rekonstruierbar. Es wird davon ausgegangen, dass die ansässige Bevölkerung einen schamanistischen Totem-Kult pflegte, welcher auf der finnischen und baltischen Mythologie basierte. Durch schamanische Handlungen wurde das animistische Denken von Geistern in der Gesamtheit der belebten Natur genährt. So kannte man unter anderem die Lauma, eine Art von Fee, welche als langhaarige nackte Frau erschien. Oder auch die Kaukas, welche vergleichbar sind mit Erdkobolden und welche Glück bringen, wenn man sie sieht. Auch Götter kanten die frühen Letten, beispielsweise die  Dieva dēli oder Göttersöhne, welche vom Himmelsgott Dievs stammen. Dies ist eine Version der Indogermanischen Gesamtmythologie. Die vorhandenen Informationen sind jedoch recht wenige und oft durch die Voreingenommenheit der Autoren mit Vorsicht zu betrachten. Der Grund dafür ist, dass die ansässigen Heiden keine schriftliche Fixierung ihrer Glaubenssysteme vorgenommen haben.

 

Einer besseren Quellensituation begegnet man erst mit dem Auftauchen des Christentums in der Region. Dies begann mit dem Mönch Meinard, welcher 1184 als erster bekannter Christ in das Gebiet des heutigen Lettland ging, um das Christentum auch in diesen Teil Europas zu bringen. Trotz der zuerst friedlichen Missionstätigkeit begann 1198 ein Kreuzzug durch Bertold dem Bischof von Livland, welcher vom Glauben abtrünnige Letten wieder in die katholische Kirche zwangseingliedern wollte. Dieser verlor allerdings im selben Jahr in einer Schlacht beim heutigen Riga sein Leben und ist heute neben seinem Vorgänger Meinard im Rigaer Dom beigesetzt. Bis 1229 wird Lettland jedoch von den Kreuzfahrern erobert und ist von da an katholisches Gebiet.

riga-cathedral-latvia-travel-domtony-hodgkinson Dom von Riga

Die nächste große religiöse Umwälzung kam mit der Reformation, 1521 begann das lutherische Gedankengut auch in Lettland Fuß zu fassen, 1554 war das Luthertum bereits der offizielle Staatsglaube. Mit der Ausbreitung der Reformation wurde auch der Gedanke, dass alle Gläubigen ihre Religion verstehen sollten, gelegt. So ist 1585 das erste Buch in lettischer Sprache, von  P. Canisius, der lutherische Katechismus. Es dauerte dann aber noch 100 Jahre, bis 1685, bevor die Bibel ins Lettische übersetzt wurde. Die katholische Gegenreformation blieb in Lettland wie in vielen anderen reformierten Gebieten weitgehend erfolglos, so dass die Evangelisch-lutherische Kirche bis heute als die führende (wenn auch nicht einzige) Kirche bestehen blieb.

erste_lettische_Bibel Titelseite der ersten lettischen Bibel

Mit dem Auftreten des Sozialismus, welcher durch die sowjetische Besetzung nach Lettland gebracht wurde, begann eine schwierige Zeit für die Religion im Land, so hat ein halbes Jahrhundert der Besetzung und Verfolgung die Zahl der aktiven Gemeindemitglieder der evangelisch Lutherischen Kirche von 1956 ungefähr 600.000 zu 25.000 bis 1987 reduziert.

Diesen Erfolg in der Unterdrückung der Religion verdankte die sozialistische Staatsführung einer rigorosen Terminierung der Kirche aus dem öffentlichen Leben. Kirchen durften nicht in Schulen, Arbeitsstätten, dem Rundfunk oder selbst durch Bücher wirken. Zudem mussten viele Christen hinnehmen, dass sie keine Karrierechancen hatten, solange sie der Kirche angehörten. Selbst diakonische Tätigkeiten, wie die Alten- und Krankenpflege oder das Unterhalten von Kindertagesstätten war nicht gestattet. Auch im Bereich der Familie gab es keine Freiheit, Eltern durften ihre Kinder nicht vor dem 18. Lebensjahr  in die Kirche einführen. Somit sind Chöre, Christenlehre oder Ferienfahrten in der Kirche nicht für Kinder und Jugendliche möglich gewesen. Regelmäßige Kirchgänger wurden unter hohen Druck gesetzt, unter anderem durch Belästigung und Schikanen am Arbeitsplatz oder spontane „genossenschaftliche“ Besuche lokaler Atheisten. Wie in vielen anderen sozialistischen Staaten wurden auch die wichtigsten Rituale der Kirche wie Taufe, Firmung, Heirat und Beerdigung durch säkularen Ersatz vereinnahmt.

1987 erlebte die lutherische Kirche eine Erneuerung durch eine neue Generation von hoch gebildeten jungen Geistlichen, welche die Organisation Wiedergeburt und Erneuerung ((Atdzimsana un Atjaunosana) gründeten. Auf diese Weise sind religiöse Praktiken zurück in das öffentliche Leben gekommen und die verbotenen Traditionen wurden teilweise gegen die sozialistischen Autoritäten durchgesetzt. Die Lutherische Kirche hat in dieser Zeit auch Hilfe für Glaubensbrüder im gesamten Sowjetgebiet geleistet. So hat Lettland die Ausbildung von Pfarrern für Litauen durchgeführt und der Bischof Haralds Kalnins kümmerte sich um verstreute deutsche Lutheraner außerhalb des Baltikums.

Auch die Katholische Kirche hat sich behauptet und teilt sich viele Kirchgebäude mit den evangelischen Glaubensbrüdern, denn durch die Sowjetzeit waren die Katholiken im Land weit verstreut und hatten oft keine eigenen Gotteshäuser.

Heute ist die Mehrheit der lettischen Bevölkerung wieder Mitglied einer Kirche. Die Lutherische Kirche ist dabei mit ca. 700.000 Mitgliedern, die Katholische Kirche mit ca. 500.000 und die orthodoxe Kirche mit ca. 370.000 Mitgliedern vertreten. Andere Glaubensrichtungen sind sehr schwach vertreten, so wurden nur 416 Juden gezählt und 319 Muslime. Trotz der hohen Zahl an Kirchenmitgliedern sind jedoch nur ungefähr 7 % regelmäßige Kirchgänger. Das kann daran liegen, dass Kirche als Trend Statement betrachtet wird und seit der Wende Konjunktur hat, weil die Kirchen sich gegen das sozialistische Regime gestellt haben. Trotzdem ist es beachtenswert, dass die Letten ihrer christlichen Religion treu bleiben und sich dazu bekennen, auch wenn die Anwesenheit im Gottesdienst abgenommen hat. Als Teil ihrer Geschichte des Wiederstandes gegen den real existierenden Sozialismus sowie der Mitwirkung an der politischen Wende haben die Letten sich scheinbar ihren Respekt für die Kirche bewahrt.


 

Textquellen

http://www.vialatvia.de/land/kultur/religion.html

http://countrystudies.us/latvia/14.htm

https://latvianhistory.com/the-chronology/

 

Bildquellen

http://www.latvia.travel/de/sehenswurdigkeit/rigaer-dom

http://www.kingscollections.org/exhibitions/specialcollections/bible/european-bible/first-latvian-bible