ISSN: 1867-6189

Öffentliche Bibliotheken in Riga

Sage und schreibe 39 Zweigstellen[1] bietet die öffentliche Zentralbibliothek ihren NutzerInnen in Riga an. Zumindest wenn man den Angaben der Uni Leipzig glaubt, die Mitarbeiterin vor Ort hingegen erzählte uns von 26 Filialen. Und auf der offiziellen Website[2] lassen sich nur 31 Bibliotheken zählen. Dabei hat die lettische Hauptstadt doch nur ca. 700.000 Einwohner! Das sind ca. 17.948 Einwohner pro Bibliothek. Im Berliner Öffentlichem Bibliotheksverbund, dem VÖBB, sind 75 Bibliotheken[3], was ungefähr 49.333,333 Einwohner pro ÖB macht. Was nutzt uns dieser faktische, laienhaft statistische Vergleich? Nichts, denn wir haben nicht mal eine Strandbibliothek, im Gegensatz zu unseren lettischen KollegInnen:

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Sonderbare Medienverwaltungsstrategien werden in dieser Sommerfiliale ausgeübt. Es gibt weder einen Barcorde-, noch einen RFID Scanner, alle Ausleihen werden manuell von den BibliotheksmitarbeiterInnen in einem A4 großen Heft festgehalten. Und wer braucht schon PC-Rechercheplätze, wenn die Spinnen einem die Beine hochkrabbeln? Ah, es kitzelt! Wenn es einen Strom- bzw. Serverausfall o.ä. gibt, merkt man hier nichts davon, im Gegensatz zu manch anderen Einrichtungen. Nachhaltiges Denken und eine gekonnt inszenierte Unabhängigkeit vom Grid. Nichts soll unserem Bildungsauftrag im Weg stehen! Die Bibliothek als ein tatsächlicher, kleiner Ort, in dem man auch zur Not Schutz vor plötzlichem Unwetter suchen kann. Die Ausleihdaten setzen sich übrigens wie folgt zusammen:

- Was wurde ausgeliehen
- Wann wurde ausgeliehen

Die Rückgabe wird vertrauensvoll in die Hände der anonymen User gelegt. Hier hat wohl jemand rechtzeitig 1984 gelesen. Über die Frage „Kommt denn alles zurück?“ wird mit einem entspannten Schulterzucken „das meiste schon“ erwidert, „die Leute wissen uns zu schätzen“.

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Wenn es doch immer so einfach sein könnte… Ich lächele, weil es wahr zu sein scheint. Der übersichtliche Bestand reduziert sich auf Kinderbücher, Allgemeinbildung, gängige Belletristik und Zeitschriften. In Berlin wäre so etwas problematisch.

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Der Stadtrat spendiert das Zelt und sorgt für dessen Überwinterung. Die MitarbeiterInnen sind begeistert. Die NutzerInnen sind begeistert. Wir sind auch begeistert und holen uns Eis. Hier würde ich gern auf meine Rente warten. Falls es diese Filiale in 30 Jahren noch gibt. Mich auch, versteht sich.

Wenn man grob ein dutzend Kilometer in süd-östliche Richtung von hier aus läuft, kommt man (hoffentlich) bei einer anderen Zweigstelle der Zentralbibliothek an. „Daugavas filiālbibliotēka“ also die Filialbibliothek Düna (= Daugava[4]), liegt unweit vom Fluss Düna, hinter der Moskauer Vorstadt und beherbergt eine frisch eingerichtete Öffentliche Bibliothek im Rigaer Bezirk Ķengarags.

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Eine liebenswerte und, wie sich später im Gespräch herausstellt, ihrem Beruf gewidmete Bibliotheksleiterin empfängt und führt uns nach oben.

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Vorher waren sie an einem anderen Ort ansässig, der jedoch wegen osteuropäischer Verwaltungsvorgänge verlassen werden musste. Zweieinhalb Jahre befand sich diese Bibliothek im Purgatorium, ehe sie das Gebäude einer alten Schule, frisch renoviert mit Hilfe von ca. 70.000 €, die vom Stadtrat zur Verfügung gestellt wurden, beziehen konnte.
Im EG findet sich eine Poststelle, im 1.OG die Erwachsenen-, wie Jugend- und im 2.OG die Kinderabteilung. 22.500 Medien und fünf MitarbeiterInnen bietet diese Zweigstellenbibliothek ihren durchschnittlich 2.500 NutzerInnen an.

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Hier stehen keine digitalen Medien zur Verfügung, aber es gibt einen standhaften OPAC. Und einen kleinen CD- und DVD-Stand. RFID wird hier nicht eingesetzt, nur Barcodes, und WLAN ist nur hinten,  beim IT-Raum/Küche:

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Sie bieten jedoch ein Paar PC-Arbeitsplätze mit Internetzugang an. Das Bewundernswerte ist, dass diese Bibliothek ihre Rolle im Bezirk voll und ganz bewusst wahrnimmt und umsetzt. Im gelegentlichen Gegensatz zu ihren deutschen KollegInnen eher ohne Nutzerverhaltensforschung, aber mit einem offenen Ohr. In der Erwachsenenabteilung findet sich ein Raum, der gemeinsam mit den Einwohnern die Geschichte des Bezirks versucht, möglichst persönlich und umfangreich zu dokumentieren.

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Es wirkt heimisch, vor allem weil viele Bezirksbewohner ihre persönlichen Unterlagen der Bibliothek für diesen Zweck zur Verfügung stellen. Nichts ist sauber poliert, aber alles glänzt vor konsequenter Menschlichkeit. Das 2.OG ist nur für die Kinder.

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Dort werden die Gemälde einer Elfjährigen ausgestellt, auf der anderen Seite die gespendeten Illustrationen eines professionellen Kinderbuchmalers.

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Rechts, hinter der kleinen Ausstellung, steht noch ein Flat Screen mit einer angeschlossenen Xbox 360 und dazugehörigem Kinect.

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Wenn man sich umsieht, bemerkt man Fotos von glücklichen Bibliotheksbesuchern. Vier Mal im Monat gibt es Kurse zu Kinder- und Entwicklungspsychologie für junge Eltern. Ein Strickworkshop wird auch angeboten und rege genutzt. Lesungen, Gedichts- und Gesangsworkshops, sowie Ausstellungen junger örtlicher Fotografen und Künstler finden hier in den Räumlichkeiten statt.

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Die Polizei nutzt die angebotenen Seminarräume um intern, wie auch den Einwohnern Aufklärungsworkshops anzubieten. Es läuft gut und der erste Eindruck des Underdogs verflüchtigt sich schnell, wenn man die gewohnte westliche Anspruchsmentalität kurz abschüttelt.

Ich bin sehr glücklich über den Besuch der beiden Bibliotheken und möchte mich bei der Organisatorin unserer Exkursionen bedanken. Mit ihrer Auswahl bot sie uns einen interessanten und vor allem realistischen Einblick in den Alltag kleinerer Öffentlicher Bibliotheken in Riga. Beide Zweigstellen zeigen, dass die lettischen KollegInnen ihre Arbeit gern und vor allem sehr gut machen. Sie verdienen großes Lob, denn sie verstehen ihre Arbeit, ihre NutzerInnen und machen sich nichts vor. Und anstatt darüber zu meckern, was besser oder anders sein könnte, tun sie alles dafür, auf ihre NutzerInnen einzugehen und ihre Bibliothek in ihrem Potenzial voll aufgehen zu lassen.

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Alle Fotos vom Autor.

[1] https://home.uni-leipzig.de/schoolsuccess/index.php/de/2013-09-08-09-28-54/rat-der-stadt-riga/ (28.06.2017)

[2] http://www.rcb.lv/pub/?page_id=1147 (28.06.2017)

[3] https://www.voebb.de/ (28.06.2017)

[4] https://www.baltikum-tours.de/infos/daugava.html (28.06.2017)