ISSN: 1867-6189

Interview mit Herrn Roland Bertelmann (Leiter der Bibliothek des Wissenschaftsparks Albert Einstein)

VORSTELLUNG DES INTERVIEWPARTNERS:

Roland Bertelmann ist langjähriger Leiter einer gemeinsame Bibliothek mehrerer außeruniversitärer Forschungseinrichtungen auf dem Telegrafenberg in Potsdam, darunter das Deutsche GeoForschungsZentrum GFZ, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, eine Forschungsstelle des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung und das Institute for Advanced Sustainability Studies. Die Bibliothek des Wissenschaftsparks Albert Einstein ist Dienstleister für ca. 1600 Mitarbeiter. Sie ist Vorreiter im Umgang mit Forschungsdaten, denn Roland Bertelmann hat zu diesem Thema hier viele interessante Forschungsprojekte angestoßen und umgesetzt. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Open Science der Helmholtz-Gemeinschaft und aktiv im Kuratorium des Kooperativen Bibliotheksverbunds Berlin Brandenburg und der Schwerpunktinitiative ‚Digitale Information‘ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen.

Im Interview: links Benedikt Hummel, rechts Roland Bertelmann

Im Interview: links Benedikt Hummel, rechts Roland Bertelmann

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ZUSAMMENFASSUNG DER INTERVIEWFRAGEN:

Welche Rolle spielen heute Informationsinfrastruktureinrichtungen im Umgang mit Forschungsdaten?

Forschung ist fast immer datenbasiert, ohne Daten kann keine Forschung stattfinden. Dafür benötigt Forschung eine adäquate Infrastruktur. In den Geowissenschaften sind das zum Beispiel wissenschaftliche Großanlagen, Satelliten, Bohrtürme oder große Messnetzwerke. Es handelt sich hierbei um Einrichtungen, die die Forschung unterstützen und als Forschungsinfrastruktur bezeichnet werden. Die Informationsinfrastruktur ist ein kleiner aber wichtiger Teil der Forschungsinfrastruktur, ist also kein isolierter, sondern ein integraler Bestandteil dieser. Bibliotheken, die diese Integrationsleistung als Informationsinfrastruktureinrichtung meistern, können auf diese Weise auch ihre Rolle mit Blick auf die Forschungsdaten im Wissenschaftssystem selbst definieren.

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Mit welchen Dienstleistungen unterstützt ihre Bibliothek diesen Forschungsprozess?

Die Dienstleistungen sind vielfältig. Neben klassischen Dienstleistungen einer Bibliothek werden die Wissenschaftler im Publikationsprozess und beim Thema Open Access unterstützt. Es existiert ein elektronischer Verlag und es werden zusätzlich auch Dienste wie Bibliometrie angeboten. In Bezug auf Forschungsdaten liegt die Stärke in den Erfahrungen des Publikationsmanagements. Der offene Zugang zu Daten wird von Anfang an von der Bibliothek unterstützt. Zugänglichkeit, Publikation und Offenheit zu Forschungsdaten sind wichtig. “Ein Datenprodukt, das nicht nutzbar ist, weil es nicht öffentlich ist, ist kein gutes Datenprodukt für die Wissenschaft.“ Bibliotheken sollten zunehmend Diskussions- und Ansprechpartner sein, die Rolle eines “Facilitators” übernehmen. Die Idee, Bibliotheken könnten den gesamten Lifecycle begleiten, wäre „größenwahnsinnig“. Es gibt bereits für viele Fragen rund um diesen Lifecycle Partner innerhalb der Institutionen. Diese an einen Tisch zu holen, um Unterstützungsprozesse für moderne Forschung neu zu denken, wäre wichtig.

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Die Bibliothek des Wissenschaftspark Albert Einstein hat die Möglichkeit fachspezifisch zu agieren. Welche Rolle sollten zum Beispiel Universitätsbibliotheken einnehmen, die oft neben MINT-Fächern auch ganz unterschiedliche geisteswissenschaftliche Fachrichtungen bedienen müssen?

Die Dienstleistung Publikationsmanagement hat etwas Generisches. Jede Institution hat aber auch ihre eigene Tradition und ihre eigenen Strukturen. Geht es um Forschungsdaten, sollte die Bibliothek jeweils nur eine konkrete Rolle in dem Konzert der Dienstleister einnehmen. Wie diese Rolle aussehen soll, kann jede Universitätsbibliothek nur vor ihrem sehr spezifischen Hintergrund selbst entscheiden. Wichtig wäre, überhaupt über das Thema Forschungsdaten zu sprechen, es virulent zu halten, in dem Bibliotheken zum Beispiel ihre Rolle als Kommunikator nutzen, indem sie z.B. Workshops veranstalten oder ähnliches.

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Welche Kompetenzen sollten vor diesem Hintergrund Bibliotheksmitarbeiter zukünftig einbringen?

Gebraucht werden Menschen, die gut ausgebildet sind und eine grundsätzliche Neugier mitbringen und die im Studium gelernt haben, sich schnell neue Dinge beizubringen.

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In den informationswissenschaftlichen Studiengängen werden heute Themen wie Datenmanagement und Forschungsdatenmanagement gelehrt. Wären diese Absolventen geeignete Kandidaten für eine entsprechende Stellenbesetzung?

Wer schon weiß, was Forschungsdaten sind, das Umfeld kennt und  ein Verständnis von der Rolle der Forschungsdaten im wissenschaftlichen Prozess hat, ist im Vorteil. Es hängt aber auch sehr von der spezifischen Aufgabe ab, die es zu bewältigen gilt. Bei der Beratung zum Qualitätsmanagement von Metadaten wären beispielsweise XML-Kenntnisse und Wissen über ihre technische Verarbeitung hilfreich. Mitbringen sollte man ein grundsätzliches Verständnis davon, wie Datenbanken, Software allgemein oder Programmiersprachen exemplarisch funktionieren, denn die Entwicklung ist schließlich sehr dynamisch.

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Welches sind die gravierendsten Herausforderungen für die Scientific Community im Umgang mit Forschungsdaten?

Will man Daten für andere wissenschaftliche Fragestellungen nachnutzen und einen Mehrwert erzeugen, bedeutet dies eine zusätzliche Aufbereitung der Daten. Diese Mehrarbeit ist eigentlich nicht im Wissenschaftssystem vorgesehen bzw. wird nicht honoriert. Ein anderes Problem ist die Offenheit. Jeder Wissenschaftler, der Daten braucht, ist glücklich, wenn sie zugänglich und offen sind. Aber die eigenen Daten über Beschreibungen und Metadaten wirklich nachnutzbar zu machen, bedeutet zusätzliche Arbeit. Komplexität zu modellieren und auch  darzustellen, die vielfältigen Kontextinformationen zu Forschungsdaten zu generieren und diesen Prozess dann schließlich noch in einer Forschungsinfrastruktur als Aufgabe zu integrieren, ist wahrscheinlich derzeit die größte Herausforderung.

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Spieldauer: 24: 38 min

auch in Zenodo unter: https://zenodo.org/record/262937

DOI: 10.5281/zenodo.262937