ISSN: 1867-6189

Eine vorbildliche Bibliothekslandschaft für ein lesebegeistertes Volk

Die Finnen zählen nicht nur zu den eifrigsten Kaffeetrinkern[i], Bücher liegen ihnen auch sehr am Herzen. Eine Tatsache, die 2016 mit der Studie „The World’s Most Literate Nations (WMLN)“ bestätigt wurde. Als „the most literate country in the world“ führt Finnland zusammen mit seinen nordischen Nachbarn konkurrenzlos die Rangliste an. Für John W. Miller, Präsident der Central Connecticut State University und Leiter der Studie, ist dieses Ergebnis auch nicht weiter verwunderlich, da Lesen einen festen Bestandteil der finnischen Kultur bildet.[ii] Daher überrascht es auch nicht, dass die Finnen mit jährlich über 90 Millionen Ausleihen in Europa am häufigsten eine Bibliothek aufsuchen.[iii], [iv]

Unbestreitbar, Finnland und Lesen gehen Hand in Hand: „Im Verhältnis zur Einwohnerzahl werden extrem viele Bücher gedruckt, verkauft, ausgeliehen und gelesen.“[v] Finnlands dichtes Bibliotheksnetz[vi] spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Jede der 312 Gemeinden des Landes besitzt mindestens eine Bibliothek. Genau genommen versorgen 794 öffentliche Zentralbibliotheken mit ihren Zweigstellen und 153 Bücherbussen kostenlos die wissbegierigen Einheimischen mit neuem Lesematerial und Informationen.[vii] In Pargas, bei Turkur, kümmert sich sogar seit 1976 ein Bibliotheksboot in den Sommermonaten um die Schärenbewohner.[viii]

Die Bücherbusse transportieren schon seit über 100 Jahren diverse Bibliotheksmaterialien in dünn besiedelte Gebiete: “As far as I know the first mobile library began its operation in Finland in the present city of Vantaa in 1913,” wie Antero Kyöstiö von der Finnish Library Association feststellt, “It was a horse.” Auch wenn es bereits eine Art mobile “Pferde-Bibliothek” sogar schon vor Finnlands Unabhängigkeit gab, entwickelten sich echte Bücherbusse erst in den 1950er Jahren, als sie in fünf Gemeinden testweise eingesetzt wurden und schnell an Popularität gewannen. Heutzutage transportieren die bestens ausgestatteten Bücherbusse über 4000 Titel, Zeitungen, Zeitschriften und audiovisuelle Materialien, und können dabei schon mal bis zu 50.000 km pro Jahr zurücklegen.

Die Anfänge

Das dichte Bibliotheksnetz und der Wissensdurst kommen dabei nicht von ungefähr, sondern sind eng mit dem Nationalbewusstsein und der Geschichte des Landes verknüpft. Die Emanzipation von Russland ging mit dem Aufblühen eines stark vom Bildungsgedanken geprägten Nationalbewusstseins einher. Damals wie heute nimmt Bildung mit dem Hintergedanken, dass ein Jedermann Anspruch auf Wissen besitzt, einen hohen Stellenwert in der finnischen Gesellschaft.[ix] So liefern sich im Nationalepos Kalevala der alte Dichter Väinämöinen und der junge Querulant Lemminkäinen einen waffenlosen Schlagabtausch mit Worten und Gesängen.[x] Dementsprechend bildet die gebührenfreie Informationsversorgung aller Bürger, unabhängig vom Einkommen, Alter oder Herkunft, auch den Grundpfeiler des finnischen öffentlichen Bibliothekssystems. Und auch die wissenschaftlichen Bibliotheken und die Bibliothek des finnischen Parlaments öffnen ihre Türen für alle.[xi]

Die Anfänge der finnischen Lesekultur lassen sich bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen, wobei die Schriftkultur erst Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufbau des öffentlichen Schulsystems richtig ins Rollen kam. Im Mittelalter gönnten sich zum einen die Katholische Kirche und zum anderen die schwedische Aristokratie Bibliotheken und Archive für ihre Handschriftensammlungen. Die Inkunabel, Missale Aboense – eine Sammlung von Gebeten – wurde 1488 als erstes Buch für Finnland in Lübeck gedruckt. 1640 folgte die Eröffnung der ersten finnischen Universität, der Turkuer Akademie, mit 11 Professoren, etwa 250 Studenten und einer eigenen Bibliothek, die anfangs, unter anderem, auch Kriegsbeute verwahrte.

Damals schon wurde die Lesefertigkeit wertgeschätzt. Im 17. Jahrhundert setzte die Kirche mit der Öffnung ihrer Bibliotheken für die Landbevölkerung den Anfang und brachte dem einfachen Volk das Lesen bei, so dass 1855 acht finnischsprachige Zeitungen belesene Bauern über das Tagesgeschehen informierten. Zu den Kirchenbüchereien gesellten sich zudem die nach deutschem Vorbild in den Küstenstädten etablierten Lesegesellschaften und die gewerblichen Leihbüchereien der Buchhändler. Der erste Lesezirkel gewährte, zum Beispiel, ab 1794 Standespersonen, Beamten und Geschäftsleuten in Vaasa Einlass. Acht Jahre später richtete Rabbe Gottlieb Wrede eine kleine Bücherei auf seinem Landgut ein und schuf damit das Fundament für die öffentlichen Bibliotheken in Finnland. Zwischen 1836 und 1870 wurden insgesamt 426 Volksbüchereien gegründet. So richtig Fahrt nahm die Büchereibewegung jedoch erst nach der erreichten Unabhängigkeit von Russland auf, als in den 1910er Jahren mehrere Finnen das Bibliothekswesen in den Vereinigten Staaten studierten und amerikanische Werte mit nach Hause brachten. Nach und nach setzte sich die Auffassung durch, dass Büchereien zum Wohle aller und nicht nur für die Ungebildeten eingesetzt werden sollten, so dass in den darauffolgenden Jahren viele Stadtbüchereien ins Leben gerufen wurden und der Siegeszug des öffentlichen Bibliothekswesens beginnen konnte.[xii], [xiii]

1928 legte dann das erste finnische Bibliotheksgesetz gesetzlich fest, dass jede Kommune über eine öffentliche Bibliothek verfügen solle. Nachdem 1961 und 1962 Ergänzungen hinzugefügt wurden, folgte 1999 der Beschluss über die endgültige, mit einer Durchführungsverordnung versehende Fassung des finnischen Bibliotheksgesetzes, welches die Kommunen für die Bereitstellung von Bibliotheksdiensten verantwortlich machte. Hierfür stellt der Staat Fördermittel für die Betriebskosten sowie Bau- und Renovierungskosten bereit. Konkret regeln zwölf Paragraphen, unter anderem, den Ausbau von virtuellen und interaktiven Netzwerkdiensten, die Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken im Rahmen der nationalen und internationalen Netzwerke und die Evaluierung der Qualität und Verfügbarkeit der angebotenen Dienstleistungen – eine bisher einmalige Bestimmung in der internationalen Bibliothekslandschaft. Außerdem ordnet das Gesetz an, dass die Bibliotheken genügend qualifizierte Mitarbeiter einstellen, ihre Medienangebote auf dem aktuellsten Stand halten und die Nutzung aller Angebote gebührenfrei erfolgt.[xiv] Zusätzlich sorgen der Bibliotheksplan von 2006 bis 2010, die Bibliotheksstrategie 2010 und die „Finnish Public Library Policy 2015“ dafür, dass die Stellung der öffentlichen Bibliotheken mehr und mehr in der nationalen Bildungs- und Kulturstrategie gestärkt wird.[xv]

Finnische Erfolgsgeheimnisse

Damit das Lesen und die Bibliotheken auch weiterhin ein hohes Ansehen in der finnischen Gesellschaft genießen, lassen sich ihre Mitarbeiter so einiges einfallen. Vor allem aber wird die Nähe zu dem Nutzer groß geschrieben.[xvi] Damit einher geht der Versuch, die Bibliothek fest in den Alltag zu integrieren. So bilden Bibliotheken in Einkaufszentren oder kundenfreundliche Sonntagsöffnungszeiten die Norm und nicht die Ausnahme.[xvii] In Tampere eröffnete im September letzten Jahres, beispielsweise, in dem Stadtteil Koilliskeskus eine neue Bibliothek in einem Gesundheitszentrum – angegliedertes Shoppingcenter natürlich inbegriffen – und bietet Arzttermine für junge Mütter und Kinder an. Ebenso kümmern sich Sozialarbeiter um die Belange der in der Gegend wohnenden Familien.

Und in Turku verlegt die Stadtbibliothek einen Teil ihrer Angebote im Sommer einfach mal nach draußen und informiert mit dem Bibliotheks-Pop-Up-Fahrrad über stattfindende Veranstaltungen. In Espoo bekommen Kinder und Erwachsene Lesehunde zur Seite gestellt, um Leseschwächen zu überwinden. Die Stadtbibliothek von Helsinki erfreut ihre Besucher mit einem „Gas Station’s Ask Anything service,“ einer Informationstankstelle, bei der Besucher jede erdenkliche Frage mit allen Arten von technischen Geräten stellen können.[xviii] Zudem machte die Stadtbibliothek 2012 an dem zweijährigen Pilotprojekt „E-Books für Öffentliche Bibliotheken“ mit. In Kooperation mit finnischen Verlagen sollte dabei ein Lizenzmodell gefunden werden, „welches den Verlegern eine rentable Geschäftstätigkeit, den Bibliotheken die vereinbarten Leistungen und den Nutzern der Bibliotheken hochwertige einheimische Literatur in elektronischer Form ermöglicht.“[xix] Nächstes Jahr erhält Helsinki, passend zum neuen Millennium, eine neue hochmoderne Zentralbibliothek – Restaurant, Sauna, und innovative Architektur inklusive.[xx], [xxi]

Und die Bibliotheken haben Erfolg. All diese Angebote sorgen dafür, dass die Finnen von ihren Bibliotheken auch in Zukunft „Surprised, Inspired and Empowered“[xxii] werden und die Liebe der Finnen zu ihrer örtlichen Kirjasto unangetastet bleibt.[xxiii]

[i] Statistics Finland. „Finland among the best in the world.” 09.02.2017 http://www.stat.fi/ajk/satavuotiassuomi/suomimaailmankarjessa_en.html

[ii] Öhberg, Tony. “Finland Ranks As the Most Literate Country In the World.” Finland Today 03.08.206 http://finlandtoday.fi/finland-ranks-as-the-most-literal-country-in-the-world/

[iii] The European Bureau of Library, Information and Documentation Associations (EBLIDA) http://www.eblida.org/activities/kic/public-libraries-statistics.html

[iv] Statistics Finland. „Finland among the best in the world.” 09.02.2017 http://www.stat.fi/ajk/satavuotiassuomi/suomimaailmankarjessa_en.html

[v] Schwietert, Sabine. “Finnland und Lesen, das gehört zusammen.“ boersenblatt.net 25.04.2014 https://www.boersenblatt.net/artikel-zahlen_zum_buchmarkt_des_gastlands_der_frankfurter_buchmesse_2014.794586.html

[vi] „Lesebegeisterte Finnen“ Zeit Online 14.12.2006 http://www.zeit.de/specials/Finnland/literatur/komplettansicht?print

[vii] Sovijärvi, Matti. “Finland reads.” finland.fi 2014 https://finland.fi/life-society/finland-reads/

[viii] Cord, David J. “Decline in library visits halts.” Helsinki Times 19.09.2013 http://www.helsinkitimes.fi/finland/finland-news/domestic/7705-decline-in-library-visits-halts.html

[ix] Neuhauser, Julia. „Der stolpernde Vorzugsschüler.“ Die Presse 10.06.2016 http://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/5012624/Der-stolpernde-Vorzugsschueler

[x] Aulanko, Emma. „Leseland Finnland.” 02.07.2013 http://finnland-institut.de/blog/leseland-finnland/

[xi] Tuominen, Kimmo und Jarmo Saarti. „The Finnish library system – open collaboration for an open society.” IFLA 2012 http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0340035212444506

[xii] Häkli, Esko. „Finnland.“ Elemente des Buch- und Bibliothekswesens: Bibliotheken der nordischen Länder in Vergangenheit und Gegenwart. Band 9. Hg. Christian Callmer und Torben Nielsen. Wiesbaden: Dr. Ludwig Reichert Verlag, 1983, S. 227-280.

[xiii] Tuominen, Kimmo und Jarmo Saarti. „The Finnish library system – open collaboration for an open society.” IFLA 2012 http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0340035212444506

[xiv] Schleihagen, Barbara. „Bibliotheksgesetze in Europa – Mittel politischer Steuerung und Gestaltung“ 2008 www.bibliotheksportal.de/fileadmin/user_upload/content/bibliotheken/international/dateien/Bibliotheksgesetze_in_Europa.pdf

[xv] Fachstelle Öffentliche Bibliotheken NRW. „Finnish Public Library Policy 2015.“ 22.06.2010 https://oebib.wordpress.com/2010/06/22/finnish-public-library-policy-2015/

[xvi] Busch, Rolf, und Hans-Christoph Hobohm. „Bibliotheken in Finnland.“ Bibliotheken der Welt: Finnland. Hg. Rolf Busch und Hans-Christoph Hobohm. Bad Honnef: Bock + Herchen Verlag, 2005, S. 5-9.

[xvii] Lowisch, Maximilian. „Von Deutschland nach Finnland und zurück: Wege zwischen dem deutschen und finnischen Bibliothekswesen – Podiumsdiskussion der LIS-Corner.“ BIT online. Bd. 17, Nr. 6, 2014, S. 552-554. www.b-i-t-online.de/heft/2014-06-reportage-lowisch.pdf

[xviii] Puukko, Outi. „Finnish libraries offer new adventures.” finland.fi 2012 https://finland.fi/life-society/finnish-libraries-offer-new-adventures/

[xix] Hjelt, Marja. „Finnland: Verlage, Autoren, Leser und Bibliotheken profitieren.“ Forum Bibliothek und Information http://b-u-b.de/verlage-autoren-leser-und-bibliotheken-profitieren/

[xx] Mittrowann, Andreas. “Typisch finnisch mit einer Sauna: die neue Zentralbibliothek Helsinki.“ globolibro 24.03.2014 https://globolibro.wordpress.com/2014/03/24/typisch-finnisch-mit-einer-sauna-die-neue-zentralbibliothek-helsinki/

[xxi] Libraries.fi “Finnish Library Buildings: Helsinki Central Library 2018 – the library of the new era.” http://www.libraries.fi/buildings/central-library#.WJ7tC398mXA

[xxii] Haavisto, Tuula. „Finns Are Surprised, Inspired and Empowered by Their Libraries.” Finnish Libraries Now http://now.libraries.fi/foreword.html#.WJ7ohn98mXA

[xxiii] Schwietert, Sabine. “Finnland und Lesen, das gehört zusammen.“ boersenblatt.net 25.04.2014 https://www.boersenblatt.net/artikel-zahlen_zum_buchmarkt_des_gastlands_der_frankfurter_buchmesse_2014.794586.html