ISSN: 1867-6189

Wer geht denn heute noch in Bibliotheken? Oder: Warum die Finnen es doch tun

Vor wenigen Tagen meinte ein Freund zu mir: „Ich kenne keinen, der heutzutage noch in Bibliotheken geht. Die suchen doch alles im Internet.“

Das sind dann die Momente, in denen ich mich frage: „Haben die noch nie eine komplexere, wissenschaftliche Arbeit geschrieben, in der verlässliche Quellen benötigt werden? Wissen die, wie man verlässliche Quellen im Netz findet? Wissen die nicht, dass es in Bibliotheken mittlerweile mehr als nur Bücher gibt?“

Wahrscheinlich mussten sich diese Leute noch nie mit solchen Fragen beschäftigen und/oder hatten nie Probleme bei der Suche nach Informationen im Netz.

Was mich auch noch neugierig machte, war, ob das Klischee von den technisch sehr fortschrittlichen Finnen stimmt. Ihre Bibliotheken sollen unseren weit voraus sein.

Ob das der Wahrheit entspricht, durfte ich bei einem Besuch von zwei finnischen Bibliotheken selbst herausfinden.


Eingang mit Schriftzug "Koilliskeskus"

Eingang der Bibliothek mit Schriftzug „Koilliskeskus“ – Foto: Nicole Drescher

Die Koilliskeskus-Bibliothek, die sich als erste Bibliothek mit Gesundheitsservice in Tampere sieht, ist vom verstaubten Bild der Büchersammlungen bereits stark abgerückt. Hier findet sich eine bunte Mischung aus verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten: Neben der klassischen „Bibliothek“ gibt es eine Art „Klinik“ bzw. Behandlungs- und Beratungsräume für Mütter mit ihren Kindern bzw. Familien allgemein.

Das wirft schon ein anderes Licht auf Bibliotheken. Denn in welcher Bibliothek kann man sonst noch einen Untersuchungs- oder Beratungstermin mit seinen Kindern wahrnehmen?

Und das Praktische ist:

Wenn es den Kindern beim Warten mal langweilig ist, dann gibt es im Kinderbuchbereich genug Ablenkungsmöglichkeiten.

Loftbereich für Jugendliche

Loftbereich für Jugendliche – Foto: Nicole Drescher

Auch ohne Termin dürfte es Kindern nicht langweilig werden: Dafür sorgen Veranstaltungen (auch zum Thema Gesundheit), „Märchenstunden“ (auch Story-Times genannt), Schulungen zum Thema „Information Retrieval“ für Schüler und ein „Schuhloser Bereich.“ In diesem können Kinder und Jugendliche gemütlich chillen, Konsolenspiele spielen, Billard spielen und in einem extra Raum kann auch gebastelt und gemalt werden. Wollen die Jugendlichen doch einmal ihre Ruhe vor den Kleineren haben, dann können sie sich in ihren eigenen „Loftbereich“ zurückziehen, der mit einem großen Flatscreen und vielen Sitzgelegenheiten auftrumpft.

Ein weiteres Highlight dieser Bibliothek sind Veranstaltungsräume, in denen die Benutzer bestimmen können, was dort stattfindet.: So kann es also vorkommen, dass während in einem Raum ein Tanzabend für ältere Leute stattfindet (welche übrigens neben Familien, Müttern mit Kindern, Kinder und Jugendliche eine weitere Zielgruppe der Koillikeskus Bibliothek darstellen) zeitgleich in einem anderen Raum eine Jugendparty gefeiert wird.

Bücherecke in Koilliskeskus

Bücherecke in Koilliskeskus – Foto: Nicole Drescher

Neben den ganzen Veranstaltungsmöglichkeiten gibt es natürlich auch noch die „klassischen“ Bücher und parallel dazu viele Computerarbeitsplätze und dazu freies WLAN. Um immer auf dem neusten Stand zu sein und den Benutzern bei Problemen alles mit der „Geduld einer Kuh“ erklären zu können, werden auch die Mitarbeiter geschult. Dadurch ist es möglich Services anzubieten, wie „Gerätesprechstunden“, zu denen ein Benutzer ein Gerät mitbringen und sich bei der Einrichtung helfen lassen kann. Außerdem gibt es noch Tutorial-Kurse für alle Altersgruppen (vom Vorschulkind bis zum Senior) im Bereich Internet-, Geräte- und Mediennutzung.

Ja, richtig gelesen: Auch in Finnland gibt es Menschen, die mit den neuen Medien noch nicht so vertraut sind! 

Computerarbeitsplätze

Computerarbeitsplätze – Foto: Nicole Drescher

Deshalb hat sich die Bibliothek das Ziel gesetzt, allen Menschen dabei zu helfen, sich in die digitalisierte Informationsgesellschaft einzugliedern.

Und das schafft sie auch durch die Zusammenarbeit zwischen verschiedene Berufsgruppen wie z.B. IT-ler, Bibliothekare, Erzieher bzw. Jugendhelfer, Krankenschwestern und Ärzte.

Außerdem wird durch eine flexible Raumnutzung das Interesse von Nutzergruppen geweckt, die wohl sonst nie einen Fuß in eine Bibliothek setzen würden.


Die Linna – Universitätsbibliothek Tampere kommt dagegen weniger exotisch daher.

Linna Universitätsbibliothek Außenansicht

Linna Universitätsbibliothek Schriftzug außen – Foto: Nicole Drescher

Eine Universitätsbibliothek unterteilt in zwei Gebäude (einmal Medizin und Technik und einmal eher die Geisteswissenschaften, besonders Informationswissenschaften, aber auch Jounalismus, Literaturwissenschaft etc.) mit einer Servicetheke im Eingangsbereich des geisteswissenschaftlichen Gebäudes sieht auf dem ersten Blick nicht unbedingt nach Innovation aus.

neuer Lesesaal

neuer Lesesaal – Foto: Nicole Drescher

Doch beim genaueren Hinhören während der Bibliotheksführung fallen einige Details auf, die darauf hindeuten, wie innovativ diese Bibliothek letztendlich doch ist. Die frühere Ausleihtheke ist einer Auskunftstheke gewichen, an der auch alles Technische gefragt werden darf. Zusätzlich wird eine Chatauskunft angeboten, sowie ein OPAC und der Zugang zu verschiedenen Datenbanken. Außerdem gibt es die Hälfte des Bestands auch als E-Book  und der ehemals ruhige Lesesaal wurde renoviert und hat sich in einen Raum gewandelt, in dem auch Sprechen erlaubt ist. Dafür gibt es jetzt einen ruhigen Zeitungslesesaal, der zusätzlich in „Laptop-Bereich“ und „laptopfreien Bereich“ unterteilt ist.

Außerdem hat sich die Bibliothek eine eigene Klassifikation ausgedacht, welche lose auf die DDC (Dewey Decimal Classification) basiert.

Arbeitsbereich

Arbeitsbereich – Foto: Nicole Drescher

Zusätzlich hat die Bibliothek auch noch einen großen Arbeitsbereich. Neben diesen Plätzen gibt es auch Räume für Gruppenarbeiten und einen Klassenraum, der von den Dozenten gerne für Seminare genutzt wird. Dieser Raum bietet auch genug Kapazität für die Einführungsveranstaltungen, an die jeder Student bei Studienbeginn teilnimmt.

Gedruckte Zeitschriften gibt es in dieser Bibliothek nur noch wenige. Sie passen in eine Kompaktanlage.

Neben ihren täglichen Aufgaben arbeitet die Linna Universitätsbibliothek mit dem Archiv der Universität zusammen und erhält von diesem, z.B. Unterstützung bei der Datenspeicherung.

Die Innovationsfreude der Bibliothek zeigt sich weniger in neuen Bibliothekskonzepten, sondern eher in deren Einsatz für OPEN ACCESS, ein Trend, der bisher in Finnland weiter verbreitet ist, als hierzulande.


Um die im einleitenden Absatz gestellten Fragen für mich zu beantworten, werde ich folgende Erkenntnisse hier noch einmal zusammenfassen:

Es ist möglich wieder mehr Leute in die Bibliotheken zu bekommen, wenn der Ort „Bibliothek“ nicht nur eine Büchersammlung, sondern ein Ort der Begegnung mit Zugang zu Informationen verschiedenster Art (print oder digital) ist.  Wenn sogar Leute, die eher digital suchen bemerken, dass es in der Bibliothek noch verlässlichere Quellen gibt (z.B. lizensierte Datenbanken) als von zu Hause aus, dann gibt es auch für sie einen Grund, wieder eine Bibliothek zu besuchen oder zumindest Mitglied zu werden und ihre Services zu nutzen. Da heutzutage die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz immer wichtiger wird, kann die Bibliothek in Zukunft diesen Bildungsauftrag übernehmen oder zumindest unterstützen. Auch Services, die dem Nutzer beim Umgang mit elektronischen Kommunikationsgeräten helfen, unterstützen Bibliotheken dabei, sich von der Büchersammlung zum Informationsservicezentrum weiterzuentwickeln. Dadurch wissen Nutzer, die beim Umgang mit diesen Geräten Probleme haben, dass nicht nur ein IT-Fachmann, sondern in einigen Fällen auch der zukünftige Bibliothekar helfen kann.

Besonders interessant finde ich auch die Idee die Bibliothek mit anderen Funktionalitäten zu erweitern (wie bei der Koilliskeskus-Bibliothek). Dadurch werden zusätzlich Nutzergruppen, die bisher an Bibliotheken kaum interessiert waren, dazu gebracht, diese doch einmal zu besuchen, weil sie merken, dass die erweiterten Services auch für sie nützlich sind.

Ich habe aus dem Besuch dieser beiden Bibliotheken gelernt, dass in Finnland, zwar auch technisch unerfahrene Menschen leben, aber ich denke, dass im Gegensatz zu Deutschland mehr dagegen gemacht, besser auf die Benutzerbedürfnisse eingegangen und mehr Geld für die Umsetzung investiert wird. Das sieht man besonders an der stärkeren Durchsetzung von Open ACCESS und an dem Plan noch mehr öffentliche Bibliotheken in Tampere als Gesundheitszentren auszubauen.