ISSN: 1867-6189

Die Hadriansbibliothek – Von Griechen, Götter und Heroen

Mit Griechenland verbinden sich unweigerlich sogleich zahlreiche Erinnerungen an die Helden und Ungeheuer der homerischen Epen: sowohl die „Ilias“ als auch die „Odyssee“ berichten von sagenumwobenen Gestalten, wie dem starken Kämpfer Achilles und dem heldenhaften Hektor, die Schrecken der Skylla und Charybdis oder ebenso von der hinreißenden Kalypso sowie den chthonisch anmutenden Kyklopen. Jene Überlieferungen zählen wohl zu den ältesten und einflussreichsten Schriften in der abendländischen Literatur und begründen zugleich die renommierte griechische Geistesgeschichte.
In der Griechischen Klassik entstanden daneben gleichermaßen die ersten eigenständigen Bibliotheken, so dass die Griechen darüber hinaus als Begründer des antiken Bibliothekswesens zu erachten sind. Das sowohl in jenen vornehmlich herrschaftlich-repräsentativen Bibliotheken zusammengetragene Wissen als auch der Bibliotheksbau selbst waren dabei zumeist architektonisch mit einem sakralen oder weltlich-prestigeträchtigen Gebäude bzw. Gebäudekomplex oder gar einem Tempelbau verquickt. So sei an dieser Stelle etwa auf die von Origenes (185-253) angeführte Bibliothek des Didaskaleion verwiesen oder  beispielsweise auf die Bibliothek des Herrscherhofes von Nikokles in Salamis  (374-359/358), wie ebenso auf die Medizinische Schulbibliothek der Ärzteschule in Kos und nicht zuletzt auf bedeutendste Bibliotheken der Antike, wie jene Bibliotheken in Alexandria, Ephesus und Pergamon (Dorandi, 1997).
Bereits unter dem römischen Kaiser Trajan (98-117) erfolgte in Athen darüber hinaus die Errichtung der sogenannten Pantainos-Bibliothek nahe der Agora als private Stiftung. Inmitten der Metropole von Athen erhebt sich gleichsam am Rande des Monastiráki-Platzes würdevoll die Ruine des einst wenig später unter dem römischen Kaiser Hadrian (117-138) um etwa 132 n. Chr. errichteten Bibliotheksgebäudes, der sohin bezeichneten Hadrian-Bibliothek, als eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Obgleich nunmehr in Fragmenten überliefert, ermöglichen diese dennoch Rückschlüsse auf die einstmals prächtige Architektur jenes herausragenden Bauwerkes. Einzig die Säulenfassade des ehemaligen Peristyls vermochte dabei weitestgehend die Jahrhunderte zu überdauern.

Westfassade des Peristyls mit vorgeblendeten korinthischen Säulen.

Abbildung 1: Westfassade des Peristyls mit vorgeblendeten korinthischen Säulen Foto: Stefanie Kruse

Indessen folgt der einstige Bibliothekskomplex in seiner Konzeption einem rechteckigen Grundriss und zeugt mit seiner Ausdehnung von ungefähr 120 m Länge und 78 m Breite von einer stattlichen Größe.
Ein von 100 Säulen gesäumter, weitläufiger Innenhof samt Wasserbecken stellt dabei einen zentralen Bestandteil des damaligen Bauwerkes dar, der später im 6. Jh. schließlich einer christlichen Basilika weichen musste. Imposante Marmorstatuen sowohl der Athena, Schutzgöttin Athens, als auch Kaiser Hadrians, dem Begründer der Bibliothek, vermochte dabei wohl der einstige Besucher jenes Gartens zu erblicken. Noch heute sind im Inneren der Anlage die lediglich fragmentarisch erhaltenen Überreste der einstigen großartigen Mosaik-Marmorkacheln zu betrachten, welche in früheren Zeiten noch ihren Zweck als Dekoration  der Fußböden erfüllten. Des Weiteren mochte der Bibliothekskomplex vermutlich gar drei Stockwerke vorweisen, die Platz für etwa vierzig Nischen und somit der Aufbewahrung von schätzungsweise nahezu 66.000 Schriftrollen aus Papyrus boten, was annähernd 16.800 Buchbänden entspricht.

Abbildung 2 Blick auf die antiken Mosaik-Marmorkacheln

Abbildung 2: Blick auf die antiken Mosaik-Marmorkacheln Foto: Stefanie Kruse

Mit vier Bibliotheksräumen, jeweils zwei Vortrags- und Lesesälen, einer Schreibwerkstatt sowie verschiedenen Innenhöfen und womöglich gar einem Theater war die Bibliothek des Hadrian einstmals als „Athener Bibliothek“, die Bibliostasio, weithin bekannt. Gleichwohl ein Ort der kulturellen Vielfalt und des     interkulturellen Kommunizierens, was sich nicht zuletzt auch als ein wesentlicher Bestandteil unserer modernen Vorstellung von der Bibliothek als Wissensraum und als integrativer Ort – sowohl physisch wie auch ideell – des „Lebenslangen Lernens“ erweist. Auch erste sicherheitstechnische Maßnahmen fanden bereits Berücksichtigung, indessen eine Art kompakte Brandschutzmauer obschon die gesamte Anlage zu umschließen vermochte. Nicht sicher erwiesen ist zudem die Gestaltung einer Art „Kaisersaal“ im Zentrum der Bibliotheksanlage, obgleich die Anordnung der Regale sowie die Lagerung der zu beherbergenden Schriftrollen auf solch eine architektonische Konzeption durchaus hindeuten.

Abbildung 3 Ansicht der östlichen Innenfassade mit Blick auf die Nischen für die Schriftrollen

Abbildung 3: Ansicht der östlichen Innenfassade mit Blick auf die Nischen für die Schriftrollen Foto: Stefanie Kruse

Das hier offen zu Tage tretende Interesse eines  römischen Kaisers an der Errichtung einer so bemerkenswerten Bibliothek im Herzen Griechenlands neben weiteren verschiedenen Bauprojekten legt darüber hinaus beredtes Zeugnis seiner ausgeprägten Wertschätzung der griechischen Kultur ab. In diesem Zusammenhang galt eine seiner Prioritäten einer aktiven Bautätigkeit, die nicht einzig aus politischen oder dynastischen Erwägungen, sondern ebenso seiner persönlichen Begeisterung entsprang und ihn sohin als „Philhellenen“ auszuzeichnen vermochte, indessen gewiss mehrere unter seiner Herrschaft errichteten Bauwerke einen Höhepunkt in der griechisch-römischen Architektur darstellen.

 

 

 

Quellen

Dorandi, Tiziano: Tradierung der Texte im Altertum. Buchwesen, in: Nesselrath, Heinz-Günther (Hg.): Einleitung in die griechische Philologie, Wiesbaden: Springer, 1997, S. 3-16.