ISSN: 1867-6189

Informationswissenschaft in Potsdam

Ein langer Weg zum Singular

Der 1992 gegründete Fachbereich »Archiv-Bibliothek-Dokumentation« der jungen Fachhochschule Potsdam wurde im Jahre 2000 in Fachbereich »Informationswissenschaften« umbenannt. Dies trug der Überlegung Rechnung, dass die schon früh angelegte Integration der drei Berufsfelder in der ersten Phase der Fachbereichsgeschichte sich nun auch im Namen niederschlagen sollte, weil sie erste Früchte trug. Fachlich war der Name im Plural darin begründet, dass die drei Studiengänge alle auf informationswissenschaftlichen Teildisziplinen aufbauen. In den 70er Jahren hatte einer der Gründerväter des Fachbereichs explizit die Bibliothekswissenschaft als »spezielle Informationswissenschaft« deklariert1. Die Dokumentation verstand sich schon immer als praktische Ausprägung der »Informationswissenschaft« genannten universitären Disziplin2. Für den Archivstudiengang war dieser Bezug etwas schwieriger herzustellen, obwohl auch hier in den ersten Überlegungen zur Fachbereichskonzeption von »historischer Informations­wissenschaft« die Rede war. Der Weg dahin war nicht einfach und auch die Abstimmung über den Namenswechsel des Fachbereichs war damals nicht einstimmig.

Vor 18 Jahren drehte es sich zunächst schlichtweg um die Neuordnung der deutschen Dokumentations- und Archivlandschaft. Kurz zuvor war der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (jetzt DGI) die relativ hohe Zuwendungsförderung durch das Bonner Forschungsministerium (BMFT) gestrichen worden und die postgraduale Ausbildung der Dokumentare war in Gefahr. Gleichzeitig ging es um die Nachfolge der Archivschule Franz Mehring in Potsdam und um die Zukunft der Archivwissenschaft als universitäres Lehrfach überhaupt, als im November 1991 in Werder bei Potsdam dazu ein »Berufsbild-Kolloquium« stattfand, zu dem die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation, der Verein deutscher Archivare (VdA) und der »Studienkreis‚ Rundfunk und Geschichte« eingeladen hatten. Initiator war Wolfgang Hempel, SWF Baden-Baden (jetzt Ehrensenator der FH Potsdam), in Abstimmung mit dem damaligen Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Hinrich Enderlein. Inhaltlich ging es dabei vorwiegend um die Erneuerung des Berufsbildes der Archivare und Dokumentare (»Medienarchivare«). Im Vorwort zur Publikation der Tagungsskripte und Diskussionsprotokolle schreibt der damalige Vorsitzende des VdA, Norbert Reimann, (nunmehr Honorarprofessor der FH Potsdam) im Jahre 1995:

»Selten, wenn überhaupt jemals zuvor und danach, dürften Grundsatzfragen des Archivwesens in Deutschland derart umfassend, intensiv und auf vergleichbar hohem Niveau diskutiert worden sein3.«

Eines der Ergebnisse dieses Kolloquiums war schließlich – nach einem Vorlauf seit dem Frühjahr 1991 – die Gründung des Fachbereichs »Archiv-Bibliothek-Dokumentation«, der dann im Wintersemester 1992/93 den Studienbetrieb aufnahm. Zur gleichen Zeit zeichnete sich ab, dass es in Deutschland bald außer in Potsdam keine Archivwissenschaft mehr geben würde und die Bibliothekswissenschaft in Köln und an der Freien Universität Berlin geschlossen werden sollten4.

Potsdam als Standort der ersten und bisher einzigen nicht verwaltungsinternen Archivausbildung und einzigen akademischen Archivwissenschaft, als Standort des Instituts Information und Dokumentation (IID: der einzigen Ausbildung zum »wissenschaftlichen Dokumentar« in Deutschland) und des InformationsZentrums Informationswissenschaft und –praxis (IZ: der zentralen informations­wissen­schaftlichen Informationsquelle mit der Datenbank INFODATA), als erstem sparten­über­greifenden Bibliotheksstudiengang, als integrativem Konzept der Informationswissenschaften (im wahren Plural) war mit einem großen Auftrag angetreten.

Der Initiative eines der ersten (leider zu früh verstorbenen) Professoren des Bibliotheks­studiengangs, Harald Millonig, ist es zu verdanken, dass im Jahre 1996 Rolf Däßler auf die Heinz Nixdorf-Stiftungs­professur »Visualisierung von Datenräumen« als erster »Integrationsprofessur« berufen werden konnte. Als diese als zehnte Professur am Fachbereich verstetigt werden konnte, ergab sich kurze Zeit später im sogenannten Überlastprogramm des Landes Brandenburg, das die bis zum Jahre 2012 erwarteten erhöhten Studierendenzahlen »auffangen« soll, die Möglichkeit, drei weitere Professuren auszuschreiben. Der I-Kollege Däßler, der seither keinem Berufsfeld bzw. Studiengang zugeordnet ist, entwarf mit dem damaligen Dekan und Archivwissenschaftler Volker Schockenhoff ein Konzept mit sechs neuen Professuren, die den bisherigen Disziplinen befruchtend zur Seite stehen und nicht wie im Fachbereich Design einen gänzlich neuen Studiengang aufbauen sollten5. Im Grunde ist dies dem im Kollegenkreis viel zitierten Diktum des Kollegen Millonig geschuldet6, der angesichts des entstehenden Internets einen enormen Aufholbedarf der Berufsfelder ausmachte und auf eine Befruchtung durch neue Themenfelder in Lehre und Forschung baute.

Mittlerweile sind drei neue, zunächst auf fünf Jahre befristete Professuren zu den Themen­gebieten Semantic Web/Webtechnologie, Elektronisches Publizieren/Content Management sowie Metadaten/Standards besetzt, so dass der Fachbereich vier Professuren hat, die keinem Studiengang zugeordnet sind und die in erster Linie Lehre und Forschung im »integrativen«, alle drei Berufsfelder betreffenden Bereich übernehmen. Diese vier »integra­tiven« Professuren sind demnach als innovative Zusatzfachgebiete konzipiert, die tatsächlich für Archive, Bibliotheken und Informationsstellen gleichermaßen relevant werden könnten. Die Kerngebiete der Informationswissenschaften wie Informationsmanagement, Information Retrieval oder Informationsökonomie7 sind ihnen allenfalls inhärent unter neuem Gewand, ihre Beziehung zu den eigentlichen Berufsfeldern per definitionem nicht eng. Archivwissen­schaftliche, bibliothekswissenschaftliche oder genuin informations­wissenschaftliche8 Diskurse und fachdisziplinäre Weiterentwicklungen obliegen weiterhin den jeweiligen drei Kern­professuren der drei Studiengänge. Die Hoffnung, dass sich hier ein transdisziplinärer Dialog entwickelt, der die Fachdisziplinen befruchtet, hat sich nicht in dem Maße erfüllt, wie es angesichts der rasanten Entwicklung der Basistechnologien notwendig gewesen wäre. Genauso wenig, wie der interdisziplinäre (ABD-) Dialog zu den schnellen Ergebnissen führte, die man sich 1991 in der Verknüpfung der Berufswelten wie z.B. bei den Medienarchiven erhoffte. Hier führte der radikale Wandel9 der Gesellschaft eher zu einer notwendigen Binnenreflexion, die Impulse von außen kaum zuließ. Zur Erinnerung: 1992 – im Jahr der Gründung des Fachbereichs – gab es die erste transatlantische Verbindung von Dokumenten mit dem »Hypertext Transfer Protokoll« (http), die wir heute das World Wide Web nennen. Inwieweit eine unter Fachhoch­schulbedingungen arbeitende Wissenschaftsdisziplin sich überhaupt angesichts der Dramatik der Entwicklungen wirklich reformieren konnte, sei prinzipiell dahin gestellt. Von quasi fach- bzw. berufsfeld­fremden Spezialisten (den sog. »I-Kollegen«) gleich für drei Disziplinen zu verlangen, hierbei noch Hebammendienste zu leisten, ist mehr als eine große Herausforderung. Andererseits war jedoch im Laufe der Jahre »außen« schon zunehmend zu beobachten, dass andere Wissenschafts­diskurse die genuinen Aufgaben der Ursprungsdisziplinen quasi aus ihrer Perspektive neu erfinden, wie dies z.B. bei der Entwicklung der modernen Konzepte von »Metadaten«, »Ontologien« und »Semantic Web« der Fall war10.

Die Rede von der Krise in den Informationswissenschaften ist zwar auch ohne technologische Revolutionen fast so alt wie die entsprechenden Fächer selber. (So etwas kann man ähnlich im Übrigen für fast jede Wissenschaftsdisziplin sagen.) Der Blick in die internationale Diskussion der Informationswissenschaft zeigt allerdings, dass diese in der Tat an einer Art Scheideweg stehen könnte. Information und Wissen, Informations- und Webtechnologie sind so weit verbreitet, dass es immer dringlicher wird, der Wissensgesellschaft eine Interpretationswissenschaft zu geben. Die Informationswissenschaftler Elisabeth Mezick und Michael Koenig von der Palmer School in Long Island, New York sehen dennoch

»difficult times ahead for traditionally defined LIS programms, particularly for those that do not possess political capital; have a vocational, rather than a scholastic focus; and are unable to develop creative solutions in a changing environment11.«

In diesem Zusammenhang ist unser Fachbereich sehr gut aufgestellt, denn von »traditionally defined« kann hier ganz und gar nicht die Rede sein. Hinzu kommt der in Europa seit zehn Jahren laufende sog. Bologna Prozess12, der über eine Umstellung der Studiengänge auf international vergleichbare Strukturen (3+2 Jahre Studium) auch eine Angleichung der FH- an die Uni-Abschlüsse mit sich bringt. Fachhoch­schulen mit ihrem starken »vocational« Impetus, wie gerade der Potsdamer Fachbereich Informations­wissenschaften mit seinen ausgeprägten Weiterbildungs­programmen (Zertifikatskurse an der FU, Fernweiterbildungen Archivwissenschaft, Bibliotheks­management), bekommen einerseits die Möglichkeit, sehen sich aber auch dem Zwang ausgesetzt, universitäres Niveau zu erreichen. Hier bezieht das Land Brandenburg deutlich eine für uns fruchtbare Position, indem es durch das neue Hochschul­gesetz auch die Stärkung der Forschung an den Fachhochschulen (»scholastic focus«) ermöglicht. Während Universitäten in Brandenburg die Möglichkeit haben, sog. Lehrprofessuren mit erhöhtem Stundendeputat (12 SWS13) einzurichten, erhalten die FHs aktuell (teilweise sogar zusätzliche) Forschungsprofessuren(-stellen) mit halbiertem Deputat (9 SWS). Ebenfalls gibt es im Gegensatz zu anderen Bundesländern in Brandenburg auch an Fachhochschulen sog. W3-Professuren, die höchste Personalkategorie der Professorenbesoldung14.

Aktuell ergibt sich eine Reihe von Aktivitäten aufgrund der Forschungsprofilierung der Fachhochschule Potsdam, die für den Fachbereich relevant werden können. So wird z.B. derzeit das sog. Innovationskolleg zum Thema »Stadt-Klima Potsdam« unter Beteiligung des Fachbereichs Informationswissenschaften aufgebaut, in dem innovative, interdisziplinäre Forschungsansätze mit hohem Transfercharakter für die Region entwickelt werden sollen; von drei gänzlich neuen Forschungsprofessuren wird sich eine dem Thema Daten­management widmen und diesbezüglich dem Fachbereich weitere interdisziplinäre Impulse geben und schließlich wird es ein »Masterkolleg« und mehrere Formen der expliziten Promotionsförderung geben, davon für eine Promotion zum Thema »Metadaten in Multimedia Objekten«. Auch das vom Stifterverband der Deutschen Wissenschaft ausgelobte Programm zur Förderung der »Exzellenz in der Lehre«, bei dem die Fachhochschule Potsdam unter den vier »Gewinnern« im FH Bereich war, wird hierzu wichtige Anregungen geben, denn das Potsdamer Vorhaben steht unter dem Motto »interdisziplinäres und forschendes Lernen«. Schließlich wird der Fachbereich auch die Chancen nutzen, die durch die Integration des Instituts für Information und Dokumentation (IID) und durch anstehende mögliche Neuberufungen entstehen.

Die Voraussetzungen sind also außerordentlich günstig, in Potsdam eine Informations­wissenschaft zu etablieren, die einerseits den drei Berufsfeldern zur fachlichen Weiterentwicklung hilft, andererseits aber auch z.B. mit einem angemessenen Master Programm den Basisdisziplinen (den Informations­wissenschaften im Plural) zu dem notwendigen wissenschaftlichen Diskurs verhilft. Der Weg dahin ist eingeschlagen, aber nicht einfach. Im Zuge der Akkreditierungen von zunächst vier Studiengängen15 gab es intensive Curriculums- und Modulstrukturdiskussionen z.B. in Form eines fachbereichsinternen Moodle-Kurses, in Form von drei Klausurtagungen im Laufe des Jahres 2009 sowie auf einer »Berufsfeldtagung« mit unterschiedlichsten Praxisvertretern16. Die ersten Bachelor erreichen dementsprechend ja auch schon im Wintersemester 2010/11 ihr Ziel.

Die Besonderheiten der Potsdamer Bachelor:

  • mit dem teil-integrativen Studium aller drei Berufsfelder
  • dem archivwissenschaftlichen Alleinstellungsmerkmal
  • der zusätzlichen Spezialisierungsmöglichkeit im weiteren Webtechnologie-Bereich durch die vier zusätzlichen Kollegen
  • sowie der außergewöhnlichen Dauer des Studiums mit sieben Semestern (im Vergleich zu sonst meist sechs)

machen es nun notwendig, einen relativ spezifischen Master-Studiengang zu entwickeln, der es auch den Potsdamer Bachelorabsolventen ermöglicht, ohne Zeitverzug und fachlich nahtlos die bisherigen Studien (ab SS2011) zu vertiefen, um einen für den höheren Dienst qualifizierenden Abschluss zu erreichen.

Ein ursprüngliches Konzept, das in besonderem Maße der Leitungs- und Führungsverantwortung von Arbeitstellen »auf höherem Niveau« gerecht werden sollte (vertieftes Training von Management und Sozialkompetenzen) erschien der Akkreditierungsagentur zu unspezifisch, so dass sich jetzt abzeichnet, dass in Potsdam ein »Master of Arts« entwickelt wird, der die lang ersehnte Integration der drei Berufsfelder in den Informationswissenschaften als einem Studiengang realisiert. Konsens herrscht mittlerweile darüber, der Fachorientierung vor der Managementqualifikation den Vorzug zu geben, also eher für Positionen zu qualifizieren, die vertiefte Erfahrungen und Kompetenzen in der informationswissenschaftlichen Reflektion benötigen. Hierzu sehen wir in den nächsten Jahren besonders großen Bedarf in der Berufswelt, sei es bei der Konzeption von Digitalen Archiven, von personenorientierten Wissens­management- und Transferstrukturen oder dem Aufbau interoperabler Informations- und Datenmanagementsysteme.

Während die klassischen fachbezogenen Tätigkeiten in großen Informationseinrichtungen (wie Archiven, Bibliotheken oder Informationszentren) mit einiger Wahrscheinlichkeit weiter von Fachwissenschaftlern der jeweiligen Disziplin im Sinne der traditionellen Fachreferenten ausgeführt werden, wird es zu einer ähnlichen Spezialisierung bei den Leitungsspitzen kommen, die entweder über den klassischen internen Aufstieg oder zunehmend nach einer spezifischen Managementausbildung (z.B. in Form eines MBA) mit höherer Spezialisierung und Management­kompetenz die organisatorische Steuerung der Einrichtung übernehmen werden. Es bleibt die Nachfrage nach hochqualifizierten Experten jenseits von Fach- und Führungskompetenz, die die zunehmend komplexen informationsbezogenen Aufgaben lösen können, die die moderne Informationstechnologie ermöglicht bzw. »anrichtet«. Hier ist also eine Informationswissenschaft gefragt, die über die bloße Umsetzung von praktischem Erfahrungswissen hinausgeht und die im Sinne des Qualifikationsrahmens des Bologna Prozesses und der entsprechenden Empfehlung des europäischen Parlaments17 auf eine der oberen Niveaustufen der vier Kompetenzbereiche des lebenslangen Lernens18 Bezug nimmt (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Niveau 7 (von 8) im Übersetzungsvorschlag des europäischen (EQF) in einen „Deutschen Qualifikationsrahmen“ (DQR)

Tabelle 1: Niveau 7 (von 8) im Übersetzungsvorschlag des europäischen (EQF) in einen „Deutschen Qualifikationsrahmen“ (DQR)

Wenn hier von dem »Erkenntnisstand in einem wissenschaftlichen Fach oder über umfassendes berufliches Wissen in einem strategieorientierten beruflichen Tätigkeitsfeld« die Rede ist, so kann für einen Master (Niveau 7) im interdisziplinären Informationsbereich unter Handlungsaspekten auch nur die (eine) Informationswissenschaft gemeint sein und nicht eine Fachwissenschaft wie Germanistik, Biologie, Geschichts- oder Rechtswissenschaft bzw. Management-Know How. Die Antwort auf die Frage, was denn die Informationswissenschaft als »wissenschaftliches Fach« auszeichnet, wird damit durch die EU Vorgaben und implizit durch den Bologna Prozess selbst nun umso dringlicher.

Entgegen den Empfehlungen aus der Anfangszeit der Informationspolitik19 zum Aufbau einer starken Informationswissenschaft gibt es in Deutschland nur eine mäßig etablierte Informations­wissenschaft als Wissenschaftsdisziplin. Bis auf die drei Fachhochschulprofessuren in Potsdam gibt es keine Archivwissenschaft und eben nur einen Lehrstuhl für Bibliothekswissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin. Die weitere universitäre oder Fachhochschul-Informations­wissenschaft versteht sich vielfach als »information engineering« oder steht der Sprachtechnologie / Computerlinguistik sehr nahe. Eine Informationswissenschaft im internationalen Sinn wie sie z.B. von den führenden US-amerikanischen informationswissenschaftlichen Zeitschriften repräsentiert sein könnte (Journal of the American Society of Information Science and Technology (JASIS) oder Annual Review of Information Science and Technology (ARIST)) kann Deutschland nicht vorweisen. Aber auch international ist die Library and Information Science – wie sie meist heißt – noch mit einigen Desideraten behaftet.20 Das Editorial von LIBREAS 15 (2009) bringt es auf den Punkt:

»Während das Sammeln vorwiegend nach technischen Lösungen ruft, die Erschließung im Semantic Web immerhin noch recht eindeutige Orientierung vorfindet, erweist sich die Vermittlung und mehr noch die in dynamischen Kommunikationsstrukturen liegende Wechselwirkung der drei Bausteine als wenig beforscht«

Der mit der erwähnten informationswissenschaftlichen Trias naheliegende Bezug zur Semiotik, den ja auch schon Rainer Kuhlen als Ausgangspunkt nahm21, scheint doch noch nicht gänzlich realisiert. Der Aufruf zur Einreichung von Artikeln zum semiotic turn für die letzte Ausgabe von LIBREAS zeigte daher auch wenig Resonanz.

Die Disziplin kann sich bislang noch selten auf ein wissenschaftliches Selbstverständnis oder gar auf ein metatheoretisches Paradigma verständigen, was ja zunächst unproblematisch ist. Kritischer ist die Erkenntnis, dass ihr entsprechend dem angeschlagenen Image ihrer Basisinstitutionen sogar eine Art »Selbstbewusstsein« zu fehlen scheint – wenn man das von einer Fachdisziplin sagen kann. Dies ist in letzter Zeit sehr heftig in der amerikanischen Fachöffentlichkeit mit der Frage diskutiert worden, wieweit die »Library and Information Schools« tatsächlich ausschließlich für den klassischen, durch die ALA (American Library Association) akkreditierten Arbeitsmarkt ausbilden sollen oder ob sie sich in ihrem Selbstverständnis vom Verband lösen können und andere nicht mehr nur praktisch bibliothekarische Arbeitsfelder haben. Diese Debatte hatte implizit (der spätere ALA Präsident) Michael Gorman schon 2003 auf einer internationalen Konferenz an der FH Potsdam ausgelöst22, als er aus Praktikersicht den (amerikanischen) Ausbildungseinrichtungen vorwarf, zu wenig auf den von ihm repräsentierten Arbeitsmarkt (den Hochschulbibliotheken) ausgerichtet zu sein. Sicher geht es zu weit, hier den Beginn der wissenschaftlichen Emanzipationsbewegung der führenden amerikanischen LIS-Departments hin zu dem sog. iSchool-Movement zu sehen23. Es ist aber zumindest ein Indiz für die Entwicklung und beginnende »Ausdifferenzierung« der Informationswissenschaft(en), wie sie sich ähnlich im Zuge von Professionalisierung und Akademisierung für andere Fachgebiete und Berufsfelder beobachten lässt (z.B. bei der Pflegewissenschaft, der Erziehungswissenschaft für Kita-Erzieher etc.)

Die großen amerikanischen Information Schools (mittlerweile meist ohne »L«) konnten sich in letzter Zeit trotz aller Unterschiede im spezifischen Profil und Selbstverständnis auf eine Art Grundmodell des Curriculums einigen, das die Mensch-Maschine-Schnittstelle (HCI: human computer interaction/interface) in den Mittelpunkt stellt (vgl. Abb. 1) und gleichzeitig der mittlerweile leeren Worthülse »Informationsmanagemen wieder eine Struktur in der »neue Informations­realität gibt und damit die ganze Wissenschaft konturiert, ohne sich in abstrakten Theorie­gebäuden zu verlieren. Der aktuelle, praktische Bezug aller Komponenten des Modells ist deutlich.

Abb.  1: iSchool Curriculum Model (Grafik aus: Seadle/Greifeneder 2007, op. cit.)

Ob – bei allen guten Voraussetzungen – der Fachbereich Informationswissenschaften in Potsdam hier mitspielen kann, bleibt noch abzuwarten. Wir werden es auch nicht alleine entscheiden können, denn ähnlich wie die amerikanischen Fachbereiche sind die deutschen von teilweise sogar fachfremden Akkreditierungsinstanzen24 abhängig.

Der Weg zu einem integrativen informationswissenschaftlichen Master (im Singular) ist noch nicht ganz beschritten. Vielleicht ergibt sich aufgrund der im iSchool Modell wenig präsenten Archivwissenschaft doch noch eine spezifische Abzweigung. Zunächst soll der geplante drei­semestrige Masterstudiengang (»Informationswissenschaften«) zwar in hohem Maße modular aufgebaut sein, aber dennoch neben einem Kern im oben skizzierten Sinn drei quer zu den bisherigen Studiengängen liegende Profilierungstracks als verpflichtende Auswahl beinhalten. Grundüberlegung ist dabei, dass es möglich sein soll, vernünftig auf den Vorkenntnissen in den fachspezifischen Studiengängen vertiefend aufzubauen und gleichzeitig sozusagen horizontal/lateral aus den angrenzenden Informationswissenschaften in z.B. auch personell kombinierten Modulen eine kritische, selbstreflektive Erweiterung des eigenen Wissenschaftsdiskurses zu erfahren (im Sinne der Förderung der im Qualifikationsrahmen beschriebenen Personalen Kompetenzen durch interdisziplinäres Arbeiten, vielleicht sogar durch »forschendes Lernen« wie es das erwähnte Projekt des Programms »Exzellenz in der Lehre« vorsieht).

Das Ergebnis der letzten Klausurtagung am Anfang des Wintersemesters 2009/10 waren die folgenden vorläufigen Bezeichnungen für die drei »Profillinien«:

  • Records Management und Digitale Archivierung
  • Wissenstransfer
  • Interoperabilität und Integration von Informationsbeständen

Bezeichnend ist dabei, dass diese Spezialisierungsmöglichkeiten – vielleicht entgegen dem Anschein der Begrifflichkeiten – gerade nicht den direkten Bezug zu den drei Bachelor­studiengängen herstellen, sondern personell und thematisch stringent durchmischt sind. So baut z.B. der erste Track einerseits auf Dokumentenmanagement auf, setzt aber gleichzeitig die hochwertige archivwissenschaftliche Diskussion der »Schriftgutverwaltung« fort, genauso wie Wissenstransfer auf archivischer Bewertung und gleichzeitig auf bibliothekswissenschaftlichem Wissensmanagement aufbaut und die Interoperabilitäts- und Integrationsstrecke klassische Digitale Bibliotheken, aber auch z.B. E-Science oder den Linked-Data Ansatz im Web betreffen kann/soll. Zur Zeit wird an Modulstrukturen, Creditpunkteverteilungen und Lehrkapazitäten gebastelt und gerechnet. Es müssen die Zugangsvoraussetzungen und Studienplatzzahlen geklärt und schließlich die eigentliche Akkreditierung beantragt werden. Und dies darf natürlich doch nicht ohne Konsultation der anvisierten Praxis und der betroffenen Bachelor-Studenten passieren.

Deshalb: »stay tuned«! Es wird sicher spätestens Anfang des Sommersemesters 2010 die eine oder andere Veranstaltung oder weitere Veröffentlichung dazu geben.

Fußnoten

1. Kaegbein, Paul (1976): Bibliothekswissenschaft als spezielle Informationswissenschaft. In: Informationswissenschaft. München: Oldenbourg, Bd. 1, S. 28–38.
2. Kunz, Werner; Rittel, Horst (1972): Die Informationswissenschaften. Ihre Ansätze, Probleme, Methoden und ihr Ausbau in der Bundesrepublik Deutschland. München, Wien: Oldenbourg.
3. Archivische Berufsbilder und Ausbildungsanforderungen. Protokoll eines Kolloquiums vom 14. bis 16. November 1991. – Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1996 (Potsdamer Studien; 3)
4. kurze Zeit später war sogar der verbleibende einzige Lehrstuhl für Bibliothekswissenschaft an der HU in Gefahr.
5. die vorgeschlagene Kooperation mit dem Fachbereich Design in Richtung „Informationsdesign“ wurde von den einschlägigen Mehrheiten im damaligen Senat (bzw. Rektorat) leider abgelehnt und die Zahl der dem Fachbereich Archiv-Bibliothek-Dokumentation bewilligten Stellen auf drei beliebig aus dem Konzept gegriffene beschränkt.
6. Millonig, Harald (1995): Archiv-Bibliothek-Dokumentation-Information. Eine Untersuchung angelsächsischer Ausbildungstrends. Bibliotheksdienst, 29 (1995), 219-231. (nur intern sprach er von der „grottenschlechten Praxis“).
7. Im Sinne der klassischen informationswissenschaftlichen Trias: Übernehmen/Sammeln – Erschließen – Vermitteln/Bewahren.
8. um nicht von Dokumentationswissenschaft zu sprechen: vgl. Lund, Niels Windfeld (2009): Document Theory. In: Cronin, Blaise (Hg.): Annual Review of Information Science and Technology. Medford, N.J: Information Today (43), S. 399–432.
9. Dresang, Eliza T. (2005): Radical Change. In: Fisher, Karen E.; Erdelez, Sandra; Mckechnie, Lynne (Hg.): Theories of information behavior. Medford, N.J: Information Today (ASIST monograph series), S. 298–302.
10. vgl. dazu das lesenswerte Editorial der letzten Ausgabe (n°15) von LIBREAS vom 20. Oktober 2009: 
11. Mezick, Elisabeth; Koenig, Michael E.D.: Education for Information Science. Annual Review of Information Science and Technology, 42 (2008), 593-624, S. 614
12. Hobohm, Hans-Christoph (2005): Der Bibliotheks-Bachelor. Oder was ist wirklich neu am neuen Berufsbild des Bibliothekars? In: Nielsen, Erland Kolding; Saur, Klaus G.; Ceynowa, Klaus (Hg.): Die innovative Bibliothek. Elmar Mittler zum 65. Geburtstag. München: Saur, S. 275–285.
13. SWS = Semesterwochenstunden
14. Berliner FHs haben z.B. diese Möglichkeit, nicht hochkarätige Wissenschaftler zu werben.
15. Drei Bachelor of Arts: „Archiv“, „Bibliotheksmanagement“, „Information und Dokumentation“ und ein berufsbegleitender Master of Arts “Archivwissenschaft”
16. Hobohm, Hans-Christoph (2009): Wir brauchen Informationswissenschaftler als Ökokrieger. Berufsfeldtagung des Fachbereichs Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Jg. 56, H. 3-4, S. 221–225. (gekürzt auch in: BuB. Forum Bibliothek und Information, Jg. 61, H. 7-8, S. 551–554.
17. Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. April 2008 zur Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen. Amtsblatt der Europäischen Union, C111 vom 6.5.2008.
18. Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen (2009): Diskussionsvorschlag eines Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen. Bonn/Berlin: BMBF.
19. Kunz/Rittel 1972, op. cit.
20. Hobohm, Hans-Christoph (2005): Desiderate und Felder bibliothekswissenschaftlicher Forschung. In: Hauke, Petra (Hg.): Bibliothekswissenschaft quo vadis? = Library Science quo vadis? Eine Disziplin zwischen Traditionen und Visionen ; Programme Modelle Forschungsaufgaben. Mit einem Geleitwort von Guy St. Clair und einem Vorwort von Georg Ruppelt. München: Saur, S. 47–64.
21. Kuhlen, Rainer (2004): Information. In: Kuhlen, Rainer; Seeger, Thomas; Strauch, Dietmar (Hg.): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Band 1: Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis. 5. Aufl. München: Saur, S. 3–20.
22. Gorman, Michael (2005): Whither Library Education? In: Ashcroft, Linda (Hg.): Coping with continual change – change management in SLIS. Proceedings of the European Association for Library and Information Education and Research (EUCLID) and the Association for Library and Information Science Education (ALISE) joint conference, Potsdam, Germany, 31 July-1 August 2003. Bradford: Emerald, S. 1–5.
23. Seadle, Michael; Greifeneder, Elke (2007): Envisioning an iSchool Curriculum. In: Information Research, Jg. 12, H. 4 (suppl.).
24. Die Masterprogramme der Library and Information Sciences in den Vereinigten Staaten werden üblicherweise von der ALA akkreditiert. Ohne eine derartige Akkreditierung erhalten die Absolventen keinen Zugang zum größten Arbeitsmarkt für LIS-Master: den wissenschaftlichen Bibliotheken.