ISSN: 1867-6189

Ex Libris und der Markt für Bibliothekssoftware

Der erste Besuch unserer Israelreise führte uns zur Ex Libris Group, einem der weltweit führenden Hersteller für Bibliothekssoftware.

Das Unternehmen hat seinen Sitz in Jerusalem. Ursprünglich war Ex Libris ein Projekt, das 1980 Software für eine neue Zentralbibliothek der Hebrew Universtity of Jerusalem liefern sollte. Das Ergebnis des Projektes war Aleph (Automated Library Expandable Program Hebrew University of Jerusalem), ein integriertes Bibliothekssystem das bis heute genutzt wird. 1986 wurde das Unternehmen Ex Libris Ltd. gegründet. Im Laufe der Zeit erweiterte Ex Libris das Produktportfolio und es kamen neue Produkte hinzu. Das neueste Produkt des Unternehmens ist Leganto, ein Werkzeug zur Erstellung von Leselisten an Hochschulen. Zu den Kunden von Ex Libris gehören vorrangig große Wissenschaftlichen Bibliotheken.

Ende 2015 wurde bekannt, dass die Ex Libris Group von ProQuest aufgekauft wurde. Der Kaufpreis wird auf 500 Millionen USD geschätzt.
Mit dem Zusammenschluss entstand ‚Ex Libris – a ProQuest Company‘ als eigenständige Abteilung von ProQuest. Das Management-Team von Ex Libris soll bestehen bleiben und wird von ProQuest personell unterstützt. Das amerikanische Unternehmen ProQuest gehört zu den größten Datenbankanbietern der Welt. Neben Inhalten bietet das Unternehmen auch Software für Informationseinrichtungen an. Während ProQuest im Bereich Inhalte weltweit eine führende Position einnimmt, teilten die Software-Produkte diesen Erfolg nicht. Mit der Firmenübernahme übergibt ProQuest die Verantwortung für die eigenen Bibliothekssoftwareprodukte an Ex Libris. Ex Libris bezeichnete bei unserem Besuch die Übernahme daher als ‚reverse merger‘.

Der Markt für Bibliothekssoftware verändert sich. War der Markt vor einigen Jahren noch von vielen kleinen Anbietern bestimmt, sind nach einem längeren Konsolidierungsprozess nur ein paar große Anbieter übrig geblieben. Das Aufkaufen von Ex Libris durch ProQuest ist das jüngste Ereignis in dieser Entwicklung.

Allgemein hängt der Markt stark davon ab, wie Bibliotheken wirtschaften. Marshall Breeding charakterisiert den Markt daher als „stabil, aber stark eingeschränkt“.
Sinkende Budgets erhöhen seitens der Bibliotheken das Interesse an effizienzsteigernden Technologien. Softwarelösungen, die Vorgänge automatisieren und die Leistung von Bibliotheken erhöhen sind daher aktuell sehr gefragt. Allgemein ist die Marktsituation für Softwareanbieter derzeit eher günstig. Die Firma Gartner rechnet damit, dass die Ausgaben für Software im Jahr 2016 um 5.3% steigen werden. Breeding schätzt die Einnahmen von Bibliothekstechnologie-Anbietern 2014 weltweit auf etwa 1.85 Milliarden USD. In dieser Summe enthalten sind neben Software beispielsweise auch Einnahmen, die durch RFID und Selbstverbuchungstechnologien erwirtschaftet wurden. Der Großteil dieser Gewinne wird von wenigen großen Marktteilnehmern eingenommen.

Zu den Softwareprodukten, die aktuell auf dem Markt für Bibliotheken erhältlich sind, zählen Integrierte Bibliothekssysteme, Discovery Services, Link Resolver und cloudbasierte Bibliothekssysteme. Das Produktportfolio von Ex Libris umfasste derzeit unter Anderem das integrierte Bibliothekssystem Aleph, das Discovery-System Primo, das cloudbasierte Bibliothekssystem Alma und der Link Resolver SFX

Es gibt einige Überschneidungen mit den Produkten von ProQuest, für die Ex Libris in Zunkunft verantwortlich ist. Wie es nach der Fusion weitergeht, steht noch nicht im Detail fest. So ist beispielsweise noch nicht klar, ob die knowledge bases der beiden Link Resolver zusammengeführt werden. Sicher ist jedoch, dass der Support für alle Produkte fortgeführt wird.

Nach dem Zusammenschluss waren viele Anwender von Ex Libris-Software besorgt um die Datenneutralität. Da das Unternehmen nun einem der größten Lieferanten von Inhalten gehört besteht die Sorge, dass Inhalte, die über ProQuest bezogen wurden, bevorzugt behandelt werden. So könnte es beispielsweise passieren, dass in einem Discovery-System Treffer höher gerankt werden, die zu ProQuest gehören. Ex Libris bemüht sich jedoch sehr um größtmögliche Transparenz, um Bibliotheken diese Sorge zu nehmen.

Ex Libris Pläne für die Zukunft sehen vor, bestehende Produkte weiter zu verbessern (so wird beispielsweise an einer neuen Nutzeroberfläche für Primo gearbeitet) und innovative neue Produkte zu entwickeln. Cloudbasierte Bibliothekssysteme spielen in der Zukunftsvision des Unternehmens eine große Rolle. Inzwischen betreibt das Unternehmen 4 große Rechenzentren weltweit und wagt sich damit in ein neues Gebiet vor.

Der Besuch bei Ex Libris war sehr interessant und fiel in eine ereignisreiche Zeit. Es war sehr spannend, einmal hinter die Kulissen eines Softwareherstellers zu blicken. Vielen Dank an die Mitarbeiter bei Ex Libris, die sich Zeit für uns und unsere Fragen genommen haben.