ISSN: 1867-6189

Oslo und sein neues Herz

Die Deichmanske Bibliothek und ihr Wandel im städtischen Kontext

Bei einer im Zentrum der Hauptstadt gelegenen Mittelpunktbibliothek vermutete unsere Reisegruppe zunächst nicht, dass der Weg zu dieser etwas umständlicher sein würde. Doch spätestens seit der Bombenattentate durch Anders Behring Breivik vollzieht das Zentrum Oslos einen entscheidenden Wandel. So liefen wir vorerst durch einen Dschungel von Bauzäunen ehe wir vor dem klassizistisch anmutenden Gebäude der Bibliothek ankamen. Diese ist aber trotz der derzeit etwas isolierten Lage stark frequentiert.

Im Foyer wurden wir äußerst freundlich von der zahlreich angetretenen Belegschaft der Bibliothek begrüßt und anschließend durch unsere Betreuerin Ann Kunish in einen modern eingerichteten Seminarraum geführt. Kunish erzählte uns ein wenig über sich und ihren bisherigen, wohlgemerkt in New York begonnenen, Lebens- und Berufswandel. Hauptaugenmerk des kurzen und optisch hervorragend aufbereiteten Vortrags sollte allerdings die Geschichte der Deichmanske Bibliothek sein. Vor allem im Zeichen des für das Jahr 2019 erwarteten Neubaus.

Um die Wichtigkeit der Bibliothek nicht nur für Oslo sondern für einen Großteil der norwegischen Bevölkerung zu verdeutlichen sei hier die Anekdote erwähnt, dass viele Norweger auch in anderen Ländern nicht etwa nach der Zentralbibliothek einer Stadt fragen, sondern wissen möchten, ob es denn in dieser oder jener Stadt auch eine „Deichmanske“ gebe.

Es ist also kaum verwunderlich, dass der Neubau einer solch bedeutenden Bibliothek auch möglichst zentral gelegen sein sollte. Da sich das Zentrum der Stadt Oslo aber seit den Planungen Mitte der 80er-Jahre immer mehr in Richtung des Hafens verschiebt sollte sich auch der Neubau an der parallel des Ufers verlaufenden Hauptstrasse befinden. Direkt neben dem Gebäude des neuen Opernhauses gelegen, das sich wie ein solider Gletscher in den Oslofjord ergießt, nimmt sich auch der geplante Bibliotheksneubau imposant aus. Grundform ist ein Polygon, welches durch Lichtschächte von innen erhellt wird. Geplant ist die Organsiation der Bibliothek in den 5 entstehenden Etagen. Dies bedeutet aber nicht nur eine auf die Etagen verteilte Aufstellung der Medieneinheiten, sondern eine vollständige Aufteilung des Raumes in Zonen. Ob kreative und schöpferische Tätigkeiten, stille und forschende Arbeit oder der kollektive Austausch von Informationen: Für all dies gibt es eigens organisierte Zonen mit eigenem Personal und spezifischer Ausstattung.

Im Anschluss an den Vortrag hatten wir nun die Möglichkeit das derzeitige Gebäude der Bibliothek in Augenschein zu nehmen. Bevor wir dies taten erwartete uns aber noch ein ganz besonderes Schmankerl – Der kurze Einblick in das bibliothekseigene Kino in dem in der Bibliothek ausleihbare Filme vor Ort von den Nutzern in echter cineastischer Atmosphäre genossen werden können.

 

Das ein Neubau an anderer Stelle für einen „alten“ Bibliotheksstandort nicht zwangsläufig Dienst nach Vorschrift und die Beibehaltung tradierter Verfahrensweisen bedeutet wurde uns schon nach einem kurzen Rundgang mehr als deutlich bewusst.

Aus der alten, hauptsächlich auf die Bereitstellung von Basisliteratur ausgerichteten Deichmanske Bibliothek wurde innerhalb eines zweiwöchigen Umbaus eine moderne Begegnungs- und Wirkungsstätte für die Osloer Bevölkerung. Sei es die „Folkeverkstedet“ – ein Makerspace mit Programmierwerkstatt und 3D-Drucker in dem bei unserem Rundgang ein Wettrennen selbstprogrammierter Roboter stattfand, oder die offen und freundlich gestalteten Lese- und Arbeitssäle mit spezifischer Literatur: In dieser Bibliothek muss man ob man es denn möchte oder nicht unbedingt kreativ tätig werden.

Dieses Resultat entstand aus einer sorgfältigen Analyse und Unterteilung der Kunden in Nutzer und Zielnutzer. Das Ziel: Nutzer sollten nicht verprellt, die für die Bibliothek wichtigen Zielnutzer aber noch einmal in besonderem Maße angesprochen werden. Dieses Projekt ging auf, was sich auch durch viele privat in der Bibliothek organisierte Veranstaltungen zeigt. Die Bibliothek öffnet sich hier entsprechend ihrer ethischen Agenda allen Nutzern, die ihre Meinung frei äußern möchten, seien sie auch konträr. Allerdings wird den Nutzern, die nicht an einer laufenden Veranstaltung teilnehmen klar aufgezeigt bei wem die Verantwortlichkeit für einen bestimmten Vortrag liegt.

Aus einer ohnehin schon aufgrund ihrer Bedeutung gut frequentierten Bibliothek wurde somit durch solide Nutzerforschung ein Kommunikations-, Informations- und Aktionsraum für die Osloer, der sich auch im Hinblick des anstehenden Umzugs ins neue Herz der Stadt nicht vor anderen Institutionen Oslos versecken muss.