ISSN: 1867-6189

Die „klassische“ Bibliothek? Ein Blick in die Universitätsbibliothek Oslos

Nach einem gemütlichen Spaziergang fanden wir schnell das beeindruckende Gebäude der „Humanities and Social Science Library“. Der Neubau wurde 1999 eröffnet und steht ganz im Zeichen der beeindruckenden Architektur der Norweger. Doch wie bei jedem Schmuckstück der Architektur fanden sich auch hier im täglichen Leben schnell die Fehler, so wird immer wieder das fehlende Sonnenlicht bemängelt; aber das trübte unsern Enthusiasmus kaum, als wir in die Vorhalle des Gebäude traten. Ein weiterer Blickfang ist die Kunstinstallation „1000 eyes“, Platten, die mit Augen verziert sind.

by Stephan Büttner

by Stephan Büttner

Unsere Führerin  Turid Høiberget Nilsen erzählt uns stolz, dass hier nicht nur die Medien im Vordergrund stehen, sondern die Bibliothek auch immer wieder zu Konzerten einlädt, genauer gesagt alle 5 Tage zu einem Mittagessenskonzert. Das ist eine Beobachtung, die ich auch schon in den anderen Bibliotheken gemacht habe: hier steht viel mehr die menschliche Komponente im Vordergrund als in Deutschland und man versucht jeder Bibliothek Leben einzuhauchen, sei es durch Konzerte oder den so genannten Makerspace. Dennoch versteht besonders Frau Nilsen diese Bibliothek als klassische Bibliothek, da der wichtigste Teil noch immer die ca. 2,5 Millionen Medien sind, die sich hier über mehrere Stockwerke verteilen und die nach der Dewey Dezimal Klassifikation im Freihandbereich aufgestellt werden. Besonders stolz sind sie auf die „Papyri Collection“, ein gesicherter Raum mit alten Papyrusrollen, die hier erforscht werden. Aber auch hier haben digitale Medien Einzug gehalten, in so genannten Paketen stehen ca. 535.400 E-Books den Studenten zur Verfügung, doch vergleicht man die Zahlen, wird einem schnell klar, warum sie sich immer noch als klassische Bibliothek sehen.
Wir wurden auch in das Magazin der Bibliothek geführt, das sich komplett einmal unter dem Gebäude erstreckt und in dem wir uns ohne eine Karte sicher verlaufen hätten. Hier wird, anders als im Rest der Bibliothek, nicht mit der DDC klassifiziert und aufgestellt, sondern mit unterschiedlichen Systemen, was, wie Nielsen uns lächelnd gesteht, schon zu Problemen führen kann, da sich nicht jeder mit jedem System auskennt und es so Probleme beim Wiederfinden von Büchern geben kann. Hier lagern alte und auch wertvolle Bestände. Aufgefallen sind uns auch hier die schweren Eisentüren, diese sind jedoch nicht wie im Nationalarchiv atomsicher, aber immerhin bombensicher. Dieses volle Magazin sollte im Falle eines Angriffes innerhalb 24 Stunden (!) komplett ausgeräumt und für Zivilisten als Schutzraum genutzt werden, deswegen gibt es auch Duschen, Toiletten und sogar Tischtennisplatten im Magazin. Und hier fanden wir auch die historischen Zettelkataloge, die noch immer eine gewisse Rolle spielen, da noch nicht alle Bestände im neuen Katalog verzeichnet worden sind, jedoch wird dieser seit 1984 nicht mehr ergänzt.

Ich habe meine Zeit  in der Universitätsbibliothek (auch ohne die leckere Verpflegung) genossen, aber würde ich es eine klassische Bibliothek nennen? Ich kann Nielsens Standpunkt verstehen, da viele Bibliotheken in den letzten Jahren große digitale Projekte ausgeführt, viel in der Richtung Digitale Medien gemacht  und ihre Türen für allerhand Projekte und Tätigkeiten geöffnet haben. Nielsen sieht noch immer diese Bibliothek als einen Lernort an und ich glaube, dass ist es auch, was Studenten brauchen, welche eben die Zielgruppe sind. Aber gleichzeitig versuchen sie die Bibliothek einladend zu machen, neue Leute zu gewinnen, um den Räumen Leben zu geben und zu dem zu machen, als was ich Bibliotheken sehe: ein Treffpunkt für Menschen, ein Raum für Kommunikation und Austausch, um auch einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen. Was eine Bibliothek ausmacht, ist nicht der Raum mit Büchern, sondern das Personal  und die Nutzer, die diesem Raum Leben einhauchen. Sollte man sich auch einmal in Oslo befinden, schlage ich vor, diese Bibliothek doch einmal zu besuchen, besonders zu den Mittagessenskonzerten.