ISSN: 1867-6189

„… heut sollst du in meinen Garten mit mir kommen, der da ist das Paradies.“

Erhabenheit inmitten einer brausenden Stadt

Plötzlich wird es still. Durch einen Torbogen betreten wir das Trinity College, hinter uns bekreuzigt sich ein Student bevor er seinen Campus beschreitet.

Zielstrebig wenden wir uns in Richtung der 1732 errichteten Old Library, in der sich das bibliophilen-geliebte Kalendermotiv findet… nur hier ist es eben echt, dreidimensional, duftend: der Long Room! Doch bevor wir dies alles tief einatmen dürfen, werden wir in den Ausstellungsräumen der Old Library herzlich von Anne-Marie Diffley der Verwaltungsbeamtin der Visitor Services empfangen. Sie positioniert uns ohne Umschweife rundum die Glasvitrine in der sich  ein altes Buch befindet – nur ein altes Buch? Wir lauschen…

Die unbestechliche Schönheit des Book of Kells, welches sich auf 185 zugeschnittenen und gebundenen Ziegenhäuten erstreckt, zieht Jahr um Jahr bis zu 700 000 Besucher an. In der Ausstellung werden zwei von vier Bänden präsentiert, in welche das Buch aufgeteilt wurde. Die restlichen Bände befinden sich in Sicherheitsverwahrung. Dem Betrachter der Vitrine fällt ein weiteres, unscheinbares Buches ins Auge: die Annals of Ulster – eine Chronik der Jahre 431 bis 1504. In diesen Zeitraum fällt die turbulente Entstehungsgeschichte dieses Manuskripts. Man geht davon aus, dass das Buch um 800 im Kloster St Collum Cille auf der Insel Iona entstand. Jene Insel an der Westküste Schottlands wurde 806 barbarisch von Wikingern überfallen. Die Mönche flüchteten – das Book of Kells „unter’m Arm“. Zuflucht fanden sie in Kells. Bis heute ist ungewiss, ob das Manuskript erst hier vollendet wurde. Doch eines ist sicher: es handelt sich um ein ceremonial book. Allein das Mischen der Farben – jede mit einer eigenen Bedeutung versehen – und natürlich das Schreiben der Texte, nahm Jahre in Anspruch.

Demnach ist das Book of Kells nicht nur in Gramm bemessen ein schweres Buch. Es ist vielmehr bedeutungsschwer. Vor allem Buchseiten, auf denen sich Schmuck als Motiv tummelt, betonen Inhaltsträchtigkeit. Vier Handschriften prägen das Schriftbild des Manuskripts, wobei Wissenschaftler der Trinity College Library bereits eine fünfte ausmachten.

In unserer Mitte liegt ein begehrenswerter Gegenstand – die Übergabe des Buches aus Schottland nach Irland geschah unter Auflage des Schutzes. Unser Blick richtet sich langsam räuberisch gieriger werdend in die Glasvitrine in unserer Mitte. Vielleicht zieht es Ms Diffley deswegen nach einem augenzwinkernden: „Und übrigens, glauben Sie nicht dem Gerücht der Dubliner Taxifahrer, wir würden täglich die Seiten wenden!“ in den Long Room der Old Library – wir folgen ihr.

Und wieder wird es still. Sachte treten wir ein. Eine Studentin haucht „Ich habe den Ort gefunden, an dem ich meine Asche verstreuen lassen möchte…“ Und auch wenn die Konservatoren der Bibliothek sicher nicht begeistert wären – Recht hat sie.

Dublin: Trinity College Library - Long Room Old Library

© Stephan Büttner

Auf zwei Ebenen entlang eines 65 Meter langen Ganges, hinter pergamentpapierbeklebten Scheiben befinden sich 200 000 Bände, die der Statik des Gebäudes bis heute schwer zu schaffen machen. Bis 1850 – hier hielt die Bibliothek bereits fünfzig Jahre das Pflichtexemplarrecht auf britische wie irische Publikationen inne – sollte die erste Ebene genügen. Dann war jeder cm3 ­zugestellt. Sodass 1860 die heute bekannte zweite Ebene aufgesetzt wird. 44 Jahre später betritt die erste Frau die Old Library. Ms Diffley fügt stolz hinzu, dass die Studentenschaft des Trinity College heute 60% weibliche Studenten zählt.

Die bunte Nutzerschaft gebraucht den Altbestand. Hierzu werden die Bände ausgehoben und dem Forschenden im sogenannten study room unter verschiedenen Auflagen zur Verfügung gestellt. Es scheint das Leitbild der Bibliothek und irischen Bibliothekar-Seins auf einen Kern zu komprimieren, wenn unsere Gruppenführerin an dieser Stelle bemerkt „That’s what the books are here for“.

Der Long Room ist  dennoch lange nicht mehr nur Aufstellungsraum für Medien. Im Zentrum finden sich einzelne, kleine Ausstellungen. Zum Zeitpunkt unseres Besuches werden Medien ausgestellt, die Kinder motivisch thematisieren sowie Postkarten irischer Soldaten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Wir fragen uns: Was wenn wir statt derer E-Mails exzerpieren müssen? Wie werden wir diese präservieren? Kurz innehaltend lassen wir die Frage nach Langzeitarchivierung und digitalen Ressourcen in den heiligen Bücherhallen verklingen…

Entlang der Regale finden sich Büsten bedeutendster Persönlichkeiten. Jene vermochten es bereits den vor den Büchermassen unbeeindruckt verbleibenden Astronauten Buzz Aldrin in Begeisterungsstürme zu versetzen – er hatte Hamilton entdeckt, the father of computation.

So hatte auch die ausgestellte älteste Harfe Irlands eine langanhaltende Wirkung. Seitdem man zu einem Besuch der Queen eine Reproduktion ebenjener spielte, greift Irland stets zu Harfenmusik sobald es Queen Elizabeth erblickt.

Dublin: Trinity College Library - Long Room Old Library: Die Harfe

© Stephan Büttner

Buzz Aldrin, die Queen – auch Mrs Obama war hier. Ms Diffley demonstriert die Philosophie ihrer Institution, indem sie den Gang mit den Worten „all of our visitors are VIPs“ beschließt. Ganz und gar wieder aufgerichtet können wir zu einer kleinen Verschnaufpause – zum Postkartenkauf – im Bibliotheksshop verschwinden.

Authentische Moderne zum Anfassen

Im Foyer der Berkeley Library begegnen wir J. D. Trevor Peare, dem keeper of reader services. Aufgeteilt ist die Bibliothek in Sektionen verschiedener Arbeitsgebiete, berichtet er; unter anderem dem Collection Management, den Early Printed Books and Special Collections, dem Information Service und der Manuscripts and Archives Research Library –  2000 Pflichtexemplare, jede Woche, 2000 laufende Zeitschriften. Zu tun ist für die 130 Angestellten immer!

Es spricht viel Stolz aus Mr Peare, wo er nun beginnt uns durch den Bau und seine exotisch visionäre Architektur zu führen. Und bevor er uns in ihre Raffinessen einführen wird, beschreibt er noch die vitale Fusion von Bibliothek und Universität. Beide Seiten profitieren. Die Forschenden nutzen eine moderne Informationsinfrastruktur und die Bibliothek neueste Technologien.

Die Berkeley Library wurde 1967 erbaut. 1977 folgt ein Anbau. 26 Jahre später werden die beiden Bauten durch die Ussher Library verbunden.

Blanker Beton. Mag man meinen. Doch dann: in Form von Holzplanken gegossene Oberfläche dominieren die Räumlichkeiten. Hölzerne Möbel wachsen auf Sockeln aus Wänden und Böden. So strikt diese Architektur auch sein mag – Träumerei  steckt in den Details.

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© Stephan Büttner

Die unverrückbare Statik der Möbel, macht einen Umbau schlicht unmöglich. Das Bewusstsein hierüber bewirkte allerdings eine perfekte Ausrichtung aller Einrichtungsgegenstände.

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© Stephan Büttner

Für Doktoranden können Tische zu Arbeits-, Leih- wie auch Aufbewahrungsort ihrer geliehenen Medien werden. In diesem Fall wird der Tisch mein einem entsprechenden Namensschild versehen, das den Tisch für den Forschenden reserviert.

Wir sind nur noch ein paar winzige Schritte von der Ussher Library entfernt. Doch bevor wir uns an diesen minutiös geplanten Ort begeben, durchschreiten wird die Service Area: Kopierer, PC-Arbeitsplätze, DVD-Player, visualisierende Bildschirme, Mikrofiche-Lesegeräte und dergleichen sowie ein Info-Point finden sich hier.

Eine kleine Farbexplosion

Das Betreten der Ussher Library

Ussher

© Stephan Büttner

Eine Schlucht trennt den Kubus in zwei Areale: den book block und die working zone. Der Fußboden unterstützt die Aufteilung des Baus in seine Funktionsbereiche. Roter Teppich weist auf öffentliche, grauer Teppich hingegen auf betriebsinterne Bereiche hin.

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© Stephan Büttner

Wir stehen an einem Geländer und schauen von oben herab in die Tiefen der Ussher Library. Der Lesesaal vor uns – 24/7 geöffnet. Außerhalb der Servicezeiten verschließen Glastüren zu sichernde Bereiche. Der Nutzer ist willkommen – immer. Ausgeliehen wird allerdings nur, was ausdrücklich den individuell besuchten Kursen zugewiesen wurde.

Morgens liegt der Lesesaal im Sonnenlicht, danach verschwindet dieses in die nächste Himmelsrichtung. Vorhänge braucht es demnach nicht. Eine immense Fensterfront spendet großzügig Tageslicht. Bewegt man sich jedoch innerhalb der Bibliothek, merkt man, dass es dunkler wird, sobald der erste Fuß im Lesesaal steht. Zufall? Hier? Gewiss nicht: Der Mensch senkt in einem dunkleren Umfeld nachgewiesener Maßen den Geräuschpegel, auch die Stimme.

Frei von den üblichen Miseren ist man auch in Dublin nicht. Das wird zwischen den Zeilen klar. Aber man überdramatisiert nicht, man packt an. Das Konzept scheint aufzugehen.

In einer abschließenden Runde fragen wir: Mr Peare, nutzen die Studenten ihre Bibliothek gern?

Mr Peare antwortet: Die, die kommen, ja. – allerdings und das fügt er nach anfänglicher Bescheidenheit hinzu, steigt seit 2014 die Nutzung des Lesesaals. Zudem veröffentlichten irische Zeitungen Umfragen, welche festhalten, dass die Nutzer der Trinity College Library überdurchschnittlich zufriedener Natur sind.

Wir verabschieden uns frohen Mutes von Mr Peare und gehen gewappnet in den Sturm.

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Im 19. Jahrhundert schrieb ein Trinity Student das Märchen vom eigensüchtigen Riesen“2 .

Die Trinity College Library: Frauen einst verschlossen – riesig, einschüchternd, epochal, architektonische Kühle. Dennoch – die Bibliothekare demonstrieren Allgemeinwohl. Sie haben geschafft, zu tun, was auch Oscar Wildes Riese tat:

„ ,Das ist nun euer Garten, Kinderchen‘, sagte der Riese,

und er nahm eine große Axt und riß [sic] die Mauer ein.

Und als die Leute mittags zu Markte gingen, sahen sie, wie der Riese

mit den Kindern spielte, in dem schönsten

Garten, den sie je erschaut.“


Quellen:

Diffley, Anne-Marie: Führung durch die Old Library des Trinity Colleges, Dublin 15.01.2015.

Peare, J.D. Trevor: Führung durch die Universitätsbibliothek des Trinity Colleges, Dublin 15.01.2015.

Fox, Peter: Trinity College Library. A History, Cambridge 2014.

Wilde, Oscar: Der eigensüchtige Riese, in: Oscar Wilde. Sämtliche Märchen und Erzählungen, Köln 2005.

Trinity College Dublin: https://www.tcd.ie/Library/about/ [zuletzt aufgerufen: 18.02.2015]