ISSN: 1867-6189

Marsh’s Library

An unserem letzten Tag zeigt uns Dublin so richtig die kalte Schulter. Man hätte vermuten können, dass die Stadt enttäuscht darüber war, uns als Besucher zu verlieren – man könnte aber auch annehmen, dass es in Dublin im Januar einfach nur wirklich, wirklich kalt ist.

Um dem eisigen Wind nicht die ganze Zeit ausgesetzt zu sein, fahren wir mit der Straßenbahn bis zur Haltestelle Four Courts und laufen dann bergauf nach Dublin an der eindrucksvollen Christ Church Cathedral und dem ansehnlichen Dublin Castle vorbei. Die Kälte kriecht in jede sich bietende Ritze und unsere Ankunft an der Bibliothek hat einen befreienden und fast schon euphorischen Charakter.

Marsh’s Library liegt neben der bekannten St. Patrick’s Cathedral. Der Eingang wirkt neben dem imposanten Bau recht unscheinbar aber dafür umso märchenhafter. Eine kleine Treppe führt nach oben, eingerahmt von grün – zumindest im Sommer.

Dublin: Marsh's Library

Der Eingang zu Marsh’s Library

Unsere Hoffnung ins Warme zu kommen wird jedoch schnell enttäuscht, denn abgesehen vom fehlenden Wind, ist es drinnen genauso kalt wie draußen. Es gibt keine einzige Heizung in diesem Gebäude.

Sue Hemmens, stellvertretende Leiterin der Bibliothek (Deputy Keeper), stellt sich vor und verspricht gleich zu Beginn, uns später in einen wärmeren Raum zu bringen. Fast schon schade, denn Marsh’s Library ist einfach wunderschön. Die Bibliothek befindet sich im ersten Obergeschoss und erinnert ein wenig an den Long Room des Trinity College.

Dublin: Marsh's Library

Der erste Eindruck der Bibliothek

Dublin: Marsh's Library

Bücher aus der Sammlung Edward Stillingfleets

Sämtliche Bücherregale sind voll und es riecht unverwechselbar nach altem Papier, Geschichte und Wissen. Die Atmosphäre ist im positiven Sinne ehrfurchtgebietend. Sollte der irische Schriftsteller C. S. Lewis jemals in dieser Bibliothek gewesen sein, so hätte ihm die Idee für den Schrank nach Narnia hier gut einfallen können.

Marsh und die erste öffentliche Bibliothek Irlands

Narcissus Marsh wird 1638 in England als jüngstes von fünf Kindern geboren. Wie üblich für jüngere Kinder dieser Zeit sollte sein Leben in den Bahnen der Kirche stattfinden.

1652 wird er, mit 22 Jahren, zum Priester geweiht und 1679 nach Dublin geschickt wo er 1694 Erzbischof wird.

Das Parlament von England  entscheidet eine öffentliche Bibliothek zu gründen. Daraufhin stellt die St. Patricks Cathedral 1701 Land zur Verfügung. Die Räumlichkeiten, welche daraufhin gebaut werden, sind dieselben in denen die Bibliothek heute noch zu finden ist; es werden bis heute nur sehr wenige Veränderungen vorgenommen. Für den Bibliothekar wird das Erdgeschoss zur mietfreien Nutzung eingerichtet. Eröffnet wurde die erste öffentliche Bibliothek Irlands 1707.

Marsh kauft 10.000 Bücher aus der Bibliothek des bekannten englischen Geistlichen Edward Stillingfleet. Diese Bücher umfassen die Bereiche Geschichte, Recht, Politik, klassische Studien und Naturwissenschaft. Weiter bringt Marsh seine private Bibliothek mit, welche rund 4.000 Bücher beinhaltet. Ebenfalls besitzt Marsh’s Library die Sammlung von John Locke, welche damals als die beste Bibliothek Großbritanniens gilt und noch einige andere nicht weniger eindrucksvolle Sammlungen.

Die Bücher werden nach Sammlungen und weiter nach Themenschwerpunkten sortiert; große Bücher unten, kleine, meist kontroverse Bücher oben.

Alle diese Bücher stehen heute noch am selben Platz, wie zu Marshs Zeit. Insgesamt umfasst der Katalog von Marsh’s Library ca. 38.000 Titel.

Nach dem Tode Marshs 1713 verbleiben seine Bücher in der Bibliothek. Seine umfangreiche und wertvolle Sammlung orientalischer Manuskripte vermacht er einer Bibliothek in Oxford.

Frau Hemmens führt uns durch die zwei Galerien der Bibliothek und den ehemaligen Leseraum. Kurz bevor wir zu dem vermeintlich wärmeren Raum kommen sollten, sehen wir die ersten Maßnahmen zur Diebstahlsicherung in Marsh’s Library: Lesekäfige.

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Einer von drei Lesekäfigen

Diese vermutlich zwischen 1775 und 1800 erbauten Lesezellen, sind die Konsequenz aus sich häufenden Fällen von Diebstahl. Die Bücher anzuketten wurde zuerst in Betracht gezogen. Mit einem Hauch Erleichterung fügt Frau Hemmens hinzu, dass diese Maßnahme jedoch damals schon als zu veraltet angesehen wurde. Sie erzählt uns von einem Brief, in welchem Marsh’s Library empfohlen wird „[You] need to employ an honest porter“. Doch auch dieser konnte der schlechten Sitte des Bücher-Klauens nicht vollständig Einhalt gebieten.

Auch heute ist die Angst vor dem Verlust wertvoller Bücher noch groß. „You just have to be careful“ sagt Frau Hemmens zu uns und erzählt uns, dass Marsh’s Library nun videoüberwacht wird.

Umso erstaunlicher ist, dass in den letzten 30 Jahren nur ein Buch verloren gegangen ist und dafür ein anderes seinen Weg zurück in die Bibliothek fand.

Der Himmel für Bücher

Wir folgen Frau Hemmens eine kleine Wendeltreppe nach unten, jeder hofft auf eine kleine Pause von der Kälte. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir bereits, dass es in dem gesamten Gebäude keine Heizung gibt, aber es heißt nicht umsonst „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Mit unserer erfrorenen Hoffnung im Gepäck, aber dennoch guter Dinge erreichen wir einen kleinen Seminarraum, welcher früher zum Wohnraum des Bibliothekars gehört haben muss.

Wir sprechen über die Erhaltung der Bücher, die teilweise von unersetzbarem Wert sind. Und dann erscheint es ganz sinnvoll, dass in Marsh’s Library keine Heizung ist – sinnvoll und kalt.

Die Temperatur wird in allen Räumlichkeiten überwacht, aber nicht beeinflusst. Es herrscht bis auf marginale Abweichungen immer dieselbe Temperatur in Marsh’s Library – vollkommen egal, wie warm oder kalt es draußen ist. Durch die Lage der Bibliothek im ersten Obergeschoss sind die Bücher gut geschützt, vor allem vor Feuchtigkeit. Auch das Dach ist in einem sehr guten Zustand. Diesen Umständen ist es zu verdanken, dass es fast keinen Schimmelbefall an den Büchern gibt. Das Gebäude schützt die Bücher so gut vor Insekten, Schimmel und Feuchtigkeit, dass eine der Hauptaufgaben der Bibliothek der Schutz des Gebäudes ist.

Dublin: Marsh's Library: Einschusslöcher

Dieses Buch wurde von Schimmel befallen nachdem es einen neuen Ledereinband bekam.

Während Schimmelbefall ein großes Problem in den meisten Bibliotheken ist, kann in Marsh’s Library der Fokus auf Restaurierung und Digitalisierung der Bücher gelegt werden. Wir schauen uns sehr alte Materialien an und sprechen in diesem Zusammenhang über Techniken der Restauration.

Dublin: Marsh's Library: restaurierter Katalog

Frau Hemmens zeigt uns einen alten Katalog

Dublin: Marsh's Library: restaurierter Katalog

Diese Einträge stammen von Marsh persönlich

Dublin: Marsh's Library: schlecht restauriertes Buch

Ein Buch aus dem frühen 14. Jahrhundert

Noch vor 20 Jahren, erzählt uns Frau Hemmens, wurden die meisten Bücher in Leder eingeschlagen. Das sieht zwar sehr schön aus, ist aber Futter für Schimmel. Ebenso ist dieses Leder heute trocken und rissig. Auch hat man in der Vergangenheit versucht, Restaurationsarbeiten so unauffällig wie möglich vorzunehmen. Mit eingefärbtem Papier und anderen Methoden wurde versuchte „auf alt“ zu arbeiten. Heute wird genau das Gegenteil getan. Es soll erreicht werden, dass jede vorgenommene Änderung nachvollziehbar bleibt.

Schließlich zeigt uns Frau Hemmens den Internetauftritt der Bibliothek und einige Seiten, die man so nicht sofort finden würde. Hier werden laufende Projekte Stück für Stück online gestellt und ein Besuch dieses Webauftritts lohnt sich wirklich sehr!

Wir sind vollgestopft mit Informationen und würden gleichzeitig am liebsten viel länger bleiben. Doch es ist Zeit, wenn wir unseren Flieger gen Heimat nicht verpassen möchten. Wir verabschieden uns sehr herzlich von Frau Hemmens und ihren Kollegen und brechen auf, zurück in die noch kältere Kälte, aber dafür reicher an Wissen und diesem guten Gefühl, einen besonderen Ort erkundet zu haben.