ISSN: 1867-6189

Wo die Freude am Beruf zuhause ist: Das Irish Traditional Music Archive

Die Sonne scheint. Äußerst ungewöhnlich für das Wetter in Irland. Nach einem Spaziergang im Merrion Square Park, bei dem wir trotz der winterlichen Temperaturen ausreichend Sonne und Kraft getankt haben, wartet eine weitere von vielen Besichtigungen auf uns. Wir betreten ein unscheinbares Gebäude direkt gegenüber vom Park, dessen äußerer Eindruck auf den ersten Blick eher an ein Wohnhaus erinnern lässt.

Der Geruch nach Holz weckt heimische Gefühle. Der Eingangsbereich ist gemütlich und warm. Und doch wirkt alles etwas unscheinbar und geheimnisvoll. Lediglich ein kleines Metallschild im seitlichen Bereich der Eingangstür gibt uns die Gewissheit über unseren Aufenthaltsort.

Wir befinden uns in der Nummer 73 des Merrion Square in Dublin, im Irish Traditional Music Archive.

Das Metallschild am Eingang – subtil, aber stilvoll.

Der Eingangsbereich des ITMA strahlt Wärme aus.

Das Zuhause der traditionellen irischen Volksmusik

Das Irish Traditional Music Archive wurde 1987 gegründet. Obwohl es damit noch recht jung ist, hatte es bereits mehrere Unterkünfte. Seit acht Jahren befindet es sich nun in einem im Jahre 1790 erbauten georgianischen Gebäude. Der ursprüngliche Eindruck eines Wohnhauses täuscht nicht – in der Tat dienten die Räumlichkeiten in früheren Zeiten einer Familie als Wohnunterkunft, bevor es zu einem Archiv umgebaut und umfunktioniert wurde.

In Kooperation mit dem Law of Order bietet das Irish Traditional Music Archive die weltweit größte Sammlung von Medien, die sich mit der traditionellen irischen Musik beschäftigen. Es beherbergt eine größere Anzahl von Tonträgern als Bücher.

Unserer Exkursionsgruppe wird durch die Ausführungen der Mitarbeiterin, die uns die meiste Zeit betreut, sehr schnell die besonderen Eigenschaften traditioneller Musik klar: In der traditionellen Musik werden Kompositionen von Musiker zu Musiker weitergereicht. Stücke und Lieder werden niemals aus Büchern gelernt, sondern ausschließlich von anderen Menschen. Nicht selten ist der Schreiber eines Songs gar gänzlich unbekannt. In irischen traditionellen Musikstücken werden sehr oft die Fidel, die Flöte, einreihige Akkordeons, Banjos und sogenannte Uilleann Pipes gespielt. Letztere könnte man auch als die „irischen Dudelsäcke“ bezeichnen.

Sehr schnell kristallisiert sich heraus, dass ein Großteil der Musiker aus Irland ihre Musik aus Leidenschaft spielt, auf das Verdienen von Geld wird wenig bis gar kein Wert gelegt.

Der Nutzer steht an erster Stelle

Ein Besuch im Irish Traditional Music Archive und eine Recherche in ebendiesem gestalten sich als denkbar einfach. Jedermann hat Zutritt. Ein geschlossenes Magazin und in jedweder Hinsicht „geheim“ verwahrte Medien gibt es ebenso wenig, wie es Nutzergebühren gibt. Sämtliche Medien stehen dem Nutzer kostenfrei zur Verfügung. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass der Besucher seine Informationen und eventuell benötigte Hilfe durch die Mitarbeiter nicht nur in den Räumlichkeiten des Archivs erhält, sondern auch über Telefon, Fax und natürlich per Post.

Einschränkungen gibt es lediglich, wenn es zur Ausleihe und zum Erstellen von Kopien kommen soll: Eine Ausleihe ist nicht möglich. Das Irish Traditional Music Archive versteht sich als Präsenzarchiv bzw. als Präsenzbibliothek. Weiterhin spielt das Copyright auf sämtliche Musikalien, Schriftstücke und andere Medien eine äußerst gewichtige Rolle. Möchte der Nutzer beispielsweise eine Kopie eines Musikstückes anfertigen, so wird im Vorfeld der Interpret bzw. der Urheber von der Bibliothek kontaktiert und um Erlaubnis gebeten. Einfacher wird es, wenn seit dem Tod des Urhebers bereits 70 Jahre vergangen sind – dann erlischt das Copyright.

Musikalische Mitarbeiter aus Leidenschaft

Obwohl das Irish Traditional Music Archive, wie der Name schon vermuten lässt, offiziell ein Archiv ist, wird es fast ausschließlich von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren betreut und verwaltet. Der Mitarbeiterstamm besteht aus „normalen“ Bibliothekaren sowie aus Systembibliothekaren und IT-Fachkräften. Alle verbindet jedoch eines: die Leidenschaft für die Musik. Es gibt keinen Mitarbeiter des Irish Traditional Music Archive, der nicht wenigstens ein traditionelles irisches Instrument spielt. Drei hausinterne Bibliothekarinnen lernen wir an diesem Tag kennen – alle drei erzählen mit großer Freude über ihre Liebe zur Musik und zu ihrem Beruf.

Bei so leidenschaftlichen Ausführungen kann die Gruppe nur gebannt zuhören und zuschauen.

Die Aufgaben sind durch unzählige Projekte und verteilte Felder sehr vielfältig. Ein großer Bereich nimmt fast selbstverständlich die Digitalisierung von analogen Medien ein, die jedoch nicht in den Räumlichkeiten des Irish Traditional Music Archive stattfindet. In erster Linie sind die Mitarbeiter damit beschäftigt, im Interesse des Nutzers die größtmögliche Menge an Medien zu sammeln, herzurichten, bereitzustellen und damit auch ebendiese Bereitstellung zu organisieren. Weiterhin fällt natürlich die Betreuung des Nutzers in den Aufgabenbereich der Bibliothekare. Die Betreuerin unserer Exkursionsgruppe betont sehr stark, dass die Arbeit an den Medien und am Nutzer den größten Teil ausmacht, der Arbeitsteil am PC dagegen kleiner ausfällt. Des Weiteren erwähnt sie, dass es sehr wichtig sei, die englische und irische Sprache gleichermaßen gut zu beherrschen, da diese beiden Sprachen in der Bibliothek immer wieder zur Anwendung kommen.

Auch hinter den Kulissen des Irish Traditional Music Archive tut sich so einiges: Es werden alle Medien erfasst und katalogisiert, es werden digitalisierte Musikstücke bearbeitet und aufbereitet, es werden Notenblätter und Manuskripte eingescannt und zur Bereitstellung präpariert, und es werden gar in einem hauseigenen Tonstudio, das sich im Keller befindet, neue und alte traditionelle irische Volkslieder aufgenommen.

Diese Notenbücher gehören zu den Schriftstücken, die eingescannt und zur Nutzung aufbereitet werden.

Im hauseigenen Tonstudio wird altes und neues Material aufgenommen.

Eine Sammlung und ihr unaufhaltsamer Wachstum

Trotz seines jungen Alters beherbergt das Irish Traditional Music Archive eine gewaltige Sammlung von Medien aller Art. Dazu gehören inzwischen mehr als 30.000 Tonaufnahmen (davon mehr als 300 Aufnahmen von Tonwalzen), mehr als 24.000 Bücher und Zeitschriften, 20.000 Fotos und Negative, 10.000 digitale Musikaufnahmen, 7.000 Notenhefte, 3.500 interaktive Musikprogramme, 2.500 Videokassetten und DVDs und 400 Musikmanuskripte. Weiterhin gehört auch eine große Anzahl von Postern, Flyern und Katalogen zum Bestand des Archivs.

Der Bücherbestand kommt, was die Menge angeht, nicht ganz an den Tonträgerbestand heran.

Das Irish Traditional Music Archive enthält außerdem die weltweit größte Sammlung von Informationen über Musik in einzigartigen Computer-Katalogen; sehr viel Material ist im Internet auf der Homepage des Archivs verfügbar. Der Online-Katalog umfasst inzwischen nahezu eine Million Inhalte und mehr als 6.000 digitalisierte Medien. Sämtliche Inhalte sind auf der Webseite des Irish Traditional Music Archive frei aufrufbar.

Doch es sind nicht nur die vielen Medien, die den Nutzer und uns als Besuchergruppe faszinieren: Die Räumlichkeiten sind geschmückt und dekoriert mit unzähligen musikalischen Artefakten. Da steht ein originaler Edison-Phonograph in der einen Ecke, eine Harfe in der anderen, an der Wand hängen alte Werbeposter für Live-Auftritte von Musikgruppen, Fotografien und Gemälde sowie geschmückte Abbildungen von Notenblättern. Man hat sich ganz offensichtlich bemüht, eine musikalische Atmosphäre zu schaffen. Dies ist definitiv gelungen.

Originaler Edison-Phonograph, der in den Räumlichkeiten als Dekorationsstück dient.

Fast alle Wände sind geschmückt und dekoriert.

Die unterschätzte Rolle des ITMA

Es ist fast ein wenig schade, dass das unscheinbare Gebäude, das wir nach unserer Besichtigung wieder verlassen, nicht zu vollen Teilen die wichtige Rolle widerspiegeln kann, die das Irish Traditional Music Archive spielt. Es besteht kein Grund, an der Zukunft des Archivs zu zweifeln. Finanziell wird es nicht nur von seiner Gründergemeinschaft, der Arts Council, sondern auch von der Regierung unterstützt. Offenbar ist die Wichtigkeit des Irish Traditional Music Archive kein Geheimnis mehr. Es ist ein zentraler Bestandteil der kulturellen Bildung und der Erhaltung von traditionellen Werten. Hinzu kommt, dass Nutzer aus aller Welt in das Bildungssystem integriert werden, nicht zuletzt durch die vielen Digitalisate, die im Internet für Nutzer jeden Alters und jeder Herkunft aufrufbar sind. Damit erreicht die traditionelle irische (Musik-)kultur die ganze Welt, was in modernen Zeiten ein wichtiger Schritt ist.

Gleichzeitig bleibt nach dem Besuch des Irish Traditional Music Archive ein weiterer Eindruck. Einer, der für unsere Exkursionsgruppe womöglich noch wichtiger ist. Ein Gefühl der Zufriedenheit breitet sich aus. Wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen gelernt, die völlig in ihren Aufgaben aufgehen. Die ihren Beruf als den besten der Welt bezeichnen. Die voller Leidenschaft ihrer Liebe zur Musik und zu ihrer Arbeit Ausdruck verleihen.

Und so bleibt uns fast gar nichts anderes übrig, als das Archivgebäude am Merrion Square mit einem Lächeln zu verlassen. Während unser Blick wieder in Richtung Sonne geht, wächst die Gewissheit, den richtigen Beruf ausgewählt zu haben. Und natürlich bleibt nicht zuletzt die Hoffnung und freudige Erwartung, eines Tages selbst so fröhlich und zufrieden über seinen Arbeitsplatz sprechen zu können.

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Homepage des Irish Traditional Music Archive: http://www.itma.ie/

Quellen: Allgemeiner Flyer des Irish Traditional Music Archive sowie der Sonderflyer zum 25-jährigen Bestehen des Archivs. Weiterhin dienten eigene Mitschriften am Tag der Besichtigung als Quelle.