ISSN: 1867-6189

Das Gedächtnis einer Nation: Die National Library of Ireland

Auf in die Kildare Street:

Dublin empfing uns am 16.01.2015 mit einem strahlenden Freitagmorgen. Eine gelungene Einstimmung auf den Tag, erwartete uns doch ein Highlight unseres Dublin-Besuches: Die Besichtigung der irischen Nationalbibliothek in der Kildare Street. Nach kurzem Fußmarsch und einem überaus imposanten Eindruck des neo-klassizistischen Gebäudes betraten wir die Bibliothek und fanden uns zur Begrüßung und dem Einschliessen unserer Wertgegenstände im Foyer ein. Unsere Gruppe wurde unter die Fürsorge der überaus zuvorkommenden und hochkompetenten Brid O‘Sullivan gestellt, die uns zunächst im Medienraum der Bibliothek mit den Aufgaben und dem Wirkungsumfeld der Nationalbibliothek vertraut machte.

Eine Bibliothek für Irland:

Als Nationalbibliothek erfüllt auch die National Library of Ireland die Aufgabe irische und irischsprachige Publikationen jeder Art zu sammeln, zu erschliessen, zu erhalten und öffentlich verfügbar zu machen. Als Präsenzbibliothek bietet sie zwar die unentgeltliche Kopie von Medieninhalten auf unterschiedlichsten Datenträgern an, die vorgehaltenen Medien können allerdings nur in den Räumlichkeiten der Bibliothek eingesehen werden. Der derzeitige Medienbestand umfasst circa 10 Mio. Medien. Außer den Räumlichkeiten in der Kildare Street, denen auch das Zentrum für Genealogie und Heraldik angegliedert ist befindet sich in der nahegelegenen Straße Temple Bar das Nationalarchiv für Fotografie welches auch Teil der Nationalbibliothek ist. Neben Podiumsdiskussionen, Lesungen und Workshops zu verschiedensten Themen wie beispielsweise Restauration oder Ahnenforschung veranstaltet die National Library jährlich den stark frequentierten Wettbewerb „Poetry Aloud“. Hier können Schüler ihr Können im Vortrag von poetischer Literatur unter Beweis stellen. Im Jahre 2013 taten dies ganze 1500 Schüler von weiterführenden Schulen aus ganz Irland.

Trotz dieser positiven Zahlen leidet auch die National Library of Ireland noch unter der Krisenstimmung der letzten Jahre. Das Jahr 2014 mit dem Gedenken an den Beginn des 1. Weltkrieges sowie das im nächsten Jahr zelebrierte 100-jährige Jubiläum des Osteraufstands machen zwar zusätzliche Mittel durch das Ministerium für Kunst und kulturelles Erbe frei, doch stehen ihnen eine 44-prozentige Kürzung der Mittel seit 2008 und eine 23-prozentige Kürzung der Mitarbeiterzahlen entgegen. Hierdurch können die vielfältigen Aufgaben der National-Bibliothek nur erschwert wahrgenommen werden. Sei es der Einkauf von Medien, die Fortschreitung der Digitalisierung oder die immer drängendere Frage der Konservierung bestehender Medien; das kulturelle Erbe eines Landes sollte unter den Sparzwängen als Letztes leiden.

Zuhause bei William:

Nach der informativen Vorstellung der Bibliothek wurde unsere Gruppe in zwei kleinere Teams geteilt. Während die erste Gruppe in den Lesesaal geführt wurde, betrat die zweite die Dauerausstellung über das Leben und Wirken von William Butler Yeats. Statt dem üblichen Konzept der frontalen Präsentation aller Exponate wandelte der Besucher hier tatsächlich auf verschlungenen Pfaden durch das Leben des berühmten irischen Schriftstellers. Von seiner Kindheit in Sligo über die Jugendjahre in London und Dublin bis hin zu seinen berührenden Augenzeugenberichten des Osteraufstandes können eine Vielzahl von einzigartiger Korrespondenz und zahlreiche persönliche Gegenstände bewundert werden. Äußerst interessant hierbei: Die äußerst liebevolle aber auch schonungslose Beschreibung einiger seiner Familienmitglieder. Allein diese Dauerausstellung sollte Dublin-Besuchern eine Visite in der Nationalbibliothek wert sein.

Ein Tempel für Medien, der Lesesaal der NLI:

Nach diesem besonderen Erlebnis stand das wahre Highlight der Tour erst bevor. Die strahlenden Gesichter und das aufgeregte Tuscheln der zurückkehrenden ersten Gruppe ließen uns ein besonderes Erlebnis erwarten. Nach dem Aufstieg über ein unglaublich prunkvolles Treppenhaus mit Buntglasfenstern standen wir schliesslich in einem gigantischen Kuppelsaal: Der Hauptlesesaal der Bibliothek. Hier herrschte absolute Ruhe und leider auch striktes Fotografieverbot. An den Stirnseiten fanden sich Regale für den aufbewahrten Zettelkatalog der Bibliothek.  Angegliedert an die Seiten des Raumes fanden sich PC-Arbeitsräume und Lesegeräte für Mikrofiche. Während unseres Berichtes arbeiteten zahlreiche Journalisten mit historischem Zeitungsmaterial, ein weiterer Beweis für die Wichtigkeit der Nationalbibliothek.

Auf ein baldiges Wiedersehen:

Nach der Rückkehr aus dem Lesesaal sammelte sich unsere Runde abermals im Foyer um Brid O‘Sullivan für die äußerst liebevoll gestaltete und informative Führung zu danken. Nach unserer Verabschiedung versammelten wir uns kurz in der Eingangshalle und bewunderten die Buntglasporträts berühmter irischer und internationaler Schriftsteller und stimmten den weiteren Tagesverlauf ab. Nach einer kurzen Stärkung sollte am frühen Nachmittag der Besuch des Traditional Irish Music Archive auf dem Programm stehen.

Die Nationalbibliothek Irlands ist nicht nur für Bibliothekare und andere bibliophile Besucher eine Reise wert. Ein kurzer Schlenker hierher vor oder nach dem Einkaufsbummel auf der nahen Grafton Street lohnt auf jeden Fall und sollte wenn möglich ins Programm eines Dublin-Besuchs eingebaut werden.

Quellen: http://www.nli.ie/yeats/; NLI Annual Review 2013; eigene Notizen des Autors

Bildquellen:Bild 1 entstammt der Urheberschaft des Autors,  Urheber des 2. verwendeten Fotos ist Christoph Enderlein

Reading Room Stairs

Die Treppe zum großen Lesesaal

Der Eingang zur irischen Nationalbibliothek

Hinter diesem schmiedeeisernen Tor begann unsere Reise…