ISSN: 1867-6189

Forschungsaktivitäten am Fachbereich Informationswissenschaften

Forschung an Fachhochschulen? Ist das nicht ein Widerspruch? Sollten sich nicht die Fachhochschulen auf die Lehre und nicht auf die Forschung konzentrieren? Im Brandenburger Hochschulgesetz wird dezidiert darauf hingewiesen, dass die Fachhochschulen »…ihre Aufgaben nach den Sätzen 1 und 2 insbesondere durch anwendungsbezogene Lehre und entsprechende Forschung«1 erfüllen.
Seit einiger Zeit werden an der Fachhochschule Potsdam gezielt Anstrengungen unternommen, die Forschungsaktivitäten in den Fachbereichen zu stärken. Dies ist bei einer Lehrleistung von 18 SWS für Professoren und 30 Credits (900h) für  Studierende nicht leicht – aber außerordentlich lohnenswert. Am Fachbereich Informationswissenschaften werden seit langem immer wieder kleinere Forschungsprojekte und Studienprojekte, oft in Kooperation mit Partnern, durchgeführt. Eine kleine Auswahl findet sich unter: http://iw.fh-potsdam.de/forschung0.html

Seit 2006 sind die Anstrengungen zur Akquisition von Forschungsprojekten im Verbund mit Praxispartnern verstärkt worden und seit Mitte des Jahres 2009 haben wir zwei Drittmittelprojekte gewinnen können. Unter anderem führten die expliziten Nachfragen aus der wissenschaftlichen Community nach Unterstützung im Bereich des Datenmanagements durch informationswissenschaftliche Methoden zu den Projekten. Ursprung ist in beiden Fällen der enorme Anstieg an Forschungsprimärdaten in der Wissenschaft. Die Forschungsprimärdaten werden entweder in Projekten erzeugt oder als Input für eigene Analysen von Dritten eingeholt und verwendet. Damit werden die Daten selbst zum zentralen Output wissenschaftlicher Arbeit, die freie Bereitstellung dieser zum Erfolgsfaktor der Wissenschaft. Obwohl die Beschäftigung mit der Data-Driven-Science zunehmend als wichtiger Aktionspunkt erkannt wird, gibt es noch wenige Ansätze für eine Orientierung2.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, das dabei oft nur an die großen, internationalen Projekte gedacht wird (Big Science). Aber gerade die »kleinen« Projekte (small Science) produzieren in der Gesamtheit 2-3 mal mehr Daten als die Big Science3. Ein zentrales Problem sind die verteilt liegenden Datenbestände. So kann es vorkommen, dass Daten an einer Stelle oder in einem Projekt erhoben werden, die für ein anderes Thema/Projekt durchaus interessant sind. Genau hier setzen auch die beiden aktuellen Projekte WIBAKLIDAMA und CoPaL an.

WIBAKLIDAMA

WibaKlidama steht für »Wissenbasiertes Klimdatenmanagement« und hat den Untertitel: »Community-basiertes Datenmanagement in der Wissenschaft – State-of-the-Art, Konzepte und Kompetenzbedarfe: Erarbeitung einer Wissensbasis für die in der Klimaplattform beteiligten Forschungsinstitutionen« und hat eine Laufzeit von 01.05.2009 – 31.10.2010. Die Klimaplattform ist ein Netzwerk von Brandenburger und Berliner Forschungseinrichtungen und Universitäten, die Klima- und Umweltveränderungen und ihre Folgen sowie mögliche Anwendungen für die Praxis erforschen4.

Ziel des Projektes ist es, das Datenmanagement zu gestalten, damit einen Beitrag zum Umgang mit den Daten in öffentlich finanzierten Wissenschaftseinrichtungen zu leisten und die Grundlage für eine Nutzung der vorhandenen Datenbestände auch durch andere Zielgruppen (z. B. in der innovationsorientierten Wirtschaft) zu legen. Durch die Nähe zu einer Vielzahl weltweit führender Geo- und Klimaforschungseinrichtungen in Potsdam (GeoForschungsZentrum GFZ, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK etc.) wurde für das Projekt der Bereich »Klima« ausgewählt.

Das Projekt ist drei Phasen eingeteilt.
In einem ersten Schritt wurden der State-of-the-Art des Datenmanagements im Klimabereich (in Berlin-Brandenburg) sowie die Bedarfe der beteiligten Akteure (Wissenschaftler, Datenmanager, Bibliothek) erhoben und beschrieben. Dazu wurden qualitative Interviews mit ausgewählten Vertretern der Einrichtungen der Klimaplattform geführt. Darauf aufbauend wurde eine Befragung zum Informationsbedarf in und an die Klimaforschung konzipiert und mit Nutzern in der Wissenschaft durchgeführt (Oktober–November 2009). Analog dazu wird derzeit eine Erhebung vorbereitet, die die Beschreibung der Data Practices in den Einrichtungen weiter systematisieren und zudem den Bedarf der »Datenmanager« feststellen helfen soll (Durchführung im Dezember). Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Arbeitsschritte soll es möglich sein, ein »bedarfsgerechtes« Angebot zu konzipieren und die jeweiligen Communities einzubinden. Neben Befragungen wurde auch ein Data Audit durchgeführt. Die ersten Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass Lösungen vor allem im Bereich des Wissensmanagement liegen, einem originären Thema der Informationswissenschaften. Eine Verknüpfung der erhobenen Daten mit dem Wissen der Personen/Wissenschaftler ist unumgänglich.

Im zweiten Schritt werden konkrete Richtlinien und Empfehlungen erarbeitet. Um die Nachhaltigkeit des Projekts auch nach Projektbeendigung zu gewährleisten, wird eine Wissensbasis aufgebaut, die neben dem Zugriff auf die Projektergebnisse eine kooperative Arbeitsumgebung für die Bereitstellung und Nutzung von Daten aus unterschiedlichen Domänen schafft. Dies sind z.B. Expertenverzeichnisse, die zu konkreten Fragen Antworten bzw. Hinweise bereithalten. Bereits auf dem Kick-Off Workshop im Juli 2009 war dies einer der zentralen Wünsche der Commmunity, auch aus Kloogle (Klima-Google) bezeichnet.

In der dritten Phase erfolgt der Transfer der Ergebnisse, einerseits in Form der zentralen Wissensbasis, die auch über die Laufzeit des Projektes hinaus verfügbar bleibt und ausgebaut wird, andererseits durch die Identifizierung und Umsetzung konkreter Angebote (und Produkte) zunächst der Qualifizierung vorrangig der Mitarbeiter der Wissenschaftseinrichtungen.

Ziel und Gegenstand des Projektvorhabens Wibaklidama

Ziel und Gegenstand des Projektvorhabens Wibaklidama

CoPaL

Copal steht für  »Communities of Practise (CoP) für den Wissens ­ und Technologie-Transfer agrarwissenschaftlicher Leibniz-Institute«.
Mit dem Projekt CoPaL wurde am 1. Juli 2009 ein gemeinsames Vorhaben der Leibniz-Einrichtungen ATB (Institutes für Agrartechnik Bornim e.V.) und ZALF (Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung e.V.), der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften sowie des Instituts IKO Innovation, Kommunikation, Organisation, Berlin (IKO) an der FHTW Berlin gestartet.
Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, einen Beitrag für die Weiterentwicklung und die Profilierung des wissensorientierten Transfermanagements von Instituten der WGL zu leisten und das Transferpotenzial einzelner Einrichtungen bzw. der gesamten Leibniz-Gemeinschaft zu erhöhen.
Unter der Annahme, dass Menschen nicht unabhängig voneinander arbeiten, sondern vernetzt sind, wird die Unterstützung solcher Netzwerke (Communities) als wichtiger Erfolgsfaktor für ein Wissens- und Transfermanagement in den Mittelpunkt des Projektes gestellt. Der innovative Ansatz des Vorhabens liegt in der Fokussierung auf Wissensgemeinschaften (Communities of Practice) als potentielle Instrumente des Transfers und in der dualen Ausrichtung sowohl auf die internen Bedürfnisse der wissenschaftlichen Gemeinschaft wie auch auf die explizite Ansprache und Vernetzung mit Zielgruppen in der Wirtschaft.
Im Vorhabenverbund wird – beginnend im ATB – eine ganzheitliche und systematische Situationsanalyse und -bewertung aller organisatorischen und inhaltlichen Aspekte des internen wie auch externen wissenschaftlichen Transfermanagements vorgenommen. Die disziplinären, sektoralen und institutionellen Barrieren und Konfliktlinien zwischen unterschiedlichen Interessengruppen im Innen- wie auch Außenverhältnis werden erfasst und auf Lösungspotenzial beurteilt. Dieses Vorgehen stellt sicher, dass das Projektvorhaben sich nicht nur an den tatsächlichen Bedürfnissen der (beteiligten) Leibniz-Institute orientiert, sondern auch erfolgreiche Transferstrategien aufgreift und integriert.
Abgeleitet aus den Ergebnissen der Situationsanalyse wird ein »Prototyp« für eine Wissensgemeinschaft entwickelt, der vorhandene Wissensbestände zusammenführt und transparent macht, geeignete Methoden für das Wissens- und Transfermanagement mit modernen Werkzeugen für eine kollaborative Wissensarbeit verknüpft und dieses mit einer einheitlichen Struktur und unter einer Oberfläche zusammenführt.
Das Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) im Rahmen des Förderprogramms »Wirtschaft trifft Wissenschaft« über einen Zeitraum von zwei Jahren gefördert.

Beide Projekte werden im Sommersemester 2010 auch in die Lehre über Projektlehrveranstaltungen eingebunden und interessierten Studierenden die Möglichkeit gegeben, an aktuellen Forschungsprojekten teilzunehmen.
Abschließend sei schon jetzt auf eine zentrale Veranstaltung hingewiesen: Die »EScience Tage des Fachbereichs Informationswissenschaften« am 23.–24.03.2010. Bei dieser Veranstaltung werden zentrale Themen des Datenmanagements in der Forschung beleuchtet und diskutiert. Widmet sich der erste Tag vor allem spezialisierten Themen des Datenmanagements für Softwareentwickler, Informationsmanager, Bibliothekare und Wissenschaftler, wird am zweiten Tag potentiellen eSciDoc-Softwareentwicklern eine detaillierte Einführung in die Programmierung mit diesem Open-Source-System gegeben.
Keep watching!

Fussnoten

1. Gesetz über die Hochschulen des Landes Brandenburg (Brandenburgisches Hochschulgesetz- BbgHG) vom 18. Dezember 2008
2. vgl. z.B. Erklärung der Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisation zur Initiative „Digitale Information“. URL: http://www.dfg.de/aktuelles_presse/das_neueste/download/pm_allianz_digitale_information_details_080612.pdf
3. CARLSON, S. (2006) Lost in a Sea of Science Data: Librarians are called in to archive huge amounts of information, but cultural and financial barriers stand in the way. The Chronicle of Higher Education.  URL: http://chronicle.com/free/v52/i42/42a03501.htm