ISSN: 1867-6189

Zwischen idyllischem Wäldchen und ideologischem Wahnsinn

Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht. Der Bus windet sich eine schmale, geschwungene Straße durch ein idyllisches Wäldchen hinauf. Nichts deutet darauf hin was inmitten dieser Wälder liegt.

Nach einer 20-minütigen Fahrt sind wir, das BRaIn- Team nun im Konzentrationslager Buchenwald angekommen. Auf dem Parkplatz stehen viele Autos, Reisebusse entlassen Scharen von Schülern und Touristengruppen. Die Gedenkstätte Buchenwald ist eines der meist besuchten Ausflugsziele in ganz Thüringen.
Die ersten Bauwerke, die wir sehen, sind in hellem Gelb gestrichene Gebäude. Die ehemaligen Kasernen und Verwaltungsgebäude der SS, beherbergen heute die Besucherinformation, die Jugendbegegnungsstätte, die Buchhandlung und das Kino.

Nach einem Besuch in der Bibliothek sind wir ausgeschwärmt um uns die Gedenkstätte anzusehen. Noch ein kurzer Blick auf den Geländeplan und wir machen uns auf den Weg zum Torgebäude.

Torgebäude Buchenwald Foto: Naomi Tereza Salmon. Gedenkstätte Buchenwald

Torgebäude Buchenwald
Foto: Naomi Tereza Salmon. Gedenkstätte Buchenwald

Das Torgebäude diente als Hauptwachturm. Im rechten Flügel waren Büroräume untergebracht, im linken die Arrestzellen.
Durch den Eingang des linken Flügels betreten wir einen langen, engen Gang.
Die Zellentüren aus schwerem Stahl sind geschlossen, nur die Luken sind geöffnet und erlauben einen beklemmenden Einblick in die Unterbringung damaliger Häftlinge: eine Holzpritsche, Gitterstäbe vor den nicht vorhandenen Fenstern, meistens sorgte eine Holzklappe oder ein Stofflappen für permanente Dunkelheit. Viele Häftlinge verbrachten Monate dort und viele starben dort.

Nachdem wir den Zellenbau verlassen haben wenden wir uns nach links und gehen durch das Lagertor. Die berühmten Worte „Jedem das Seine“ sind dort zu lesen. Entnommen aus einem Jahrtausende alten römischen Rechtsgrundsatz.

„Iuris praecepta sunt haec:
honeste vivere, alterum non laedere, suum
cuique tribuere“

„Die Gebote des Rechts sind folgende:
Ehrenhaft leben, niemanden verletzen,
jedem das Seine gewähren.“

Lagertor Buchenwald Foto: Naomi Tereza Salmon. Gedenkstätte Buchenwald

Lagertor Buchenwald
Foto: Naomi Tereza Salmon. Gedenkstätte Buchenwald

„Jedem das Seine“ –  dieses Satzfragment ist von den Nazis ins Grausamste umgekehrt worden. Sie sahen darin eine Aufforderung, sich über alle anderen zu stellen und ihnen, aus ihrer Sicht, das zu geben, was sie verdienen. Umso bewundernswerter scheint es, dass ein Insasse dem Schriftzug seinen Stempel aufgedrückt hat.

Franz Ehrlich, geboren 1907 in Leipzig, kam als Jugendlicher nach Weimar und entdeckte sofort seine Liebe zum Bauhausstil. Nach einer Maschinenschlosser- und Tischlerlehre, ein paar Studienjahren und einer zeitweisen Anstellung bei Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses, machte er seine ersten beruflichen Schritte. Nicht lange danach wurde der bekennende Kommunist verhaftet und nach Buchenwald deportiert. 1938 gab der SS- Bauleiter den Befehl, den mittlerweile weltberühmten Schriftzug „Jedem das Seine“ anzufertigen. Allerdings merkte niemand, dass Ehrlich die Inschrift im, von den Nazis so verachteten Bauhausstil, gestaltete. Das war wohl seine ganz eigene Art der Auflehnung und ein kleiner persönlicher Triumph.

Hinter dem Tor breitet sich ein weitläufiges Gelände aus – der Appellplatz und ehemaliger Standort der Baracken. Nachdem alle, bis auf die Häftlingskrankenbaracke, Anfang der 1950er Jahre abgerissen wurden, aus angeblich hygienischen Gründen, wurden die Umrisse mit Kupferschlacke ausgefüllt und erinnern so an die genaue Position der Baracken.

Vom Appellplatz aus führt uns der Weg zum Krematorium. Ein unscheinbares Gebäude umgeben von einem Holzzaun. Nichts lässt darauf schließen, welches Grauen sich im Inneren abgespielt hat.
Vor uns wird eine Schülergruppe durch das Krematorium geführt. Weder die Gedenkstättenmitarbeiterin noch die Lehrer bemerken unser Beisein. Die Schüler dafür schon und sehen uns etwas seltsam an. Nachdem wir uns den Sezierraum mit ein paar ausgestellten Instrumenten angesehen haben, geht es weiter in den Nebenraum, in dem viele verschiedene Gedenksteine für Opfer und Opfergruppen angebracht wurden.
In einem weiteren Raum befinden sich die Verbrennungsöfen.

Nachdem wir uns wieder von der Schülergruppe getrennt haben, stehen wir noch eine Weile auf dem Hof des Krematoriums und unterhalten uns über die Eindrücke. Erschütternd, erschreckend, nicht fassbar, aber auch interessant und faszinierend ist die einstimmige Meinung. Allerdings wohl nur aus unserer Sicht. Die Schüler machten nicht den Eindruck als wären sie besonders ergriffen, eher gelangweilt. Allerdings hat man mit 16 Jahren wahrscheinlich andere Dinge im Kopf.

Wir gehen zur Bushaltestelle und treffen auf den Rest der Gruppe. Während wir warten, leert sich der Parkplatz. Schüler und Touristen verschwinden. Die Gedenkstätte schließt bald und damit endet unser Besuch in Buchenwald. Der Bus fährt vor, wir steigen ein und verlassen das Gelände, wie wir gekommen sind – in strahlendem Sonnenschein.

Quellen:

Gedenkstätte Buchenwald: Häftlingslager, http://www.buchenwald.de/115/

Gedenkstätte Buchenwald: Lagertor, http://www.buchenwald.de/634/

Malzahn, Claus Christian: Unheimlicher Befund zum Lagertor von Buchenwald, http://www.welt.de/politik/deutschland/article127871007/Unheimlicher-Befund-zum-Lagertor-von-Buchenwald.html

Wikipedia: Franz Ehrlich, http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Ehrlich