ISSN: 1867-6189

Das Gedächtnis einer Gedenkstätte

Wenn man an das KZ Buchenwald denkt, ist die erste Assoziation nicht gerade eine Bibliothek. Aber auch an diesem unrühmlichen Ort der deutschen Geschichte befindet sich eine solche Institution. BRaIn besuchte im Rahmen der Besichtigung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald die von Frau Greuel geführte Einrichtung.

Altes Gebäude, altes Problem

Die Bibliothek der Gedenkstätte befindet sich in einem Gebäude, das zu NS-Zeiten die Verwaltung des Konzentrationslagers und SS-Offiziere beherbergte. Unsere Gruppe folgte Frau Greuel in die Bibliotheksräume und schnell wurde ein Problem ersichtlich, das viele Bibliotheken betrifft, die in vorhandene Gebäude integriert wurden, nämlich der Platzmangel. Vor unseren Augen  erstrecken sich die Regale der Präsenzbibliothek, die neben den Sammelgebieten Zweiter Weltkrieg, NS-Zeit, sowjetische Nutzung des Lagers, auch den größten Bestand an Literatur über Buchenwald beinhaltet. Man könnte meinen, dies sei selbstverständlich, aber das ist es gerade nicht, denn es erfordert viel Engagement, gab Frau Greuel zu bedenken. Wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass dies alles von einer Person bewältigt wird, hat sie damit vollkommen Recht.

Die Sammlung beinhaltet nicht nur Bücher in deutscher Sprache, sondern es finden sich auch Exemplare auf Norwegisch, Russisch, Englisch und sogar Japanisch. Alle diese kleinen Schätze sind zwar nicht systematisch aufgestellt (ein Umstand der Bibliothekare erschaudern lässt) dafür aber verschlagwortet und liebevoll gepflegt.

Alcatraz, Historiker und eine Tafelrunde

Unsere Gruppe folgte Frau Greuel die Treppen hinauf ins Dachgeschoss, um das 2013 geschaffene Depot anzuschauen. Bevor wir jedoch den Raum erreichen, der die auf schienengeführten Unterbauten montierten Regale enthält, müssen wir noch die Tür überwinden. Das Depot ist mit einem Hochsicherheitssystem geschützt: um hineinzugelangen, braucht man eine Karte, einen mehrstelligen Code und die Hoffnung, sich nicht zu vertippen. Ist dieses Hindernis überwunden, erschließt sich dem Suchenden der restliche Bestand der Bibliothek aus Büchern, Zeitungen und Urkunden.

Gut behütet wird dieser Bestand also, aber die Frage lautet: Werden die Medien vor Schäden geschützt oder doch eher vor den hauseigenen Historikern? Mit einem Lächeln und nicht ernstgemeinten Unterton berichtet die Bibliothekarin, dass so manche Ausleihe zwar nicht das Gebäude verlässt, aber erst nach Monaten oder gar Jahren den Weg zurück ins Regal findet. Hier kommt die Eigenart von Geisteswissenschaftlern zum Tragen, an die großen Begebenheiten zu erinnern, die kleinen Dinge aber zu vergessen. Aus der Sicht eines Bibliothekars sind das meistens die ausgeliehenen Bücher. Auch beim Aussortieren verschiedener Medien muss sich die zierliche Bibliothekarin immer auf einen verbalen Kampf einstellen, der nur mit harten Argumenten zu gewinnen ist.

Zum Schluss unserer kleinen Führung begab sich das Brain-Team in den Lesesaal, dessen Anordnung ein wenig an Arthurs Tafelrunde erinnerte. Frau Greuel führte verschiedene Medien vor, manche davon mit hohem Seltenheitswert. Viele der Anwesenden sahen zum ersten Mal eine gebundene Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ und natürlich stellt sich die Frage nach dem Umgang mit diesen Medien und vielleicht unerwünschten Nutzern. Frau Greuel, eine ausgebildete Pädagogin, deren Hauptaufgabe die Betreuung von Schüler- und Studentengruppen ist, kann aber beruhigen: Die Zahl der zwielichtigen Nutzer sei gering und Probleme mit rechtsextremen Besuchern habe, wenn auch selten, dann die Gedenkstätte selbst. Noch einige Minuten wurden der netten Bibliothekarin die verschiedensten Fachfragen gestellt, dann verabschiedete man sich und ging mit der Erkenntnis, dass auch ein belasteter Ort wie Buchenwald gut daran tut, eine Bibliothek und eine Bibliothekarin zu haben.