ISSN: 1867-6189

Das System der Nationalbibliotheken in Italien

System der italienischen Nationalbibliotheken

„Mezzogiorno“ wird der Süden Italiens genannt. Bekannt ist er vor allem für negative Schlagzeilen bezüglich diversen Statistiken der Sparten Wirtschaft oder Sozialpolitik. So berichtet „Die Presse“ 2010 von der enormen Arbeitslosigkeit in Süditalien. Nicht weniger als 40% der Frauen zwischen 15 und 24 Jahren waren hier auf der Suche nach einem Job.[1] Bei so einer Quote muss man sich wohl auch nachsagen lassen, mehr bildungsferne Haushalte zu beherbergen als andere Regionen des Landes.

Das Nord-Süd-Gefälle der italienischen Wirtschaft ist kein Geheimnis. Während im Norden die „blaue Banane‘“ regiert, muss sich der südlichste Zipfel Italiens als eine der schwächsten Regionen Westeuropas ausschimpfen lassen – zumindest in wirtschaftlicher und struktureller Hinsicht.

Mit etwas Fantasie des geneigten Betrachters kämpfen die zentralen Nationalbibliotheken Italiens gegen dieses Gefälle an, indem aus einem Anstieg ein Abstieg gemacht wird und andersherum.

Nationalbibliothek Florenz

Nationalbibliothek Florenz

Es verhält sich nämlich so, dass sich bibliothekstechnisch das nördlich von Rom gelegene Florenz eher einen traditionellen Charakter bescheinigen lassen muss. Zuerst einmal ist die Biblioteca Nazionale Central di Firenze (BNCF) 148 Jahre alt und damit schon mal 8 Jahre älter als die Biblioteca Nazionale Centrale Vittorio Emanuele II di Roma (BNCR).

Hinzu kommt, dass die BNCF als eines der größten Buchmuseen der Welt genannt wird, da hier viele bedeutende italienische Altschriften zu erblicken sind, wie zum Beispiel die Briefe des italienischen Dichters Giacomo Leopardi (1798-1837) oder umfassende Werke aus der Galileo-Sammlung, auch autobiographische Arbeiten seinerseits, die bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückgehen. Die BNCF ist übrigens laut Verordnung zuständig für alle Schriften und oder anderweitig produzierte Erzeugnisse, die aus Italien stammen.[2]

Nationalbibliothek Rom

Nationalbibliothek Rom

Die südlich gelegenere Nationalbibliothek in Rom dagegen wird ein moderner Charakter nachgesagt, auch wenn sich hier ebenso alte Schriften lesen lassen wie in Florenz. Nichtsdestotrotz lautet ihr Auftrag hauptsächlich, moderne, im Ausland verfasste Literatur Italien betreffend zu sammeln und zu dokumentieren.[3] Auch durch den hohen Anteil ausländischer Literatur ist die Nationalbibliothek Roms der Nationalbibliothek in Florenz bezüglich der Medienanzahl um einiges voraus. In Rom befinden sich ca. 7 Millionen Medien unterschiedlichster Art[4], während es in Florenz rund 6 Millionen Exemplare sind.[5]

Der föderale Charakter eines Landes ist uns Deutschen natürlich ein Begriff. Die Kleinstaaterei erschwert einiges, auch die Entwicklung eines landesweit geregelten Bibliothekssystems. Auch Italien wurde geschichtlich gesehen nicht verschont und durfte sich in Folge der Napoleonischen Kriege mit der Vielstaaterei herumplagen. So kam es neben den zentralen Nationalbibliotheken in Rom und Florenz zur Bildung sechs weiterer Bibliotheken, die sich mit dem Titel Nationalbibliothek bekleiden dürfen, da sie zumindest einmal das Pflichtexemplarrecht für ihre jeweilige Provinz besitzen. So sollen hier die Nationalbibliotheken in Bari, Mailand, Neapel, Turin und Venedig nicht unerwähnt bleiben.[6]

Mit viel Fantasie und etwas Wohlwollen kann man also dahingehend dem Nord-Süd-Gefälle zumindest in einem Punkt Gültigkeit absprechen. Die weiter oben erwähnten bildungsfernen Haushalte haben so zumindest die Möglichkeit in Rom auf moderne, kulturträchtige Literatur zuzugreifen. Die Bibliotheken in Bari und Neapel liegen sogar noch näher und bieten Bildung und Kultur en masse – die Nationalbibliothek Neapels ist sogar die drittgrößte nach den Bibliotheken in Rom und Florenz.[7] Insgesamt bietet die Dezentralität der italienischen Nationalbibliotheken den Vorteil in unterschiedlichen Regionen des Landes individuelle Kulturluft zu schnuppern, was natürlich den Charme italienischer Regionen ausmacht.


[1] Vgl. URL: http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/596866/Italien_Jeder-vierte-Jugendliche-ist-arbeitslos- (letzter Zugriff: 14.06.2013)

[2] Knoppe, Kathrin: Die zwei italienischen Nationalbibliotheken und ihre nationalbibliographischen Dienstleistungen (S.6-11)  http://www.ib.hu-berlin.de/~pannier/HA_Knoppe05.pdf (letzter Zugriff: 14.06.2013)

[3] Knoppe, Kathrin: Die zwei italienischen Nationalbibliotheken und ihre nationalbibliographischen Dienstleistungen (S.11-15). http://www.ib.hu-berlin.de/~pannier/HA_Knoppe05.pdf (letzter Zugriff: 14.06.2013)

[4] Vgl. URL: http://www.bncrm.librari.beniculturali.it/index.php?it/8/collezioni (letzter Zugriff: 14.06.2013)

[5] Vgl. URL: http://www.bncf.firenze.sbn.it/pagina.php?id=51&rigamenu=Patrimonio%20librario (letzter Zugriff: 14.06.2013)

[6] Vgl. URL: http://www.bibliotheksportal.de/fileadmin/user_upload/content/bibliotheken/international/dateien/italien.pdf (letzter Zugriff: 14.06.2013)

[7] Vgl. URL: http://port.igrs.sas.ac.uk/languages/it/resourcesit/libraries (letzter Zugriff: 20.06.2013)