ISSN: 1867-6189

Die Öffentlichen Bibliotheken in Italien…

… haben es sehr schwer, denn ihnen fehlen finanzielle Mittel, qualifiziertes Personal und gemeinsame Richtlinien.

Die öffentlichen Bibliotheken Italiens können aus administrativer Sicht in zwei Gruppen unterteilt werden. Es gibt zum einen die bibliote che pubbliche statali, das sind jene öffentliche Bibliotheken die direkt dem Kultusministerium unterstellt sind (zu ihnen zählen z.B. die zentralen Nationalbibliotheken in Rom und Florenz) und zum anderen gibt es die Gruppe der Bibliotheken die den einzelnen Regionen unterstellt sind, die biblioteche di enti locali1.

Jene zweite Gruppe entspricht auf Grund ihrer breitgefächerten, Disziplin- und Altersübergreifenden Bibliotheksarbeit eher dem Bild einer öffentlichen Bibliothek als die Erstere, die sich hauptsächlich mit der Bewahrung und Bereitstellung historisch wertvoller Bestände befasst.

Obwohl bereits Anfang der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts gesetzlich beschlossen wurde, dass die Gründung von öffentlichen Bibliotheken in allen Provinzhauptstädten gefördert werden soll, wurde dies auf Grund der fehlenden finanziellen Mittel vor allem im Süden Italiens kaum verwirklicht.

Erst im Jahre 1972 als die Kompetenzen und die damit verbundene Entscheidungsgewalt auf die einzelnen Regionen übertragen wurden erlebten die öffentlichen Bibliotheken in Italien einen wahren Boom. Während es zwischen 1946 und 1960 gerademal 353 öffentliche Bibliotheken gab, waren es zwischen 1961 und 1972 bereits 1.180 und nach 1972 sogar 2.853.Im Jahre 1997 wurden insgesamt über 5900 öffentliche Bibliotheken erfasst.

Doch so positiv dieser Boom scheint, bei näherer Betrachtung erfüllen viele (ca. 2500) dieser Bibliotheken zu diesem Zeitpunkt nicht  einmal die Grundvoraussetzung für eine Einrichtung die sich Bibliothek nennen „darf“: mehr als 3000 Bände laut IFLA Richtline. Zudem kommt:

Bei elf Prozent der Bibliotheken gibt es gar keine Besucher, bei zwölf Prozent keine Ausleihen und 48 Prozent haben weniger als 100 Besucher pro Monat. Etwa 46 Prozent der Bibliotheken haben 100 Ausleihen pro Monat und lediglich 16 Prozent übersteigen die Zahl von 500 Ausleihen pro Monat. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Ausstattung der Bibliotheken, die ein wichtiger Punkt für ein angemessenes Dienstleistungsangebot ist. Nur etwa 39 Prozent der untersuchten Bibliotheken besitzen einen Computer, 52 Prozent erhalten keine Zeitschriften, Zeitungen oder anderweitige Periodika und 37 Prozent haben weniger als 50 laufende Abonnements.3

Dies lag zum einen an den begrenzten Mitteln der Regionen, der fehlenden staatlichen Unterstützung aber auch daran das sich die Bibliotheken zu jenem Zeitpunkt noch immer als Bewahrer des Vergangenheit sahen und sich nicht Ihrer Bedeutung im hier und jetzt, als aktive Mitgestalter der Gesellschaft bewusst waren und ihre Mittel dementsprechend einsetzten.

Dies schlug sich auch in der fehlenden Ausbildung der Mitarbeiter nieder. Der Beruf des Bibliothekars genießt auch in Italien ein hohes Ansehen und hat eine lange Tradition, jedoch basierte er bis vor wenigen Jahren nicht auf einer Ausbildung oder einem Studium, sondern es war von jeher so das wichtige Positionen in der Bibliothek mit  Vertretern aus den Bereichen Kultur, Politik oder Journalismus besetzt worden waren.

Seit wenigen Jahren gibt es jedoch zum einen Studiengänge speziell für Bibliothekare, zum anderen auch allgemeine Studiengänge die den Absolventen eine Spezialisierung auf das Bibliothekswesen ermöglichen. Bisher ist die Höhe der Absolventen noch gering (ca. 200 im Jahr), doch sie steigt stetig und ermöglicht auf Dauer die Herausbildung eines klaren Berufsprofils und die Schaffung von Standards. Die erweiterte internationale Zusammenarbeit (2009 fand der IFLA Kongress in Mailand statt) und die Orientierung an anderen Europäischen Ländern unterstützt diesen Prozess.

Auf nationaler Ebene bemühen sich die öffentlichen Bibliotheken um die Ausarbeitung einer gemeinsamen Bibliothekspolitik, die Schaffung einer Bibliotheksstruktur und den Aufbau eines Verbundes.

Auf Grund der finanziellen Mittel und der veraltete Strukturen ist dies noch ein langer Weg und auch der Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft wird nicht einfach sein für die neue Generation der Bibliothekare – die ersten Schritte jedoch – sind gegangen.

Quellen:

1 Thomas Linda: Das italienische Bibliothekswesen am Anfang des 21. Jahrhunderts [Elektronische Ressource] : Aktueller Stand und Entwicklungsperspektiven  Hrsg.: Konrad Umlauf
http://fiz1.fh-potsdam.de/volltext/humboldtuni/08306.pdf S.19 (Letzter Aufruf: 09.Juli 2013)

2 ebd. S. 21

3 Vgl.Boretti,Elena(2004):„Indagine AIBIstat sulle biblioteche pubbliche“, in: Ponzani, Vittorio (Hrsg.): Rapporto sulle biblioteche italiane 2001-2003. Rom: Associazione italiana biblioteche, S. 58 ff.
Zitiert in:  Thomas, Linda S.23