ISSN: 1867-6189

Die Festung der alten Bücher

Das Castello Sforzesco ist eine Festung aus dem 15. Jahrhundert, die einst Soldatenheere und adlige Familien mit dicken Mauern beschützte.  Hier liegt das Archivio Storico Civico und die Biblioteca Trivulziana zusammen in einer Einrichtung. Heute schlummern in ihrem Inneren jahrhundertealte Wissensschätze

In dem Castello Sforzesco liegen Schätze verborgen. Im 15. Jahrhundert erbaut, schützte diese massive Festung lange Jahre adlige Familien, kostbare Schätze und Heere von Soldaten vor der Außenwelt. Heute ist das Castello für jeden offen. Touristen flanieren tagein, tagaus durch den Innenhof und bestaunen die massiven Mauern der Burg. In ihrem Inneren werden heute noch wertvolle Kulturschätze aufbewahrt. Bei diesen Schätzen handelt es sich aber nicht um Gold und Silber, sondern um jahrhundertealte kostbare Manuskripte und Inkunabeln.  Für die Bewahrung dieser Güter sorgen das Archivio Storico Civico und die Biblioteca Trivulziana. Frei übersetzt bedeutet Archivio Storico Civico „Nationalarchiv“. Die Biblioteca Trivulziana trägt ihren Namen  nach der Familie, nach der sie 1935 benannt wurde. In Italien war es üblich, dass Bibliotheken von kirchlichen Einrichtungen oder adligen Familien initiert wurden. Beide Einrichtungen können durch den Innenhof betreten werden. Marzia Pontone, eine Doktorin, die Paläografie und Illustration studiert hat, arbeitet hier und stellte eifrig in englischer Sprache („Mein Deutsch ist nicht so gut“) das Archivio und die Biblitohek vor.

Archiv und Bibliothek beherbergen über 180 000 Dokumente, beschrieb sie, alle aus dem Zeitraum zwischen dem 14.und dem 20. Jahrhundert. Darunter fallen 1300 handgeschriebene Bücher, von denen mehr als ein Drittel aus dem Mittelalter stammt. Außerdem bewahren sie 2100 der ersten gedruckten Bücher, der Inkunabeln, auf. Um uns auf zu beweisen, mit welcher Perfektion Inkunablen und Manuskripte angefertigt wurden, stellt sie zum Vergleich ein gedrucktes und ein handgeschriebenes Buch vor. Man merkt dabei gleich, um was für Schätze es sich handelt. Die auf Samtkissen gebetteten Bücher dürfen nur mit Handschuhen angefasst werden. Auch wenn bei der Schrift eindeutige Unterschiede auszumachen sind, bei den Illustrationen sind sich Inkunabeln und Manuskripte näher als man ahnt. Bilder und Zeichnungen wurden in den ersten Büchern immer noch per Hand eingefügt, egal ob die Schrift aus der Feder oder aus der Druckpresse stammte. „Nur Studienbücher waren ohne sehr aufwendige Illustrationen“, erzählt Frau Dr. Pontone. Bücher waren früher nicht unbedingt nur Wissensspeicher, sondern eher Kostbarkeiten, die aufwendig hergestellt und wie Schätze aufbewahrt wurden. Wie unterschiedlich der Gebrauch der Bücher in den vorigen Jahrhunderten zeigt Dr. Pontone anhand der Stundenbücher. Diese stellten früher eine Art Taschenbuch für wohlhabende und fromme Frauen dar. In ihm waren die Gebete passend zu den Stunden des Tages aufgezeichnet, oft nebst bunten detailverliebten Illustrationen und aufwendigen Verzierungen. Viele dieser Bücher dienten im Alltag bei Gebeten und Kirchgängen als Lektüre der frommen Adligen. Auf der anderen Seite gab es aber auch Anfertigungen, die um der Kostbarkeit erworben wurden, sozusagen als prätentiöses Must-Have, geschmückt mit aufwendigen Illustrationen und goldener Tinte. Um den Besitzer kenntlich zu machen, trug man das Wappen der Familie in das Buch, sodass keine zwei Bücher sich gleichten. Diese wurden wie Schätze und nur selten zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurden.

Aufgabe der Bibliothek und des Archivs ist aber nicht nur die Aufbewahrung der Informationen. Forschende und Lehrende sind häufige Besucher in der Bibliothek und recherchieren eifrig in den alten und jungen Büchern der Bibliothek. Allerdings haben sie nicht, wie in normalen deutschen Bibliotheken, einen einfachen Zugang zu den Büchern. Leider ist ein wenig so, wie Umberto Eco es einmal in einem satirischen Artikel beschrieben hat (Umberto Eco: „Wie man eine öffentliche Bibliothek organisiert“):Es müssen Formblätter ausgefüllt werden, man wird beim ersten Besuch beaufsichtigt und es müssen Gründe genannt werden, warum der Besuch des Archivs nötig sein.  Im Prinzip kann man feststellen, dass die Recherche im Archiv selbst nur für die Fachöffentlichkeit und nur mit bestimmten Projekten (wie etwa Forschungsarbeiten) möglich ist. Und auch nur dann darf man sich mit wenigen Büchern mit Bleistift und Papier in den Lesesaal setzen.

Das heißt aber nicht, dass der Rest der Welt GAR keinen Einblick in alte Schriften hat. Es gibt Online-Kataloge und auch einige Manuskripte sind auf dem Online-Auftritt „Manus Online“ zu finden. Zwei Drittel des Bestandes sind dort verzeichnet. Allerdings existiert diese Seite nur auf Italienisch, kann aber gut mit dem Google-Übersetzer gut nach Manuskripten durchsucht werden. So findet man unter dem Stichwort „Da Vinci“ vier kopierte Manuskripte des Meisters die aus dem Archivio und der Biblioteca stammen.  So haben auch Bürger außerhalb dieser Festung der Bücher die Chance mittelalterliche Schriften anzuschauen.