ISSN: 1867-6189

Die Nationalbibliothek in Wien – Tradition und Moderne

In der österreichischen Nationalbibliothek in Wien ist die Vergangenheit noch lebendig. Untergebracht ist sie in der Wiener Hofburg, einem Gebäude mittelalterlichen Baustils, berühmt ist sie für ihren barocken Prunksaal, aber dennoch basiert ihre Arbeit auf modernster Bibliothekstechnologie.

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Der Prunksaal (Autorin: Carina Pukade)

Die Geschichte der Bibliothek reicht bis ins Hochmittelalter zurück. Den Grundstein legte Herzog Albrecht III., als er die Evangelienharmonie von Johannes von Troppau erwarb, woraufhin Kaiser Maximilian III. den ersten Bibliothekar Hugo Blotius ernannte.

Für uns, die Redakteure von Brain, war der Ausflug an diese geschichtsträchtige Stätte der erste Höhepunkt unserer Reise. Uns faszinierten der Anblick der modern ausgestatteten Lesesäle ebenso wie die Führung durch die verwinkelten Korridore und die düsteren Kellergewölbe. Tatsächlich sind die meisten Räumlichkeiten der Bibliothek unterirdisch – ihre wahre Größe ist dabei von außen kaum zu erahnen. Und auch in Zukunft soll sie weiter ausgebaut werden. Derzeit steht die Bibliothek mit der Stadt Wien in Verhandlungen, um weitere Kellerräume unter dem vor der Hofburg liegenden Heldenplatz bauen zu können. Die Besichtigung des barocken Prunksaales blieb uns besonders in Erinnerung. So gewaltige Berge von alten Büchern sieht man wirklich nicht alle Tage.

Trotz allem Lob muss man der Nationalbibliothek allerdings auch mit dem historischen Rohrstock auf die Finger hauen. Während der NS-Zeit haben sich die Bibliothekare nämlich die Bücher ihrer jüdischen Mitbürger angeeignet. Und auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft hat es niemand für nötig befunden sie zurückzugeben. Das Ganze wurde erst im Jahr 2005 mit einer Ausstellung mit dem bezeichnenden Namen „Geraubte Bücher“ aufgearbeitet. Zurückgegeben wurde aber trotzdem nichts.

Beenden wir nun die historische Betrachtung der österreichischen Nationalbibliothek und widmen uns lieber dem, womit sich die Bibliothek heutzutage beschäftigt. Tatsächlich zeigt sie sich ihrem altmodischen Äußeren zum Trotz überraschend modern. Alle Arbeitsplätze sind mit Computern ausgestattet und bieten Zugriff auf digitale Bestände der Nationalbibliothek und das Internet. Um die Bibliothek und ihre Angebote nutzen zu können, ist ein Benutzerausweis oder eine Tageskarte erforderlich. Beides ist gegen eine mehr oder weniger geringe Gebühr – 3€ für eine Tageskarte und 10€ für eine ein Jahr lang gültige Benutzerkarte – erhältlich.

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Teepause zwischen den Akten (Autorin: Carina Pukade)

Die Bibliothek sammelt die Pflichtexemplare aller österreichischen Neuerscheinungen einschließlich Dissertationen. Der Schwerpunkt ihrer Sammlungen liegt im geisteswissenschaftlichen Bereich. Das Bildarchiv umfasst mittlerweile mehr als 600 000 Bilder – darunter Druckgrafiken, Aquarelle, Zeichnungen und Kunstobjekte.  Sie berbergt zudem ein Globenmuseum, ein Papyrusmuseum und ein Esperantomuseum. Wie es sich für eine Bibliothek des 21. Jahrhunderts gehört ,ist ein Großteil der bibliothekarischen Arbeit digitaler Natur. Bücher und Zeitschriften werden digitalisiert und auch Webseiten werden gecrawlt und archiviert. Dabei lässt sich die Nationalbibliothek nicht von den Restriktionen der eventuell im Quelltext der Webseiten enthaltenen „robots.txt“-Dateien, die Crawling-Programme eigentlich am Indexieren bestimmter Seiten oder Seitenbereiche hindern sollten, stören. Wenn die Nationalbibliothek eine Webseite archivieren will, wird diese komplett gecrawlt. Die Bibliothek versucht aber natürlich nicht, das komplette Internet zu archivieren. Das Harvesting ist selektiv und beinhaltet vor allem österreichische Online-Zeitungen. Diese werden dann alle vier Stunden neu analysiert.

So schön das jedoch alles klingen mag, als möglicher zukünftiger Arbeitgeber kommt die Nationalbibliothek leider eher nicht infrage. Mitarbeiter werden in der Regel nur noch projektbasiert eingestellt. Damit ist es eher unwahrscheinlich, einen festen Job zu ergattern – was sehr schade ist, denn die Arbeitsbedingungen scheinen recht angenehm zu sein. Immerhin können die Mitarbeiter während ihrer Arbeit stilecht Tee aus chinesischen Teekannen trinken. Es gibt Menschen, die es schlechter haben.