ISSN: 1867-6189

„Ist Schnee Abfall?“ – Streifzug durch die Bibliothek des Europäischen Parlaments

Dass bei 27 Staaten mit 23 Amtssprachen innerhalb der EU[1] Fülle garantiert ist scheint klar. Der Wahlspruch der Europäischen Union ist nicht umsonst „In Vielfalt geeint“[1]. Ebenso abwechslungsreich wie ihre Mitglieder sind auch die Anfragen an die Bibliothek des Europäischen Parlaments, welche in Brüssel verortet ist.

Die eingangs genannte Frage von einem schwedischen Abgeordneten erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Schnee? Abfall? Wie geht das zusammen? Eisiger Niederschlag ist immerhin ein Naturprodukt und keine kaputte Glasflasche, welche störend auf der Straße liegt.

Eingangsschild
Eingang der Bibliothek des Europäischen Parlaments (Autorin: Sarah Paatsch)

Tatsächlich wundern sich die polyvalenten Mitarbeiter in der Bibliothek nicht über solche Themen. Sie gehen jeder Anfrage mit detektivischem Spürsinn nach. Ergibt ein Fakt für sich genommen keinen Sinn wird direkt nachgefragt, was der Abgeordnete mit seiner Frage bezweckt. In unserem Beispiel stellte sich heraus, dass Schweden im Parlament über Müllbeseitigung diskutieren wollte. Hätte sich Schnee nach Rechtsprechung als Abfall heraus gestellt, wären Städte und nicht Einwohner für die Räumung zuständig gewesen. Das geflügelte Wort „Wissen ist Macht“ scheint hier in der Parlamentsbibliothek eine völlig neue Bedeutung zu erhalten.

Verifizierte Informationen sind in Regierungskreisen unerlässlich. Schon der kleinste Fehler kann später zu einer politischen Affäre führen. Aus diesem Grund ist das höchste Ziel der Bibliothek einen verlässlichen Service für ihre Nutzer zu bieten.

Dies wird unter anderem durch sechs Level von Dienstleistungen erreicht: Reference, Analysis, Summarizing, Commenting, Research on Policy Issues  sowie Impact Assessment. Dabei stehen spezielle Informationen für die Bibliothek, welche seit 2010 Mitglied der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) ist, im Vordergrund – wie das Beispiel mit der Umweltanfrage Schwedens verdeutlicht.  Die Information Officers und Specialists der Bibliothek recherchieren einen Fakt, welcher im Anschluss vom Policy Departement analysiert wird. Geht es um geschichtliche Schwerpunkte wird gegebenenfalls auf die Außenstelle in Luxemburg verwiesen.

Aber birgt ein vorurteilsfreier Umgang mit Informationen nicht die Gefahr der Politisierung? Was ist mit radikalen oder sogar faschistischen Anfragen? Wo zieht die Parlamentsbibliothek eine Auskunftsgrenze? Die Antwort ist einfach: Nirgends. Laut Direktor Alfredo de Feo gibt es weder richtige noch falsche Informationen. Die Information an sich ist solide und wertfrei. Was einzelne Abgeordnete damit machen, liegt in deren Verantwortung.

Und wie sieht es mit dem Problem multi-lingual vs. multi-national aus? Immerhin bedeutet Vielfalt im Sinne der EU Sorgfalt statt Einfalt. Und die Parlamentsbibliothek ist mit knapp 95.000 Medien kleiner als beispielsweise die Bibliothek des Deutschen Bundestages.  Dies hängt vor allem mit ihrer relativ späten Gründung zusammen. Umso erstaunlicher, dass es trotzdem zwei Tageszeitungen pro Land und 500 Wörterbücher im Bestand gibt. Die einzig fehlende Übersetzungskombination ist momentan Finnisch-Niederländisch. Da fehlen -zum Glück kaum- die Worte!

Lesesaal
Bibliotheks des Europäischen Parlaments (Autor: Stephan Büttner)

Auch die Informationsspezialisten der Bibliothek halten den sprachlichen Querschnitt ihrer übergeordneten Institution aufrecht. Bei mehr als hundert Mitarbeitern sind alle Mitgliedsstaaten und fast alle offiziellen EU-Sprachen vertreten. Arbeitssprachen in der täglichen Arbeit bleiben allerdings Englisch und Französisch. Inhaltlich werden die zahlreichen Themen der EU durch die vier Fachabteilungen Recht, Wirtschaft, Kohäsionspolitik und Auswärtiges abgedeckt. Neben der klassischen Bibliotheksarbeit wie Auskunftsdienst, Erwerbung und Katalogisierung mit dem selbst geschneiderten Bibliothekssystem Symphony, ist jeder Informationsspezialist für eines der vier Fachgebiete zuständig.

Hauptaufgabe dort ist die Recherche und Erstellung sogenannter Briefings, hierbei handelt es sich um fundierte Blattsammlungen zu einem bestimmten politischen Thema. Der Umfang hängt stark vom Thema ab, ein siebenseitiges Briefing bedarf etwa zwei Wochen intensiver Arbeit. Vom State-of-the-Art wird dabei der Kontext zur EU geschlagen, am Ende gibt es ausreichend Referenzen und Quellenangaben. Diese Briefings sind die Basis aller künftigen Debatten, bei Bedarf werden sie ausgebaut. Oft liefern sie Abgeordneten einen ersten Einblick ins Thema.

Über ein öffentliches Register[2] beweist die Bibliothek des Europäischen Parlaments ihr Alleinstellungsmerkmal. Und knapp 1.500 Leuten[3] gefällt das. Alles andere als Schnee von gestern also!


Quellen:

  1. Wikipedia, 2012. Europäische Union. [online] Available at: <https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Union> [Accessed 17 June 2012].
  2. European Parliament, n.d.. Public Register. [online] Available at: <http://www.europarl.europa.eu/RegistreWeb/search/advanced.htm?language=EN&code_type_docu=BBRI&currentPage=19> [Accessed 26 June 2012].
  3. facebook, 2012. Library of the European Parliament. [online] Available at: <https://www.facebook.com/LibraryOfTheEuropeanParliament> [Accessed 17 June 2012].