ISSN: 1867-6189

Bibliotheken der Europäischen Union – Analog und Digital

Die Europäische Union stellt in der Gesetzgebung für jeden einzelnen Mitgliedsstaat eine exorbitant wichtige Rolle dar. Über die Hälfte aller Rechtsvorschriften, nach denen wir tagtäglich handeln, bestehen entweder auf EU-Ebene oder wurden maßgeblich durch Kommision oder Parlament der Europäischen Union angestoßen. Die EU beeinflusst nahezu alle Bereiche der Wirtschaft und Politik, angefangen von Umwelt und Klima über Verbraucherschutz, Bildung, Justiz  bis hin zur Beschäftigungspoltik. Umso stärker brennt die Frage unter den Nägeln wie die einzelnen EU-Politiker und Entscheidungsträger solch weitreichender, politischer Handlungen die Kompetenz erlangen, in den einzelnen komplexen und sehr unterschiedlichen Fragen eine adäquate Lösung zu finden.

Die Bibliotheken der einzelnen EU-Institutionen

Ein zentrales Element in der Informationbeschaffung bilden die Bibliotheken der Europäischen Union. Die insgesamt elf großen Institutionen unterhalten zehn Bibliotheken. Zunächst gibt es die „Bibliothek des Rates“, welche sowohl dem Europäischen Rat als auch dem Rat der Europäischen Union (Ministerrat) als Informationseinrichtung dient. Des Weiteren besitzen auch das Parlament und die Kommission jeweils eine eigene Bibliothek. Letztere hat je einen Standort in Brüssel und Luxemburg und nimmt darüber hinaus auch die Aufgaben einer EU-Zentralbibliothek war. Ebenfalls haben der Europäische Gerichtshof, der Europäische Rechnungshof und die Europäische Zentralbank je eine Bibliothek. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss und der Ausschuss der Regionen, welche sich im selben Gebäude befinden, teilten sich bis 2008 eine Bibliothek. Nun hat jeder Ausschuss seine eigene. [1]

Die Europäische Investitionsbank hat im März 2008 der Universität Luxemburg den kompletten Dokumentenbestand zur Verfügung gestellt, welche daraus die „Bibliothek für Europastudien der Europäischen Investitionsbank und der Universität Luxemburg“ errichtete. Diese befindet sich allerdings auf dem Campus der Universität und ihr kommen nicht die sonst typischen Aufgaben, wie die Versorgung der Mitarbeiter der EU-Institution mit aktueller Fachliteratur und umfassenden Informationsrecherchen, zu. [2]

Die EU umfasst 27 Staaten in denen insgesamt 23 Amtssprachen gesprochen werden. Dem wird sowohl im Bestand als auch in der Annahme von Anfragen und Rechercheaufträgen Rechnung getragen. Der überwiegende Teil der Literatur ist in englisch, französisch oder deutsch verfasst, da dies die drei Hauptamtssprachen der EU sind. Im Bestand befinden sich dennoch beispielsweise Publikationen der Institutionen und allgemeine und Fachzeitschriften in allen 23 Sprachen und auch die Bibliothekare der EU-Bibliotheken bemühen sich Anfragen aller Sprachen zu beantworten.

Da sich den Bibliotheken der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und des Ausschusses der Regionen bereits an anderer Stelle dieser BRaIn-Ausgabe ausführlich gewidmet wird, soll nun noch als letzte, wichtige EU-Bibliothek die des Europäischen Gerichtshofes thematisiert werden. Der Neubau der Bibliothek des EuGH eröffnete im Dezember 2008. Sie erstreckt sich über drei Geschosse und wurde vom französischen Architekten Dominique Perrault geplant, welcher auch die französische Nationalbibliothek in Paris entwarf. [3] Die sehr umfangreiche Sammlung der Bibliothek des EuGH umfasst das komplette EU-Recht und sämtliche Rechtsvorschriften aller Mitgliedsländer. [1]

Die Europäische Digitale Bibliothek „Europeana“

Neben den realen Bibliotheken der EU-Institutionen existiert Europeana. Europeana ist ein Informationsportal, das die Aufgaben einer virtuellen europäischen Bibliothek wahrnimmt. Das Ziel ist es, die kulturellen und wissenschaftlichen Reichtümer Europas allen zugänglich zu machen. Über 10 Millionen digitale Objekte, wie Bilder, Texte, Tonaufnahmen und Videos werden in der Internetumgebung nutzbar gemacht. Beteiligt sind Museen und Galerien, Archive, Bibliotheken, Ton- und Bildarchive in ganz Europa. [4]

Erstmals ins Gespräch kam Europeana durch einen Brief vom 28. April 2005, der an José Manuel Barroso, dem Präsidenten der Europäischen Kommission, versandt wurde. In ihm schlugen die Staatsoberhäupter von Frankreich (Jacques Chirac), Polen (Alexander Kwásniewski), Deutschland (Gerhard Schröder), Italien (Silvio Berlusconi), Spanien (José Luis Rodriguez Zapatero) und Ungarn (Ferenc Gyurcsány) den Aufbau einer virtuellen, europäischen Bibliothek vor,  um das kulturelle Erbe Europas jedermann zugänglich zu machen, bereits vorhandene Initiativen zusammenzuführen, Redundanzen zu vermeiden und das Wachstum der Informationsgesellschaft und der europäischen Medienindustrie zu fördern. [5]

Eine Beta-Version ging im Dezember 2008 online, mit einem Bestand von über 2 Millionen digitalen Objekten aus über 1.000 teilnehmenden Institutionen. [6] Im Februar 2009 ging dann Europeana Version 1.0 online und besaß 2010 schon über 10 Millionen digitale Objekte. [7] Im Oktober 2011 folgte Version 2.0. Es wird erwartet, dass die EDB 2015 bereits 30 Millionen Objekte umfassen wird. [8]

Europeana ermöglicht mittels Discovery Tool den Zugang zu verschiedenen Inhaltstypen, die von den angeschlossenen, europäischen Institutionen zur Verfügung gestellt werden. Die Entscheidung darüber, welche Objekte digitalisiert werden, liegt bei der Organisation, die das Material besitzt. Des Weiteren sind die Digitalisate nicht auf einem zentralen Computer gespeichert, sondern verbleiben bei der jeweiligen kulturellen Institution und deren Netzwerk. Europeana sammelt lediglich die  Metadaten der verfügbaren Objekte, welche der Nutzer  durchsuchen kann. Nach erfolgreicher Recherche ist über einen Link die Weiterleitung auf die Seite möglich, die das originale Objekt hält. [9]

Ganz gleich, ob man die realen Bibliotheken der EU als ein wichtiges, informationswissenschaftliches Element der Gesetzes- und Richtlinienentwicklung oder die Europäische Digitale Bibliothek Europeana als virtuelle Sammlung des wissenschaftlichen und kulturellen Erbes Europas betrachtet, die bibliothekarischen Strukturen der Europäischen Union stellen sich als äußerst interessant dar.  Da sich jedem die Möglichkeit bietet, alle EU-Bibliotheken mit Voranmeldung zu besichtigen, ist es für jeden, der unserer Profession angehört, sehr zu empfehlen, diese Möglichkeit auch wahrzunehmen und ein, zwei Tage in Brüssel oder Luxemburg der bibliothekarischen Seite der Europäischen Union zu widmen.


Quellen:

[1] Holz, G., 2009. Über EU-Sprech, Strauchtomaten und internationales Geflügel: Kaleidoskop der Eindrücke einer EU-Exkursion. [online] Available at: <http://infobar.biz/archives/517> [Accessed: 30 June 2012].

[2] Parisse, S., 2008. Gründung der „Bibliothek für Europastudien“ -Die Europäische Investitionsbank stellt der Universität Luxemburg ihren Dokumentenbestand zur Verfügung. [online] Available at: <http://www.eib.org/about/press/2008/2008-014-creation-de-la-bibliotheque-d-etudes-europeennes.htm?lang=de> [Accessed 30 June 2012].

[3] De Rosa, F., 2004. Dominique Perrault: Französische Nationalbibliothek, Paris. [online] Available at: <http://www.floornature.de/projekte-kultur/projekt-dominique-perrault-franzoesische-nationalbibliothek-paris-4439/> [Accessed 30 June 2012].

[4] Universitätsbibliothek der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 2012. Europeana und Die Deutsche Digitale Bibliothek. [online] Available at: <http://www.uni-greifswald.de/bibliothek/europeana-und-die-deutsche-digitale-bibliothek.html> [Accessed 30 June 2012].

[5] Digital Libraries Initiative, 2005. Letter of 28 April 2005. [online] Available at: <http://ec.europa.eu/information_society/activities/digital_libraries/doc/letter_1/index_en.htm> [Accessed 30 June 2012].

[6] Widmann, B., 2008. Online-Bibliothek Europeana ab sofort zugänglich. [online] Available at: <http://www.zdnet.de/news/39199281/online-bibliothek-europeana-ab-sofort-zugaenglich.htm> [Accessed 30 June 2012].

[7] Computerbild, 2008. Europeana.eu: Europäische Online-Bibliothek gestartet. [online] Available at: <http://www.computerbild.de/artikel/cb-News-Internet-Europeana.eu-Europaeische-Online-Bibliothek-gestartet-3661796.html> [Accessed 30 June 2012].

[8] Niggemann, E.; Cousins, J., 2011. Eurpeana think culture: Strategieplan 2011-2015. [online] Available at: <http://pro.europeana.eu/documents/858566/403ed8af-79e7-47eb-94eb-6ffb645aa234> [Accessed 30 June 2012].

[9] Götze, M., 2010. EuropeanaLocal: ein Weg zur Europäischen Digitalen Bibliothek Europeana. [online] Available at: <http://www.uni-greifswald.de/fileadmin/mp/e_bibliothek/EuropeanaLocal.pdf> [Accessed 30 June 2012].