ISSN: 1867-6189

Brüssel ist nicht Amsterdam

Man stelle sich vor, man hätte eine Reise vor sich. Eine Studienreise in ein Nachbarland der EU. Man ist auf dem Weg in eine Stadt, welche die Europäische Union nach Außen präsentiert und will sich in eben dieser nicht nur Bibliotheken anschauen, sondern sich auch kulturell weiterbilden. Das wäre dann Brüssel. Man besteigt also voller Freude und Tatendrang das Flugzeug, genießt die knapp anderthalbstündige Reise, fährt dann noch wenige Minuten mit dem Zug, kommt schließlich in Belgiens Hauptstadt an – und fühlt sich, als würde man ins kalte Wasser geworfen.

Letzteres kann man fast wortwörtlich nehmen, denn unsere Reise nach Brüssel begann und endete mit Regen. Dennoch wird in diesem Satz nicht auf das vom Himmel fallende Wasser angespielt, sondern auf das Gefühl, irgendwie nicht am richtigen Ort zu sein. Brüssel – denkt man da nicht an eine Stadt, die opulent aussieht? Eine Stadt, eine europäische Stadt, wenn nicht sogar DIE europäische Stadt? Voller Ernüchterung stellten wir in Brüssel fest, dass es nur wenige schöne Plätze in der Stadt gibt. Das ist jetzt natürlich eine sehr subjektive Meinung. Dass die Stadt bei Nacht am schönsten ist, weil man dann nicht sieht, wie dreckig sie ist, ist ebenfalls sehr subjektiv. Dies lässt sich gewiss nicht auf alle Viertel der Stadt übertragen – wir waren auch nicht in allen Vierteln. Vielleicht war das der Fehler.

Grote Markt (Autorin: Maria Fentz)

Aber halten wir uns an das Positive: Brüssel hat eine sehr schöne Altstadt. Die kleinen Gassen laden zum Flanieren ein und am Abend hat man fast das Gefühl, man wäre am Meer. In der Nähe des Grote Markts  – der zentrale Platz Brüssels, auf dem Bauten vergangener Jahrhunderte stehen – werden in den meisten Restaurants Fisch und Meeresfrüchte angeboten, sodass man unweigerlich denkt, das Meer wäre ganz nah. Der Grote Markt – auch Grand Place genannt –   ist 1998 zum Weltkulturerbe durch die UNESCO1 bestimmt worden und heutzutage leider völlig überlaufen. Von dort aus gelangt man zu allen kulturellen Höhepunkten der Stadt.

Wahrzeichen Brüssels

Manneken Pis (Autorin: Maria Fentz)

Nicht weit entfernt, aber dennoch mehr als versteckt – man beachte bitte folgende Wegbeschreibung: „an der Ecke rue de l’Etuve/Stoofstraat, rue des Grands Carmes/Lievevrouwbroerstraat und rue du Chêne/Eikstraat“2 – steht der Manneken Pis. Ob das zweite Wort wirklich das ausdrücken soll, was dargestellt ist, bleibt zu bezweifeln. Auf jeden Fall handelt es sich dabei um eine Bronzestatue, die eines der Wahrzeichen Brüssels ist. Ursprünglich, so erzählt man sich, sollte der kleine Junge als Warnung vor der Verunreinigung der Stadt dienen und die Bürger davon abhalten, ihre Toilettengänge im Freien zu tätigen. Wenn man das Bild links betrachtet, sieht man, dass Manneken Pis sogar angezogen war, als wir ihn besuchten. Was man nicht sehen kann: das Bild wurde aus einigen Metern Entfernung aufgenommen, da es fast unmöglich schien, durch die Menge der Menschen zu der kleinen Statue zu gelangen.

Nun zu einem der Highlights in Brüssel – neben den wirklich interessanten Bibliotheken und dem riesigen Angebot an unterschiedlichsten Biersorten: Eine Buchhandlung. Das klingt jetzt sehr nüchtern. Die Wohlthat’sche ist immerhin auch eine Buchhandlung. Nennen wir es also nicht einfach Buchhandlung, sondern viel eher Buchtempel. Leise, klassische Musik ertönt aus allen Ecken, kleine Büchertürme ragen wie versteckte Städte in warmem Sonnenlicht auf, die Holzverkleidungen geben dem Ganzen ein antikes Flair. Man riecht altes Papier und neue Umschläge. Man besteigt die Treppe und geht in das erste Obergeschoss und wenn man vorher schon dachte, dass man nie eine schönere Buchhandlung sah, so stockt einem spätestens beim Blick von der Empore der Atem. Das ist das Paradies für Buchliebhaber, die Buchhandlung namens Tropisme. Glaubt man  dem Duden, so kommt die deutsche Übersetzung des Wortes, der Tropismus, aus dem Griechischen und bedeutet in der Biologie „Wendung, Richtung“3. Sehen wir den Namen der Buchhandlung also aus metaphorischer Sicht als richtungsweisende Aufforderung an: Kauft und lest mehr Bücher! Für uns Bibliothekare natürlich äußerst einleuchtend, um nicht zu sagen – eine selbstverständliche Pflicht.

Buchhandlung Tropisme

Buchhandlung Tropisme (Autorin: Maria Fentz)

Brüssel. Brüssel im Gesamteindruck kommt bei uns nicht allzu gut weg. Sehen wir davon ab, dass einer Kommilitonin am letzten Abend das Portemonnaie in der U-Bahn geklaut wurde und sehen wir davon ab, dass wir nur wenige Monate zuvor im wunderbaren Amsterdam waren – Brüssel war einfach nicht unser Ding. Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht lag es am Hostel, vielleicht hat uns Amsterdam verwöhnt. Dennoch: wir konnten verschiedene Erfahrungen sammeln. Wie schläft es sich zu Acht im Keller? Wie viele Flaschen des 12- prozentigen Bush-Bieres4 vertragen wir? Wer macht das Licht aus? Wie viele Stufen gibt es ingesamt im Atomium5? Schenkt man der einhelligen – und wie anfangs schon erwähnt, sehr subjektiven – Meinung unserer kleinen Studiengruppe Beachtung, so ist eine Reise nach Brüssel nur dann lohnenswert, wenn man sich die Bibliotheken zu Gemüte führt, das Tropisme und das Atomium besucht, sich die Nachbarstadt Leuven ansieht – und ansonsten Scheuklappen aufsetzt.

Quellen:
1 Wikipedia, 2012. Grand-Place/ Grote Markt. [online] Available at: < http://de.wikipedia.org/wiki/Grote_Markt_%28Br%C3%BCssel%29 > [Accessed 27 June 2012].

2 Wikipedia, 2012. Manneken Pis. [online] Available at: < http://de.wikipedia.org/wiki/Manneken_Pis > [Accessed 27 June 2012].

3 Duden online, 2012. Tropismus | Bedeutung. [online] Available at: < http://www.duden.de/rechtschreibung/Tropismus > [Accessed 21 June 2012].

4 Wikipedia, 2012. Bush (Bier). [online] Available at: < http://de.wikipedia.org/wiki/Bush_%28Bier%29 > [Accessed 21 June 2012].

5 Wikipedia, 2012. Atomium. [online] Available at: < http://de.wikipedia.org/wiki/Atomium > [Accessed 27 June 2012].