ISSN: 1867-6189

Blogwatch in Nederlands Bibliotheeken

Die Bibliothek in Amsterdam ist toll titelt Markus Schapdick in seinem kleinen, privaten Blog.
Seine Seite wurde als erster Treffer bei Google angezeigt, als ich die Recherche bezüglich der Wahrnehmung des niederländischen Bibliothekswesens in der Blogosphäre startete. Interessant fand ich seinen Beitrag sofort und wurde sehr neugierig auf die umworbene Bibliothek. Tatsächlich behielt er recht mit seinem Eindruck, denn die Openbare Bibliotheek Amsterdam (kurz OBA) ist nicht nur toll, sondern großartig, wie ich während unserer Exkursion feststellen durfte. Genutzt wird sie nicht etwa, um zu recherchieren und zu arbeiten, sondern hauptsächlich, um sich mit Freunden zu verabreden und gemütlich beisammenzusitzen. Ebenso erschien auch ein Artikel auf bibliothekarisch.de, in dem die Bibliothek zahlreichen Besuchern ans Herz gelegt wird. Der Autor Wolfgang Kaiser hat dazu ein kleines Video gepostet, das den Eindruck einer eher ungewöhnlichen Bibliothek belegt. Das Video zeigt die Bibliothek genau so, wie wir sie während unserer Exkursion in Amsterdam kennengelernt haben: als Bücherwunderland im Kaufhausstil, das zu groß wirkt, um alles erkunden zu können. Dass die Architektur nicht nur durch Funktionalität und Originalität beeindruckt, sondern auch durch ihre Umweltfreundlichkeit, beweist der 2008 verliehene Umweltpreis für die OBA. Hier setzte sich die Einrichtung gegen neun andere Konkurrenten durch und überzeugte unter anderem aufgrund der Verwendung umweltfreundlicher Materialien und dem Standort: Die OBA ist gut an die öffentlichen Verkehrsmittel angebunden und ebenfalls zu Fuß zu erreichen.

Doch nicht nur die öffentliche Bibliothek zeichnet ein besonderes Bild in der Amsterdamer Bibliothekslandschaft – seit 2010 macht die niederländische Metropole vor allem durch die erste Flughafenbibliothek der Welt auf sich aufmerksam. Reisende finden zwischen den Gates eine kleine Präsenzbibliothek mit Medien in knapp 30 verschiedenen Sprachen. Die dort zu findenden Bücher, DVDs und Zeitschriften sollen die teilweise recht lange Wartezeit verkürzen und den Besuchern die Stadt näherbringen. Selbst Passagiere, die nur auf der Durchreise sind und möglicherweise nicht die Zeit haben, den Flughafen zu verlassen, können so einen Einblick in die kulturelle Vielfalt Amsterdams bekommen. Zudem ist es möglich, kostenlose Onlineangebote zu nutzen. Wolfgang Kaiser kritisiert in seinem Blogbeitrag jedoch, dass die Bibliothek nur für Besitzer eines Flugtickets offensteht, da sie sich hinter der Passkontrolle befindet.

Dass es gar nicht so einfach ist, die beste unter den niederländischen Bibliotheken zu wählen, zeigt ein weiterer Beitrag auf bibliothekarisch.de, in dem es um den 2009 verliehenen Preis De Beste Bibliotheek van Nederland geht. Die ausgewählten Bibliotheken wurden nach unterschiedlichen Kriterien untersucht – Mystery Shopper bewerteten die Bibliotheken nach Standort, Medienbeständen und Serviceorientierung. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam kam nur auf den zweiten Platz; der Gewinner war das DOK Library Concept Center. Diese Bibliothek ist eine der fortschrittlichsten Bibliotheken weltweit, welche sich vor allem durch ihr Kunstzentrum mit ständig welchselnden Ausstellungen auszeichnet. Dieses wird von Künstlern geleitet und nicht von ausgebildeten Bibliothekaren. Dass die Bibliothekare jedoch auch nicht gerade gewöhnlich sind, beweist ihr Engagement im Bereich Social Media: Alle 30 BibliothekarInnen sind bei Facebook angemeldet und stehen jederzeit für Fragen zur Verfügung, wie bibliothekarisch.de berichtet. Ein solches Konzept schafft nicht nur Transparenz im Arbeitsumfeld, sondern fördert so das Vertrauen der Nutzer in ihre Bibliothek- und zeigt einen Weg, den Bibliotheken in Zukunft zwangsläufig gehen sollten, um Schritt zu halten. Einmal mehr bin ich davon überzeugt, dass auch die Bibliotheken in Deutschland mehr Augenmerk auf Social Media legen sollten.

Dass die Niederlande viel Zeit  in Fortschritt und Verbesserung investiert, zeigt auch die Arbeit der niederländischen Stiftung Bibliotheek.nl. Diese Stiftung kümmert sich vor allem um die Ausweitung der nationalen digitalen Bibliothek und befasst sich zudem mit dem kulturellen Erbe der niederländischen Bibliothekslandschaft. Wie vielfältig eben diese Kulturlandschaft in bibliothekarischer Sicht ist, lässt sich mit nur einem Besuch auf holländischem Boden kaum erkunden. Obwohl es nicht übermäßig viele Bibliotheken gibt, zeichnen sich die wenig vorhandenen vor allem durch ihre Größe aus: sowohl in Quadratmetern als auch im Medienangebot. Dennoch gibt es kleine Kritikpunkte. In der OBA stellt sich unweigerlich das Gefühl der Überforderung beim ersten Besuch ein. Zu groß, zu voll, zu viel zu entdecken. Und vor allem: sehr laut. Es gibt einige wenige ruhige Arbeitsplätze. Auch hier zeigt sich wieder, dass das niederländische und das deutsche Bibliothekssystem sehr verschieden sind: die deutschen Bibliotheken sind eher ein Tempel der Ruhe, wogegen die niederländischen Bibliotheken durch viel Aktion und Innovation überzeugen. In einem Blog eines Auszubildenden als Fachangstellter für Medien- und Informationsdienste spiegelt sich dieser Eindruck ebenfalls wieder: die OBA erinnert an ein Kaufhaus, hat ein Theater und viele gemütliche Sitzecken zu bieten; steht Kindern wie Erwachsenen mit langen Öffnungszeiten jederzeit zur Verfügung. Vielleicht zeigt sich hier aber auch die in Deutschland übliche Teilung in wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken, die in anderen europäischen Ländern eher untypisch ist.

Insgesamt wird in allen Blogs der Eindruck der niederländischen Bibliotheken wiedergegeben, der sich auch den Exkursionsteilnehmern nach Amsterdam offenbart hat: weite, offene Bibliotheken, die innovativ arbeiten und durch Modernität überzeugen. Man könnte fast sagen, die Niederländer eilen mit gutem Beispiel voran, indem sie ihre Bibliotheken zu Treffpunkten machen und zum Verweilen einladen – und nicht nur zum Arbeiten.