ISSN: 1867-6189

Das Bibliothekswesen in Großbritannien

 

 

Geschichte des englischen Bibliothekswesens

 

Klosterbibliotheken

Das englische Bibliothekssystem ist das älteste der Welt.

Bereits im frühen Mittelalter bildeten die Klosterbibliotheken Irlands, Schottlands und Englands das Zentrum des Bibliothekswesens. In den irischen Klosterbibliotheken widmete man sich ausgiebig dem Schreibwesen, dem  Buchschmuck und dem Büchersammeln und auch in schottischen und englischen Klöstern entstanden Schreib- und Malwerkstätten.

Unterbrechungen gab es im 8. und 9. Jahrhundert immer wieder durch Wikingereinfälle und durch die Schließung und Auflösung der englischen Klöster während der Herrschaft Heinrich des VIII. im Jahr 1530.

In den Klosterbibliotheken wurde der Bestand vorrangig durch das Abschreiben von Texten, die gegen einen Pfand von anderen Klöstern ausgeliehen wurden, vergrößert. Seltener gab es auch Schenkungen und Tausch.

Die Aufgabe des Klosterbibliothekars war neben der Aufsicht über die Schreibstube auch die Ausgabe der Bücher an Mönche und Klosterschüler und das Anlegen eines Inventars. Leihregistern aus dem 9. Jahrhundert ist zu entnehmen, dass Bücher auch an Personen außerhalb des Klosters verliehen wurden.

Universitätsbibliotheken

Bereits im späten Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts, entstanden an den englischen Universitäten (z.B. Merton College in Oxford und Perterhouse-College in Cambridge) Kollegienbibliotheken. Bei den Kollegienbibliotheken handelte es sich um Büchersammlungen in den Studentenhäusern. Der Bestandsaufbau erfolgte durch Kauf und Schenkung und beinhaltete Schriften zu den jeweiligen Fachgebieten der Colleges, u.a. Theologie, Recht, Medizin oder Philosophie.

Aus den Kollegienbibliotheken gingen später die Universitätsbibliotheken hervor. Die Hochschulbibliotheken in Großbritannien lassen sich in drei Kategorien einteilen: die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen (Oxford, Cambridge, Glasgow, St. Andrews), die Gründungen des 19. Jahrhunderts (Manchester, Birmingham, Sheffield, Bristol) und die Gründungen nach 1945 (Southampton, Exeter).

Die älteste Universität Großbritanniens ist die Oxford University sie hat ein mehrschichtiges Bibliothekssystem von über 100 einzelnen Bibliotheken, die Oxford University Libraries. Zu diesen zählt auch die Bodleian Library, eine der ältesten Bibliotheken Europas. Erstmals gegründet um 1320, erfuhr sie 1597 einen Wiederaufbau durch den Diplomaten Thomas Bodley, der den bisherigen Bestand der Bibliothek um seine private Büchersammlung vergrößerte und im Jahr 1610 mit den englischen Verlegern eine Übereinkunft traf, nach der der Bibliothek ein Freiexemplar jedes gedruckten Werkes zu überlassen war. 1911 wurde die Bodleian Library mit dem Copyright Act zu einer der fünf Bibliotheken mit Pflichtexemplarrecht in Großbritannien. In Oxford erschien 1605 auch der erste gedruckte Bibliothekskatalog Englands.

British Library

Zur Zeit der Aufklärung, im 18. Jahrhundert, lag die Entwicklung des englischen Bibliothekswesens hinter der anderer europäischer Länder wie zum Beispiel Frankreich zurück.

Es gab weder eine Nationalbibliothek, noch ein funktionierendes Netz von Regionalbibliotheken wie es in Deutschland die Fürsten- und Stadtbibliotheken bildeten.

1759 eröffnete König Georg II. das Britische Museum und stiftete ihm die königliche Privatbibliothek („Old Royal Library“). Das Britische Museum war Museum und Bibliothek zugleich. Es gab keinen festen Etat für den Büchererwerb, der Bestandsaufbau erfolgte vorrangig durch Schenkungen, Pflichtexemplare und Tausch. Die Verwaltung des Britischen Museums erfolgte dem englischen Rechtsgebrauch gemäß durch eine Verwaltungskommission.

1973 wurde durch die Zusammenlegung der Bibliothek des Britischen Museums mit mehreren anderen Bibliotheken und Organisationen (Bibliothek des Patentamts, Nationale Zentralbibliothek, Nationale Leihbibliothek für Naturwissenschaften und Technik, Britische Nationalbibliographie, Amt für naturwissenschaftliche und technische Information) die British Library begründet.

Die Aufgabe der British Library ist die Archivierung der Pflichtexemplare für das gesamte Königreich. Außerdem beherbergt sie die umfassendste Sammlung von ausländischer wissenschaftlicher Literatur in Großbritannien und erstellt die British National Bibliography (BNB).

Weitere Nationalbibliotheken sind die National Library of Scotland (Edinburgh), die National Library of Wales (Aberystwyth) und die National Library of Ireland (Dublin). Irland gehört zwar politisch nicht mehr zu Großbritannien, dennoch übernimmt die Bibliothek des Trinity College in Dublin aus historischen Gründen auch nationalbibliothekarische Aufgaben für die gesamten britischen Inseln. Auch für sie gilt wie für die Nationalbibliotheken von Schottland, Wales und die Universitätsbibliotheken von Oxford und Cambridge das Pflichtexemplarrecht.

Öffentliche Bibliotheken

 

Im 18. Jahrhundert entstanden außerdem sogenannte Subscription Libraries. Diese Bibliotheken bildeten die Vorstufe der Public Libraries. Durch Eintritt in den Bibliotheksverein war die Entleihung von allgemein belehrenden und unterhaltenden Werken für die zahlenden Mitglieder möglich.

1850 wurden die Kommunen durch den Libraries Act verpflichtet, Öffentliche Bibliotheken einzurichten, wenn sich die Mehrzahl der Steuerzahler dafür aussprach. Mit der Unterstützung des 1877 gegründeten Bibliothekarvereins erfuhren die Öffentlichen Bibliotheken einen gewaltigen Aufschwung.

Das heutige Öffentliche Bibliothekswesen geht auf ein Gesetz von 1964 zurück, welches die Kommunen dazu verpflichtet, „ausreichende bibliothekarische Dienstleistungen“ anzubieten.

 

 

 

Das Bibliothekswesen in Großbritannien heute

Um einen Überblick über das heutige Bibliothekswesen in Großbritannien zu erhalten, werden hier die drei Hauptgruppen beschrieben. Die drei Zweige bestehen aus den Hochschul- bzw. wissenschaftlichen Bibliotheken, den öffentlichen Bibliotheken und den Pflicht und National Bibliotheken. Diese werden folgend näher betrachtet.

Academic Research Library

Der Bereich der Hochschulbibliotheken ist zwar sehr vielfältig aber dennoch klar von der jeweiligen eigenen Universität verwaltet. Insgesamt kommen die vier Staaten des Vereinigten Königreichs (England, Schottland, Wales und Nordirland) auf rund 140 Universitätsbibliotheken. Die Nutzer sind größtenteils FTE Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter. Der Anteil der externen Nutzer stellt lediglich einen Bruchteil von 2,5% dar. Alle Universitätsbibliotheken werden von „Higher Education Funding Councils“ des Staates gefördert bzw. mitfinanziert. In den Jahren 2010/2011 fanden allerdings schwerwiegende Budgetkürzungen statt, die sich negativ auf die Universitätsbibliotheken auswirkten.

Public Library

Derzeit existieren in Großbritannien über 4500 öffentliche Bibliotheken. Diese werden von mehr als 200 Behörden finanziert und verwaltet und sind für jeden Bürger zugänglich. Jede Behörde beschäftigt einen Bibliotheksleiter, der die Behörde in ihren bibliothekarischen Aufgaben unterstützt. Durch das geringe Budget der Behörden, von oft nicht mehr als 1%, stehen die öffentlichen Bibliotheken Großbritanniens ständig dem Risiko gegenüber, geschlossen zu werden.

Die Öffentlichen Bibliotheken sind nicht dazu verpflichtet, Medien zu archivieren, es geht lediglich darum, der Bevölkerung Zugang zu Wissen zu gewähren.

Im Jahr 2011 werden Budgetkürzungen von 10 – 20% erwartet. Das hätte fatale Folgen für die Aufrechthaltung vieler öffentlicher Bibliotheken.

 

National and legal deposit Library

Der Bereich der Pflichtexemplar Bibliotheken umfasst 6 solcher Bibliotheken. Die British Library in London, die National Library of Scotland in Edinburgh, die Bodleian Library in Oxford, die Cambridge University Library, das Trinity College in Dublin und die National Library of Wales in Aberystwyth.

Jeder Herausgeber eines Mediums in Großbritannien ist dazu verpflichtet ein kostenloses Exemplar an die British Library zu geben. Die übrigen fünf Pflichtbibliotheken haben die Möglichkeit, auf Anfrage, ebenfalls ein kostenloses Exemplar zu erhalten. Dies muss dann allerdings angefordert werden. Mit Irland gibt es außerdem ein spezielles Abkommen. Irland erhält lediglich gedruckte Medien, womit digitale Medien, Musik und Filme ausgeschlossen sind. Somit kann die British Library mit ca. 14.000.000 Büchern, den größten Bestand in Großbritannien nachweisen.

Ausbildung

 

Die Ausbildung zum Bibliothekar erfolgte bis in die 1960er Jahre fast ausschließlich in der Praxis. Prüfungen wurden von der Library Association abgenommen. Mittlerweile gibt es zwei verschiedene Ausbildungswege. Zum einen kann an verschiedenen Hochschulen Bibliothekswissenschaft als Erst- oder Aufbaustudium studiert werden. Der Abschluss berechtigt zu einer beruflichen Einstufung entsprechend dem gehobenen und dem höheren Dienst in Deutschland. Der zweite Weg ist die Erwerbung des Library and Information Assistent Certificate durch einen Fernstudiengang oder den Besuch eines Colleges. Diese Ausbildung ist vergleichbar mit der zum Bibliotheksassistenten in Deutschland.

Quellen

http://www.bl.uk/aboutus/stratpolprog/2020vision/trendsinlibrarynviron.pdf

http://archive.ifla.org/V/iflaj/art2803.pdf

http://www.lboro.ac.uk/departments/dils/lisu/lampost10/inst10.html

http://www.nls.uk/about-us/what-we-are/legal-deposit/legal-deposit-libraries

Gantert, Klaus: Biblithekswesen des Auslands

Vorstius, J.; Joost, S. (1980): Grundzüge der Bibliotheksgeschichte: Harrassowitz.