ISSN: 1867-6189

Die Bibliotheca Bodleiana : BRaIn auf den Spuren Thomas Bodleys in Oxford

“The frail enclosures of these mighty souls?
Their graves are all upon record; not one
But is as bright and open as the sun.
And though some part of them obscurely fell,
And perish‘d in an unknown, private cell,
Yet in their books they found a glorious way
To live unto the Resurrection-day!
Most noble Bodley! we are bound to thee
For no small part of our eternity.”

Mit diesen Worten huldigte Henry Vaughan, ein walisischer Dichter des 17. Jahrhunderts, der Bodleian Library in Oxford als einem  Ort, der unser „Weltwissen“ hütet und bewahrt und alle herausragenden Persönlichkeiten in Form ihrer Werke am Leben hält.

Mit Erwartung, Vorfreude und einer Mischung aus Ehrfurcht und Stolz, machte sich BRaIn auf den Weg, die Bodleian Library zu erkunden.Quad

Nach dem Durchqueren des großen Tors findet man sich im Schools Quadrangle wieder und hat gleich eine Ahnung vom Glanz und von der Größe,  welche von dieser Stätte ausgeht. Meterhoch ragen Gemäuer gen Himmel,  umzingeln einen wahrlich und schauen auf einen herab.

An den  Ecken des „Quads“ findet man die früheren Eingangstüren zu den einzelnen  Fachbereichen, wie beispielsweise zur „Schola Musicae“ oder zur „Schola Grammaticae et Historiae“. Und an der Westfront wartet die Bodleinana oder die Bod, wie die Oxfordianer sagen, auf unseren Besuch.

Die erste Bibliothek der Universität Oxford und spätere Bibliotheca Bodleiana wurde Anfang des 14. Jahrhunderts durch finanzielle Hilfe des Bischofs von Gloucester gegründet und befand sich zu diesem Zeitpunkt noch an einem anderen Standort nördlich des Chors der Church of St. Mary the Virgin. Mitte des 15. Jahrhunderts  waren diese Räumlichkeiten unter anderem durch ein großzügiges Geschenk von über 281 Manuskripten an die Universität durch Humphrey, Duke of Gloucester, zu klein geworden und man entschied sich für eine neue  Bibliothek in neuen Räumen über der Divinity School , welche nach langem Anlauf bedingt durch finanzielle Engpässe und Kürzungen schließlich 1488 eröffnet wurde. Dieser älteste Teil der Bodleiana, die Duke Humphrey’s Library, überlebte lediglich 60 Jahre und wurde dann im Zuge der Reformation von allen Spuren des römischen Katholizismus „gesäubert“. Es gab Bücherverbrennungen und das Wertvollste an den Büchern waren die Einbände, die oftmals zu Handschuhen umfunktioniert wurden.  Aber die Universität hatte weder die Macht noch die finanziellen Mittel sich dem zu widersetzen, geschweige denn die verlorenen Bände zu ersetzen. Die letzten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts steuerte die Bibliothek von Duke Humphrey auf ihren Abgrund zu. Dass die Bodleiana heute zu den Bibliotheken mit dem längsten durchgängigen Betrieb zählt, ist dem namensgebenden Sir Thomas Bodley zu verdanken, der beträchtliche Geldsummen spendete, um die Bibliothek vor dem Niedergang zu retten. So wurden die Räume neu eingerichtet – selbst die Tische waren aus Geldmangel verkauft worden – und der Bestand erneuert und um 2500 Bände erweitert, ein Großteil davon aus Bodleys eigenem Besitz.

So konnte die Bibliothek unter dem Namen Bodley’s Library 1602 wiedereröffnet werden. Der erste Katalog folgte 1605.

Thomas Bodley war es auch, der die Vereinbarung in London durchsetzte, dass ein Exemplar jedes in England veröffentlichten Buches an die Bod abgegeben werden sollte und damit war der Grundstein gelegt für eine Bestandsentwicklung in Richtung Universalbibliothek, die sich deutlich von den Bibliotheken der Colleges abhob. Die Bodleiana ist noch heute eine der sechs legal deposit libraries, die die Aufgaben einer Nationalbibliothek in Großbritannien erfüllen.

Beim ersten Betreten der Räume der Duke’s Library fällt einem zuerst der Geruch auf, den die schweren Bände, welche die Wände säumen, ausdünsten. Ein schwerer Geruch, der sich gnadenlos auf jeden Besucher zu legen scheint, der eintritt, um ihn dann mit auf eine Zeitreise zu nehmen hin in Zeiten als Bücher an den Regalen angekettet waren und man auf Holzbänken saß, welche an den Regalen befestigt waren, und sich so nebeneinander seinen Studien widmete. Ein prunkvoller Raum zudem, mit reich verziertem Deckengewölbe und man erschrickt regelrecht, wenn man an der Auskunft, am Eingang zum Lesesaal einen Menschen entdeckt, der Jeans trägt und einen Telefonhörer ans Ohr hält. Dieser Lesesaal wird immer noch genutzt, wenn auch nicht alle Schriften von jedem Leser eingesehen werden dürfen, so lagern hier u.a. die Abschlussarbeiten der Universität Oxford, welche jedem Nutzer offen zur Verfügung stehen. Das Schild, das über erlaubte und verbotene Gegenstände aufklärt und ein Notebook abbildet ist ein weiterer Anachronismus in einem verwirrenden Szenario. Gleichwohl kann man sich vorstellen hier länger zu verweilen.

In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde die Bibliothek ständig erweitert, um die sich zügig weiterentwickelnde Sammlung weiterhin zu beherbergen. So hat Sir Bodley kurz vor seinem Tod die erste Erweiterung geplant und finanziert und die Bauarbeiten der Gebäude des Quadrangles, welche Vorlesungsräume aber auch ein drittes Stockwerk als Magazinräume für die Bibliothek vorsahen, begannen 1613 am Tag nach seinem Begräbnis.  Zu dieser Zeit entstanden die Bodleiana und die anderen Universitätsgebäude in der Form, wie wir sie heute kennen und der Platz sollte nun ein paar Jahrhunderte reichen.

Bis heute unterhält die University of Oxford die Tradition, dass jedem Wissenschaftler die Bestände zur Verfügung gestellt werden sollen,  gleich ob er Oxfordianer ist oder von auswärts kommt. Ebenso verpflichtet man sich der Tradition der Old Bodleiana als reiner Präsenzbibliothek. Selbst King Charles I. verweigerte man 1645 die Ausleihe mit dem Verweis  auf den Präsenzbestand.  Dieser besteht, wie man sich vorstellen kann, aus zahlreichen wertvollen Artefakten von  der Gutenbergbibel aus dem 15. Jahrhundert  bis zu  Erstausgaben von Shakespeares Dramen.

Aber Oxford wäre nicht Oxford, gäbe es nicht auch Cambridge! Das Wappen der Universität Oxford, welches aus einem aufgeschlagenen Buch mit angeknickter Seite auf blauem Grund besteht, soll demonstrieren, dass man hier die Bücher liest und durcharbeitet. Die Tatsache, dass das Wappen der Universität Cambridge aus einem geschlossenen Buch besteht, ist als dezenter Seitenhieb Richtung Cambridge zu verstehen, um die alt bewährte „Oxbridge rivalry“ am Leben zu erhalten.

Um letztere zu verstehen muss man wissen, dass Anfang des 12. Jahrhundert die Lehrenden und Studenten wegen Streitigkeiten mit den Einwohnern von Oxford ins nahegelegene Cambridge zogen. Zwar kehrten die meisten wieder nach Oxford zurück, doch hatte sich mittlerweile eine kleine studentische Einrichtung in Cambridge etabliert. Der Beginn der Rivalität.

Der bedeutendste Bau nach der Bodleain-Bibliothek war der Bau der Radcliffe Library. Benannt wurde sie nach Dr. John Radcliffe (1650-1714), dem Leibarzt der königlichen Familie. Er hinterließ für dieses Vorhaben, also den Bau einer Bibliothek sowie die Anschaffung der Literatur und deren Verwaltung durch einen Bibliothekar, eine Summe von 40.000 £. Als sie 1749 eröffnet wurde, wurde sie bald als „Physic Library“ bekannt. Der Bestand entwickelte sich von einem anfänglich breiten Themenspektrum immer weiter zu einer spezialisierten Sammlung, so dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Bibliothek größtenteils naturwissenschaftliche Literatur bereitstellte.

Die Radcliffe Library war einerseits unabhängig von der Bodleain und aufgrund ihrer Erscheinung auch bekannt als „Weißer Elefant“; diese Bezeichnung verlor sie jedoch nach der Übernahme im Jahre 1860 durch die Bodleiana, wobei sie in „Radcliffe Camera“ umbenannt wurde.
„Camera“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so  viel wie Raum oder Gewölbe. In diesem Zusammenhang  wurde ebenfalls  das Innere der „Camera“ verändert, die „Upper Camera“ in einen Lesesaal und die „Lower Camera“ zum Magazin umfunktioniert.

Nachdem für den naturwissenschaftlichen Bestand ein neues Gebäude konzipiert wurde und dieser in neue Räumlichkeiten umzog, wurde die Radcliffe Camera als weiterer Lesesaal der Bodleian Library genutzt. Dieser Raumzuwachs war für letztere äußerst wichtig, da zum Ende des 19. Jahrhunderts das Literaturvolumen jährlich um 30.000 Einheiten stieg. So entstand 1941 aus der „Lower Camera“ ein zweiter Lesesaal. Da die beiden Gebäude durch einen unterirdischen Tunnel miteinander verbunden sind, konnten auch dort kurze Bereitstellungszeiten gewährleistet werden.

In der heutigen Zeit besteht der Buchbestand der Radcliffe Camera aus englischer Literatur, Geschichte und Theologie.

Trotzdem waren die Raumprobleme nicht gelöst – zum Jahr 1914 hatte der Bestand die Millionenmarke überschritten. Die kritische Raumsituation führte zur Planung und dem Bau einer „New Library“ in den 1930er Jahren. Sie schaffte Platz für  fünf Millionen Bücher und erlaubte die Nutzung der älteren Gebäude durch Studierende und Forschende.

In den weiteren Jahren erweiterte sich die Bodleian bis zum heutigen Tag um neun Bibliotheken und zwar:

  • die Bodleian Japanese Library
  • die Bodleian Law Library
  • die Hooke Library
  • die Indian Institute Library
  • die Oriental Institute Library
  • die Philosophy Library
  • die Radcliffe Science Library
  • die Bodleian Library of Commonwealth and African Studies at Rhodes House
  • die Vere Harmsworth Library,

die insgesamt neun Millionen Einheiten beherbergen und Platz für 2500 Leser bieten.

Es ist weiterhin interessant anzumerken, dass jeder neue Leser die folgende Deklaration unterschreiben muss, in Bezug auf die Nutzung der Bücher.

I hereby undertake not to remove from the Library, nor to mark, deface, or injure in any way, any volume, document or other object belonging to it or in its custody; not to bring into the Library, or kindle therein, any fire or flame, and not to smoke in the Library; and I promise to obey all rules of the Library.

Natürlich ist der vorsichtige Umgang mit den Büchern hinfällig, wenn man die Oxford Digital Library (ODL) benutzt. Sie ist Teil der E-Strategie der Oxford University Library Services (OULS).

Die Bodleian bietet seit 2001 einen Online Zugang zu ihren umfangreichen Sammlungen an, denn ihr Ziel ist es, den besten Service einer Universitätsbibliothek weltweit zu bieten.

Siehe auch: http://www.bodleian.ox.ac.uk/bodley/about/history