ISSN: 1867-6189

State of Affairs der britischen Public Library: Eine Desillusionierung?

Endlich ist es soweit. Das Praxissemester steht bevor und somit die Gelegenheit berufspraktische Erfahrungen zu sammeln. Ins Ausland? Natürlich. Bedingung: Best Practise. Auf der Liste der möglichen Zielländer darf Großbritannien natürlich nicht fehlen. Die Studentin Hannah S. studiert Bibliotheksmanagement an der Fachhochschule Potsdam und kennt den Ruf britischer Bibliotheken, die für ihre vorbildliche Arbeit auch hier zu Lande wohl bekannt sind. Um den Blick über den Tellerrand zu wagen, andere Arbeitsweisen kennenzulernen und um die Sprache aufzufrischen, beschloss die Studentin sich für ein Praktikum in einer britischen Public Library zu bewerben. Dabei wurde sie mit aktuellen Entwicklungen konfrontiert, die es nötig machen, sich wieder einmal mit dem öffentlichen Bibliothekswesen des Vereinten Königreiches zu beschäftigen.

‚Public‘ ist nicht gleich ‚Public‘

Bei der Recherche waren für unsere Studentin zwei Fragen von zentraler Bedeutung: Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem angesehenen Ruf der britischen Public Library und wie kam es dazu?

Bereits nach ersten kurzen Recherchen stellte Hannah S. fest: Public Library ist nicht gleich Public Library. Denn ‚public‘ bedeutet zwar ‚öffentlich‘, bezeichnet aber lediglich den öffentlichen Zugang. Eine öffentliche Bibliothek im Kontext der Bibliothekstypologie hat aber einen bestimmten Auftrag: sie sammelt nämlich breitgefächert Literatur zur Allgemeinbildung bzw. Freizeit und Unterhaltung, die sie der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stellt.

Somit begann das öffentliche britische Bibliothekswesen nicht 1425 in London, sondern erst 1653 im Manchester Vorort Chetham. Weitere Recherchen unserer Studentin zeigten jedoch, dass eine nationale Bibliothekstradition sich erst im 18. Jahrhundert entwickelte, nämlich als flächendeckend öffentliche Bibliotheken errichtet worden sind.

Gentlement’s only libraries und kommerzielle Leihbibliotheken

Mit dem Anstieg der Buchproduktion in den 1750er Jahren, begannen die Buchhändler ihre überzähligen Buchkopien gegen eine Gebühr auszuleihen. Daraus etablierten sich zwei bibliotheksähnliche Ausprägungen: die privaten und die kommerziellen Abonnements.

Private Abonnements wurden von elitären Lesegesellschaften bezogen. Die sogenannten gentlement’s only libraries waren der Adelsschicht bzw. Eigentümern und Aktionären vorbehalten. Sie waren meist klein gehalten und konzentrierten sich auf einen ausgewählten Bestand wissenschaftlicher und spiritueller Literatur. Als sozialer Treffpunkt waren zum Teil auch ein Kaffeehaus und ein Aufenthaltsraum angeschlossen.

Dagegen lebten kommerzielle Leihbibliotheken von der Ausleihfrequenz des einzelnen Buches. Daher wurden hauptsächlich Romane und andere fiktionale Literatur angeboten. Ungebunden und im handlichen Taschenbuchformat konnten sie kostengünstig innerhalb der gesamten Bevölkerung zirkulieren und genutzt werden. Dies führte zu einer völlig neuen Lesekultur – nämlich dem Lesen als allgemein anerkannte soziale Beschäftigung. Ende des 18. Jahrhunderts konstatierte Thomas Wilson in seinem Werk The Use of Circulation libraries: “Consider, that for a successful circulating library, the collection must contain 70% fiction.” Tatsächlich lag der nationale Durchschnitt bei einem Anteil von etwa 20%.

In der aufkeimenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts etablierte sich mit dem Proletariat eine neue Gesellschaftsklasse. Bedingt durch das Schichtmodell in den Fabriken, entstanden freie Zeiträume für die ungebildeten Arbeiter. Die viktorianische Oberschicht fürchtete sich vor dem aufkeimenden Konfliktpotenzial und einem Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung durch diese neue Klasse. Daher bestärkte sie die Arbeiter darin ihre Freizeit mit sinnvollen Aktivitäten wie z.B. dem Lesen zu verbringen, um ihre moralischen Fertigkeiten zu erweitern.

Die gesetzliche Verankerung – der Public Library Act

Während in Deutschland Ideen einer gesetzlichen Verankerung der Bibliotheken durch die Deutsche Revolution (1848/49) im Keim erstickt wurden, bildete der Public Library Act von 1850 den Höhepunkt einer konsequenten Etablierung des öffentlichen Bibliothekswesens in der britischen Gesellschaft.  Das Gesetz befähigte die  Gemeinde dazu eine Bibliothekssteuer zu erlassen, wenn die Mehrheit der Gemeindeversammlung sich dafür aussprach.

In den folgenden Jahren kam es zum sogenannten library movement, das zu zahlreichen Bibliotheksneugründungen im ganzen Land führte. Finanzschwache Gemeinden wurden dabei von den vermögenden Philantrophen Andrew Carnegie, John Passmore Edwards and Henry Tate unterstützt.

Typisch Britisch: Vernetzung und regionale Kooperation

Ein weiterer Meilenstein konnten die britischen Öffentlichen Bibliotheken mit der Jahrtausendwende nehmen. 1999- 2002 initiierte die Labor-Regierung unter Tony Blair das Projekt People’s Network Project (PNP) und führte es auch vollständig durch. Dieses bindet die Bibliotheken seither in die nationale Strategie der Regierung zur Förderung der Informationsgesellschaft und Überwindung der digitalen Spaltung ein. Bibliotheken werden als Experten für die Informationsbeschaffung definiert. Somit übernehmen sie hauptsächlich Schulungsfunktion. Dazu wurden landesweit 4300 learning centres mit zeitgemäßer IT-Infrastruktur in den Bibliotheken eingerichtet.

Generell zeichnen sich britische Öffentliche Bibliotheken durch eine starke Vernetzung und eine intensive Pflege der regionalen Kooperationen aus. Es gibt zwar keine nationalen Netzwerke, wie im wissenschaftlichen Bereich, dennoch wurde in verschiedenen Strategiepapieren Standards und Aufgaben definiert, die bis 2013 in den Bibliotheken umgesetzt werden sollen. Dazu zählen z.B. die soziale Integration und die Förderung des digitalen Angebotes und deren kompetenter Nutzung.

Diese Standards gaben auch der Studentin Hannah S. mehr Sicherheit bei der Suche nach einer passenden Bibliothek. So konnte sie sich bei der Auswahl der Praktikumseinrichtung auch auf ihre persönlichen Vorlieben konzentrieren.

Zur Überwachung der Standards und zur allgemeinen Verbesserung des Dienstleistungsangebotes führte das Ministerium für Kultur, Medien und Sport (DCMS) 1999 den Annual Library Plan ein. Diese Pläne bieten den Bibliotheken Vergleichsmöglichkeiten und stellen eine gute Argumentationshilfe gegenüber dem Träger dar. Außerdem werden die Kunden bei empfohlenen dreijährigen Befragungen aktiv mit einbezogen. Ein konkretes Beispiel für die Umsetzung von Veränderungen ist die Tower Hamlets Library in London. Dort beklagten die Kunden ein unzureichendes Dienstleistungsangebot und sanierungsbedürftige Räumlichkeiten. Im Folgenden wurden die sieben Teilbibliothek in die sogenannten Idea Stores überführt, welche nun für Erwachsenenbildung, Veranstaltungen und Einkaufsmöglichkeiten zuständig sind und auch als Tagesstätte fungieren. Außerdem informieren sie regelmäßig alle Haushalte über die aktuellen Aktivitäten in Form eines Magazins.

Bei der Finanzierung ist Kreativität gefragt

Hauptsächlich werden die britischen Öffentlichen Bibliotheken immer noch von der Kommune finanziert. Darüber hinaus werden u.a. Cafés und Dienstleistungen für Kleine und Mittlere Unternehmen (10-15 Prozent vom Gesamtbudget) als weitere Einnahmequellen verwendet. Der Buchverleih ist aber generell kostenfrei. In besonderen Fällen, beispielsweise bei den Idea Stores in London, werden die zusätzlichen Kosten aus Mitteln des Lotteriefonds gedeckt. In den letzten Jahren nehmen Bibliotheken auch zunehmend an Ausschreibung von öffentlichen Einrichtungen teil, die Projektgelder vergeben.

Inzwischen ist die Praktikumssuche der Studentin Hannah S. fortgeschritten. Von der Public Library in Edinburgh bekam sie auf ihre Anfrage hin ein Bewerbungsformular im Namen des City Councils zugeschickt. Die detaillierten Fragestellungen zu fachlichen und organisatorischen Inhalten sowie das Interesse der kontaktierten Bibliothekarin bestätigte die erwähnte Einhaltung der Standards und bestärkte die Studentin in ihrer Entscheidung. Alles schien eine Frage der üblichen Formalia zu sein. Doch mit dem Jahreswechsel bekam die einfache Suche nach einem Praktikum eine neue Färbung: Denn aktuelle politischen Debatten um die Haushaltskürzungen in Großbritannien hatten tatsächlich direkte Auswirkungen auf das öffentliche Bibliothekswesen.

Die konsequenten Sparmaßnahmen der britischen Regierung um Premierminister David Cameron von der Conservative-Partei sollen das Haushaltsloch von umgerechnet knapp 192 Milliarden Euro , also 163 Milliarden Pfund, stopfen. Bedingt durch die jahrelangen Schuldenanhäufung und die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007, sind nun auch die Öffentlichen Bibliotheken von den Einsparungen betroffen.

Dementsprechend ließ die Absage nicht lange auf sich warten. Auch weitere Absagen aus allen Landesteilen des Vereinigten Königreiches gaben immer dieselbe Antwort: „Aufgrund von Umstrukturierung können wir keine Kapazitäten für eine Praktikumsbetreuung aufbringen.“

Save Our Libraries – Eine Kampagne macht mobil

Gesetzlich verankert im Public Libraries and Museums Act vom 31. Juli 1964 sind die öffentlichen Bibliotheken ein fester Bestandteil im kulturellen Leben der britischen Bevölkerung. Das moderne Bibliotheksgesetz verpflichtet lokale Behörden ein umfassendes und effizientes bibliothekarisches Angebot für die Öffentlichkeit anzubieten. Doch da die Sparmaßnahmen an die Kommunen und somit an die Träger der Bibliotheken weitergegeben wurden, müssen diese schauen wie sie mit dem knappen Budget haushalten. Diese sogenannte Bibliothekskrise und ihre Entwicklung stehen seit Beginn in starkem öffentlichem Interesse. Auf diversen Internetseiten und Blogs wurde diese Thematik, zum Teil auch sehr heftig, diskutiert. Zudem berichtete die BBC in ihren Abendnachrichten über die Entwicklungen und ließ besorgte Bürger und Politiker zu Wort kommen. Einen bisherigen Höhepunkt erreichte der Protest mit dem “Save Our Libraries Day“ am 5. Februar 2011, der auch internationale Beachtung fand.

Hannah S. hat am Ende kein Praktikum in einer öffentlichen Bibliothek bekommen. Dennoch wird sie nächstes Jahr nach Großbritannien gehen – in eine wissenschaftliche Bibliothek, immerhin.

Landkarte Großbritannien mit Pins für Bibliothekskürzungen

Oben stehende Karte zeigt die neusten Entwicklungen und legt dar, welche Bibliothek direkt bzw. indirekt von den Sparmaßnahmen gefährdet ist. Ein Ende dieser Diskussion ist im Moment noch nicht in Sicht!

weitere Blogs zum Thema:

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Literaturverzeichnis