ISSN: 1867-6189

Welcome On Board: The British Library

Es ist nicht still, eher wie ein leichtes Summen liegen die Stimmen der Menschen in der Luft. Sie sitzen an den Fenstern, unterhalten sich lachend oder telefonieren. Andere kommen mit einem Kaffee in der Hand die lange Treppe herunter geschlendert. Die Atmosphäre ist leicht und entspannt, fast als wäre man in einem großen sonnendurchfluteten Café und doch steht BRaIn in der Eingangshalle der British Library, der Nationalbibliothek Großbritanniens.

1973 eröffnet, gehört sie zwar eher zu den jüngeren Exemplaren dieser Kategorie, nimmt dennoch Platz 3 der größten Forschungsbibliotheken der Welt ein. Auf 14 Stockwerken und 625 Regalkilometern erstreckt sich der über 150 Mio. Medien große Bestand,  Anstieg rund 8000 Einheiten pro Tag. Zum Vergleich: die Sammlung der Deutschen Nationalbibliothek umfasst etwa 25 Mio. Einheiten.
Das starke Wachstum beruht auf dem Pflichtexemplarsrecht, denn die British Library gehört zu einer der sechs Legal Deposit Bibliotheken in Großbritannien und Irland. Das heißt sie erhält eine Kopie  eines jeden in diesen Ländern herausgegebenen gedruckten Werkes. Da kann es schon einmal vorkommen, dass es sich ein ganzes Jahr hinzieht, bis ein Medium eingearbeitet wird.Neben der British Library haben auch die Nationalbibliotheken von Schottland und Wales, die Universitätsbibliotheken Oxford und Cambridge und das Trinity College in Dublin das Recht, ein Exemplar anzufordern, um ihren Bestand zu optimieren.
Das dadurch angesammelte und durch Kauf  ergänzte Medienangebot wird ausgiebig genutzt, 16000 Besucher, Online-Nutzer mitgezählt, verzeichnet die British Library täglich.

Und inmitten des summenden Stimmengewirrs der entspannten Nutzer beginnt BRaIns Tour durch die weißen, beinahe grenzenlos wirkenden Räumlichkeiten dieser bedeutsamen Institution.
Ein Passagierdampfer war es, der den Architekten Sir Colin St John Wilson zu der Form der Bibliothek inspirierte und nach 30 Jahren Bauzeit wurde diese Vision Wirklichkeit. Über die Dauer verschlang das Projektes £511 Mio. Damit war die British Library nach Beendigung nicht nur das größte öffentliche Gebäude in Großbritannien, sondern auch das teuerste seiner Zeit. Und genau wie bei einem Schiff befindet sich ein großer  Teil des
Ganzenunter dem Sichtbaren. 25 Meter  tief reicht das Archiv der British Library in den Boden und beherbergt unterirdisch auf 5 Stockwerken verteilt 60% des Bestandes. Da wundert es nicht, dass eine  Medienbereitstellung bis zu 48 Stunden dauern kann. Unterstützt wird der ganze Vorgang durch das Mechanical Book Handling System, welches sich auf 33000 verschiedenen Wegen, mal mehr mal weniger versteckt, durch die Bibliothek schlängelt um Medien an ihren Bestimmungsort zu bringen. So werden nur noch große und seltene Stücke von Hand transportiert.

Nach Beendigung dieser Reise landet eine Vielzahl von ihnen wieder in den Regalen der Lesesäle. Umgeben von den gedruckten Werken, gut versteckt und abgeschottet, sodass auch ja kein zufälliges Geräusch hereindringen kann, zeigt uns die Bibliothek dann doch noch ihr typisches Gesicht in einem dieser elf Räume. Hier finden die 400000 jährlichen Besucher der Säle unter den Augen der Bücher Ruhe zum Arbeiten.

Eine Handvoll von ihnen benutzt dabei Kopien von Stücken der „Foundation Collection“, welche die historische Sammlung  der British Library bildet. Bei ihrer Gründung 1973 vereinigten sich 17 Institutionen, deren Bestände in der Sammlung der Nationalbibliothek zusammenflossen. Eine davon war die Bibliotheksabteilung des British Museum. Als der Wissenschaftler Sir Hans Sloane 1753 starb, vermachte er dem Staat für eine Summe von £20000 seine umfangreiche und vielseitige Sammlung an Büchern und Antiquitäten. Sie war der Grundstein des British Museums und gilt zusammen mit den später aufgenommenen Sammlungen Sir Robert Cottons und der Earls of Oxford, Edward und Robert Harley, sowie der königlichen Bibliothek als „Foundation Collection“.

Die Gründersammlung ist nicht der einzige unschätzbare Import aus dem Museum. In der Mitte der British Library schlägt ihr Herz aus Bronze und Glas. Ein beeindruckender sechsstöckiger Turm mit dem klangvollen Namen „The Kings Library“. Einsehbar aus jeder öffentlich  zugänglichen Ebene, gefüllt mit den papiernen Schätzen des englischen Königs George III. Unter Idealbedingungen lagern dort eine Vielzahl von Werken rückreichend bis ins 15. Jahrhundert zu universellen Themen wie Philosophie, Architektur oder Landwirtschaft, mit dem einstigen Ziel alles Wissen der Welt in sich zu vereinen. Aufgrund dieser Bandbreite an Themen trägt die Königsbibliothek auch den Beinamen „Tower of Knowledge“,

Georges III. Sohn, König George IV., überließ 1823 dem Staat und damit dem British Museum die Sammlung seines Vaters nach dessen Tod unter einer Bedingung, sie müsse der Öffentlichkeit zur freien Verfügung gestellt werden. Und das wird sie noch heute. Jeden Tag finden rund 700 Medien den Weg aus dem Turm direkt in die Hände wissbegieriger Nutzer.

Ein besonderes Stück aus der Sammlung, so wird uns mitgeteilt, befand sich jedoch niemals im Tower of Knowledge, der Grund dafür wird zunächst mit einem Lächeln übergangen. Fragend folgen wir durch Gänge und Türen und stehen nach wenigen Augenblicken des Rätsels Lösung gegenüber. In einer Glasvitrine präsentiert sich mit einer Höhe von 1,75m und 95cm Breite der Klencke Atlas, eines der größten Bücher und der zweitgrößte Atlas der Welt. Mit seinem beachtlichen Umfang schlicht und einfach zu groß für den Turm. 1660 als Abdankungsgeschenk der Niederlande an den kartenliebenden König Charles II. darf er heute nur noch benutzt werden, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Der Strom an wertvollen Stücken endet mit diesem Giganten aber noch lange nicht. Als letztes Juwel führt man uns in die sogenannte „Treasures Gallery“. Hier beginnt bei dämmrigem Licht das Herz eines jeden Historienfreundes schneller zu schlagen. Ehrfürchtig sieht der Informationswissenschaftler auf eine über 600 Jahre alte Gutenbergbibel herab, erhascht auf dem Weg zur Magna Charta einen Blick auf mit Zeichnungen versehene Notizen von Leonardo da Vinci und mit Tintenklecksen bedeckte Notenblätter von Händel, um dann doch bei den handgeschriebenen Texten zu Yesterday von den Beatles mit einem „Oh“ anzuhalten und genauer hinzusehen.
Um diesen Raritäten näher zu sein, als der Blick durch die Glasscheibe ermöglicht, bietet die British Library mitten in der Gallerie das System Turning the Pages TM an. Hinter dem großen Touchscreen des Gerätes werden mit Hilfe von Computeranimationen und hochauflösenden digitalisierten Bildern die Seiten zum Leben erweckt. Besucher können das Gefühl erleben, tatsächlich durch die sonst unberührbaren Werke zu blättern und auch einmal eine Sicht auf nie gezeigte Seiten ergattern.

Nach diesem Anblick verlassen wir die British Library, aber das Gefühl etwas Außergewöhnliches  gesehen zu haben bleibt. Es sind nicht nur die vielen kostbaren Stücke die diesen Eindruck hervorrufen, es ist die Balance, die diese Bibliothek geschaffen hat. Sie ist ein Ort der Aufbewahrung, ein Ort des Studierens und Forschens, vor allem aber auch ein Ort der Kommunikation, an dem Nutzer sich, weit ab von alten Klischees, treffen und austauschen können, ohne ein Pssst fürchten zu müssen. Hier findet sich das Zukunftsbild der Bibliothek mit einer Leichtigkeit umgesetzt, als wäre es nie anders gewesen.