ISSN: 1867-6189

Profession „Dokumentation“: Begriffswirrwarr und Tätigkeitsfelder. Ein (Länder)vergleich.

„Und was studierst du?“

„Dokumentation!“

„Häh?“

Seit Beginn unseres Studiums der Fachrichtung Information und Dokumentation mussten wir bereits eine Vielzahl an Dialogen dieser Art über uns ergehen lassen – Tendenz steigend. Beim Versuch die Inhalte des gewählten Studiengangs zu erläutern findet man sich schnell auf verlorenem Posten wieder. Die vage Aussage „irgendwas mit Computer“ ist das was beim Gegenüber hängen bleibt und dabei der eigentlichen Komplexität nicht einmal annähernd gerecht wird. Es scheint unmöglich eine zufriedenstellende, den Tätigkeiten angemessene Umschreibung zu finden. Ein Blick über den Tellerrand hinaus soll bei der Identitätsfindung helfen und gleiche Inhalte unter dem Deckmantel unterschiedlicher Namen offenlegen.

Deutschland vs. United Kingdom

Das Unausweichliche passierte indes direkt nach unserer Ankunft im Information and Archive Center der BBC in London. Die Frage nach unserer Profession erwischte uns längst nicht mehr kalt. Das Ausbleiben befriedigender Antworten gewohnt, wanden wir uns unter den von Unverständnis sprechenden Gesichtern unserer Gastgeber. Während der größere Teil unserer Gruppe – Bibliotheksmanagementstudenten – diese Problematik nicht kannte, scheiterte der Versuch sich auf eine in der UK geläufige Umschreibung zum Berufsfeld des Dokumentars zu verständigen.

Die Studiengänge, welche in der UK mit den Inhalten gespeist sind, die an der Fachhochschule Potsdam am Fachbereich Informationswissenschaften gelehrt werden, heißen „Information Management“, „Knowledge Management“, „Information Science“,  oder „Information Studies“. Die beiden Letztgenanten sind als englische Übersetzungen des an der FH angebotenen Studiengangs bzw. Fachbereiches bekannt. Flexibilität wird bei der Inhaltszusammenstellung des Studiums groß geschrieben.

Fachhochschule Potsdam vs. Aberystwyth University

Der in Modulform angelegte Stundenplan an der FH Potsdam lässt dies leider nur begrenzt zu. Überschneidungen von Pflicht- und Wahlveranstaltungen spiegeln das nicht Vorhandensein von zeitlichen Wahlmöglichkeiten wieder, was die Belegung von Kursen angeht. Spezialisierungen sind ebenso nur sehr limitiert möglich, da die Platzvergabe der Wahlpflichtkurse unter Umständen einer Lotterie gleichkommt und man nur mit viel Glück den gewünschten Platz erhält. Die Schwerpunkte der Lehre in der Fachrichtung Information und Dokumentation liegen, neben den integrativen Grundlagen aller drei Studiengänge der Informationswissenschaften, in den Bereichen Information Retrieval, Information Management, sowie der Theorie und Praxis von Datenbank- und Webtechnologien.

Die Aberystwyth University in Wales unterhält derweil ein Department of Information Studies. Dort ist unter anderem ein Studium des „Information Managements“ möglich. Die auf drei Jahre ausgelegte Ausbildung beinhaltet thematisch unter anderen Retrieval, Rechtsgrundlagen, Kommunikation sowie Einblicke zum Wissensmanagement. Desweiteren wird sich mit dem Zugriff, der Benutzung sowie der Auswertung von Informationsquellen auseinandergesetzt.

Inhalte vs. Name und Begriff vs. Bezeichnung

Wie oben kurz dargestellt erwerben Studenten dieses Fachgebietes in beiden Ländern im Verlauf ihres Studiums ähnliche Fähigkeiten. Überschneidungen in den Bereichen, die als Hauptschwerpunkte gesetzt werden, sind unübersehbar. Wir alle quälen uns durch theoretische Grundlagen, beschäftigen uns mit Wissensmanagement und lernen die Tricks und Kniffe verschiedener Recherchemethoden kennen und schätzen. Trotzdem grenzen wir uns durch verschiedene Bezeichnungen für dieselbe Sache voneinander ab, wissen länderübergreifend nichts über potenzielle Kollegen, die unter anderen Namen operieren. Der Beruf des „Dokumentars“ ist im Vereinigten Königreich auch weiterhin nicht präsent. Daran hat wohl auch unser Besuch nichts geändert. Ein einheitlicher Begriff für die gleiche Arbeit könnte Abhilfe und Anerkennung für die darunter zusammen gefassten Tätigkeitsfelder schaffen.

Die geplante Abwicklung des Studiengangs „Information und Dokumentation“ an der Fachhochschule Potsdam, welche die Neuprägung des Begriffs wohl überflüssig werden lässt, führt in der Fachwelt derweil zu einer kontroversen Diskussion. Gestandene Fachleute wie Prof. Dr. Walther Umstätter und der Präsident der DGI, Prof. Dr. Stefan Gradmann, äußerten sich kritisch, zeigten teilweise aber Verständnis für jene Vorgänge. Die Erhaltung der Kompetenzen, egal unter welchem Namen, solle weiterhin im Vordergrund stehen. Hoffen wir dieses noble Ziel wird sich auch in späteren, daraus eventuell neu entstehenden, Berufsbildern widerspiegeln.