ISSN: 1867-6189

Blogwatch … on tour

oder Stell dir vor, du hast Not und keiner schaut hin…

Getreu dem Motto der aktuellen BRaIn-Ausgabe hat sich auch der Blogwatch auf die Fahnen geschrieben, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und zu prüfen inwiefern die deutschsprachige Blogosphäre Italien betreffende Themen  berücksichtigt.

Vor allem könnte man meinen, dass beispielsweise die katastrophale Situation des italienischen Bibliothekswesens einen Ausbruch der Empörung weit über die Landesgrenzen hinaus hervorrufen müsste und auch uns hier in Deutschland aufrütteln und zumindest  beschäftigen dürfte. Leider sind die Informationen in den deutschen Bibliotheksblogs spärlich gesät und es scheint als ob die Hiobsbotschaft über die kolossalen Kürzungen des Kulturetats in Rom noch gar nicht wirklich die Runde gemacht hätte. Vielmehr findet man nur vereinzelte Beiträge, die lediglich allgemeine Fakten und Informationen über Italiens Bibliotheken  vermitteln.

So berichtete beispielsweise Dörte Böhner auf bibliothekarisch.de über die Bauarbeiten der Bibliotheca Vaticana, die seit 2007 mehr von Bauarbeitern denn von Theologen besiedelt ist. Indem sie die Eckpunkte des Artikels von Hannes Hintermeier auf faz.de zusammenfasst, bekommt der Leser einen Eindruck von den Schätzen und Reichtümern der Apostolischen Bibliothek und  auch darüber, wie diese den Spagat zwischen Tradition und Innovation meistert und  durchaus zukunftsgerüstet nach vorne blickt. Themen wie Digitalisierung und allgemeine Verfügbarmachung der Bestände sind hier genauso Thema wie in jeder anderen Bibliothek und der Beitrag macht deutlich, dass die Vaticana bibliothekarisch das Image der ewig gestrigen und verstaubten Bücherhallen keineswegs bedienen kann. Lediglich die Anmerkung, dass die neuen Lifte die Besucherströme besser lenken würden, ist doch sehr wohlwollend dargestellt.

Im September 2010 finden wir dann auf bibliothekarisch.de eine kurze Notiz über die Wiedereröffnung der Vaticana mit  Verweis auf einen Bericht der BBC .

Wolfgang Kaiser berichtete im November  letzten Jahres ebenfalls auf bibliothekarisch.de über die Europäische Bibliothek in Rom und untermalte seine Ausführungen mit einem Werbefilm des Goethe Instituts, in dem die Wichtigkeit einer solchen Bibliothek dargestellt wird und der Nutzen von interkultureller Bildung insbesondere für die Jugend herausgestellt wird. Allerdings muss doch gesagt werden, dass in keiner Silbe erwähnt wird, dass das öffentliche Bibliothekswesen  in Italien, in welches sich die Europäische Bibliothek eingliedert de facto sehr große Probleme hat . „Man hat erkannt, dass Bibliotheken der staatsbürgerlichen Erziehung dienen können“ heißt es am Ende und die Europäische Bibliothek leistet dazu sicher einen wertvollen Beitrag und dies vor allem vor dem Hintergrund der doch sehr schwierigen politischen und finanziellen Situation.

Ein weiterer Beitrag von Wolfgang Kaiser auf bibliothekarisch.de beschreibt ein interessantes interkulturelles Projekt von einer Künstlergruppe in Turin. Dieses versucht durch fahrende, mehrsprachige Bibliotheken Bildungsgüter zu den Menschen zu bringen und, indem verschiedene Sprachen wie auch Dialektliteratur angeboten werden, einen Ort der interkulturellen Kommunikation zwischen Italienern und Migranten entstehen zu lassen. Das Projekt Bibliomigra der Gruppe Arteria kooperiert mit den Stadtbibliotheken der Stadt Turin und ist auf deren Spenden und Mitarbeiter angewiesen. Das Anliegen der Macher geht weit über die eigentliche Bibliotheksarbeit hinaus. Es werden kulturelle Veranstaltungen organisiert, es soll ein Dialog zwischen Einwanderern und Einheimischen entstehen und vor allem sollen die Zuwanderer sichtbarer werden und sich ins Gesellschaftsbild eingliedern. Aber auch in Turin sind die kulturellen Einrichtungen von Kürzungen betroffen und somit musste  die Frequenz des Angebots bereits reduziert werden. Der Autor könnte sich ein solches Projekt im Sinne einer interkulturellen Fahrbibliothek auch für Deutschland vorstellen, vor allem außerhalb der Städte, wo man derartige Angebote oftmals vergeblich sucht.

Über diese paar Beiträge hinaus finden  sich in deutschen Bibliotheksblogs Italien betreffend leider nur newstickerartige Meldungen wie etwa über das Digitalisierungsvorhaben der Vatikanbibliothek auf Bib-link.org oder über die Kooperation der italienischen Regierung mit Google auf infobib.de oder archivalia.de oder  einen Reisebericht zur letztjährigen bobcatsss nach Parma auf BibliothekarInnen sind uncool.

Immerhin erwähnt der netbib Weblog mit Bezug auf einen FAZ- Artikel vom 23.7.2010 in einem Vierzeiler die Sparmaßnahmen der italienischen Regierung. Demnach hätten die Bibliotheken im Jahr 2010 noch Glück gehabt, aber man stehe vor einer ungewissen Zukunft.

Die ungewisse Zukunft durchdringt auch den Blogeintrag des Goetheinstitus vom 1.10.2010. Unter dem Titel „Virtuelle und reale Räume – Bibliotheken in Europa“ stellt Ulrich Rippert die legitime Frage „Öffentliche Bibliotheken – quo vadis?“ und dies vor allem im Zeitalter der Digitalisierung. Auf dem European Congress on E-Inclusion wurde in Arbeitsgruppen versucht ein europäisches Leitbild für die öffentlichen Bibliotheken zu entwerfen, das die informationspolitischen Vorgaben der Europäischen Kommission bezüglich des Zugangs zu digitalen Inhalten berücksichtigt. Dabei wurden zahlreiche Facetten erwähnt, aber kein Gesamtbild entworfen, viele Aspekte beleuchtet, aber kein Konzept erarbeitet und genau hier liegt das Problem. Ein Profil ist ganz dringend erforderlich, eine organisierte Struktur, denn nur so kann man glaubhaft Argumente durchsetzen. Mit einem verbindlichen rechtlichen Überbau und dies auf europäischer Basis wäre man handlungsfähiger, genau dies sollte ein mittelfristiges Ziel sein.

Der Beitrag von Herrn Rippert zeigt, dass sich etwas bewegt und das Beispiel Italiens zeigt, wie wichtig genau das auch ist.