ISSN: 1867-6189

Bibliotheken in Italien

Das Bibliothekswesen in Italien1 muss vor dem Hintergrund der bewegten italienischen Geschichte betrachtet werden, weshalb auch eine Bibliothekstypologie, wie sie in Deutschland möglich ist, nicht unternommen werden kann. Vielmehr basiert die Einteilung auf Trägern und Trägerschaften verschiedener Bibliotheken: auf nationaler Ebene ist das italienische Kultusministerium für die Bibliotheken zuständig, ebenso wie für die öffentlichen staatlichen Bibliotheken sowie Behörden- und Museumsbibliotheken. Bibliotheken der Kommunen und Regionen sind öffentlich und werden von diesen unterstützt und gefördert, wenngleich dies in Italien jedoch erst eine sehr junge Tradition ist, wie Thomas hervor streicht.

8 Nationalbibliotheken dokumentieren Italiens Kultur und Geschichte

Mauro Guerrini benennt in seinem Bericht zum italienischen Bibliothekswesen 2 für das Goethe-Institut in Rom 8 Nationalbibliotheken, von denen zwei wiederum nur als „Zentral“ bezeichnet werden dürfen. Diese erfüllten in den eigenständigen Ländern vor der italienischen Einigung eine „nationale“ Funktion. Andere Bibliotheken wiederum stammen aus dem 19. Jahrhundert und erhielten den Zusatz „National-“ nur aufgrund ihrer Bedeutsamkeit. Zwei dieser 8 Nationalbibliotheken kommt heute eine besondere Rolle zu, sie werden daher auch als „zentrale Nationalbibliothek“ bezeichnet: die zentrale Nationalbibliothek Florenz und die zentrale Nationalbibliothek Rom. Zusätzlich zu den Nationalbibliotheken gibt es noch 38 staatliche Bibliotheken.

Der Bestand der Nationalbibliothek in Florenz nahm ihren Anfang im Jahre 1714 mit der 30.000 Bände umfassenden Privatbibliothek von Antonio Magliabechi, der seine Sammlung zum Wohle der Stadt Florenz zur Verfügung stellte („a beneficio universale della città di Firenze“). Die Bibliothek besitzt heute mehr als 6 Millionen Bücher und Drucke, 150.000 Periodika und Zeitungen, von denen noch 15.000 regelmäßig bezogen werden, 4000 Inkunabeln und 25.000 Manuskripte. 3 An der Nationalbibliothek in Florenz entstand auch der nationale italienische Bibliotheksservice SBN dessen Aufgabe es ist, bibliothekarische Dienste zu automatisieren und ein nationales Verzeichnis der Bestände an italienischen Bibliotheken zu erstellen; sie ist auch für die jährlich erscheinende „Italienische Nationalbibliographie“ verantwortlich. Dies und die Tatsache, dass die Nationalbibliothek von Florenz die einzige Bibliothek ist, die die Entwicklung des kulturellen Lebens in Italien in seiner Gesamtheit dokumentieren kann, macht sie zur wichtigsten italienischen Nationalbibliothek.4 Im Übrigen ist heute im Raum der Privatbibliothek von Antonio Magliabechi, die Bibliothek der Uffizien untergebracht.5

Einen hohen Stellenwert nimmt auch die Nationalbibliothek von Rom ein. Sie wurde 1875 gegründet und am 14. März 1876 im Collegio Romano, früher Konvent und Akademie der Jesuiten, eröffnet. Die ursprünglichen Bestände stammen aus der „Biblioteca Major“ der Jesuiten und aus Klosterbibliotheken, die 1873 vom italienischen Staat konfisziert wurden. 6

Hochschulbibliotheken bemühen sich um Zusammenarbeit

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war Italien durch eine sehr starke Zentralisierung geprägt, die mit den Jahren auch gesetzlich abgeschafft wurde. Dies übertrug den Ländern und Kommunen zunehmend mehr Kompetenzen. 7 Ein weiteres Charakteristikum für Italien ist das stark ausgeprägte Nord-Süd-Gefälle, was sich nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im bibliothekarischen Bereich feststellen lässt. So befinden sich im italienischen Norden beispielsweise etwa 51% aller Bibliotheken, im Süden jedoch nur 28%. Ähnlich sieht es im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken an Hochschulen aus. Auch hier ist generell eine Diskrepanz zwischen dem Norden und dem Süden festzustellen, wie Guerrini betont. 8 Nicht alle Hochschulbibliotheken haben sich jedoch dem SBN angeschlossen; es gibt auch keine einheitliche Zusammenführung der Buchbestände, sodass noch kein vollständiger Gesamtkatalog existiert.

Öffentliche Bibliotheken leiden unter Budgetkürzungen

Italienische Bibliotheken existieren unter schwierigen Bedingungen. Seit der Kürzung des Kulturetats 2009 beispielsweise muss unter anderem die Nationalbibliothek in Florenz ohne Mittel auskommen. 9 Die prekäre Lage wird auch innerhalb der italienischen Hauptstadt sichtbar, in der sich erst 1996 so etwas wie ein städtisches Bibliothekssystem entwickelte. Es fehlt jedoch noch eine Zentralbibliothek für Rom; neben 27 Stadtteilbibliotheken gibt es noch eine Kinder- und Jugendbibliothek sowie 8 Bibliotheken mit Themencharakter. Als ein Beispiel innerhalb der römischen öffentlichen Bibliothekslandschaft kann die Biblioteca Europea di Roma genannt werden. Als Themenbibliothek unter Beteiligung mehrerer Kulturinstitute – unter anderem des Goethe-Instituts – geführt, kann sie einen mehrsprachigen Bestand ihr eigen nennen. 10 Während unseres Besuches erfuhren wir jedoch auch von der durchaus schwierigen Lage der Einrichtung; freiwerdende Stellen werden seit 10 Jahren nicht nachbesetzt, gespart wird auch bei der Buchneuanschaffung, da fast alle Neuerwerbungen aus Schenkungen stammen.

Eine digitale Bibliothek für Italien

Eine neue, spannende Entwicklung im italienischen Bibliothekswesen stellt die Biblioteca Digitale Italiana 11 dar. Ein Blick auf das sich noch im Aufbau befindliche Portal (die englische Seite beispielsweise ist noch nicht vorhanden) zeigt, dass es eine Anlaufstelle für Nutzer werden soll, welche sich über italienische Geschichte, Kultur und Philosophie informieren möchten. Das Projekt will Zugang zu national-kulturellem Kulturgut verschaffen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für Buchgüter, Kulturinstitute und Urheberrecht (Direzione Generale per i Beni Librari e gli Istituti Culturali) und dem italienischen bibliographischen Informationsbüro (Istituto Centrale per il Catalogo Unico delle Biblioteche Italiane e per le Informazioni Bibliografiche). Zusätzlich zur Biblioteca Digitale Italiana betreut die Generaldirektion die staatlichen öffentlichen Bibliotheken, die nationalbibliographischen und nationalbibliothekarischen Dienstleistungen, die Kulturinstitute, die Buch- und Leseförderung, das Verlags- und Urheberrecht und kümmert sich um den Erhalt und die Förderung der bibliothekarischen Sammlungen. Ebenso unterstützt sie die Verlage und fördert die Verbreitung der italienischen Kultur im Ausland.

Italiens Bibliotheken leiden wie viele andere Informations- und Bildungseinrichtungen in Europa unter Budgetkürzungen und Einstellungsstops. Auch die neueste Entwicklung einer Biblioteca Digitale Italiana kann über die prekäre Lage der italienischen Bibliotheken nicht hinwegtäuschen. Umso bemerkenswerter ist daher die Arbeit der vielen Bibliothekare, die trotz der Widrigkeiten weiterhin mit Freude und Begeisterung ihrem Beruf nachgehen und nicht müde werden, sich tagtäglich den neuen Herausforderungen zu stellen.

Fußnoten
1.  Siehe die Masterarbeit von Thomas, Linda: http://fiz1.fh-potsdam.de/volltext/humboldtuni/08306.pdf, zuletzt konsultiert am 12.1.2011, Seite 9
2.  Vgl. Guerrini, Marco:  „Bibliotheken in Italien“, zu finden auf der Homepage des Goethe-Instituts unter folgender URL: http://www.goethe.de/mmo/priv/5396486-STANDARD.pdf, zuletzt konsultiert am 17.1.2011, Seite 1
3.  Informationen zur Geschichte und den Beständen der Nationalbibliothek von Florenz finden sich auf deren Internetseite: http://www.bncf.firenze.sbn.it/pagina.php?id=50&rigamenu=Notizie%20storiche, zuletzt konsultiert am 17.1.2011
4.  Vgl. Guerrini, Marco:  „Bibliotheken in Italien“, zu finden auf der Homepage des Goethe-Instituts unter folgender URL: http://www.goethe.de/mmo/priv/5396486-STANDARD.pdf, zuletzt konsultiert am 17.1.2011, Seite 3
5.  Siehe  Internetauftritt der Uffizien: http://www.uffizi.firenze.it/biblioteche/bib_uffizi.asp, zuletzt konsultiert am 31.01.2011.
6.  Siehe Calabresi, Maria Patrizia : Zwei nationale Zentralbibliotheken in Italien : Bibliographische Kooperation oder Konkurrenz? Vortrag im Rahmen der 66th IFLA Council and General Conference, Jerusalem, Israel, 13.–18. August 2000 : http://www.ifla.org/IV/ifla66/papers/066-123g.htm, zuletzt konsultiert am 31.1.2011
7.  Siehe die Masterarbeit von Thomas, Linda: http://fiz1.fh-potsdam.de/volltext/humboldtuni/08306.pdf, zuletzt konsultiert am 12.1.2011, Seite 11
8.  Vgl. Guerrini, Marco:  „Bibliotheken in Italien“, zu finden auf der Homepage des Goethe-Instituts unter folgender URL: http://www.goethe.de/mmo/priv/5396486-STANDARD.pdf, zuletzt konsultiert am 17.1.2011, Seite 8
9.  Vgl. Artikel: Italien: Kahlschlag beim Kulturbudget aus: derstandard.at, http://derstandard.at/1291454654392/Italien-Kahlschlag-beim-Kulturbudget, zuletzt konsultiert am 23.1.2011
10.  Vgl. Hasenau, Christina: „Völkerverständigung auf Römisch. Die „Biblioteca Europea di Roma“ ist ein Projekt mit vielen Akteuren“. Aus: BuB, Nr. 61, 2009, Seite 383-386.
11.  Siehe http://www.bibliotecadigitaleitaliana.it/genera.jsp?s=5&l=it, Seite der Biblioteca Digitale Italiana; (befindet sich noch im Aufbau)