ISSN: 1867-6189

Nach dem Bachelor oder Diplom: der Master

Zum Master of Arts »Informationswissenschaften« an der Fachhochschule Potsdam

Mit dem erfolgreichen Abschluss des Bachelor of Arts in der Tasche stellt sich die Frage: Wie weiter? Die Besonderheit des siebensemestrigen Bachelor-Studiums in Potsdam stellt hierbei eine spezielle Situation dar. Die meisten zur Verfügung stehenden Masterstudiengänge1 im Bereich der weiteren Informationswissenschaften beginnen im Winter, haben derzeit noch eine Dauer von meist über zwei Jahren (120 CP) und sind kostenpflichtig. Zumindest an der FHP scheint es derzeit eine Tendenz zu geben, die Bachelor-Studiengänge zu verlängern und dafür nur noch einjährige Master-Studiengänge anzubieten. Der geplante Master of Arts Informationswissenschaften wird deshalb 3 Semester umfassen, 210 CPs voraussetzen und 90 CPs bieten. Vielfach sind Masterstudiengänge im Bibliotheks- oder Informationsbereich auch eher sogenannte Weiterbildungsmaster, die nach einem Studium eines anderen Faches speziell auf die Laufbahn des höheren Dienstes z.B. an Bibliotheken als »Fachreferent« vorbereiten. Diese Studiengänge führen Fachfremde in die Grundlagen und allgemeinen Überlegungen der jeweiligen Informationswissenschaft ein und sind meist auf ein breites Themenspektrum angelegt. Beispiele hierfür sind der berufsbegleitende Master an der Humboldt Universität für »Library and Information Science« und der für Archivwissenschaft an der FH Potsdam. Das Berufsziel, auf das sie vorbereiten, ist das der Leitung größerer Informationseinrichtungen. Diese Studienlaufbahn wird zwar vereinzelt von unseren Absolventen eingeschlagen, ist aber weniger empfehlenswert, nicht nur weil hier die Studiengebühren recht hoch sind, sondern auch, weil sich die behandelten Themen – wenn auch manchmal auf einem etwas anspruchsvolleren Niveau – im Vergleich zum Bachelorstudium im Grunde doppeln: also eine Doppelqualifikation entsteht, die lediglich die formalen Voraussetzungen der Laufbahnverordnungen des öffentlichen Dienstes schafft, aber inhaltlich meines Erachtens den fachlich gestiegenen Anforderungen an »qualifiziertere« Stellen nicht entspricht.

Das am Fachbereich Informationswissenschaften angestrebte Modell ist deshalb das des sogenannten »konsekutiven« Masterstudiengangs. Starten wird dieser mit Abschluss des ersten Bachelor-Jahrgangs im Sommersemester 2011. Aufgrund der Tatsache, dass in Brandenburg Studiengebühren für grundständige Studiengänge nicht erlaubt sind, wenn diese, wie von der Bologna Reform vorgesehen, im Rahmen der Maximaldauer von fünf Jahren bleiben, fallen bei einem solchen Studiengang nur die üblichen Verwaltungs- und Semesterbeiträge an. Inhaltlich bedeutet ein konsekutiver Studiengang vor allem, dass auf den Kompetenzen2 eines fachgleichen Studiums aufgebaut wird und dieses in den verbleibenden Semestern vertieft wird. Daraus ergibt sich naturgemäß, dass manche Inhalte, die bisher im achten Semester des Diplomstudiengangs thematisiert wurden nunmehr im Master-Studiengang ihren Platz finden. Der ursprüngliche Versuch, einen integrativen Master anzubieten, der vorwiegend auf höhere Leitungspositionen in Informationseinrichtungen abzielte, war der Akkreditierungsagentur AQAS zu unspezifisch und unter Wettbewerbsgesichtspunkten wenig Erfolg versprechend. Dieser Empfehlung der Akkreditierungsgutachter im ersten Begutachtungsdurchlauf folgend, hat der Fachbereich in den letzten Monaten (in intensiven Diskussionsphasen) ein auf die eigentlichen Stärken der Potsdamer Informationswissenschaften zugeschnittenes Konzept entwickelt.

Eine Herausforderung, die auch der Akkreditierungsagentur schwer zu vermitteln war, ist das nunmehr im Master zugespitzte Konzept der Integration der drei Basisstudiengänge und vor allem der dazu gehörigen Berufsfelder3. Ein Blick in die aktuell veröffentlichten Stellenanzeigen zeigt aber in der Tat eine große Konvergenz der Themen über alle Institutionsformen hinweg: digitale Archive, Bibliotheken und komplexe Informationsprozesse im Unternehmen bedienen sich zunehmend der gleichen Instrumentarien. Wichtiges weiteres Merkmal der aktuellen Berufswelt – nicht nur im Bereich der Informationspraxis – ist das Phänomen der »Projektgesellschaft«4. Während die öffentlichen Grundhaushalte über Sparmaßnahmen immer weiter gekürzt werden, werden zunehmend zeitlich befristete Stellen ausgeschrieben, die aus speziellen Projektförderprogrammen der europäischen, nationalen und regionalen Wissenschafts- und Bildungspolitik kommen. Damit kann die Politik einerseits behaupten, zur Haushaltskonsolidierung beizutragen und gleichzeitig den Innovations- und Forschungsstandort Deutschland5 stärken. Aus diesem Grund entschied sich der Fachbereich auf die allgemeine Managementorientierung des Masters zu verzichten und die in (meist wissenschaftlicher) Projektarbeit notwendigen Fachkompetenzen in den Vordergrund zu stellen. Eine Weiterentwicklung der spezifischen für Projektarbeit notwendigen Sozialkompetenzen stellt die Fortsetzung der schon im Bachelor relativ intensiven Projektseminare dar. Ein »höheres Niveau« wird hierbei durch eine besondere Mischung an (Eigen-)Reflexion, Projektanalyse und spezifischem Training erreicht. Im Projektbereich kommt dabei zunehmend der in der Fachhochschule Potsdam geforderte interdisziplinäre Ansatz des forschenden Lernens (Stichwort »Interflex« und »Exzellenz in der Lehre«) zum Tragen.

Der Master soll insgesamt in der Breite der Informationswissenschaften (Archiv,- Bibliotheks- und Informationswissenschaft im engeren Sinne) auf aktuelle Projektpositionen z.B. in DFG- oder BMBF-Projekten vorbereiten, ohne dabei allzu unspezifisch zu werden. Der informationswissenschaftliche Kern des Studiengangs findet sich gerade in den thematischen Neuerungen und Neuberufungen des Fachbereichs der letzten Zeit, d.h. im sogenannten Überlast- und I-Bereich. Zentrale Themen sind hier die aktuell immer wichtiger werdenden semantischen Technologien und das Konzept der Informationsintegration6, wie es sich z.B. im linked data Ansatz darstellt. Den Anschluss an den weiteren informationswissenschaftliche Diskurs sollen Module zur Informationsbewertung und zu neueren interdisziplinären Ansätzen der Informationswissenschaft darstellen.

Um andererseits eine wissenschaftliche Tiefe in der Reflexion beziehungsweise eine der in den vorherigen Studiengängen erworbenen Kompetenzen entsprechende Spezialisierung zu erreichen, soll der Potsdamer Master zwei Profilierungen mit je drei Modulen im zweiten Semester zur Wahl stellen. Explizit wurde darauf verzichtet, drei Wahllinien aufzubauen, die sich dann wieder in ihre ABD-Spezifik ausdifferenziert hätten. Vielmehr hat der Fachbereich nach fast 20 Jahren Existenz endlich den Ball aufgenommen und versucht, zumindest am Ende des Studiums tatsächlich eine fachliche Integration. Die beiden angebotenen Spezialisierungen werden deshalb auch jeweils voraussichtlich von Dozenten unterschiedlicher Studiengänge gegebenenfalls in Form des Teamteachings angeboten.

Viele Projektförderprogramme der letzten Zeit – ob EU unterstützt oder regional – gehen in die Richtung der Unterstützung digitaler Archivierungsprozesse und versuchen den Umbau zur komplett digital basierten Welt zu unterstützen. Dabei bekommen Fragen der digitalen Archivierungspraktiken und -pflichten (Compliance) und damit dem digitalen Records- und Dokumentenmanagement eine zunehmende Bedeutung zu. In diesem Themenfeld siedelt sich der erste Wahl-»Track« an, der sich z.B. der nutzerorientierten Anforderungsanalyse, dem Workflow- und Information Life Cycle Management und schließlich der technischen Umsetzungen entsprechender digitaler Archivierungssysteme widmet. Eine Spezialisierung in diesem Bereich des Masters bereitet eher auf Projekte in größeren Unternehmenskontexten, Verwaltungsstrukturen oder Digitalisierungsprojekten vor.

Die zweite »Schiene« entspricht der zunehmenden Forderung der Politik, die vorhandenen Wissens- und Datenbestände z.B. in den großen Wissenschafts- oder Kulturinstitutionen besser für den Transfer und gegebenenfalls sogar für wirtschaftliche Verwertung und Innovation aufzubereiten. Hier wird explizit auf eine Reihe von laufenden Forschungsprojekten des Fachbereichs Bezug genommen, die genau in diesem Feld des Wissensmanagements und -transfers aktuell arbeiten. Hier werden klassische Fragen der Wissensaufbereitung7, Wissensmoderation und des Transfers8 angesprochen bis hin zu Informationsvisualisierung9 und Informationspsychologie und -didaktik. Auch hierbei gibt es dann ein drittes Modul, das sich eher mit der technisch-infrastrukturellen Integration der neuen Wissensarbeitsumgebungen beschäftigt. Einsatzmöglichkeiten der hier erworbenen Kompetenzen ergeben sich vielfältig im Transferbereich großer Wissenschaftseinrichtungen beziehungsweise in öffentlichkeitswirksamen Projekten der Vermittlung von Wissens- und Informationsbeständen an Kultureinrichtungen.

Die Spezialisierung in einem Master mit dem Titel »Informationswissenschaften« kann jedoch nicht so weit gehen, dass nur für die eine oder die andere Form der informationswissenschaftlichen Arbeit vorbereitet wird. Vielmehr soll neben einer Spezialisierung gerade auf der Breite der Vorbildung aufgebaut werden und interdisziplinäre Brücken geschlagen werden. Das Niveau der späteren Arbeit ist klar: als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter. Die arbeitsgebende Institution kann entsprechend der thematischen Konvergenz der informationswissenschaftlichen Entwicklung breit gestreut sein. Der Vertragsstatus wird naturgemäß zunächst »befristet« sein und die geforderten fachlichen Kompetenzen vorwiegend auf einem hohen integrativen Niveau, das beide Spezialisierungen mit einem jeweils anderen Blickwinkel bieten.

Wir sind überzeugt, mit diesem Modell ein alternatives Konzept zu der Vielzahl existierender allgemeiner Angebote informationswissenschaftlicher Master entwickelt zu haben, das sich vorwiegend für Potsdamer Absolventen anbietet. Wir hoffen auch, dass die geplanten 30 Studienplätze für alle Interessenten ausreichen10.

Hier ein Überblick über die geplante Struktur des Masters (Stand 30.6.2010):

Basisstudium

  • Interdisziplinäre Ansätze der Informationswissenschaften: Gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Bezugsrahmen (Das vierte Paradigma, Informationsverhaltensforschung, Grounded Theory Approach, Anthropologie, Wissenssoziologie) (1.Sem. 4CP)
  • Informationsbewertung / Information Audit (archivische Bewertung, Datenqualität, Dokumentationswürdigkeit, Langzeitarchivierung, Informationsethik) (1. Sem. 6CP)
  • Semantische Technologien (automatische Verfahren, Metadaten, RDF, Ontologieentwicklung) (1. Sem. 6CP)
  • Informationsintegration (Modellierung, Interoperabilität, Standards, Prozessketten) (1. Sem. 6CP)
  • Projektmanagement (Reflexion der eigenen Projektarbeit, Erfahrungsreflexion, Evaluation der Bachelor-Projekte, Analyse von Best Practice Projekten, Kommunikationstraining, Methodologie) (1. Sem. 8CP)

Wahlbereich: Recordsmanagement und Digitale Archivierung

  • Nutzerorientierte Anforderungsanalyse (Records, Archivobjekte und Dokumente aus Nutzersicht) (2. Sem. 6CP)
  • Workflow und Information Life Cycle Management (Modellierung von Workflows, Policies) (2. Sem. 6CP)
  • IT im Records Management und der Digitalen Archivierung (Schnittstellen und Lösungen) (2. Sem. 6CP)
  • Projekt (2. Sem. 8CP)

Wahlbereich: Wissenstransfer

  • Informationsvisualisierung – Wissensmoderation (Wissens- und Informationsdarstellungs- sowie Moderationsmethoden des Wissensmanagement, (2. Sem. 6CP)
  • Wissenspräsentation – Wissensvermittlung (Quellenkritik, Informationsdidaktik, Transfer-, Kommunikations- und Medienwissenschaft) (2. Sem. 6CP)
  • virtuelle Wissensumgebungen (Wissensmanagementsysteme, E-Science, kollaborative Wissensstrukturen) (2. Sem. 6CP)
  • Projekt (2. Sem. 8CP)

Master-Thesis

  • Thesis (3. Sem. 28CP)
  • Kolloquium (3. Sem. 2CP)

Zu beachten ist dabei, dass die Modulbezeichnungen noch in der Diskussion sind und sich zumindest in der Formulierung noch ändern können. Auch die konkreten Studienbedingungen, die sich in der Studien- und Prüfungsordnung konkretisieren, müssen noch finalisiert und vom Fachbereichsrat beschlossen werden. Wir sind aber noch weitgehend im Zeitplan und gehen davon aus, dass dieser innovative informationswissenschaftliche Master im nächsten Sommer (teilweise schon auf dem Campus) starten wird.


1.  einen sehr guten, aktuellen Überblick über die Angebote bietet das Themenheft »Master-Studiengänge« der Zeitschrift »Information. Wissenschaft & Praxis« Nr. 3 (April) 2010
2.  Hobohm, Hans-Christoph: Der Bibliotheks-Bachelor. Oder was ist wirklich neu am neuen Berufsbild des Bibliothekars? In: Die innovative Bibliothek. Elmar Mittler zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Erland Kolding Nielsen, Klaus G. Saur und Klaus Ceynowa, München: Saur, 2005, S. 275-285. (http://www.fh-potsdam.de/~hobohm/Hobohm-2005b-Der-Bibliotheks-Bachelor.pdf)
3.  Hobohm, Hans-Christoph: Wir brauchen Informationswissenschaftler als Ökokrieger. Berufsfeldtagung des Fachbereichs Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam. In: BuB Forum Bibliothek und Information, 61 (2009), 7-8, S. 551-554. [auch in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 56 (2009) 221-225 (ungekürzt)]
4.  Boltanski, Luc; Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK-Verl.-Ges, 2006; Exit Matters. Auf dem Weg in die Projektgesellschaft. Hrsg. V. Jürgen Kunze, Desiree Ladwig und Michael Hartmann. Frankfurt: Peter Lang, 2010
5.  Dueck, Gunter: Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen. Frankfurt, M: Eichborn, 2010.
6.  Naumann, Felix, Leser, Ulf: Informationsintegration: Architekturen und Methoden zur Integration verteilter und heterogener Datenquellen. Heidelberg: Dpunkt-Verl, 2007.
7.  Orna, Elizabeth. Making Knowledge Visible: Communicating Knowledge Through Information Products. Aldershot: Gower, 2005.
8.  Wichter, Sigurd; Stenschke, Oliver: Theorie, Steuerung und Medien des Wissenstransfers. Frankfurt/M.: Peter Lang, 2004.
9.  Bonneau, Georges-Pierre; Ertl, Thomas; Nielson, Gregory M.: Scientific Visualization: The Visual Extraction of Knowledge from Data. Berlin: Springer, 2006.
10.  für Bewerber mit weniger als 210 CP bzw. aus anderen Studienrichtungen sind Regelungen im Sinne von »Brückenkursen« geplant